Autor: Dr. Jan Dreher
Der schnellste Weg zur „Besorgnis der Befangenheit“
Abends am Kaminfeuer bei einem guten Glas Wein in der Strafprozessordnung (StPO) zu schmökern, ist in jedem Fall eine erbauliche Lektüre. Sie regelt ganz genau, auf welchem Wege das Gericht zu einem Urteil kommen soll. Und unverzichtbar auf diesem Weg ist, dass Richter, Schöffen und auch Sachverständige während der Beweisaufnahme unparteiisch an die Sache gehen.
Dieser unparteiische Angang wäre beispielsweise nicht gegeben, wenn der Richter der Bruder des Angeklagten ist; dann wäre ganz objektiv anzunehmen, dass er ein zu mildes Urteil spricht. Das heißt in der StPO „Befangenheit“. Richter, Staatsanwaltschaft und Sachverständige dürfen nicht befangen sein. Die Richter dürfen nicht schon während der Beweisaufnahme Partei für die eine oder andere Seite ergreifen. Sachverständige dürfen zu keinem Zeitpunkt Partei für die eine oder andere Seite ergreifen, und die dürfen auch nichts machen, was über die ihnen zugeschriebene Rolle hinausgeht. So dürfen sie beispielsweise keine „Beweismittel würdigen“, also sagen, was ihrer Meinung nach stimmt oder nicht stimmt, denn das ist ausschließlich Aufgabe des Gerichtes. Anders sieht das beim Rechtsanwalt aus, der aufgrund seiner Rolle sehr wohl Partei ergreifen darf.
Äußert sich ein Sachverständiger voreingenommen, grob abfällig oder einseitig wertend, begründet das also die Besorgnis der Befangenheit, die zum Ausschluss dieses Sachverständigen führen kann.
In Gutachterkreisen gehen immer wieder Geschichten von einzelnen Aussagen anderer Gutachter herum, die mit einem einzigen unüberlegten Satz den Verdacht der Befangenheit begründet haben. Man graust sich dann immer, weil man sich denkt: „Hoffentlich passiert mir selbst sowas niemals…“
Ich dachte, es wäre lustig, mal ein paar solcher Killer-Sätze oder Verhaltensweisen hier aufzuführen. Los gehts:
- „Um dieses Überengagement des Klägervertreters auf den Boden der Tatsachen zu holen, darf festgestellt werden, dass …“ (OLG Nürnberg, Beschluss v. 8.9.2011, 8 U 2204/08). Befangen.
- „Der Privatgutachter mag ein leidlicher Kfz.-Ingenieur sein, von Kunststoffen hat er nicht die geringste Ahnung.“ Nachzulesen hier. Befangen.
- Durch die Presse ging auch die Geschichte des Schöffen, der am Nikolausmorgen auf dem noch unbenutzten Tisch der Staatsanwaltschaft zwei Schokoladennikoläuse platzierte (2090 Js 29.752/10 -12 KLs). Befangen.
- „Der Klagevortrag ist eine Märchenstunde“ (OLG Schleswig, B. v. 22.11.2001, Az: 16 W 282/01). Befangen.
- „So einen Fall hatte ich noch nie…“ Befangen.
- Ein netter Plausch mit dem Staatsanwalt auf dem Flur mit erkennbarer Sympathiebekundung… Befangen.
- Mit der hübschen Rechtsanwältin in der Gerichtskantine zu Mittag essen? Befangen.
Kennt ihr ähnliche Fälle? Dann schreibt sie in die Kommentare!
Endlich: Die Video-Sprechstunde kommt in der Psychotherapie an!
Die Zukunft der Internet-Psychotherapie wird auf diesem blog ja immer wieder diskutiert, aber der große Durchbruch ließ bislang noch auf sich warten. Das lag zu einem großen Teil daran, dass die Berufsordnung für Ärzte unter §7 „Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln“ als Satz 4 folgende Regelung trifft:
(4) Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.
Dies wurde bislang strikt so ausgelegt, dass Ärzte keine Psychotherapie per Videokonferenz, also beispielsweise per Skype, leisten durften.
