Obdachlos zu sein ist auch ein Ausbildungsberuf

Jetzt, wo es so kalt ist, trennt sich auf der Platte die Spreu vom Weizen. Im Sommer schaffen es ja noch eine ganze Reihe von Leuten, ohne festen Wohnsitz zu sein, und man kann auch mal eine Nacht unter der Brücke schlafen, auch wenn man überhaupt keine Erfahrung in dem Metier hat. Im Winter geht das nicht mehr. Um nun noch wirklich auf der Straße überleben zu können, muss man einiges wissen, können und haben. Zunächst mal braucht man sehr viele Schichten Kleidung. Ohne einen mindestens sechsschichtigen Zwiebelschalenpelz geht gar nichts. Dann braucht man einen wirklich ordentlichen Schlafsack; nicht so einen leichten hübschen, sondern einen richtig warmen. Und man braucht nach Möglichkeit ein Versteck für sein Hab und Gut, damit kein anderer Obdachloser einem den Schlafsack klaut, wenn man “Platte macht”, also seine Tageseinnahmen erbettelt. Menschen, die sich mit all dem nicht wirklich auskennen, und zum Beispiel im Rahmen einer akuten Psychose, einer Manie oder ähnlichem plötzlich nicht mehr in ihre Wohnung können, erfrieren bei dieser Kälte. Sie wissen einfach nicht, wie man sich schützt. Die meisten Städte haben Notschlafstellen, die nachts vor der Kälte schützen. In Köln gibt es ein gut organisiertes Programm zur Hilfe bei Obdachlosigkeit.

  • Die Fachstelle Wohnen bietet die vorübergehende Unterbringung in Mehrbettzimmern in Obdachlosenhotels an. Hierfür muss man allerdings montags, dienstags oder donnerstags morgens persönlich vorsprechen.
  • Zusätzlich gibt es mehrere Notschlafstellen. Die größte ist in der Annostraße im Johanneshaus. Bedürftige werden dort abends ab 21:00 aufgenommen. Es gibt etwas zu essen und ein Bett für die Nacht. Am nächsten Morgen muss man die Notschlafstelle wieder verlassen.
  • Im Winter erweitert die Annostraße ihr Angebot. Die Aufnahme ist dann abends schon um 18:00 geöffnet. Zusätzlich zu den normalen Schlafplätzen in 4-6 Bett Zimmern wird eine große Halle geöffnet, in der bis zu 50 weitere Menschen übernachten können.
  • Es gibt in der Annostraße auch einen Wohnbereich und ein Resozialisierungsangebot, wenn man das wünscht.

Als Krankenhausarzt im Nachtdienst nimmt man in dieser Zeit Obdachlose niederschwellig auf. Wenn sich jemand betrunken im Krankenhaus vorstellt, und zu normalen Zeiten eigentlich ein Bett in der Notschlafstelle ausreichend wäre, es aber nicht sicher ist, dass er die nächste Notschlafstelle erreicht, ohne auf dem Weg einzuschlafen und zu erfrieren, nimmt man ihn zumindest für eine Nacht auf. Am nächsten Morgen kann man dann helfen, eine geeignete Unterkunft zu organisieren. Wenn Sie das nächste mal einen Obdachlosen sehen, spenden Sie ihm ruhig etwas Geld. Er hat es schwer genug.

Update: Psychopharmakologie to go Auflage 4

Psychopharmakologie to go für’s iPad ist ab heute in der vierten Auflage verfügbar! Layout und Design sind komplett neu gestaltet, alles sieht moderner und frischer aus, es liest sich gleich viel schöner. An vielen Stellen habe ich Korrekturen eingebaut, vieles umformuliert und einige Abschnitte neu eingefügt.

Das Update ist im iBookstore natürlich umsonst; wer schon ein Exemplar besitzt, clickt einfach unter „Gekaufte Artikel“ auf update, dann lädt es.

Update: Im Moment ist es nicht verfügbar. Aber ich kann versprechen, dass es bald in einer deutlich verbesserten Form zurück kommt… Also etwas Geduld…

Kann die Psychiatrie helfen, zu verstehen, was Breivik getan hat?


Heute habe ich einen sehr interessanten Vortrag von Prof. Malt gehört. Prof. Malt war einer der Gutachter, der Breivik begutachtet hat.

