Welches Schlafmittel gebe ich wem?

“Ich kann nicht schlafen!” ist eine häufig gehörte Beschwerdeschilderung beim Psychiater, wahrscheinlich bei allen Ärzten. Ich kann jetzt hier nicht alles aufschreiben, was man an dieser Stelle tun sollte, aber ich beschreibe einige wenige Punkte, an denen ich mich orientiere.

Diagnostik

Wenn man mal nicht schlafen kann, ist das keine Schlafstörung, das ist ganz normal. Erst wenn man mehrere Nächte hintereinander sehr wenig schläft UND jeweils am nächsten Morgen nicht-erholt aufwacht, kann man von einer Schlafstörung sprechen.

Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt. Das gilt auch für Schlafstörungen. Es gibt immer eine Ursache für die Schlafstörung, und es ist immer sinnvoll, diese zu behandeln. Das kann eine körperliche Erkrankungen sein, wie etwa eine Herz-oder Lungen Erkrankung, eine Schilddrüsenüberfunktion oder ein Schlafapnoe-Syndrom. Die notwendige körperliche Diagnostik kann von einer einfachen Blutabnahme über verschiedene apparative Untersuchungen bis hin zu einem zweitägigen Aufenthalt im Schlaflabor gehen. Und diese Diagnostik muss halt erfolgen, wenn es entsprechende Hinweise gibt. Natürlich kann auch eine psychische Erkrankung die Schlafstörung verursachen, wie etwa eine Depression, eine Angsterkrankung oder eine Manie. Auch hier ist eine sorgfältige Diagnostik und eine entsprechende zielgerichtete ursächliche Therapie erforderlich. Neben der ursächlichen Diagnostik hat es sich darüber hinaus bewährt, die Schlafstörung beschreibend als “Einschlafstörung”, “Durchschlafstörung” oder “Ein- und Durchschlafstörung” einzuteilen. Auch diese Einteilung gibt diagnostische Hinweise.

Schlafhygiene

Nachdem eine Arbeitsdiagnose gestellt ist, sollte immer eine Beratung erfolgen, welche Verhaltensweisen vielleicht nicht so ideal sind. Folgende Punkte haben sich in der Beratung bewährt:

  • Nicht mehr als drei Tassen Kaffee am Tag. Kein Kaffee, kein Tee und keine Cola nach 16:00.
  • Im Bett nur Schlafen, Lesen oder Sex haben. Nicht fernsehen, nicht streiten und nicht grübeln.
  • Erst ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist. Bleibt man länger als 10 Minuten wach, soll man das Bett verlassen und irgendetwas machen, bis man wirklich müde ist. Dann darf man wieder ins Bett gehen.
  • Alkohol hilft zwar beim Einschlafen, stört aber das Durchschlafen. Langfristig stört Alkohol die Schlafarchitektur. Man soll Alkohol nicht regelmäßig trinken, auch nicht in moderaten Mengen.
  • Sport hilft sehr gut gegen Schlafstörungen. Am besten am frühen Abend, nicht unmittelbar vor dem Einschlafen.
  • Das Schlafzimmer soll kühl, aufgeräumt und schön sein.

Schlafmittel

Schlafmittel sind keine dauerhafte Lösung. Abhängigkeit und Mißbrauch von Schlafmitteln gehören zu den häufigsten Gründen für Schlafstörungen. Schlafmittel sollten daher eigentlich nur in den maximal sechs Wochen gegeben werden, bis die ursächliche Behandlung gewirkt hat. Nach spätestens sechs Wochen sollte man normalerweise alle suchterzeugenden Schlafmittel absetzen, selbst wenn noch eine Schlafstörung beklagt wird.

Hier nun eine Stufenskala von zunehmend wirkstarken schlaffördernden Substanzen:

Stufe Wirkstoff Dosis Bemerkung
1 Warme Milch mit Honig Ein schönes Glas
2 Baldrian 20-40 Tropfen oder Hopfen, Kräutertee,…
3 Doxylamin (z.B. Hoggar night®) 25–50 mg frei verkäuflich
4 Promethazin, (z.B. Atosil®) 25–50mg niederpotentes Neuroleptikum
5 Mirtazapin (z.B. Remergil®) 7,5-15 mg ist ein Antidepressivum
6 Zolpidem (z.B. Stilnox®) Frauen: 5 mg, Männer: 10 mg Halbwertszeit 2-3 Stunden, wirkt gegen Einschlafstörungen
7 Zopiclon (z.B. Ximovan®) 7,5 mg Halbwertszeit 4-6 Stunden, wirkt gegen Ein-und Durchschlafstörungen
8 Diazepam 5-10 mg kumuliert über mehrere Tage zu mehr Wirkung
9 Flunitrazepam 1-2 mg wirkt auch beim manischsten Patienten schlaffördernd

Welches Schlafmittel verordne ich nun wem?

