Corona Update der DGPPN

Ich habe hier im Blog immer wieder aufgeschrieben, wie wir in unserer Klinik die verschiedenen Aspekte des Corona-Managements handhaben. Psychiatrische Kliniken sehen sich ja etwas anders gelagerten Herausforderungen gegenüber als somatische Kliniken.

Die DGPPN hat nun hier eine sehr gute Darstellung online gestellt, die die wichtigsten Aspekte darstellt, zum Beispiel die Teststrategie, der Umgang mit Gruppentherapien und andere Themen, die speziell für psychiatrische Kliniken relevant sind. Die Darstellung ist wirklich praxisrelevant und hilfreich.

Taperingstrip

Das Absetzen von Antidepressiva ist für einige Patient:innen mit deutlichen und unangenehmen Absetzsymptomen verbunden: Grippeartiges Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, BrainZaps, Stimmungsinstabilität, Nervosität und anderes kann auftreten und typischerweise zwei bis drei Wochen deutlich vernehmbar sein. Die Mehrzahl der Patient:innen, die Antidepressiva absetzen, berichten gar keine oder nur milde Absetzsymptome, so dass die Strategie ist, einfach zwei Wochen durchzuhalten und nicht fälschlich zu denken, die Depression käme zurück. Die kommt nämlich kaum je so schnell zurück, in den ersten drei Wochen nach Dosisreduktion der Antidepressiva sind Verschlechterungen nach der guten alten Daumenregel auf die Dosisreduzierung zurückzuführen, erst danach muss man frühestens an eine Verschlechterung der Depression denken, aber auch nach mehr als drei Wochen kann sich eine Verschlechterung des Zustandes um ein Absetzphänomen handeln.

Einige Patient:innen haben nun aber so ausgeprägte Absetzerscheinungen, dass sie die Dosis alle paar Tage um wenige Milligramm reduzieren sollten, um die Beschwerden erträglich zu halten. Das kann man bei Antidepressiva, Antipsychotika, Opioiden und Benzodiazepinen machen. Das Projekt Taperingstrip macht es möglich, sich eine täglich in kleinen Schritten reduzierte Dosis eines Wirkstoffes verschreiben zu lassen, so dass man sehr langsam ausschleichen kann. Das Bild oben zeigt einen Placebo-Streifen.

Für wen das was ist, surft dort vorbei. Man kann sich auf dieser Webseite ein vorgefertigtes Formular laden und ausdrucken, das der Psychiater oder Hausarzt unterschreiben muss, dann gilt dies als Rezept, das man bei der Apotheke, die diesen Dienst anbietet, einlösen kann, und dann wird einem die Box zugeschickt.

Für diejenigen, die so besser die Dosis reduzieren können, ist das meiner Meinung nach ein guter Service!

Der PsychCast 108 Ask us anything ist online!

In der 108. Folge beantworten wir eure Hörerfragen! Schaut mal zu den Kapitelmarken, wir haben für jede Frage eine Kapitelmarke angelegt.

Shownotes:

Gehirn & Geist LSD in der Psychotherapie

Tod durch LSD-Überdosis in der Psychotherapie in Berlin

Jans Video: Eine ehrliche Aufklärung über Antidepressiva

Die Folge findet ihr hier und ihr könnt sie direkt auf dieser Seite hören, clickt einfach hier:

Corona Update

Die Corona-Lage bleibt erfreulich ruhig. Für den Fall, dass eine nicht isolierte stationäre Patient:in positiv auf Corona getestet werden würde, haben wir folgende Schritte festgelegt:

  1. Die Dienstärzt:in prüft, ob die betroffene Patient:in entweder
    • in eine somatische Klinik verlegt werden muss
    • für 14 Tage in häusliche Isolierung entlassen werden kann, oder
    • für 14 Tage auf der Station in einem Einzelzimmer isoliert wird
  1. Die positiv getestete Patient:in wird von nur einer festgelegten Bezugsperson aus jeder Berufsgruppe betreut.
  2. Die Station wird für 14 Tage kohortenisoliert.
  3. Die Stationsärzt:in der jeweiligen Station nimmt jeder Patient:in einen Rachenabstrich auf Corona ab.
  4. Die Betriebsärztin untersucht alle Mitarbeiter:innen der betroffenen Station sowie alle Mitarbeiter:innen, die Kontakt zur Indexpatient:in hatten, auf Corona.
  5. Es gilt ein sofortiges Besuchsverbot für die betroffene Station.
  6. Die Dienstärzt:in informiert sofort, also auch am Wochenende, folgende Personen:
    • E-Mail an den Hygiene-Verteiler der Klinik
    • Anruf der pflegerischen Hintergrunddienstes
    • Anruf der diensthabenden Oberärzt:in
    • Anruf beim Gesundheitsamt