Für Psychologen gibt es keine vergleichbare Regelung in deren Berufsordnung. Aber die Krankenkassen übernehmen die Kosten einer Psychotherapie in aller Regel nur, wenn bei der Behandlung Therapeut und Patient im gleichen Zimmer sitzen.
Es gibt einige zarte Pilotprojekte zu dem Thema, insbesondere Online-Angebote mit psychotherapeutischem Inhalt, die aber häufig eine asynchrone Kommunikation wie den Austausch per Email oder Online-Trainingseinheiten anbieten. Ein Pilotprojekt, in dem ein per Internet übertragenes Video-Gespräch zum Einsatz kommt, war mir in Deutschland bislang nicht bekannt.
Nun ist im Januar 2016 das neue e-Health-Gesetz in Kraft getreten. Dies regelt eine Modernisierung vieler Aspekte der elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen, beispielsweise, was alles auf der neuen Gesundheitskarte gespeichert wird und wie diese Daten gesichert werden. Ein Aspekt des e-Health-Gesetzes regelt aber auch die Telemedizin, und hier explizit auch Video-Sprechstunden. Hierzu heißt es auf der Seite des BMG:
Zur Förderung der Telemedizin wird die telekonsiliarische Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen ab April 2017 und die Online-Videosprechstunde ab Juli 2017 in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen werden. Das wird Patienten die Kontaktaufnahme mit dem Arzt deutlich erleichtern, gerade bei Nachsorge- und Kontrollterminen.
YEAH !!!
Das ermöglicht dann endlich im Prinzip eine zumindest teilweise Durchführung von Psychotherapiegesprächen auch vermittels Video-Sprechstunden. Unnötig darauf hinzuweisen, welchen Vorteil man sich davon versprechen kann, insbesondere für mobilitätseingeschränkte Patienten und Patienten, die in einem psychotherapeutisch unterversorgten Gebiet wohnen und eine lange Anreise zum nächsten freien Psychotherapeuten hätten.
Ein erstes Modellprojekt
Die AOK Nordost hat nun mit 16 Ärzten am Institut für psychogene Erkrankungen in Berlin-Wedding ein mit der Berliner Ärztekammer abgestimmtes Pilotprojekt gestartet, dass die neue Möglichkeit genau so erprobt, wie es mir vernünftig erscheint. Die Patienten kommen zunächst zur genauen Diagnostik und Therapieplanung zum realen Termin in die Praxis. So lernen sich Therapeut und Patient offline kennen und können eine Beziehung zueinander aufbauen. Liegen die erforderlichen Voraussetzungen vor, können dann zukünftige Sitzungen zum Teil auch als Videokonferenz mit einem verschlüsselten Zugang durchgeführt werden. Natürlich wird nicht wirklich Skype verwendet, sondern ein anderes, gesichertes System. Einen sehr guten Artikel über das Projekt findet ihr hier, einen Artikel aus dem Ärzteblatt hier.
Ich darf mit besonderer Freude berichten, dass mein Freund und Mit-PsychCaster Alexander Kugelstadt einer der beteiligten Projektärzte ist. Ich verspreche, ihn bei der nächsten Folge nach seinen Erfahrungen zu fragen!
Neuer PsychCast: Hypochondrie ist draußen!
Im 17. PsychCast sprechen wir über eine oft verharmloste Erkrankung: die Hypochondrie. Sie ist zu unterscheiden von unserer kulturell allgemein akzeptierten Form hypochondrischer Gedanken oder Befürchtungen. Werden Krankheitsängste selber das Hauptsymptom einer psychischen Krankheit, kann dies schlimme Folgen haben. Darüber sprechen wir, sowie über Modelle und Konzepte sowie die Therapie …
Hier findest Du sie: http://psychcast.de/pc017-hypochondrie-eine-ernste-erkrankung/
Die neue Episode kommt mit einem niegelnagelneuen feature: Kapitelmarken. Viel Spaß beim hören!