Er sagt, dass bei Breivik eine ganze Reihe von Umständen und Besonderheiten zusammen gekommen sind. Die Mutter von Breivik sei sehr sonderbar gewesen, vielleicht am ehesten wie eine Asperger-Autistin. Die Mutter-Kind-Interaktion mit Breivik sei bis zuletzt fatal abnorm gewesen. Breivik selbst zeige einige Symptome des Asperger-Autismus, darunter ein Mangel an Empathie, eine gute verbale Kompetenz bei mangelhafter Empathie, eine pathologische Fixierung auf wenige lebensfremde Aspekte des Lebens, ohne adäquate Verknüpfung mit dem restlichen Leben.

Dazu gekommen sei eine zunehmende Fanatisierung der Gedanken im Sinne eines ausländerfeindlichen Denkens. Gefolgt von einer realitätsentrückten Größenphantasie; so dachte Breivik wohl, er sei auserwählt, Fehler in der Gesellschaft durch eigene Entscheidungen über Leben oder Tod zu korrigieren. Diese Größenideen und das extreme Ausmaß der Entfernung von jeder irgendwie noch nachvollziehbaren Realitätsauffassung beurteilt auch Prof. Malt als „delusional“ also am ehesten wahnhaft. Dabei darf man gerade in Deutschland nicht vergessen, dass es eine Zeit gab, in der eine unfassbare Menge an Menschen eben so gedacht hat: „Wir müssen eine andere Rasse auslöschen, sonst löscht sie uns aus!“ Und diesen schrecklichen Teil unserer Geschichte interpretieren wir ja nicht entschuldigend als kollektiven Wahn, sondern als menschenverachtend böse, fanatisch und verwerflich, aber eben nicht als einfache Krankheit. 

Breivik habe dann auch noch Zeichen eines Gille-de-la-Tourette-Syndromes gezeigt, namentlich Phasen von aggressivem Impulssturm: „Rage“. 

Auch sehr ausgeprägte Elemente eines pathologischen Narzissmuss sind bei Breivik zwanglos zu diagnostizieren.

Er habe sich dann in diese Welt immer mehr zurück gezogen, habe ein Jahr lang nur vor seinem Computer gesessen. Dann habe er noch diesen Waffen-Fanatismus gehabt, habe Zugang zu Waffen gehabt und habe seinen Fanatismus über Jahre gepflegt und ausgebaut.

All dies reicht nicht, um eine so unglaubliche Tat wie das Massaker, das Breivik angerichtet hat, zu verstehen. Aber es gibt das Phänomen des Amok-Laufes offenbar schon seit Jahrtausenden. Die Häufigkeit sei dabei erstaunlich konstant.

Breivik habe dann zunächst diese Bombe gezündet. Er habe im Gerichtssaal berichtet, er habe im Radio gehört, dass acht Menschen dabei gestorben seien. Da habe er sich entschieden, auf die Insel zu gehen und weitere Menschen zu töten. Hätte die Bombe mehr als 10 Menschen getötet, wäre er nicht auf die Insel gegangen. 

Auch zwei Jahre nach dem Massaker zeige Breivik nicht einen Anflug von Reue. 

Kann die Psychiatrie nun helfen, solche unfassbaren Gewaltexzesse wie den von Breivik verübten zu verstehen? 

Die Antwort von Prof. Malt war: 

„Sie soll es versuchen.“  
„Aber es wird ihr wohl niemals gelingen, dieses Verhalten wirklich zu verstehen.“

Für mich hat der Vortrag gezeigt, dass psychiatrische Klassifikationssysteme dafür geschaffen sind, häufige Krankheiten zu kategorisieren. Sie sind aber nicht dafür geschaffen, Amokläufer zu beschreiben. Sie sind dafür auch völlig ungeeignet. Dass es keine Diagnose gibt, in die Breivik wirklich paßt, weder in die Schublade „Psychotisch“, noch in die Schublade „Narzisstischer und fanatischer Asperger“, noch in die Schublade „Gesund, aber böse“, ist für mich nicht überraschend. Man kann auch nicht mit dem Klassifikationssystem für Schmetterlinge das Aussterben der Dinosaurier verstehen. 