Die aktuelle Fassung aller unserer Regelungen zum Download als PDF findet ihr hier:

2020_06_12 Corona Update

Eine ehrliche, ausführliche Aufklärung über Antidepressiva

Ich habe hier mal ein Video gedreht, das eine ehrliche, ausführliche Aufklärung über Antidepressiva zeigt. Eigentlich müsste bei jeder Verordnung eines Antidepressivums jeder dieser Punkte genannt werden, insbesondere bei den Punkten Indikation, Kontraindikationen und Wechselwirkungen natürlich individuell für den Patienten angepasst.

In der Realität sehen die Aufklärungen aus Zeitgründen allerdings eher so aus:

Sie haben eine Depression. Das ist eine chemische Imbalance im Gehirn. Sie haben da zu wenig Serotonin. Wir können ihnen mit einem Serotoninwiederaufnahmehemmer helfen. Das normalisiert das chemische Gleichgewicht und stabilisiert die Stimmung. Dann geht es Ihnen nach einigen Wochen wieder gut. Ich habe da was für sie ausgesucht, das nicht dick macht, nicht abhängig macht und in der Regel gut vertragen wird. Nehmen sie davon morgens eine.

Das Problem mit dieser Darstellung ist, dass praktisch jedes Wort falsch oder zumindest vereinfacht ist. Welche Punkte würde denn eine korrekte Aufklärung enthalten?

  1. Das Serotoninmangelmodell ist falsch. Die Wirkungsweise der Antidepressiva ist unklar. Sicher ist nur, dass kein Serotoninmangel vorliegt. Denn wäre das der Grund der Depression, würde sie direkt nach der Einnahme des Medikamentes verschwinden. Vielleicht wirken Antidepressiva über eine Zunahme der Bildung neuer Synapsen, man weiß es aber nicht.
  2. Richtige Indikation? Bei Angststörungen und Zwangsstörungen wirken Antidepressiva gut, ihre Wirkung bei Depressionen ist aber umstritten. Sicher ist nur, dass sie bei leichten Depressionen nicht wirken (Quelle 1). Und man muss dazu sagen, dass die Schwere der Depression von Krankenhaus-Ärzten, aber auch von niedergelassenen Ärzten gerne zu hoch angegeben wird, um Probleme mit dem eigenen Kostenträger zu umgehen. Und es braucht auch nicht jede psychoreaktive Traurigkeit gleich mit einem Antidepressivum behandelt zu werden.
  3. Antidepressiva können Manien auslösen: Und zwar nicht nur theoretisch, sondern diese Nebenwirkung muss ich auch praktisch immer mal wieder beobachten. Besonders gefährdet sind bipolare Patienten.
  4. Innere Unruhe: Vor allem bei höheren Dosierung verursachen Antidepressiva oft innere Unruhe, als habe man zu viel Kaffee getrunken.
  5. Suizidalität: Es gibt Hinweise darauf, dass Antidepressiva zumindest einige Wochen, nachdem diese neue angesetzt worden sind, Suizidgedanken verstärken. Insgesamt gehen die Psychiater davon aus, dass sie mehr Suizide verhindern als auslösen, diese Aussage ist jedoch nicht unumstritten. (Quelle 2)
  6. QTc-Zeit Verlängerung: Manche Antidepressiva verlängern die QTc-Zeit und können so in seltenen Fällen tödliche Herzrhythmusstörungen verursachen. (Quelle 3)
  7. Übelkeit: Mindestens 20 % der mit einem Antidepressivum behandelten Patienten leiden unter Übelkeit. Die geht zwar bei einem Teil der betroffenen Patienten nach ca zwei Wochen wieder weg, bei manchen Patienten bleibt sie aber auch lange bestehen.
  8. Sexuelle Funktionsstörungen: Antidepressiva können sexuelle Funktionsstörungen verursachen, insbesondere eine reduzierte genitale Sensitivität und damit einen verzögerten Orgasmus. Es wird diskutiert, dass es auch nach dem Absetzen noch länger bestehende sexuelle Funktionsstörungen geben kann. (Quelle 4)
  9. Kontraindikationen: Bestimmte Begleiterkrankungen führen zu Problemen bei der Verordnung von Antidepressiva. So soll man bei einem Glaukom keine Trizyklischen Antidepressiva geben. Der verordnende Arzt prüft das natürlich in jedem Einzelfall, aber hier kann leicht etwas übersehen werden.
  10. Wechselwirkungen: Antidepressiva können mit anderen Medikamenten Wechselwirkungen eingehen, die zu Komplikationen führen können. So können die häufig verordneten SSRI die Blutungsneigung erhöhen.
  11. Unverträglichkeitsreaktionen: SSRI werden meist gut vertragen, aber es gibt auch Hautreaktionen, allergisch anmutende Reaktionen oder andere Unverträglichkeitsreaktionen aus Antidepressiva.
  12. Serotoninsyndrom: Bei unglücklichen Kombinationen, insbesondere mit MAO-Hemmern, können Antidepressiva das Serotoninsyndrom auslösen, eine gefährliche Form von Agitation, Verwirrtheit und vegetativer Erregung. (Quelle 5)
  13. Spontanverlauf: Auch ohne den Einsatz von Antidepressiva klingen depressive Episoden wieder ab. Antidepressive Medikamente können die Dauer einer depressiven Erkrankung möglicherweise nur um etwa eine Woche verkürzen. Eine unbehandelte depressive Episode würde dann vielleicht zehn Wochen dauern, eine mit Medikamenten behandelt der April depressive Episode würde dann neun Wochen dauern.
  14. Vernachlässigen von aktiver Problemlösung: Patienten, die ein Antidepressivum einnehmen, können dazu verleitet sein, ihre Probleme nicht aktiv anzugehen, sondern auf die Wirkung der Antidepressiva zu warten. Das ist in keinem Falle hilfreich.
  15. Absetzphänomen: Einmal auf ein Antidepressivum eingestellt, kann es schwierig sein, dieses in der Dosis zu reduzieren oder wieder abzusetzen. Es gibt Berichte über Monate lange Entzugsbeschwerden.

