Laß dir 2018 genügend Luft !

Nach dem Baum-Fest folgt ja alljährlich das Gute-Vorsätze-Fest. Ich möchte nur mal vorsorglich darauf hinweisen, dass du dir bitte für´s nächste Jahr zumindest mal ein Drittel weniger vornehmen sollst, als du eigentlich schaffen kannst.

Lass ein Drittel deiner Zeit, deiner Kräfte und deiner Ressourcen frei.

Sehe ich freie Stunden in Deinem Terminkalender? Freie Tage ohne geplante Urlaube? Keine Planung größerer Projekte trotz genügend Energie? Sehe ich freie Abende und eine Anmutung von Langeweile aufkommen? Dann hast Du alles richtig geplant!

Denn erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt.

Lass dir dafür Luft!

Drogennotfallprophylaxe durch Laien mit Naloxon: Im Saarland beginnt ein Modellprojekt

Die wenigsten Drogentoten sterben am „Goldenen Schuss“, also an einer absichtlich zu hoch gewählten Dosis Heroin in suizidaler Absicht. Viel mehr Opiatabhängige sterben, weil sie sich unabsichtlich eine zu hohe Opiatdosis verabreicht haben. Dafür kann es verschiedenen Gründe geben: Entweder war der Stoff reiner als gewohnt, oder der Konsument hat nach einer Abstinenzzeit unterschätzt, dass die früher verträgliche Dosis nach einigen Tagen Abstinenz schon viel zu hoch sein kann. Auch in Kombination mit anderen Sedativa wie Benzodiazepinen wird Heroin nicht mehr so vertragen wie ohne diese Kombination. Im Falle einer Überdosis tritt dann oft eine Atemdepression ein. Der Konsument fällt also zunächst in einen tiefen Schlaf und hört dann auf zu atmen. Das endet leider immer wieder tödlich.

Als Notarzt kann man in dieser Situation schnell helfen: Eine Injektion des Opiatantagonisten Naloxon, und der Patient schreckt sofort wieder auf, atmet einmal tief durch und hat in den nächsten zwanzig Minuten einen ziemlich unangenehmen Turboentzug. Aber er lebt. Doch bis der Notarzt vor Ort ist, kann es schon zu spät sein.

Dabei sind die Betroffenen meist nicht alleine. Oft sind es andere Drogenkonsumenten, die dabei sind, aber nicht wirksam helfen können. Daher gibt es in einigen Ländern Programme, Laien, zumeist andere Drogenkonsumenten, zu schulen, wie eine solche Opiatüberdosierung aussieht und wie man sie mit Naloxon bekämpfen kann. Es gibt Naloxon als Nasenspray oder als Spritze. Spritzen, die für den Gebrauch durch Laien gedacht sind, sind als Autoinjektoren verfügbar, die man in die Muskulatur des Oberschenkels injiziert. Das ist sicher und wirksam. Nach der Injektion muss natürlich der Rettungsdienst gerufen werden, schon, weil Naloxon nur 20 Minuten wirkt, das Opiat aber gegebenenfalls viel länger, so dass sich ohne wiederholte Gabe von Naloxon die Atemdepression nach einiger Zeit wieder einstellen könnte. 

Die Ärztekammer des Saarlandes informiert hier, dass im Saarland nun genau so ein Modellprojekt startet. Das ist gut und richtig so. In Amerika hat die Opiatwelle schon so weite Teile der Bevölkerung erfasst, dass dort das Problem alltäglich und weit verbreitet ist. Das ist in Deutschland zum Glück nicht so. Aber jeder Drogentoter ist eine zu viel, und das Naloxon-Programm kann Leben retten. Ich werde berichten, wie es sich entwickelt!

Warum nicht jede Delirbehandlung gleich geschaffen ist…

Über die richtige Behandlung des Delirs gibt es zum einen sehr unterschiedliche Meinungen, zum anderen viel Unsicherheit. Das liegt unter anderem daran, dass unterschiedliche Delirursachen bei unterschiedlichen Patienten ganz unterschiedlich behandelt werden müssen. Hierbei spielt es eine Rolle, ob ein hypoaktives oder ein hyperaktives Delir vorliegt. Auch das Alter des Patienten spielt eine große Rolle. Hierauf möchte ich in diesem kurzen Artikel eingehen, in dem ich beschreibe, wie sich die Therapie eines jungen Patienten im Alkoholentzugsdelir von der Therapie eines älteren Menschen im hypoaktiven Delir unterscheidet.