Neuzugang in den Psychiatrie-Blogs: MadMike
Auf der Unterseite Psychiatrie-Blogs sammele ich ja blogs, die sich um bestimmte psychiatrische Probleme drehen. Zum Thema Abhängigkeit gibt es irgendwie wenig blogs. MadMike, der direkt und unzensiert über Heroinabhängigkeit schreibt, hat mir erlaubt, ihn zu verlinken. Ich meine ja immer, dass man so lernt:
- Buch lesen
- Mit Patienten sprechen
- Buch lesen
- Mit Patienten sprechen
- Patienten behandeln und Erfolg beobachten
- Buch lesen
- Mit Patienten sprechen
- goto 5
Wenn ihr aus irgendeinem Grunde gerade keinen Patienten zum Thema Heroinabhängigkeit habt, kann die Lektüre eines blogs schon mal weiter helfen…
Der neue PsychCast zum Thema „Kinderpsychiatrie und Alternativmedizin“ ist draußen !
Wir sprechen in der PsychCast-Folge 16 mit unserem Gast Jan Oude-Aost, der als Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie arbeitet und als Skeptiker Mitglied der GWUP ist über den Alltag auf der Kinderstation, ADHS, Ritalin, Doppelblindversuche, Autismus, Placebo, Homöopathie, Chemtrails und noch viel mehr…
Jan Oude-Aost finden Sie u. a. bei Twitter, auf seinem WordPress-Blog und bei YouTube sowie bei Google.
Die Folge findet ihr hier.
Danke an alle für die vorher zugetwitterten Fragen!
DocCheck hat eine iOS und Android-App für ihr Medizin-Lexikon „Flexikon“ rausgebracht
DocCheck ist ja so eine Mischung aus Facebook für Ärzte, dem medizinischen Teil der Wikipedia, der Ärzte-Zeitung und einem Gemischtwarenladen auf der Medica.
Die meisten Ärzte und viele im medizinischen System Tätigen kennen DocCheck, da man bei der Registrierung auf DocCheck, die jeder machen kann, auch zusätzlich angeben (und nachweisen) kann, dass man Arzt, Zahnarzt oder Apotheker ist; dann hat man unter anderem Zugriff auf die Online-Version der Roten Liste, die aus gesetzlichen Gründen im vollen Ausmaß auf diese medizinischen Berufsgruppen beschränkt ist. Das finde ich zwar in Zeiten der Transparenz völlig überflüssig, und irgendwelche geheimen Informationen finden sich dort auch nicht, es ist aber immer noch so. Kaufen kann die Rote Liste im Buchhandel allerdings jedermann.
DocCheck bietet aber auch eine Reihe weiterer Funktionen, darunter insbesondere die Möglichkeit, sich mit anderen Ärzten oder Experten auf bestimmten Gebieten durch Fragen und Antworten auszutauschen, das heißt DocCheck Ask. Hier stellen Ärzte zu einzelnen Patienten oder bestimmten konkreten Punkten online eine Frage, und andere Ärzte, die sich damit auskennen, beantworten die Frage. Das funktioniert unkompliziert und gut und ist gerade für Niedergelassene Ärzte, die alleine arbeiten, bei bestimmten Fragen eine gute Option.
Auf DocCheck news gibt es medizinische Nachrichten und einige medizinische Blogs, dieser Blog ist zum Beispiel immer mal wieder hier auf DocCheck vertreten…
Und dann gibt es das recht bekannte Flexikon, ein interaktives Medizinlexikon, das funktioniert wie eine Art Wikipedia für deutschsprachige medizinische Einträge. Gegenwärtig hat das Flexion 47.000 medizinische Einträge. Hier findet man zuverlässig alles, was man sucht. Lesen kann diese Einträge jeder, alle registrierten DocCheck-Mitglieder können die Einträge auch selbst ändern, aktualisieren oder neue Einträge hinzufügen.
Und dieses Flexion hat nun eine kostenlose iOS- und Android-App bekommen, auf der man Einträge suchen und lesen, und sogar auch editieren kann. Die App habe ich ausprobiert und finde sie sehr praktisch, für mich hat sie einen verdienten Platz in meinem Ordner „Medizin“. Laden könnt ihr sie hier.