Literatur

  1. Kirsch I, Deacon BJ, Huedo-Medina TB, Scoboria A, Moore TJ, Johnson BT. Initial Severity and Antidepressant Benefits: A Meta-Analysis of Data Submitted to the Food and Drug Administration. Plos Med 2008; 5: e45
  2. Gründer G, Veselinović T, Paulzen M. Antidepressiva und Suizidalität. Der Nervenarzt 2014; 85: 1108–1116 Im Internet: https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-014-4092-9
  3. Wenzel-Seifert K, Wittmann M, Haen E. QTc Prolongation by Psychotropic Drugs and the Risk of Torsade de Pointes. Deutsches Aerzteblatt Online 2011;
  4. Seifert J, Toto S. Persistant genital arousal nach SSRI. Psychopharmakotherapie 2020
  5. https://psychiatrietogo.de/2012/03/26/man-sieht-nur-was-man-kennt-heute-das-serotoninsyndrom/
  6. Dreher J. Psychopharmakotherapie griffbereit, Thieme Verlag. 4. Auflage. 2019

Die Höhe der Zahlungen des Rettungsschirms werden angepasst

Mit Beginn der Corona-Krise hat die Bundesregierung einen Rettungsschirm für alle Krankenhäuser aufgelegt, die es ermöglicht hat, Betten für die Behandlung von Corona-Infizierten, COVID-Kranken und auch für die zusätzlichen Isolierzimmer, Isoliertrakte und getrennte Isolierstationen frei zu halten. Dieser Rettungsschirm hat unzweifelhaft eine wesentlich Rolle dabei gespielt, den Krankenhäusern in Deutschland zu ermöglichen, verschiebbare Operationen zu verschieben und sich so aufzustellen, wie es medizinisch sinnvoll ist. Sicher einer der Punkte, warum Deutschland bislang so gut durch die Krise kommt.