Einleitung

Es gibt sehr unterschiedliche Delirursachen.

  • Beim jungen Menschen tritt im psychiatrischen Krankenhaus am häufigsten das Alkoholentzugsdelir auf.
  • Bei älteren Menschen sieht man häufig:
    • Delir durch Exsikkose
    • Postoperatives Delir
    • Delir durch anticholinerge Medikation

Auch die Erscheinungsformen des Delirs sind unterschiedlich, für gewöhnlich wird in das hypoaktive und das hyperaktive Delir eingeteilt, je nachdem, welche psychomotorische Aktivität vorliegt.

Therapiegrundsätze

  • Beim Delir gibt man immer ein Neuroleptikum, um das Delir ursächlich zu behandeln. Traditionell wird Haloperidol eingesetzt, hiermit bestehen auch die mit Abstand meisten Erfahrungen. Alternativ kann man auch Risperidon oder ein anderes atypisches Neuroleptikum geben. Der klinischen Erfahrung nach funktioniert Risperidon gut. Randomisierte Vergleichsstudien zwischen Haloperidol und Risperidon gibt es nicht. Es wird wohl auch nie welche geben, denn Patienten im Delir sind nicht zustimmungsfähig zu einer Studie. Insofern müsste man nicht randomisierte Beobachtungsstudien durchführen.
  • Bei hyperaktiven Delirien sowie bei Alkoholentzugsdelirien gibt man in der Regel auch ein sedierendes Medikament wie ein Clomethiazol oder ein Benzodiazepin.
  • Beim Delir des älteren Menschen sind Benzodiazepine zumindest umstritten, im Zweifel sogar wirklich kontraindiziert. Wenn ein älterer Mensch ein anticholinerges Delir hat, soll man kein Diazepam geben, da Diazepam eine gewisse anticholinerge Komponente hat. Wenn man in dieser Situation ein Benzodiazepin geben will, dann besser Lorazepam.

Das Alkoholentzugsdelir des jungen Menschen

Junge Menschen im Alkoholentzugsdelir vertragen Haloperidol oft ganz gut. In den hier üblichen Dosierungen von 3-0-3-0 mg bis 5-0-5-0 mg pro Tag treffen sich oft eine schnelle und verlässliche Wirkung mit einer akzeptablen Verträglichkeit.

Zusätzlich gibt man in der Regel Clomethiazol (z.B. DistraNeurin®) nach Bedarf. Alternativ kann man Diazepam, Lorazepam oder Clonazepam geben. 

Beispielmedikation Junger Patient im Alkoholentzugsdelir:

  • Haloperidol 5-0-5-0 mg
  • Clomethiazol bei Bedarf. In der Regel gibt man 2-4 Kapseln zu Beginn, bei ausbleibender Wirkung innerhalb von 30-60 Minuten erneut 2 Kapseln, aber nicht mehr als 8 Kapseln innerhalb von 2 Stunden. Dann weiter nach Bedarf, maximal 24 Kapseln pro Tag. Ältere Patienten und japanische Patienten erhalten niedrigere Dosierungen.

Das hypoaktive Delir unterschiedlicher Ursachen des älteren Patienten

Für ältere Patienten wären diese Dosierungen sicher zu hoch, man würde eher 2-0-2-0 mg Haloperidol pro Tag geben. Aber gerade in der Gerontopsychiatrie bietet es sich an, nicht Haloperidol, sondern ein verträglicheres atypisches Neuroleptikum wie Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg pro Tag oder Ziprasidon in einer angemessenen Dosis zu geben. Clozapin, Olanzapin oder Quetiapin sind wegen ihrer anticholinergen Komponenten nicht gut geeignet.

Auch die Stellung der Benzodiazepine ist anders. Im hyperaktiven Delir bei Alkoholentzug, aber auch beim hypoaktiven Delir des jungen Menschen haben Clomethiazol sowie Benzodiazepine, auch das Diazepam, einen festen Stellenwert und sind im Wesentlichen unumstritten. Anders in der Gerontopsychiatrie. Hier tritt ohnehin zumeist das hypoaktive Delir auf, das an sich weniger Sedierung oder Benzodiazepine erforderlich macht. Diazepam hat eine gewisse anticholinerge Komponente, die man im Delir des älteren Menschen meiden muss. Daher ist Lorazepam in einer niedrigen Dosis, z.B. 0,5-0-0,5-0,5 mg pro Tag zu bevorzugen.