Unser ICD-10 Klassifikationssystem ist nicht dafür gemacht. Werfen wir ihm nicht vor, dass es im Falle von Breivik gänzlich unpassend ist.

Mind and Brain blog


Auf einem Kongress interessiert einen ja oft irgend etwas am meisten, von dem man vorher gar nicht wußte, dass es einem den Weg kreuzt. Heute bin ich beim DGPPN Kongress angekommen, der lauter interessante Vorträge bietet. Ich war bei einem Seminar zur Planung der Neugestaltung des Psychopharmakologischen Teils der Facharztweiterbildung, und einen Vortrag hielt der wohl renomierteste deutsche Psychopharmakologe, Prof. Gründer aus Aachen. Und die letzte Folie war:

Follow my blog: http://www.mind-and-brain-blog.de

Tja, das mach ich dann jetzt mal. Für jeden an Psychopharmakologie oder an psychiatrischer Lehre interessierten ist das eine Goldgrube. Unbedingt vorbeischauen!

Willkommen in meiner blogroll: Menschenhandwerkerin

MenschenhandwerkerinWillkommen, Menschenhandwerkerin (http://menschenhandwerkerin.tumblr.com)

Die Menschenhandwerkerin bloggt als junge Ärztin, Österreicherin, Frau, Mensch, Handwerkerin und eben als Menschenhandwerkerin.

Wer dabei sein will, fügt diesen RSS-Feed in seinen Feed-Reader ein: http://menschenhandwerkerin.tumblr.com/rss

Orthorexia nervosa

Mit der Erfindung neuer Krankheiten sollte man zurückhaltend sein. Das spricht natürlich gar nicht gegen eine Ausnahme von Zeit zu Zeit. Mir gefällt dieser Vorschlag von Dr. Bratmann gut: Vorhang auf für eine neue Modekrankheit, Seuchenpotential inclusive:

Orthorexia nerosa

Die Orthorexie ist das Krankhafte Gesundessen, also die ständige Beschäftigung mit Vitaminen, Nährwerttabellen, Ernährungsplänen und der stundenlangen Hingabe, das ultimativ gesunde Essen zu erkennen, zu beschaffen, zu bevorraten und schließlich in eben gerade ausreichenden Mengen einzunehmen. Statt danach einen Espresso zu trinken, wird lieber in einer brandneuen Studie zur krebsauslösenden Wirkung von Mineralwasser geschmökert. Gerne wird das Krankheitsbild von einem nervtötenden missionarischen Eifer begleitet. Was regelmäßig fehlt, ist der entspannte Genuß beim Essen. Die Krankheit ist zwischen den Essstörungen und den Zwangsstörungen angesiedelt.

Noch gilt Orthorexia nervosa nicht wirklich als Krankheit.

Aber jetzt muss ich aufhören, zu schreiben. Mein Grünkohleintopf mit Speck und Bratwurst wird gerade gebracht…

Die Herkunft der Papa-Plautze

Dass Frauen in ihrem Leben einem ständigen Wandel der Hormone unterliegen, ist gemeinhin bekannt. Dass ihre Psyche, ihr Streben und Wollen, ja ihr ganzer Lebensweg stark von diesen Hormonen bestimmt werden, gilt ebenfalls als gewiss. Nicht nur die Psyche, auch der Körper durchleben starke Änderungen, insbesondere natürlich während der Schwangerschaft. Weniger bekannt ist, dass auch Körper und Geist des Vaters hormonellen Schwankungen im Zusammenhang mit der Geburt eigener Kinder unterliegen. Nach der Geburt sinkt der Testosteronspiegel des jungen Vaters deutlich ab, was den evolutiven Vorteil bringt, dass er sich weniger für fremde Jungfrauen interessiert, sondern sich statt dessen liebevoll der Brutpflege zuwendet. Eine Nebenwirkung des fallenden Testosteronspiegels ist allerdings eine Umverteilung und Zunahme des Körperfetts: Die allseits bekannte Papa-Plautze. Das charakteristische Spannen der früher einmal auf Taille geschnittenen modischen Hemden im Abdominalbereich der Neu-Väter, das man auf jedem Spielplatz beobachten und mit geteiltem Entsetzen diskutieren kann. Es ist ebenso hormonell mitverursacht wie die Freßattacken der Kindsmutter wenige Monate zuvor. Und die verurteilt ja auch keiner… Quelle: Udo Pollmer: Wer gesund lebt, ist selber Schuld. Auch sonst ein sehr unterhaltsames und unkonventionelles Buch, das ordentlich über viele Dogmen des Ernährungswahns aufklärt…

Medikament gegen Spielsucht gefunden?