Neue AU ab 2016

AU, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Krankmeldung; das Formular hat viele Namen. Bei manchen böswilligen Arbeitgebern heißt er wohl auch der „Gelbe Urlaubsschein“. Wie auch immer, die AU ist eines der häufigst verwendeten Formulare im Gesundheitswesen.
Seit dem 1.1.2016 ist unten nun ein rotes Feld dazugekommen, in dem man ankreuzen kann: „ab 7. AU-Woche oder sonstiger Krankengeldfall“ sowie „Endbescheinigung“ (siehe Bild). Es ist ja so: In den ersten 6 Wochen der Krankmeldung zahlt der Arbeitgeber weiter das Gehalt. Geht die Krankmeldung über 6 Wochen hinaus, zahlt der Arbeitgeber kein Gehalt mehr, aber die Krankenkasse beginnt mit der Krankengeldzahlung. Diese kann bis zu 18 Monate lang anhalten. Bislang gab es zwei getrennte Formulare: Eines für die AU, und ein zweites für die Auszahlung des Krankengeldes. Das zweitere haben natürlich nur Patienten zu sehen bekommen, die länger als 6 Wochen krank waren. Mit dem „Auszahlschein“ für das Krankengeld gab es aber immer irgendwie Probleme: Dieser wurde von der Krankenkasse zum Patienten geschickt, der hat ihn zum Arzt getragen, ausfüllen lassen und zurück zur Krankenkasse geschickt. Es gab auch viele verschiedene Versionen, teilweise je nach Krankenkasse oder Bundesland verschieden. Hatte der Patient den Auszahlschein beim Arztbesuch vergessen, konnte der Arzt nicht helfen.
Daher ist nun zur Reduktion von Bürokratie die AU erweitert worden. Im unteren Teil kann man nun die Informationen eintragen, die man bislang auf den Auszahlschein schrieb: Die AU-begründende Diagnose und die Information, ob sich der Patient schon in der siebten oder späteren Woche der Krankschreibung befindet. An die Krankenkasse geht ein Durchschlag mit Diagnosen, an den Arbeitgeber geht natürlich weiterhin ein Durchschlag nur der oberen Hälfte, in der die Diagnose nicht aufgeführt ist; ich hatte darüber schon mal hier geschrieben…
Ich finde diese Neuerung tatsächlich praktisch. Ein Formular anstelle von zweien, und das vereinheitlicht, das ist doch mal sinnvoll.
Für stationäre Patienten im Krankenhaus ist auch der neue AU-Schein nicht gedacht. Krankenhäuser sollen für stationäre und teilstationäre Patienten weiterhin einfach eine Aufenthaltsbescheinigung ausfüllen, die zugleich als Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gilt.
Schneemann 4
Schneemann 3

Für irgendwas muss so ein Milchschäumer ja gut sein… ☃
Schneemann 2
Hier der erste eingesendete Schneemann von Sonja!

Frohe Weihnachten !
Liebe Blogleser, Kommentatoren, Mitblogger und Freunde,
ich wünsche euch aus dem sommerlichen Köln schöne und erholsame Weihnachten und ein frohes Fest.
Euer Psychiatrietogo
P.S.: Wer es schafft, einen Schneemann zu bauen, sendet bitte ein Foto an Psychiatrietogo2012@gmail.com, ich veröffentliche es dann. Alle anderen: Im Bikini ist auch schön feiern…
Pharmakodynamische und Pharmakokinetische Medikamentenwechselwirkungen
Medikamentenwechselwirkungen sind ein so komplexes Thema, dass man schon beim bloßen Gedanken daran oft den kaum überwindbaren Drang verspürt, zu sagen: Guck doch online nach, ob diese 7 Pillen miteinander können oder nicht. Ich persönlich finde diesen Impuls sehr verständlich und habe ihn auch fast täglich.
Um nun aber dem Untertitel dieses blogs “you live you learn“ gerecht zu werden, möchte ich euch gerne erklären, welche Unterteilung ich in der ersten und zweiten Stufe mache, wenn ich über mögliche Medikamentenwechselwirkungen nachdenke. Also auf zur Unterteilung der Medikamentenwechselwirkungen: Trallalala: Hier kommt sie:
1.) Pharmakodynamische Wechselwirkungen
Die
Pharmakodynamik
ist die Lehre davon,
was das Medikament mit dem Körper macht.