Dabei wurde jeder Klinik für jedes Bett, dass aktuell frei ist und im letzten Jahr belegt war, der gleiche Satz bezahlt. Inzwischen ist klar geworden, dass unterschiedliche Kliniken unterschiedliche Sätze brauchen, um ihren Verlust auszugleichen. Ein vom Gesundheitsministerium eingesetzter Beirat aus Vertretern der Krankenkassen und der Krankenhausgesellschaft hat nun eine Weiterentwicklung vorgeschlagen, die eine Differenzierung der Höhe der Zahlungen nach Bedarf vorschlägt.

Anstelle der bisher einheitlichen Zahlung von 560 € pro Belegungstag sowohl für somatische als auch für psychiatrische Krankenhäuser soll ab dem 1.7.20 eine differenzierte Pauschale, die für die somatischen Krankenhäuser zwischen 360 € und 760 € variiert, treten.

Für die Psychiatrie soll dann folgende Regelung gelten: Ab dem 1.7.20 werden für freie Plätze, die aktuell frei sind, im Vorjahresmonat aber belegt waren, 280 € für vollstationäre Betten und 190 € für freie Tagesklinische Plätze bezahlt. Diese Regelung soll zunächst bis zum 30.09.2020 gelten.

Es ist anzunehmen, dass dieser Kompromiss nun zügig vom Gesundheitsministerium beschlossen werden wird. Das berichtet die Deutsche Krankenhausgesellschaft hier.

Mein persönliches Fazit

Der Rettungsschirm ermöglicht es, die medizinisch sinnvollen Entscheidungen zu treffen, genügend Platz und Isolierbereiche freizuhalten und sich hygienisch gut aufzustellen. Es ist gut, dass dieses Instrument fortgesezt wird, und eine Differenzierung nach Bedarf ist natürlich angemessen. In der Corona-Krise funktioniert das Deutsche Gesundheitswesen erfreulich gut. Natürlich gab es am Anfang eine Knappheit an Persönlicher Schutzausrüstung und Testkapazitäten, aber das war der Natur der Epidemie geschuldet. Der Umgang mit den Herausforderungen und die Aufstellung der Rahmenbedingungen erlebe ich als sehr hilfreich.

Erste Lockerung der Corona-Regelungen in unserem Psychiatrischen Krankenhaus

Die Infektionslage entspannt sich, seit einigen Wochen werden die Schutzmaßnahmen im ganzen Land gelockert, und mit der gelockerten Kontaktregelung in NRW verändern auch wir heute einzelne Regelungen im Sinne einer Lockerung. Wir haben bislang sehr gute Erfahrungen damit gemacht, unsere Regelungen für die medizinischen Bereiche nach medizinischen Gesichtspunkten zu treffen, und sie für die eher allgemeinen Bereiche an den Regelungen für den öffentlichen Bereich des Landes NRW zu orientieren. Hier sind nun ja wieder Gruppengrößen bis 10 Personen unter Wahrung der Abstandsregelungen erlaubt.

Und so haben wir die Gruppengröße für unsere Gruppentherapien ab heute auf 9 Patient:innen und eine Therapeut:in erhöht, natürlich unter Wahrung der Abstands- und Hygienegebote und mit Mundschutz. Wir ermutigen alle Gruppen, das schöne Wetter zu nutzen und Gesprächsgruppen, Bewegungsgruppen, Sportgruppen und auch Gespräche zu zweit im Freien durchzuführen. Auch haben wir die Teilnehmerzahl unserer Frühkonferenz, in in einem sehr großen, gut belüfteten Raum stattfindet, wieder so weit erhöht, dass nun mindestens eine Vertreter:in von jeder Station (pflegerische Stationsleitung oder Stationsärzt:in), das Belegmanagement, alle Oberärzt:innen sowie die Dienstärzt:innen des vergangenen Tages und des aktuellen Tages anwesend sind.

Alle Regelungen zusammengefaßt findet ihr hier:

Video: Was sind eigentlich „Aktive Placebos“?

Hier habe ich das Konzept der Aktiven Placebos noch mal als Video erklärt. Wenn ihr wissen wollt, wie man am besten überprüft, ob Kaffee wach macht, dann schaut euch das Video an!

Was sind „Aktive Placebos“ als Kontrollgruppe für Antidepressiva?