In diesem Artikel im Ärzteblatt wird über eine Veröffentlichung in der aktuellen Ausgabe der Biological Psychiatrie berichtet, der erstmalig eine medikamentöse Therapiemöglichkeit der Spielsucht für möglich erscheinen lässt. Schon länger ist bekannt, dass dopaminerge Medikamente, wie sie beim M.Parkinson gegeben werden, neben Hypersexualität und maniformem Verhalten wie Kaufsucht auch Spielsucht verursachen können. Im Tierexperiment ist es nun gelungen, Ratten, die eine einfache Form der Automatenspielsucht antrainiert bekommen hatten, durch Gabe eines Dopamin-D4-Antagonisten wieder von dieser Sucht zu befreien. Die Substanz mit dem noch nicht von einer Marketingabteilung verunstalteten Namen “L-745,870” war in früheren Studien geprüft worden, ob sie gegen die Symptome einer Schizophrenie wirkt, was nicht der Fall war. Sie wird möglicherweise nun doch noch zu großem Ruhm kommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie nun in klinischen Studien weiter untersucht werden wird, da nicht substanzabhängige Süchte wie das pathologische Spielen häufig sind und ein wirksames Medikament ohne Zweifel ein großes Marktpotential hätte.

Sisa: Crystal Meth in Griechenland

Sisa

Die ökonomische Krise in Griechenland hat sich inzwischen zu einer ökonomischen Katastrophe entwickelt. 65 % der unter 25-jährigen sind arbeitslos. Obdachlosigkeit und Drogenkonsum nehmen zu. Dieses Video der Zeit zeigt Konsumenten von Crystal-Meth in Athen. Dort wird es Sisa genannt, und es ist für 1-2 € pro Konsumeinheit zu bekommen. Das Video zeigt bedrückende Bilder.

http://www.zeit.de/video/2013-10/2728591113001

wieder online…

Also MAPPING hat schon mal nicht funktioniert. Dafür weiß ich jetzt, dass es einen C-NAME-Server gibt, das ich keinen finden kann und einen bräuchte…

Aber REDIRECTING funktioniert. Ihr könnt vorerst weiter www.psychiatrietogo.de ins browserfenster eintippen, das leitet dann auf psychiatrietogo.wordpress.com um.

Ich bemühe mich, wieder zurück zu psychiatrischen Themen zu kommen…

sorry für die technischen Probleme… 😦

blog down…

OK, das hat schon mal nicht geklappt… Der blog ist gegenwärtig nicht zu erreichen. WordPress bittet mich, einige Stunden zu warten, vielleicht klappe die Umleitung dann. Dann will ich das mal tun. 

Stay tuned, ich informiere, wenn es wieder alles klappt!

Psychiatrie to go ab jetzt unter www.psychiatrietogo.de zu finden

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Ich habe mir mal ein kleines upgrade bei wordpress gegönnt. Ab heute findet ihr diesen blog unter der Adresse www.psychiatrietogo.de.

Ich hoffe, das die Umleitung für alle funktioniert. Ich stell das jetzt mal um, und wenn alles klappt, findet ihr gleich einen neuen post, der den erfolgreichen Umzug verkündet. Wenn ihr beim Umzug irgendwie den feed verlieren solltet (was eigentlich nicht der Fall sein sollte), merkt ihr es daran, dass das hier der letzte post ist. Dann bitte einfach www.psychiatrietogo.de/feed/ neu im feedreader abonnieren.

So, dann will ich mal den Hebel umlegen…

Eine neue Weiterbildungsordnung in der Psychiatrie wird kommen

Gegenwärtig dauert die Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie fünf Jahre. Es gibt einige wenige Zusatzqualifikationen, die die Zusatzbezeichnung Forensische Psychiatrie oder Geriatrie.