Pharmakodynamische Wechselwirkungen sind also all jene Wechselwirkungen, bei denen sich die Wirkungen zweier Medikamente auf den Körper gegenseitig verstärken, abschwächen oder auf eine andere Art bedenklich zusammenwirken.
1.1 Sich gegenseitig verstärkende pharmakodynamische Wechselwirkungen
Das einfachste Beispiel ist die Verstärkung einer Medikamentenwirkung durch zwei in die gleiche Richtung wirkende Medikamente. Wenn beispielsweise das stark serotonerg wirksame SSRI Citalopram zusammen gegeben wird mit dem ebenfalls serotonerg wirkenden Migräne-Mittel Sumatriptan, dann besteht eine deutlich erhöhte Gefahr, dass es zu einem Serotonin-Syndrom kommt. Und die Sache wird natürlich nicht besser, wenn man weitere serotonerge Substanzen ergänzt, wie Opiate oder Lithium. Alle diese Substanzen wirken pharmakodynamisch in die gleiche Richtung: Sie verstärken die Serotonin-Wirkung. Die gemeinsame Endstrecke kann dann das Serotonin-Syndroms sein. Also: Wenn ich zwei oder mehr Medikamente kombiniere, die beide die gleiche Wirkung auf den Körper auslösen, besteht die Gefahr einer sich verstärkenden pharmakodynamischen Wechselwirkung.
Ein zweites Beispiel einer additiven pharmakodynamischen Nebenwirkung wäre die Gabe von zwei potenziell das Blutbild schädigenden Substanzen wie Carbamazepin und Clozapin. In der Kombination ist die Gefahr einer klinisch relevanten Blubildschädigung einfach deutlich größer.
Ein weiteres Beispiel einer additiven pharmakologischen Nebenwirkung wäre die gleichzeitige Gabe von zwei Medikamenten, die die QTc-Zeit verlängern, wie bei Sertindol und Thioridazin (Melleril®). In der Kombination steigt die Wahrscheinlichkeit einer klinisch relevanten Herzrhythmusstörung wesentlich an.
1.2 Sich gegenseitig abschwächende pharmakodynamische Wechselwirkungen
Stellen dir vor, du kombinierst im Rahmen der Parkinson-Therapie den Dopaminagonisten Madopar® mit dem Dopaminantagonisten Haloperidol. Dann hebt sich ein Teil der Wirkung auf die Dopamin-Rezeptoren gegenseitig auf. Die beiden Medikamente haben eine sich gegenseitig abschwächende pharmakodynamische Wechselwirkung.
1.3 Andere pharmakodynamische Wechselwirkungen
Neben der Möglichkeit, dass sich die Wirkung zweier Medikamente gegenseitig verstärkt oder abschwächt, gibt es seltener auch die Möglichkeit, dass sich zwei unterschiedliche Wirkungen in einer anderen bedenklichen Art zusammenfinden. Ein Beispiel wäre die gleichzeitige Gabe einer hohen Dosis Insulin mit einem Beta-Blocker. Sollte das hochdosierte Insulin zu einer Hypoglykämie führen, würde der Beta-Blocker verhindern, dass der Körper durch eine Streßreaktion Glykogen freisetzt, und die Hypoglykamie würde möglicherweise eher ins Koma führen als ohne Betablocker.
2.) Pharmakokinetische Wechselwirkungen
Die
Pharmakokinetik
, beschreibt,
was der Körper mit dem Medikament macht.
In der Praxis wahrscheinlich eher häufiger sind pharmakokinetische Wechselwirkungen. Das sind Wechselwirkungen, die dadurch entstehen, dass man zwei oder mehr Medikamente gibt, die sich in Bezug auf die Aufnahme, den Abbau oder die Ausscheidung des Medikamentes in die Quere kommen. Die Pharmakokinetik einer Substanz kann durch eine zweite Substanz entweder beschleunigt oder verlangsamt werden.