Beispielmedikation Älterer Patient im hypoaktiven Delir:

  • Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg
  • Lorazepam 0,5-0-0,5-0,5 mg
  • Lorazepam bei Bedarf 0,5 mg, max. zusätzlich 2 mg/Tag.

Wie ist dein Vorgehen?

Das Delir wird oft nach persönlichen Präferenzen behandelt, ohne dass man immer sagen kann, welche Überlegung nun der Therapieentscheidung zu Grunde liegt. Daher möchte ich gerne wissen, welchen Algorithmus du im Kopf hast, wenn du die Medikation bei einem Delir auswählt. Schreib bitte in die Kommentare, wie du vorgehst!

PC059 „Gruppe ist großartig!“ ist online

Im 59. PsychCast sprechen wir über Psychotherapie in der Gruppe. Wir beschreiben, was uns an der Arbeit in Gruppen fasziniert und wie Gruppen gegen das Versorgungsengpass-Problem helfen können. Wir bereden Wirkfaktoren und Hürden von Gruppen und versuchen zusammenzufassen, welche Chancen Gruppen für Patienten darstellen. Heute geht es explizit nicht um einzelne gruppentherapeutische Verfahren, sondern Gruppenbehandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik im Allgemeinen!

Wir sprechen unter anderem über den “besten Gruppenpsychotherapeuten der Welt” Irvin Yalom. Dies ist sein Gruppentherapie-Standardwerk Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie.

Viel Spaß und großen Dank unserem wachsenden PsychCast-Freundeskreis!

Die Folge findet ihr hier.

Zur Unterscheidung von Pseudodemenz und Demenz

Unlängst hatte ich Facharztprüfung. Also eher sechs Facharztprüfungen. Na ja, als Prüfer halt. Aber dabei lernt man ja zum Glück auch als Prüfer immer wieder was Neues…

Mein Mitprüfer fragte eine der Kandidatinnen, wie man eine Pseudodemenz bei Depression von einer echten Demenz unterscheiden kann. Die Frage ist relevant, weil sich gerade ältere depressive Patienten oft fragen, ob die Merkfähigkeitsstörungen, Konzentrationsstörungen und allgemein die kognitiven Störungen, die sie im Rahmen ihrer Depression gerade erleiden, vielleicht die ersten Symptome einer Demenz seien. Und das macht sie natürlich noch depressiver…

Die Kandidatin antwortete, dass Patienten mit einer echten Demenz ihre kognitiven Einschränkungen eher bagatellisieren („ach das war mir gerade entfallen, nicht so schlimm“), während Patienten mit einer Pseudodemenz bei Depression ihre kognitiven Einschränkungen eher katastrophisieren („Herr Doktor, heute habe ich mir schon wieder nicht merken können, wie meine neue Tablette heißt!“ „Sie meinen das Rivaroxaban?“ „Ja genau. Da hatte ich doch glatt schon wieder den Namen vergessen. Sehen sie, nun bekomme ich auch noch Alzheimer!“). Natürlich gibt es weitere Unterscheidungsmerkmale. Zunächst mal führt man die körperlichen Untersuchungen durch, die eine Demenz aufdecken, also z.B. eine cCT.

Es gibt auch klinische Hinweise. Die Pseudodemenz zeigt oft eine Diskrepanz zwischen den erkennbaren kognitiven Einschränkungen auf der einen Seite und einem noch guten tatsächlichen Zurechtkommen im Alltag; während bei der echten Demenz zwar ebenfalls kognitive Einschränkungen bestehen, diese aber auch klare Entsprechungen in einer deutlich reduzierten Alltagskompetenz finden. Auch gibt es testpsychologische Möglichkeiten, eine Differenzierung zwischen Pseudodemenz bei Depression und echter Demenz herauszufinden. Aber nachdem ich einmal gehört habe, zwischen den Polen

  • der Patient bagatellisiert und
  • der Patient katastrophisiert

seine kognitiven Defizite zu unterscheiden, erinnere ich mich praktisch an keinen Fall, bei dem ich damit nicht richtig gelegen hätte. Die sechs Kandidaten haben übrigens alle mit wirklich guten Leistungen bestanden, der Facharztnachschub in NRW läuft also…

Der neue PsychCast ist online: PC058 Teamplay – eine ewige Baustelle

Im 58. PsychCast sprechen wir über Teamarbeit, Teamaufgaben, Team-Irrtümer, moderne Führung, die Reflected Best Self Exercise, Teams im Flow, extrinsische und intrinsische Motivation, Die 4 Cs eines Krankenhauses, eine strukturierte Vorgehensweise bei Problemen und über die Doku “I Am Not Your Guru” über Tony Robbins. Wir denken schließlich über das moderne Führungsziel nach, ein Team darin zu fördern, ihre eigene Aufgabe zu lieben und wichtig zu finden.