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Ich lese gerade das äußerst interessante Buch „Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen“ von Peter C. Gøtzsche, einem Mitbegründer der Cochrane-Forschungen und dänischem Professor für Innere Medizin. Er vertritt in diesem Buch die These, dass psychiatrische Diagnosen zu häufig gestellt werden und viel zu viele Menschen mit Psychopharmaka behandelt werden. Um ehrlich zu sein, ich bin überzeugt davon, dass er recht hat. Es werden zu viele psychiatrische Diagnosen gestellt, und insbesondere im Bereich der leichten Depressionen werden auch für meinen Geschmack zu viel Antidepressiva verschrieben. Ich selbst würde nun das Kind nicht mit dem Bade ausschütten wollen, natürlich gibt es auch unzweifelhafte psychiatrische Erkrankungen, bei denen die psychopharmakologische Behandlung in meinen Augen einen höheren Nutzen als Schaden bewirkt, aber das stellt auch Gøtzsche gar nicht in Abrede.

In seiner Argumentation bringt er einen interessanten Aspekt ins Spiel, den der „Aktiven Placebos„. Es ist ja so, dass die Wirksamkeit von Antidepressiva am besten in doppelblinden, placebokontrollierten Studien herausgefunden werden kann. Dabei gibt es das Problem, dass gerade die älteren trizyklischen Antidepressiva, auf deren Untersuchung sich unsere Einschätzung der Wirksamkeit von Antidepressiva generell zu einem nicht unerheblichen Teil stützt, so ausgeprägte Nebenwirkungen haben, dass sowohl die Patienten der Studie als auch die Untersucher eben gerade nicht blind dafür gewesen sein konnten, ob ein bestimmter Studienpatient nun die Studienmedikation oder eine wirkungs- und nebenwirkungsfreie Zuckertablette erhalten hat. Die Neigung von beiden, der nebenwirkungsreichen Tablette auch eine höhere Wirkung zuzuschreiben, ist so etwa ein Drittel höher als bei der nebenwirkungsfreien Vergleichstablette. Alleine dieser Unterschied könnte aber schon den Unterschied der beiden Substanzen im Ergebnis der beobachteten Wirkungszuschreibung ausmachen.

Trizyklische Antidepressiva haben vor allem anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit. Diese Nebenwirkung ist dosisabhängig so stark, dass sie jedem an der Studie Beteiligten sofort auffällt. Und nun kommt die Idee: Wenn das Placebo nun nicht Milchzucker, sondern Atropin enthält, das eine genau so ausgeprägte Mundtrockenheit macht wie das Antidepressivum, dann ist die Verblindung wesentlich sicherer. Das heißt „Aktives Placebo“.

Es gibt eine Cochrane-Metaanalyse, die alle mit einem aktiven Placebo verblindeten Studien zusammenfaßt:  „Moncrieff J, Wessely S, Hardy R. Active placebos versus antidepressants for depression. Cochrane Db Syst Rev 2004; CD003012“. Die Zusammenfassung in einfacher Sprache lautet so:

This review examined trials which compared antidepressants with ’active’ placebos, that is placebos containing active substances which mimic side effects of antidepressants. Small differences were found in favour of antidepressants in terms of improvements in mood. This suggests that the effects of antidepressants may generally be overestimated and their placebo effects may be underestimated.

Die Wirkvorteile von Antidepressiva gegenüber Placebo waren vorhanden, Antidepressiva wirkten besser als die aktiven Placebos gegen Depressionen, aber die geschätzte Wirkstärke der Antidepressiva war in allen bis auf einer sehr positiven Studie deutlich schwächer, als in Studien, die Antidepressiva mit nicht aktiven Placebos vergleichen. 

Ich habe das Konzept der aktiven Placebos hier noch mal als Video erklärt:

Mein persönliches Fazit

In meinen Augen sind Antidepressiva bei mittelstarken und starken Depressionen wirkstärker als Placebos. Aber ihre Wirkstärke wird allgemein und meiner Meinung nach auch von Psychiatern und vielen psychiatrischen Patienten eher überschätzt. Studienlage und Leitlinien empfehlen Antidepressiva nicht bei leichten Depressionen, da die Nebenwirkungen in diesen Fällen die Wirkungen überwiegen. Wenn man sich mit aktiven Placebos einen besseren Eindruck von der Wirksamkeit der Antidepressiva macht, dann sinkt deren geschätzte Wirkstärke noch einmal. Wir sollten alle daran mitwirken, Antidepressiva mit Augenmaß einzusetzen und ihre Wirksamkeit gerade bei leichten und psychoreaktiven Depressionen nicht überschätzen.