Gegenwärtig werden die Weiterbildungsordnungen aller Fächer neu überdacht, und auch die Psychiatrie wird bis zum Jahr 2016 eine neue Weiterbildungsordnung bekommen.

Inhaltlich ist das Fach Psychiatrie sehr vielseitig, es reicht von der sehr somatischen Gerontopsychiatrie über die Suchtpsychiatrie, die Allgemeinpsychiatrie bis hin zur Psychotherapie. Und dann gibt es noch eine Reihe von Spezialanwendungsfällen dieser Gebiete wie der Forensik, die sehr viel zusätzliches, spezialisiertes Wissen erfordern.

Insbesondere die stärkere Gewichtung der Gerontopsychiatrie und der störungsspezifischen Psychotherapie lassen nun den Gedanken aufkommen, dass die Weiterbildungszeit eigentlich von fünf Jahren auf sechs Jahre verlängert werden müßte, um der Komplexität und Breite des Faches gerecht werden zu können.

Aber sechs Jahre sind lang, insbesondere, wenn man bedenkt, wie viele Psychiaterinnen und Psychiater in Teilzeit arbeiten, immer mal wieder Elternzeit nehmen oder auch erst spät, zum Beispiel am Ende der Neurologie-Weiterbildungszeit, zur Psychiatrie wechseln. Und zur Facharztprüfung erst mit 50 antreten zu dürfen, kann auch nicht Sinn der Sache sein.

Da die Psychiatrie der Breite der Inhalte nach am ehesten mit der Inneren Medizin verglichen werden kann, kann man überlegen, wie dort die Weiterbildung in einen Gemeinsamen Teil (common trunk) und sich hieran anschließende Spezialisierungen (in der Innern Kardiologie, Gastrologie etc.) aufzuteilen.

Das hätte den Vorteil, die Weiterbildungszeit nicht ausufern zu lassen, und dennoch die für diesen Bereich erforderlichen Kenntnisse solide vermitteln zu können. Ein solches Curriculum könnte zum Beispiel so aussehen:

Zunächst machen ALLE 4 Jahre einen Gemeinsamen Teil, bestehend aus 2 Jahren Allgemeinpsychiatrie, einem Jahr Sucht, und einem Jahr Gerontopsychiatrie.

Danach käme eine Spezialisierung, die entweder nach einem weiteren Jahr Psychotherapeutische Medizin in den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mündet, oder nach zwei Jahren Spezialisierung einen der unten genannten Abschlüsse bringt

AP=Allgemeinpsychiatrie, S=Sucht, G=Geronto, F=Forensik, PM=Psychotherapeutische Medizin, FA PP=Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, ZB=Zusatzbezeichnung

1.Jahr 2.Jahr 3.Jahr 4.Jahr 5.Jahr 6.Jahr Abschluss
AP AP S G PM FA PP
AP AP S G S S FA PP ZB Suchtmedizin
AP AP S G Neuro oder Innere G FA PP ZB Geriatrie
AP AP S G F F FA PP ZB Forensische Medizin
AP AP S G PM PM FA PP ZB Psychotherap. Medizin
AP AP S G Innere Psychosomatik FA PP ZB Psychosomatik

Wie denkt Ihr über die Weiterbildungsordnung? Sollte es einen gemeinsamen Teil und dann eine Spezialisierung geben? Sollte es weiterhin eine Weiterbildung für alle geben, und dann danach Zusatzbezeichnungen? Wie lang sollte die Weiterbildung sein?

Bewahre Deine Erinnerungen sorgfältig auf….

Jede Festplatte gibt früher oder später ihren Geist auf. Glaub mir. Das ist ein unumstößliches Naturgesetz, und es gilt auch für DEINE Festplatten. Mir ist es vor etwa einem Jahr passiert. Mein Laptop startete nicht mehr, und nichts, was auf dieser Festplatte gespeichert war, war noch zu lesen. Und das passiert auch mit jeder anderen Festplatte im Universum irgendwann. Auch mit Deiner! Doch, echt. Deswegen bin ich völlig besessen von ordentlichen Backups. Immer schon. Was mir damals sehr geholfen hat. Ich habe ganz entspannt eine neue Festplatte eingebaut, diesmal eine SSD, und das letzte (TimeCapsule-)Backup eingespielt. Danach waren alle Daten so, wie eine Stunde vor dem Crash. Und der Laptop war durch die SSD schneller geworden… 🙂 Und letzte Woche habe ich endlich etwas weiteres geschafft: Ich habe ein Backup auf einer externen Festplatte mal nicht Zuhause in den Schrank gestellt, sondern an einem anderen Ort gebracht. Das heißt offsite-backup und gilt als Mindestanforderung an eine vernünftige Backup-Strategie. Hilft sehr, wenn das Haus abbrennt. Offsite-backups gehen als Cloud-backup oder durch Fortschleppen einer Festplatte ins Büro, zu Freunden oder Verwandten.