Das wahrscheinlich beste Buch zum Thema ist übrigens Positive Leadership von Ruth Seliger (Amazon).

Die Folge findet ihr hier.

Noch eine Alternative…

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Wenn man die Übersichtsdarstellung weiter entwickelt, dann kommt man auf die Möglichkeit, die einzelnen Substanzen so darzustellen. Ist das besser oder schlechter als die Schlüsseldarstellung?

Übersichtsdarstellung

 

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Ich habe in meinem vorigen post die Rezeptorbindungsprofile der Neuroleptika dargestellt. Hier habe ich noch einen Nachtrag: Wie gefällt euch diese Darstellung der Rezeptorbindungsprofile als Übersicht?

Bitte folgen: NERDfallmedizin

Voila_Capture 2017-10-15_04-26-03_PMNotfallmediziner müssen jetzt gar nicht weiterlesen, sondern können den Videoblog NERDfallmedizin einfach so gleich abonnieren. Alle anderen gucken mal rein und stellen dann fest, dass Martin Fandler und Philipp Gotthardt mit NERDfallmedizin wirklich alles genau richtig macht: Zu klinisch relevanten Themen gibt es jeweils kurze Videos, in denen in ruhiger, verständlicher Sprache erklärt wird, worauf es ankommt. So geht #FOAMed, was Free Open Access Medical Education heißt und was wir hier auf Psychiatrie to go ja auch machen, wenngleich ohne Videos.

Nerdfallmedizin findet ihr hier:

Ich selbst finde deutschsprachige Kanäle ja doch irgendwie entspannender und sie passen natürlich oft besser zu unserer deutschen Versorgungslandschaft. Wer kennt noch weitere Angebote dieser Art? Sammlung bitte in den Kommentaren.

Der Papageno-Effekt: Das Gegenteil des Werther-Effektes

IMG_5678Ich habe auf dem DGPPN-Kongress gerade eine halbe Stunde lang YouTube geguckt. Und zwar im Saal London 3 mit 300 anderen Zuschauern, sowie dem Produzenten und dem Darsteller der Serie „Komm, lieber Tod“. Die 60-teilige Doku porträtiert Stefan Lange, der seit langem immer wieder mit Suizidgedanken und Suizidversuchen zu kämpfen hatte.

Stefan Lange erzählt filmisch sehr intim gedreht – man sieht immer nur ihn, an einem Tisch sitzend, rauchend und erzählend – was ihn bewegt hat, was ihn verzweifelt gemacht hat, und auch, was ihm aus suizidaler Einengung, suizidalen Krisen und fast vollendeten Suizidversuchen wieder ins Leben zurück geholt hat.

Nun hat man immer Sorge, der Werther-Effekt könnte eintreten und jede emotional anrührende Berichterstattung über Suizidalität stelle daher die Gefahr dar, dass es zu Nachahmer-Suiziden kommt. Und das kann auch stimmen.

Aber es gibt auch den Papageno-Effekt, benannt nach Mozarts Protagonisten in der Zauberflöte, der sich aufgrund einer unglücklichen Liebe ebenfalls das Leben nehmen will, der aber von drei Knaben erfolgreich am Suizid gehindert wird; die Oper endet letztlich glücklich. Der Papageno-Effekt postuliert, dass eine angemessene Auseinandersetzung mit Suizidalität und Auswegen aus Krisen auch Suizide verhindern kann.

Und so ist es die These der Doku, die These auch des heutigen Seminars, dass es an der Zeit ist, auch über schwierige emotionale Themen offener zu sprechen, und so Menschen, die in ähnlichen Krisen stecken zu zeigen, dass sie nicht allein sind und dass es Auswege geben kann. Die Darstellung darf natürlich nicht effekthascherisch, oberflächlich oder den Tod idealisierend sein. Aber eine differenzierte  Auseinandersetzung auch mit dem Thema Suizid in der Öffentlichkeit ist möglich und kann – so die vielen positiven Rückmeldungen an das Produktionsteam – vielen Menschen auch helfen.