Prof. Gerhard Gründer stellt seine Vorlesung Psychopharmakologie Sommersemester 2020 kostenlos online

Und zwar hier. In mehreren Modulen kannst Du in didaktisch hervorragenden deutschsprachigen Vorlesungen online und kostenlos eine ausgezeichnete Vorlesung zur Psychopharmakologie sehen und hören. Wenn Corona nur einen Vorteil hätte, dann wäre es vielleicht die Tatsache, dass diese Vorlesung nun für alle zugänglich ist.

Corona Update 15.05.2020

Die Lage in den Kliniken beruhigt sich und die Knappheit von Materialien ist praktisch vorbei. Auch die PCR-Testkapazität ist jetzt so hoch, dass wir unser Aufnahmescreening so verändern konnten, dass wir jetzt nicht nur Patient:innen mit einem besonderen Risikoprofil bei Aufnahme testen, sondern alle Patienten, die stationär aufgenommen werden. Patienten mit planbaren Aufnahmen bitten wir zwei Tage vor der Aufnahme zu uns, um einen Nasen-/Rachenabstrich auf Corona durchzuführen, bei negativem Ergebnis nehmen wir diese Patienten dann auf. Bei ungeplanten Aufnahmen führen wir die Testung am Aufnahmetag durch und isolieren die Patienten bis zum Ergebnis der PCR-Untersuchung. Lediglich Patienten fürs Schlaflabor und die Tagesklinik testen wir nicht, da diese Patienten wie ambulante Patienten täglich draußen sind und also eigentlich täglich getestet werden müssten. Alle Patienten vor einer stationären Behandlung testen zu können erhöht die Behandlungssicherheit auf jeden Fall sehr, es ist gut, dass das jetzt möglich ist.

Das aktuelle vollständige Vorgehen findet ihr hier:

Corona Update 04.05.2020

Vielen Dank für die Rückmeldungen zu meinem letzten Lagebericht! Im Moment wird viel darüber gesprochen, welche Patienten bei Aufnahme ins psychiatrische Krankenhaus per PCR-Rachenabstrich getestet werden sollen und welche Patienten bis zum negativen Testergebnis konsequent isoliert werden sollen. Wir haben unsere Teststrategie heute einen Schritt angezogen und testen und isolieren jetzt auch bei Aufnahme auf die akutpsychiatrische allgemeinpsychiatrische Station jeden Patienten und isolieren bis zum Testergebnis. Bei einer Testung vor 10:00 haben wir das Ergebnis oft schon am Nachmittag. Unsere aktuelle Teststrategie findet ihr hier:

Es gibt kaum noch Angebote, die ganz ausfallen, das sind im Moment noch z.B. Fortbildungen und beispielsweise die Gesangstherapie und weil unsere Kapelle im Krankenhaus liegt, führen wir dort noch keine Gottesdienste durch, die meisten anderen Angebote finden aber wieder normal oder in reduzierter Gruppengröße und natürlich immer unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsgebote durch. Eine Zusammenfassung findet ihr hier:

Alle unsere Maßnahmen im Überblick, in diesem PDF etwas übersichtlicher zusammengefasst seit dem letzten Update, findet ihr hier:

Corona Update 01.05.2020

Wir haben unsere eigene Vorgehensweise zum Corona-Screening aktualisiert, ich habe sie in der Grafik oben dargestellt. Dies ist keine RKI-Empfehlung, es ist lediglich die Art, wie wir es im Moment machen. Es gibt auch Kliniken, die weniger Aufnahmediagnostik und weniger vorsorgliche Isolierungen durchführen, andere Kliniken testen mehr aufgenommene Patienten, einige wohl auch alle, und andere Kliniken isolieren aufgenommene Patienten öfter oder länger. Die Grafik oben erhebt also keinen Anspruch auf allgemeine Richtigkeit; wichtig ist, das jede Einrichtung sich überlegt, wie sie angesichts der aktuellen Gefährdungslage bei welchen Patienten wie vorgeht.