Die vier wichtigsten Anforderungen an eine vernünftige Back-up-Strategie lauten:

  • Mach auf jeden Fall Backups!
  • Prüfe immer mal wieder, ob Dein Backup funktioniert (zum Beispiel prüfst Du heute und an jedem Freitag den 13., ob Du Dein Backup wiederherstellen kannst).
  • Mach mindestens zwei Backups.
  • Lager ein Backup woanders als Zuhause (offsite-backup).

Backups Deiner Daten sind ja nicht nur ein Geek-Hobby. Früher gab es die guten, alten, in Leder gebundenen Familien-Fotoalben, und die gingen nicht alle paar Jahre kaputt, weil irgendeine Laptop-Festplatte abrauchte. Und so waren die Erinnerungen sicher. Inzwischen ist es aber doch so, dass ein großer Teil unserer Erinnerungen nur noch elektronisch sind. Fotos, Videos, Dokumente, alles nur noch elektronisch. Stell Dir vor, der Computer, auf dem Du das alles gespeichert hast, geht kaputt. Und Du hast kein Backup. Alle Fotos Deiner Kinder, Videos der ersten Schritte, jpg´s Deiner verstorbenen Großmutter, pdf´s Deiner Sporturkunden: alles weg. Ich würde wahnsinnig werden. Ein achtsamer Umgang auch mit seinem digitalen Leben gehört inzwischen genauso zu einer vernünftigen Selbstfürsorge wie früher das ordentliche Sammeln von Fotos in Fotoordnern. Also meine Backup-Strategie sieht so aus:

  • Da ich einen Mac habe, habe ich auch eine TimeCapsule, die macht automatisch jede Stunde ein Backup aller Daten.
  • Alle sechs Monate speichere ich alles wichtige auf einem Drobo, der steht inzwischen nicht mehr Zuhause. Stürzt das Haus ein, sind meine Daten sicher.
  • Zuhause speicher ich alles immer mal auch noch auf meinem FileTransporter.
  • Zusätzlich benutze ich Cloud-Speicher. Alle wichtigen Daten habe ich in der Dropbox.
  • Meine 24.000 Fotos sind einmal bei Flickr gespeichert und jetzt neu bei Everpix (Achtung, Werbung; Wenn du Dich über diesen link anmeldest, bekommst Du 6 Monate länger zurückreichenden kostenlosen Speicherplatz dort). Everpix stellt alle Fotos von allen Geräten in einer schönen Ansicht zusammen, sortiert Duplikate aus, macht Teilen möglich und erlaubt auch das wieder herunterladen, wenn man Fotos verloren hat, was flickr zum Beispiel nicht erlaubt.
  • Und ich experimentiere mit Bitcasa, einem Dienst, der unbegrenzten Online-Speicher anbietet, allerdings nach dem Einführungspreis von 29 $ fürs erste Jahr, den ich gezahlt habe, später für 79 € pro Jahr. Die ersten 10 GB sind allerdings kostenlos.
  • Ich hatte auch mal CrashPlan probiert, das war mir aber zu langsam.

Also: Verliere Deine Fotos nicht, verliere Deine Daten nicht, verliere keine Deiner elektronischen Erinnerungen. Mach Backups. Auf externen Festplatten, auf Cloud-Speichern oder beides. Aber machs!

Lebensvertrag


Viele in der Psychiatrie Tätige und viele Psychiatrie-Erfahrene kennen den "Anti-Suizid-Vertrag". Wenn jemand unter starkem Druck steht, sich etwas anzutun, kann eine schriftliche Vereinbarung, für eine bestimmte Zeit sich eben nichts anzutun, sondern andere Verhaltensweisen zu wählen, zum Beispiel zum Pflegepersonal zu gehen und zu besprechen, welche Skills helfen, ein Gewinn sein.