Die gemeinsame Diskussion hat mir gezeigt, dass dieses mutige Projekt in die Zeit passt und möglich ist. Ich glaube, dass die Vorteile der öffentlichen Besprechung auch schwieriger Gefühlszustände die Gefahren überwiegen.

Die Serie findet ihr bei YouTube hier. Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit Stigma e.V., eines Vereins zur Aufklärung und Prävention von gesellschaftlicher Stigmatisierung.

Walk tall and strong

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Der DGPPN-Kongress 2017 ist zugleich der World-Psychiatric-Assoziation (WPA)-Weltkongress der Psychiater. Da die letzten WPA-Kongresse jeweils weit weg in Toronto, Tokio oder sonst wo stattfanden, freue ich mich total, den diesjährigen hier quasi vor der Haustüre in Berlin erleben zu dürfen. Die Redner kommen wirklich aus allen Himmelsrichtungen, viele Briten, Amerikaner und eine bunte Mischung aller möglichen Nationen. Und dadurch erlebt man auch neue Sichtweisen.

In dieser Hinsicht hat mich gestern der Vortrag „Melting the ice in the heart of men“ des Grönländers Angaangaq Angakkorsuaq wirklich berührt. Er ist seit 40 Jahren Schamane in seinem Volk der Eskimos und hat erklärt, wie er den Menschen hilft, Orientierung in schwierigen Zeiten zu finden und wieder zu Kräften zu kommen. Sein Mantra „Walk tall and strong“ habe ihm seine Großmutter schon mit auf den Weg gegeben. Er selbst gehe mit dem Wissen durch die Welt, dass er zwei Meter groß sei und so stark wie Arnold Schwarzenegger.

Das klingt zunächst mal etwas zu einfach, aber tatsächlich ist Angakkorsuaq für die UNO tätig gewesen und hat sich politisch gegen die Auswirkungen des Klimawandels und für ein Umdenken der Industrienationen eingesetzt. Bei ihm funktioniert „Walk tall and strong“, und er ist dabei charismatisch, sympathisch und natürlich. Und wenn man mich fragt, was das Wesen der Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor aller Psychotherapie-Varianten ist, dann komme ich genau darauf:

Walk tall and strong

 

PC055 Denkfehler ist erschienen

Im 55. PsychCast unterhalten wir uns über typische Denkfehler, insbesondere im Hinblick auf ihre Auswirkungen im Bereich der Medizin. Dabei kommen auch die Haupt´schen Theoreme 1 und 2 zur Sprache. Sie lauten:

Erstes Haupt´sches Theorem: “Ein Patient kommt immer mit einer vollständigen Bildgebung der Neuraxis ins Krankenhaus, mit Ausnahme der Region, auf die die klinisch neurologische Untersuchung zwingend hinweist.” 

Zweites Haupt´sches Theorem: “Von anderen Abteilungen zugewiesene Patienten haben immer ein Krankheitsbild aus dem Gebiet der zuweisenden Abteilung.”

OK, es gibt Ausnahmen bei beiden Haupt´schen Theoremen, aber sie sind erstaunlich selten.

Und wir verweisen auf das Buch ” Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen” von Rolf Dobelli (Amazon-affiliate-link).

Die Folge findet ihr hier: http://psychcast.de/pc055-denkfehler/

 

PC054 Zwang – Angst – Analität

Im 54. PsychCast haben wir uns vorgenommen, über Zwanghaftigkeit und Zwangserkrankungen zu sprechen. Wir streifen die “normalen” Zwangsphänomene, die jeder kennt, sprechen über krankhafte Zwänge und ihre Therapiemöglichkeiten. Es gibt einen Battle zwischen den verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Konzepten, der mit einem 1:1 bei Pawlow gegen Freud ausgeht – hört selber, wer welchen Treffer macht. Warum ein zwanghaft strukturierter Menschen häufig auch als “analer Charakter” beschrieben wird, erfahrt Ihr am Ende der Folge.

Die Folge findet ihr hier: http://psychcast.de/pc054-zwang-angst-analitaet/

Viel Spaß! Wir danken ganz herzlich dem PsychCast-Freundeskreis. Ihr könnt uns hier regelmäßig unterstützen, wenn Ihr uns gerne zuhört und ein Freund werden möchtet.