Und wir nach dem Hinweis des RKI, dass nicht nur die Mitarbeitenden im Krankenhaus, sondern auch die Patient:innen in bestimmten Situationen einen MNS tragen sollen, folgende Regelung zusätzlich aufgenommen:

Patient:innen sollen in den Gruppentherapien einen MNS tragen.

Unser Vorgehen vollständig zusammengefasst findet ihr hier:

Wie geht ihr denn vor bei der Aufnahmediagnostik? Schreibt es gerne mal in die Kommentare!

Corona Update 25.04.2020

Die wesentlichen beiden neuen Regelungen sind folgende:

1. Patienten über 65 Jahre, die aus einer Gemeinschaftseinrichtung zu uns überwiesen werden, insbesondere aus einem Krankenhaus, einem Altersheim, einem Wohnheim für psychisch Kranke oder der Notschlafstelle, werden routinemäßig nach Aufnahme zunächst im Einzelzimmer isoliert und es wird eine PCR Testung auf SARS-CoV-2 durchgeführt. Erst bei negativem Befund werden sie entisoliert. Bei anderen neu aufgenommen Patienten wird über die Frage einer Isolierung und einer PCR Testung im Einzelfall entschieden.

2. Laut neuer RKI Richtlinie gehen wir nun so vor: Bei jedem Patienten, der eine Atemwegsinfektion hat, also Halsschmerzen, Husten, Fieber oder Atemnot, führen wir eine PCR-Testung auf SARS-CoV-2 durch und isolieren den Patienten bis zum negativen Ergebnis.

Hier noch mal alle Corona-Regelungen zusammengefasst als PDF:

Corona Update 23.04.20

  • Wir haben jetzt eine allgemeine Mund-Nase-Maskenpflicht für Mitarbeiter:innen spätestens ab Montag eingeführt, entsprechend den Regelungen für NRW im öffentlichen Raum.
  • Wir richten noch mehr Augenmerk auf die Aufnahmeuntersuchungen und Risikostratifizierung von Neuaufnahmen im geriatrischen Bereich.
  • Die Tageskliniken werden ab Montag 8 statt zuletzt 6 Patient:innen (normale Belegung: 14 Patient:innen) behandeln, unter Einhaltung der Abstands- und Hygienegebote.
  • Die Belegung des Krankenhauses steigt kontinuierlich bei ziemlich normalen Aufnahmezahlen wie vor der Corona-Krise; dabei halten wir pro Station ein Zimmer und für das Krankenhaus bestimmte architektonisch getrennt Bereiche frei, für den Fall, dass wir diese für die Behandlung von Corona-positiven Patienten oder Verdachtsfällen, die weder in ein somatisches Krankenhaus passen noch ambulant behandelt werden können, frei; gegenwärtig zeigt sich hier aber kein Bedarf.

Alle Regelungen im aktuellen Überblick zeigt euch dieses PDF:

Heimfinder NRW App

Auf diese App haben wahrscheinlich sehr viele Menschen lange gewartet, jetzt ist sie da und sie funktioniert genau so, wie es der Name Heimfinder NRW vermuten läßt. Man gibt den Namen seiner Stadt in NRW ein, und die App zeigt einem in einer Liste oder auf einer Karte freie Kurzzeitpflegeplätze und freie Dauerpflegeplätze an. In dieser Zeit ist sie hilfreicher denn je. Zu laden in allen AppStores oder im Web nutzbar unter https://www.heimfinder.nrw.de/.

Anonyme Alkoholiker vs. Psychotherapie: Wer ist erfolgreicher in der Alkohol-Rückfallverhinderung?

Dieses Cochrane-Review (1) gibt die Ergebnisse eines Vergleichs zwischen der Teilnahme an Treffen der Anonymen Alkoholiker und der Teilnahme an Psychotherapie wider, bezogen auf die Rückfallhäufigkeit von alkoholabhängigen Menschen. Mich selbst überrascht das Ergebnis nicht: die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ist wirksamer als eine Psychotherapie. Ehre, wem Ehre gebührt. Wir empfehlen alkoholabhängigen Patienten daher immer zuerst die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe und zusätzlich ggf. eine Psychotherapie.