Der Begriff Anti-Suizid-Vertrag ist recht sperrig, umgangssprchlich wird er dann oft auch noch zu "Suizid-Vertrag" verkürzt, was ja nun wirklich gar nicht geht.

Heute habe ich (schon wieder in einer Prüfung) einen sehr viel besseren Namen für diesen Vertrag gehört:

Lebensvertrag

Na also. Geht doch. Ich werde ihn ab jetzt nie mehr anders nennen.

Die Drittelregel von Hippocrates

Medizinstudenten bekommen seit etwa 2500 Jahren einige wesentliche Dinge unverändert beigebracht, darunter die berühmte Drittelregel von Hippocrates. Sie ist in erstaunlichem Maße auch heute noch gültig, und das praktisch in allen Fachbereichen, auch der Psychiatrie. Hippocrates unterteilte die Patienten nach ihrer Prognose in drei Gruppen:

  • Gruppe 1: Jene, die von alleine wieder gesund werden, und die keiner ärztlichen Hilfe bedürfen.
  • Gruppe 2: Jene, die der Behandlung bedürfen.
  • Gruppe 3: Jene, die auf keinen ärztlichen Eingriff reagieren.

Und es war ihm wichtig, zu lehren, dass sich die Ärzte mit Ihrer Behandlung ausschließlich der zweiten Gruppe zuwenden. Gruppe 1 solle keine Behandlung erhalten, weil sie von alleine besser gesunden könne und ärztliche Interventionen dem nur im Wege stehe, also schade. Gruppe 3 solle ebenfalls keine Behandlung erhalten, denn diese erschwere nur die Last der Krankheit, ohne Heilung zu bewirken. Stattdessen brauche diese Gruppe Trost und Zuspruch. Lediglich Gruppe 2 solle behandelt werden. Dabei seien die Risiken und Nachteile der Behandlung dem Nutzen gegenüber abzuwägen. Die Drittelregel bleibt schlicht und ergreifend wahr. Im Zuge der Kommerzialisierung gerät besonders Gruppe 1 immer mehr ins Visier der Behandler. Dinge werden als Krankheiten benannt, die keine sind. Dies hemmt die eigenständigen Bemühungen der Betroffenen, aus ihrem Leid wieder heraus zu kommen und verschiebt die Hoffnungen oft irrational auf eine Pille, die die erhoffte Wirkung natürlich nicht liefern kann. Es ist wichtig, sich bei jedem Patienten klar zu machen, in welche Gruppe er eigentlich gehört. Natürlich haben Ärzte inzwischen auch einige Aufgaben, die sie vor 2500 Jahren noch nicht hatten. So ist es für Patienten der Gruppe 3 oft wichtig, begutachtet zu werden, um Unterstützung vom Sozialstaat zu erhalten oder besondere Förderungen zu bekommen. Und Patienten der Gruppe 1 kommen mit der berechtigten Frage, ob sie vielleicht nicht zur Gruppe 2 gehören. All dies ist natürlich auch in Ordnung. Aber für die Behandlung haben wir die Verantwortung, uns ganz auf Gruppe 2 zu konzentrieren. Hippocrates hat in diesem Punkt immer noch Recht.

False Memories

Ich gelobe, hier jetzt nicht meine 100 liebsten TED-Talks zu verlinken. Aber dieser Vortrag hier erklärt in 17 Minuten sehr sehr anschaulich die Gefahren von induzierten, falschen Erinnerungen in Bezug auf Gerichtsverhandlungen und auch bestimmte psychotherapeutische Techniken. Sehr sehenswert!

Normal -Gegen die Inflation Psychiatrischer Diagnosen

Die USA sind das einzige Land der Welt, in dem Pharmaunternehmen das Recht haben, direkt am Patienten Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente zu machen.