Was hilft eigentlich gegen Grübeln?

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„Lektüre bei Kerzenlicht“. Attributed to Petrus van Schendel – Hampel Kunstauktionen, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20775897

Neulich lag ich nachts lange wach und grübelte über ein Problem, für das sich keine Lösung fand. Als ich das erste mal genervt auf die Uhr sah, zeigte sie 01:20. Na gut, dachte ich mir, über diese Sache muss ich halt mal in Ruhe nachdenken, und wenn ich jetzt Zeit dafür habe, dann eben jetzt. Aber bis 02:35 hatte ich eigentlich nichts Neues gedacht, und morgen wäre ja auch noch ein Tag. Also was macht der Psychiater, um Grübeln zu beenden?

Schreib es lieber auf!

Wenn du mich fragst: Das Standardmanöver bei hartnäckigem Grübeln lautet:

1.) Wechsel den Raum. Grübelst Du im Bett, geh nach spätestens einer halben Stunde aus dem Schlafzimmer raus und mach eine Kerze oder eine nicht zu helle Lampe an.

2.) Schreib alles auf. Schreib einen Tagebucheintrag auf deinem Computer, bring die Pros und Contras in eine Excel-Tabelle oder schreib alle deine Gedanken auf ein Blatt Papier. Wichtig ist, dass du alles aufschreibst, was dir durch den Kopf geht. Wirklich alles. Interessant ist, dass sich die Gedanken – auch wenn du schon zwei Stunden an ihnen herumgegrübelt hast – nach einer DIN-A4-Seite doch oft erschöpfen. Das ist eine wichtige Erfahrung. Denk noch mal nach: Gibt es nicht doch noch etwas, was du aufschreiben solltest. Nein? Dann kannst du dein Dokument speichern und den Computer herunterfahren, das Papier zusammenfalten und für morgen auf den Schreibtisch legen oder dein Tagebuch wieder zurück ins Regal stellen.

3.) Noch nicht müde? Fühlst du dich noch nicht müde, bringt es nichts, direkt wieder ins Bett zu gehen. Lies etwas, mach etwas, was ein mittleres Maß an Konzentration braucht und zur Not trinkst du einfach ein Glas Kölsch. Bis du merkst, dass du müde wirst.

3.) Jetzt Kerze auspusten und wieder zurück ins Bett. Wenn du spürst, dass du müde geworden bist, gehst du wieder zurück ins Bett. Du wirst in kürzester Zeit einschlafen.

Hilft dieses Manöver auch bei depressiv Kranken?

Oft kann man Interventionen, die bei Gesunden helfen, auf Kranke übertragen, und sie helfen den Kranken genau so gut. Der Unterschied zwischen einem Depressiven und einem Gesunden ist meiner Meinung nach nicht, dass der Depressive eine ganz andere Reaktionsweise zeigt, sondern vorwiegend, dass er bestimmte Symptome und Verhaltensweisen häufiger und intensiver zeigt. Quantifizieren wir mal das Grübeln: Nehmen wir uns einen ganz normalen Kalendermonat von 30 Tagen. In diesem Monat verbringt ein Gesunder vielleicht insgesamt 3 Stunden mit so einem typischen Grübeln. Im selben Monat verbringt ein Depressiver eher 60 Stunden mit Grübeln; 30 Stunden tagsüber (eine Stunde pro Tag an 30 Tagen) und 30 Stunden nachts (eine Stunde pro Nacht in 30 Nächten).

Ich glaube nun schon, dass die oben beschriebenen Schritte (Den Ort wechseln / Gedanken aufschreiben / sich müde machen / dann erst den alten Ort wieder aufsuchen) auch bei depressiven Patienten helfen, eine Episode des Grübelns zu beenden. Aber da Grübeln bei depressiven Patienten sehr viel häufiger ist, stellt sich natürlich die Frage, ob es einfache andere Interventionen gibt, die ein schnelles Ende des Grübelns bewirken.

Wie geht die Intervention des Gedankenstopps? 