Lest die Zusammenfassung der Autoren:

Authors‘ conclusions: There is high quality evidence that manualized AA/TSF interventions are more effective than other established treatments, such as CBT, for increasing abstinence. Non‐manualized AA/TSF may perform as well as these other established treatments. AA/TSF interventions, both manualized and non‐manualized, may be at least as effective as other treatments for other alcohol‐related outcomes. AA/TSF probably produces substantial healthcare cost savings among people with alcohol use disorder.

Literatur

1 Kelly JF, Humphreys K, Ferri M. Alcoholics Anonymous and other 12‐step programs for alcohol use disorder. Cochrane Db Syst Rev 2020; Im Internet: https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012880.pub2/epdf/standard

Cochrane Bibliothek temporär kostenlos zugänglich

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/reviews

Im Rahmen der COVID-Krise sind einige wissenschaftliche Quellen, vorwiegend COVID im engeren Sinne betreffend, auf vielen wissenschaftlichen Seiten frei zugänglich, um die Forschung und den klinischen Austausch zu unterstützen.

Erfreulicherweise ist auch die Cochrane-Datenbank temporär kostenlos zugänglich, wenn man sich dort bei den Reviews umschaut, findet man alles auf free access. Nutzt das und seht euch mal genauer um!

Hier findet ihr die Cochrane Review-Datenbank.

Pharmakokinetik in Bildern


Ich habe hier mal die beiden grundlegenden pharmakokinetischen Prinzipien in zwei einfachen Grafiken dargestellt. Dabei habe ich in der ersten Grafik das Prinzip dargestellt, dass ein Medikament, hier Fluvoxamin, den Blutspiegel eines anderen Medikamentes, hier Clozapin, erhöhen kann, und das habe ich Blutspiegel-Booster genannt und die ganze Sache grün gefärbt, weil das Ergebnis, das uns interessiert, ein erhöhter Blutspiegel ist. Traditionell wird dieses Beispiel mit der Überschrift Cytochrom P450-Inhibitoren überschrieben, und Inhibitoren klingt nach weniger. Es ist auch weniger Aktivität des abbauenden Enzyms, aber das ist für uns ja völlig uninteressant, uns interessiert ja nur der resultierende Blutspiegel des zweiten Medikamentes, und der geht natürlich nach oben. Daher grün und Booster.

Die zweite Abbildung zeigt das andere Beispiel, die Senkung eines Blutspiegels, hier von Quetiapin, durch ein anderes Medikament, hier Carbamazepin. Ich habe Carbamazepin also Senker genannt und die Grafik rot gefärbt. Traditionell wird dieses Kapitel mit der Überschrift Cytochrom P450 Induktion überschrieben, und man denkt an mehr. Aber auch hier interessiert nicht, dass es mehr Aktivität des abbauenden Enzyms gibt, sondern, dass der Blutspiegel des zweiten Medikamentes eben gerade sinkt.

Was haltet ihr von diesen Darstellungen? Ist es intuitiv oder kontraintuitiv, die Farben nach der Wirkung auf den Blutspiegel des zweiten Medikamentes zu wählen statt nach der Wirkung auf das Cytochrom? Wie einfach kann man den Inhalt der beiden Grafiken erfassen? Was würde die Grafiken besser, einfacher, verständlicher und leichter erfassbar machen? Schreibt eure Gedanken bitte in die Kommentare!

Copyright

Dieser Beitrag und die Grafiken sind ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag oder die Grafiken weiterverwenden möchten.

Leitlinie Opioidtherapie bei chronischen Schmerzen

Die zweite Aktualisierung der Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (LONTS) ist erschienen. Sie ist verfügbar in einer Langfassung für Ärzt:innen1, einer Patientenvariante und einer Kurzform.

Die Leitlinie gibt detailliert zu allen relevanten Krankheitsbildern evidenzbasierte Empfehlungen zum Umgang mit Opiaten als Therapieoption, sie geht auf Nebenwirkungen und Gefahren ein und zeigt eine Fülle an weiterführender Literatur auf, wenn man es wirklich genau wissen will. 

Wenn du im Opioid-Business bist, dann schau mal rein.

Literatur

1Häuser, W. 2. Aktualisierung der S3 Leitlinie „Langzeitanwendungen von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen „LONTS“. Der Schmerz 2020; 34, im Druck. Im Internet: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/145-003.html