2.1) Beschleunigter Abbau eines Medikamentes durch ein anderes Medikament
Das Antiepileptikum Carbamazepin ist ein Induktor des Cytochroms CYP-P450–3A4. Das bedeutet, dass Menschen, die mit Carbamazepin behandelt werden, nach einigen Tagen bis wenigen Wochen eine deutlich erhöhte Aktivität des Cytochroms CYP-P450–3A4 haben. Dieses Enzym ist unter anderem dafür da, Medikamente schnell abzubauen und so unwirksam zu machen. Eines dieser Medikamente, das vom CYP-P450–3A4 abgebaut wird, ist Quetiapin. Patienten, die seit einigen Wochen mit Carbamazepin vorbehandelt werden, werden also bei gleicher Quetiapin-Dosis einen niedrigeren Quetiapin-Blutspiegel und somit eine schwächere Quetiapin-Wirkung erleben als Patienten, die nicht gleichzeitig Carbamazepin erhalten. Es ist wichtig, diese Wechselwirkung zu berücksichtigen, da man sonst bei unveränderter Dosis eine möglicherweise unwirksame Medikation verordnet. Es kann sehr hilfreich sein, bei einer solchen Kombination, wenn man sie denn unbedingt geben will, den Blutspiegel der Medikamente zu bestimmen.
Andere typische Enzyminduktoren sind das Rauchen, Barbiturate, Rifampicin und auch das sonst so unverdächtige Johanniskraut.
2.2 Verlangsamter Abbau eines Medikamentes durch ein anderes Medikament
Das schon etwas betagte Antidepressivum Fluvoxamin ist ein Inhibitor des Cytochroms CYP-P450–1A2. Das bedeutet, dass bei Patienten, die Fluvoxamin bekommen, der Medikamentenabbau über CYP-P450–1A2 langsamer läuft. Dieses Enzym baut zum Beispiel das Neuroleptikum Clozapin ab. Patienten, die beide Medikamente erhalten, können also Clozapin nicht so schnell abbauen, der Clozapin-Blutspiegel steigt an. Dies kann schnell zu einem Clozapin-Delir führen.
Aber nicht nur die Oldtimer unter den Psychopharmako hemmen bestimmte Cytochrome. Auch aktuelle Substanzen wie Duloxetin, Omeprazol, der gewöhnliche Grapefruitsaft und schwer ersetzbare internistische Medikamente wie die Antibiotika Ciprofloxazin oder Ketoconazol sind Inhibitoren bestimmter Cytochrome.
Fazit
Es ist vielleicht doch nicht erforderlich, zu denken, dass Medikamentenwechselwirkungen zu kompliziert sind, um darüber im Einzelfall nachzudenken. Man muss sich bei der Kombination mehrerer Medikamente einfach fragen, ob diese sich in ihrer Wirkung beeinflussen (pharmakodynamische Wechselwirkung) oder in ihrem Abbau (pharmakokinetische Wechselwirkung). Bei beiden Hauptgruppen gibt es dann sich gegenseitig verstärkende oder sich gegenseitig abschwächende Wirkungen. Einzelne Interaktionen gehören in die Sonderkategorie: Andere. Eigentlich ganz einfach, oder?
Copyright
Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.
Selbsthilfenetz.de
Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen für betroffene Patienten und ihre Angehörigen kann in den allermeisten Fällen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In Selbsthilfegruppen trifft man Menschen mit ähnlichen Problemen, und lernt von ihnen neue Lösungen. Man findet Rat und Unterstützung.
Wenn ich als Behandelnder empfehle, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, gebe ich gerne eine Internetadresse an, um sich auf die Suche zu machen. Deutschlandweit für alle Krankheiten geeignet ist die Webseite www.selbsthilfenetz.de. Hier findet man Verlinkungen zu den Selbsthilfezentralen aller großen Städte, und man kann auch direkt auf der Seite nach einem Thema und einer Postleitzahl suchen. Klare Empfehlung!
Slow parenting
Eigentlich leide ich nicht unter dem Zwang, jedes neue amerikanische buzz-word gleich auf meinem blog posten zu müssen. Aber da unser Wortschatz bekanntlich die Grenzen unseres Denkens bestimmt, mache ich für slow parenting gerne mal eine Ausnahme.