Wenn man psychotherapeutische Lehrbücher konsultiert, dann findet man als eine besonders weit verbreitete Intervention gegen Grübeln den sogenannten „Gedankenstopp“. Die Wikipedia beschreibt diese Intervention hier. Nach einer ausführlichen Aufklärung über die Intervention läuft es so, dass der Patient seine grübelnden Gedanken berichtet, und der Therapeut dann laut „Stopp!“ ruft. Die hierdurch bewirkte  Schreckreaktion entferne den Patienten schon etwas vom grüblerischen Gedanken. Im weiteren Verlauf kann dann auch der Patient selbst beim Auftreten von grüblerischen Gedankenschleifen mit der Faust auf den Tisch hauen und laut „Stopp“ rufen. Es gibt Patienten, denen das gut hilft, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich kenne nicht so viele Depressive, die auf diese Intervention schwören.

Was empfehle ich depressiven Patienten gegen Grübeln?

Ich empfehle tatsächlich im ersten Schritt die Maßnahmen, die auch bei gesunden Patienten gegen Grübeln helfen. Gut, das Glas Kölsch empfehle ich nicht, sondern lieber 25 mg Promethazin, aber das ist in etwa gleich sedierend. Diese Intervention wirkt meiner Erfahrung nach auch bei depressiv Kranken, die oft und hartnäckig grübeln, ganz gut. Die „Gedankenstopp“-Intervention empfehle ich nur selten.

Was empfehlt ihr gegen Grübeln?

Was hilft euch gegen Grübeln? Was empfehlt ihr euren Patienten? Schreibt eure Empfehlungen in die Kommentare!

Podcast-Empfehlungen

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Die gute alte Wochenzeitschrift „Die Zeit“ ist ein verläßlicher Ruhepol im Nachrichtenfeuer, schon, weil sie nur einmal wöchentlich erscheint und daher die selektierten Themen umso fundierter darstellt. Als treuer Fan freue ich mich, dass die Zeit jetzt drei brandneue Podcasts aufgelegt hat. Zum einen adelt sie damit das Medium Podcast, zum anderen freue ich mich über die ausgewählten Inhalte:

Die neuen Podcasts sind im einzelnen:
– „Was jetzt?“ Tägliche Nachrichten und jeweils zwei Themen vertieft. Zum RSS-Feed gehts hier: Was jetzt?
– „Ist das normal?“ Hier geht´s um Sex. Mit den Zeit-Journalisten Alina Schadwinkel, Sven Stockrahm und der Sexualtherapeutin Melanie Büttner. Feed: Ist das normal?
– „Frisch an die Arbeit“ In diesem 14-tägigen Podcast stellen Leonie Seifert und Daniel Erk prominenten Personen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft 25 Fragen über ihr persönliches Verhältnis zu ihrem Job. Feed: Frisch an die Arbeit

Ich habe die bislang erschienen Zeit-PodCasts probegehört und kann sie hiermit offiziell empfehlen. Hört mal rein!

PC053 Gewohnheiten und Identität (oder: deine Frisörin, du und ich) ist online

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Im 53. PsychCast sprechen wir ganz praktisch über Fragen der Identität und der Veränderung des eigenen Selbst durch Gewohnheiten. Jan hat dazu eine spannende These. Wir überlegen, wie schwer es ist, viele Eigenschaften und Rollen unter einen Hut zu bekommen und wie schlimm Identitätsverlust eigentlich für Menschen ist. Identität hängt nämlich eng mit dem Selbstwert zusammen.

In der kommenden Folge soll es dann um Zwangsstörungen gehen – das ist ein Vorschlag unserer Hörerin Nelia. Wir bedanken uns beim PsychCast-Freundeskreis für die Unterstützung mit Geld-Zahlungen und bestätigen, dass es im kommenden Jahr 2018 ein Hörertreffen geben wird.

Über das Buch “Fifty Shrinks” von Sebastian Zimmermann

Ärzteblatt-Artikel über Misophonie

Die aktuelle Folge findest du hier: http://psychcast.de/pc053-gewohnheiten-und-identitaet-oder-deine-frisoerin-du-und-ich/