Quelle: "Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen." Lese-Position 735

Kein Wunder, dass in Amerika gerade Psychopharmaka weitaus häufiger verschrieben werden als in den meisten anderen Ländern der Welt. Der Arzt hat die Aufgabe, die wirklich Kranken von den Gesunden zu unterscheiden. Die Ausweitung des Krankheitsbegriffes im Bereich der Psychiatrie schadet allen:

  • Sie schadet den unnötig behandelten Gesunden, die besser einen anderen Weg finden könnten, ihren Beschwerden zu begegnen
  • Und sie schadet den wirklich Kranken, für die immer weniger klar ist, dass ihnen die Psychiatrie und möglicherweise auch ihre Medikation helfen kann.

Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich kritisch mit der Erweiterung des Diagnosesystems im DSM-5 auseinandersetzen wollen.

Die Stimmen in meinem Kopf

www.ted.com ist immer wieder ein wirklich interessanter Platz, um neue Gedanken kennen zu lernen. Ich empfehle es statt des werbezertrümmerten passiven Glotze guckens.

In diesem Video spricht eine Psychologin, die an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie erkrankt ist, über ihre Krankheitsverarbeitung. Für sie sind die Stimmen in ihrem Kopf eine gesunde Reaktion auf krankmachende Ereignisse. Sie ist Mitglied der Vereinigung Intervoice, die Stimmenhören nicht unbedingt als ein Symptom sehen, sondern die es normal finden.

Ich selbst habe immer noch ein ganz anderes Verständnis von Stimmen hören: für mich sind sie sehr wohl ein Krankheitssymptom, und ich versuche, den Menschen zu helfen, dieses Symptom loszuwerden. Ich gehe davon aus, dass der Inhalt der halluzinierten Stimmen in aller Regel keinen hilfreichen Hinweis auf unbewusste Prozesse gibt.

Das 15-minütige Video ist dennoch sehr interessant und sehenswert. Zum einen zeigt es deutlich, dass die Bewertung von Symptomen fundamental unterschiedlich sein kann. Zum zweiten ist es wichtig, zu wissen, dass es diese Vereinigung in den meisten Ländern gibt. Immer mal wieder erzählt mir ein Patient davon, so dass es gut ist, davon schon einmal gehört zu haben. Und schließlich zeigt es einmal mehr, dass es für den betroffenen Patienten nicht immer hilfreich ist, wenn ihm ein Weltbild aufgedrängt wird, dass er nicht teilt. Statt dessen betont Eleanore Longden den Wert von Respekt, Ermutigung und Hoffnung geben.

Die Gefahr der Bewegung Intervoice ist, dass ein gut behandelbares Symptom einer bisweilen tückischen Krankheit ganz falsch als sinnstiftendes gesundes Erleben eingeordnet wird, und damit eine mögliche Behandlung verhindert wird.

Stimmenhören ist in meinen Augen ein Symptom einer Krankheit, die oft noch viele weitere Symptome verursacht, die den Erkrankten in seiner Integrität erheblich angreifen und auch auf Dauer schädigen können. Diese Krankheit wirksam zu behandeln ist ein wichtiges Ziel, und sehr oft ist diese Behandlung in kurzer Zeit erfolgreich. Diejenigen, für die die Stimmen aus dem Kopf nach einer kurzen Behandlung verschwunden sind, vermissen sie auch nicht. Es gibt sicherlich einen kleinen Anteil von Patienten, die eine chronische Halluzinose haben, und neben dem Stimmenhören keine oder nur wenig Störungen der übrigen Wahrnehmungsfähigkeiten oder kognitiven Leistungen haben, und bei denen die medikamentöse Therapie nicht sehr wirksam ist. Ich kann nachvollziehen, dass diese Patienten eine akzeptierende Einstellung zu den Stimmen bevorzugen. Bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Patienten ist dies aber aus meiner Sicht die falsche Einstellung, weil es die wirksame Behandlung verhindert.

Vielen Dank an Stefan für den link.

Wie man sich seine Fachrichtung aussucht…

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Auch ein blog, den ich sehr gerne lese: Barking up the wrong tree… Hier werden immer wieder interessante Bücher, Gedanken und Ideen vorgestellt, ich habe dort schon viele interessante Sachen gefunden. Dem letzten Beitrag ist das Bild oben vorangestellt, das in meinen Augen fehlerfrei herleitet, nach welchen Kriterien Medizinstudenten ihre spätere Fachrichtung auswählen…