Das Problem ist ja mehr als bekannt: Die 8-jährige Valentina hat Terminstreß, weil zwischen dem Geigenunterricht donnerstags nachmittags und der Turnstunde donnerstags abends nur 45 Minuten Pause sind, und da muss sie von Junkersdorf nach Lindenthal gefahren werden und noch zu abend essen. Der 7-jährige Finn-Kevin kann sich noch nicht selber anziehen, aber da er sonst zu spät zur Schule kommt, sucht der Papa die Kleidung aus, hilft beim Anziehen und macht den Reisverschluss der Jacke zu. Den Klettverschluss der Schuhe kann Finn-Kevin selber schließen, eine Schleife binden nicht. Braucht er auch nicht, die Schuhe habe ja diesen Klettverschluss. Und blinken beim Gehen.
Auftritt slow parenting. Du entscheidest Dich, dass sich Finn-Kevin alleine anzieht. OK, das dauert beim ersten mal 30 Minuten, und du bist die ganze Zeit damit beschäftigt, ihm zu helfen. Valentina wird vielleicht donnerstags abends immer noch im Jeep sitzend ein Sandwich vom Bäcker essen. Aber am Samstag kochst Du mit den Kindern zusammen. Ihr überlegt, was ihr essen wollt, geht gemeinsam auf den Markt, schält das Gemüse, kocht es und esst es gemeinsam. Dauert den ganzen Samstag vormittag. Und ist endlich wieder einmal das, was früher quality-time hieß. Nur mit einem neuen Erlebnis: Leben lernen. Und dann irgendwann leben können. Selbständig den eigenen Haushalt führen können. Gesund und lecker kochen können. Einen tropfenden Wasserhahn selbst reparieren können. Also ich finde, das sind ganz gute Ergebnisse für eine Kindererziehung. Und dabei Zeit haben. Also ich bin dabei.
Und wenn meine Kinder für irgend etwas mal wieder ewig brauchen, denke ich mir in letzter Zeit manchmal einfach: Kein Streß; die letzten 10 Minuten Buntstifte spitzen war einfach slow parenting, und da bin ich dabei!
Refugee Phrasebook
Im psychiatrischen Krankenhaus ebenso wie in allen anderen medizinischen Einrichtungen kennt man die Situation nur zu gut: Bei Nacht und Nebel trifft ein Patient ein, der weder deutsch noch englisch spricht, mit dem man sich aber unbedingt unterhalten muss, um zu klären, was los ist und wie man helfen kann.
In der ersten Stufe sucht man nach Mitarbeitern im Hause, die gerade da sind, und die die Muttersprache des Patienten oder zumindest eine gemeinsame Sprache sprechen. In Stufe Zwei kommt oft Google translate zum Einsatz. Und in Stufe drei sucht man nach einem bezahlten professionellen Dolmetscher, der allerdings eher werktags tagsüber zur Verfügung steht.
Oft gibt es auch ein regional gut informiertes Netz von „Kulturvermittlern / Dolmetschern“, die zügig eine Übersetzung vermitteln, zur Not auch mal übers Telefon.
Ein Projekt, von dem ich unlängst gehört habe, ist ein Service professioneller Dolmetscher, die rund um die Uhr über eine Art Skype-Verbindung für Übersetzungstätigkeiten zur Verfügung stehen, allerdings habe ich damit noch keine eigenen Erfahrungen gesammelt.
Eine Hilfe, die irgendwo dazwischen angesiedelt ist, ist das von einer Gruppe von Berliner Freiwilligen Helfern ausgehende Projekt „Refugees Phrasebook„. Dieses bietet für insgesamt etwa 800 im Hilfesystem relevante Fragen die Übersetzungen in 28 Sprachen an. Unterteilt sind die Sätze nach Wortschätzen; es gibt einen zur Orientierung, einen zu medizinischen Fragen und einen neuen zu juristischen Fragen. Das „Refugees Phrasebook“ ist eine Google-Docs-Tabelle, und es darf frei verwendet, ausgedruckt und verbreitet werden. Ihr findet das Projekt und die einzelnen Tabellen hier.