Quick-Tip: Mundspülung mit Atropin-Augentropfen hilft gegen Speichelfluß

Vermehrter Speichelfluß ist eine typische Nebenwirkung insbesondere von Clozapin. Unter höheren Dosierungen von Clozapin kann der Speichelfluß so stark erhöht sein, dass die betroffenen Patienten berichten, wenn sie morgens aufwachten sei ihr Kopfkissen naß vom Speichel. Das übliche Vorgehen ist dann die Verordnung eines Anticholinergikums wie Pirenzepin (z.B. Gastrozepin®) in Tablettenform. Das hat aber den Nachteil, dass das Medikament im ganzen Körper wirkt. Auftritt Atropin Augentropfen: Atropin ist ebenfalls ein Anticholinergikum. Gäbe es es als „Mundspülung“, würde man das so rezeptieren. Gibt es in Deutschland aber als Fertigarznei nur als Augentropfen. Das stört allerdings gar nicht, weil ja genau der Stoff drin ist, den wir brauchen. Man weist den Patienten an, morgens einen Tropfen in etwas Wasser aufgelöst im Mund umzuspülen, und dann wieder auszuspucken, also eben nicht herunterzuschlucken. Das hilft ebenfalls sehr gut gegen erhöhten Speichelfluss und hat keine Nebenwirkungen auf den Rest des Körpers. Bei der Anordnung in der Kurve muss man natürlich überdeutlich aufschreiben, dass das Präparat zwar Augentropfen heißt, es aber nicht in die Augen gegeben werden darf. Ich denke, dass die Abteilung CIRS weinend zusammenbrechen wird, aber hey: „living on the edge!“ (Vielen Dank an Fr. Prof. Hahn, von der ich diesen Tipp habe).

Würdest Du ein medizinisches Fachbuch als Hörbuch hören?

Du liest blogs, sonst wärst Du nicht hier. Wahrscheinlich hörst Du auch Podcasts. Hip. Interessanterweise verfolgt die klassische Aus- und Weiterbildung in der Medizin immer noch eine andere Art der Wissensvermittlung: Bücher. Nun haben Bücher viele große Vorteile. Sie halten lange, man kann sie ins Regal stellen, man kann sehr gut etwas nachschlagen. Aber sie haben auch einen wesentlichen Nachteil. Man müsste sie lesen. Und wer hat dazu bitte schön Zeit.

Da stellt sich mir die Frage, ob nicht auch ein medizinisches Fachbuch mal als Hörbuch präsentiert interessant sein könnte. Im Auto beim Pendeln zur Arbeit, beim Joggen, zum Hören habe ich jedenfalls öfter Zeit als zum Lesen. Und das Angebot bei Audible ist ja eher auf Unterhaltung und Business-Titel konzentriert. Daher möchte ich von Euch wissen: Habt ihr schon mal ein medizinisches Fachbuch als Audio-Book gehört? Würdet ihr das mal ausprobieren wollen? Stimmt doch bitte mal bei meiner Umfrage ab!

Die dritte Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist nun auch als kindle-Edition verfügbar

Psychopharmakotherapie griffbereit Dreher Cover

Die Print-Variante gibt es ja schon seit einigen Wochen in der dritten Auflage. Nun ist auch die kindle-Edition verfügbar. Für die dritte Auflage habe ich den gesamten Text überarbeitet und an vielen Stellen aktualisiert. Medikamente, die auf dem deutschen Markt keine Rolle mehr spielen, wie Vortioxetin, habe ich aus dem Buch herausgenommen, dafür neue und interessante Substanzen wie Milnacipran neu aufgenommen. Das Kapitel über Medikamentenwechselwirkungen habe ich deutlich erweitert und neue Kapitel über Psychopharmaka in der Schwangerschaft, sinnvolle Kontrolluntersuchungen sowie Abschnitte über Spice, Sertralin und Trimipramin ergänzt. Wer das Buch nicht hat und eine elektronische Variante bevorzugt, der kann sich jetzt die Leseprobe hier laden und ggf. zuschlagen. 

Das Buch ist allerdings nur auf dem kindle fire, einem iPad, iPhone, Mac oder PC lesbar. Aufgrund der farbigen Abbildungen kann man es nicht auf dem normalen ePaper kindle wie dem kindle paperwhite lesen.

PC052 Extra Intro Zentrovertiert ist online

Im 52. PsychCast testen sich die beiden Protagonisten mithilfe dieser Online-Test-Seite zunächst selbst, ob sie eher introvertiert oder extravertiert sind, mit einem für beide überraschenden Ergebnis. Ab Minute 13:00 geht es dann richtig los und wir sprechen darüber, was das Konstrukt der Extraversion für die Psychotherapie bedeutet.

Shownotes:

Die Folge findest Du hier: http://psychcast.de/pc052-extra-intro-zentrovertiert/