Das Herz wird nicht dement
Vor Kurzem habe ich die Einweihung des St. Augustinus-Memory-Zentrums in Neuss besucht. Hier werden Seniorenwohnheim, Kurzzeitpflege, Ambulante Hilfen, Institutsambulanz, Beratung, Forschung und Lehre zusammengebracht.
Sehr schön finde ich die Idee, dass in diesem auf Demenzerkrankungen spezialisierten Seniorenwohnheim vieles getan wird, damit sich die Bewohner wohlfühlen und besser orientieren können. Die Zimmer werden nicht nach Stationen benannt, sondern nach Straßen. So wohnt man beispielsweise in der Pappelalle 5. Das ist das Zimmer 5 auf der Station Pappelallee. Pappelallee 5 ist doch eine ordentliche Adresse, oder?
Bei den Zimmern kann man zwischen drei Grundtypen wählen: Modern, Landhaus oder Rustikal. Da die unterschiedlichen Typen nicht nur unterschiedliche Möbel haben, sondern auch unterschiedliche Zimmertüren, kann man sich auch von außen gut orientieren. An den Zimmertür-Klingeln ist ein kleines Regal, in das man persönliche Dinge tun kann, auch das hilft bei der Orientierung. Selbst der Therapieplan sieht liebevoll gestaltet aus. Auf den Fluren gibt es „Kabinette“ mit unterschiedlichen Themen, die zum gemeinsamen Ausprobieren einladen. Wirklich alles sehr schön gemacht.
Besonders beeindruckt hat mich allerdings etwas, was die Leitende Sozialarbeiterin der Einrichtung gesagt hat. Sie hat darüber gesprochen, dass bei dementen Patienten zwar die intellektuellen Fähigkeiten Schritt für Schritt verloren gehen. Aber die Gefühle bleiben genau so stark und genau so wichtig, wie bei Gesunden. Wenn ein dementer Patient Angst hat, dann ist diese Angst genau so furchtbar und bedarf genau so einer Zuwendung, wie wenn ein Gesunder solche Angst hat. Und wenn ein dementer Patient sich freut und mit einem anderen Menschen lacht, dann geht genau so die Sonne auf… Und das fasste sie in dem Satz zusammen:
Das Herz wird nicht dement
Wenn die Betreuer diese Haltung haben, kann man auch mit einer Demenz würdevoll wohnen.
PsychCast Episode 14: Stark und Alleinerziehend ist online
Im fünfzehnten PsychCast haben wir die Ehre, die Podcasterin, Bloggerin und Autorin Dr. Alexandra Widmer zu interviewen. Alexandra betreibt den Podcast Stark und Alleinerziehend, den ihr in iTunes hier findet.
In dieser Folge hört ihr einiges darüber, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein. Vor allem aber hört ihr, wie sich Alleinerziehende online zusammenschließen können, was hilft und wie man sich selbst anders und konstruktiver neu ausrichten kann.
Alexandras Buch „Stark und Alleinerziehend“ könnt ihr bei Amazon hier vorbestellen.
Die aktuelle Folge des PsychCasts findet ihr hier.
Sie haben Fieber? Werfen Sie das Thermometer weg!
Ach, wenn ich doch auch mal so arbeiten könnte, wie mein Installateur.
Die Lage: Unsere neue Therme verbreitet einen merklichen Geruch nach verbrannter Abluft, die wohl eigentlich durch den Schornstein gehört. Die Therme schaltet sich mehrfach täglich mit dem Fehlercode A4 ab. A4 heißt laut Bedienungsanleitung: Der Abluftsensor hat festgestellt, dass zu viel Abluft aus der Therme entweicht.
Der Installateur schlägt vor: Nach gründlicher Inspektion und langem Betrachten des Innenlebens der Therme schlägt der Installateur vor, den Abluftsensor abzuklemmen, dann gibt die Therme keinen Alarm mehr und schaltet nicht mehr ab.
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Nach 30 minütiger Verhandlung haben wir uns darauf geeinigt, den Sensor zu belassen und mal den Schornsteinfeger kommen zu lassen. Vielleicht ist ja was mit dem Abzug.