Diagnose Schlafhygiene und Schlafmittel der Stufe:
Früher schon mal eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen gehabt Stufe 1-5
Psychogene Schlafstörung bei Konflikterleben Stufe 1-7
Angststörung Stufe 2-5
Depression Stufe 2-8
Psychose Stufe 4-8
Manie Stufe 4; 6-9

Psychotherapeuten in Ausbildung haben Recht auf Vergütung

Psychotherapeuten in Ausbildung (PIA) sind Psychologen, die ihren Hochschulabschluss in Psychologie in der Tasche haben und nun eine Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen. Diese Weiterbildung enthält neben theoretischer und praktischer Ausbildung zwei Pflichtpraktika über insgesamt 18 Monate in psychiatrischen Kliniken und psychotherapeutischen Praxen. Die Vergütung ist nicht tariflich geregelt. Es ist in den attraktiven Großstädten gängige Praxis, den PIAs wenig bis gar nichts zu bezahlen. Lediglich auf dem Lande wird oft eine Vergütung bezahlt, die bis zum regulären Gehalt eines Psychologen geht, weil die Stellen dort nicht anders zu besetzen sind.

Das Oberlandesgericht Hamm hat am 29.11.2012 für Recht erkannt, dass es sittenwidrig ist, PIAs unentgeltlich anzustellen. Im konkreten Fall wurde einer Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeutin zugesprochen, dass die Klinik ihr rückwirkend für ihren Einsatz 1000€ pro Monat zu zahlen hat. Die Klinik darf noch in Revision gehen.

LAG Hamm, Urteil vom 29.11.2012. Aktenzeichen: 11 Sa 74/12

Originalquelle dieser Nachricht: http://www.bund-verlag.de/aktuelles/2012/12/lag-hamm-nulltarif-fuer-psychotherapeuten-ist-sittenwidrig.php

Nubbelverbrennung aus psychoanalytischer Sicht oder: „Was ist eigentlich Externalisierung?“

In Köln wird jetzt der Nubbel verbrannt. Der Nubbel ist der, der Schuld hat an den Sünden der letzten Tage. Das Gericht befragt das Volk:

„Wer hat Schuld, dass wir unser ganzes Geld versoffen haben?“

„Dat wor der Nubbel!“

„Wer hat Schuld, dass wir fremdgegangen sind?“

„Dat wor der Nubbel! Der Nubbel hat Schuld! Er soll brennen!“

Typischer Fall von Externalisierung…

Also dann mal los…. Der Nubbel hat es ja nun wirklich nicht anders verdient…. 🙂

Psychohygiene Teil 5935: Schreib ein Tagebuch!

Day one

Tagebuch schreiben klingt jetzt ein bisschen old school, aber ich schwöre euch, es ist eine prima Sache. Wann sonst betrachtest Du Dich aus einer etwas distanzierten Sicht? Wann sonst nimmst Du Dir die Zeit, Deine Träume, Wünsche und Pläne festzuhalten? Schwierige Gedanken mal zu klären? Und das alles nachlesbar, so dass Du in ein paar Jahren noch was damit anfangen kannst?

Natürlich will ich hier keinen auffordern, sich so eine Papiersache zu kaufen. Das ist nun wirklich retro. Der moderne Nerd führt sein diary als pdf Dokument oder online. Und kann von überall aus darauf zugreifen: Vom iPhone, iPad und Mac. Mac-ianer nehmen bitte die mehrfach ausgezeichnete App „Day One„. Die macht wirklich Spaß. Foto mit dem iPhone aufnehmen, location automatisch einfügen lassen, ein paar Bemerkungen notieren, und abends am Mac den gleichen, per iCloud gesyncten Eintrag weiter ausformulieren. So geht´s.

Aber auch die Papier- oder pdf-Version ist ihre Zeit wert. Ich mach das seit Jahren und freue mich immer wieder, zu lesen, was mich schon vor 10 Jahren bewegt hat…

Such Dir Deine Vorbilder doch selber aus!

Menschen lernen, wie alle Primaten, viel und gerne am Modell. Bei den anderen Primaten ist es normalerweise so, dass sie im wesentlichen von den Tieren lernen, die in der gleichen Gruppe sind, die mit ihnen verwandt sind oder die in der eigenen sozialen Gruppe ranghoch sind.
Wir Menschen haben aber die Freiheit, uns andere Vorbilder auszusuchen, als die, die wir oft sehen. Wir können uns frei entscheiden, wem wir nacheifern.
Und wir müssen uns nicht mit einem Vorbild begnügen. Wir können für ganz umschriebene Charaktereigenschaften unterschiedliche Vorbilder wählen.

  • Ein bestimmter Oberarzt hat die Aufnahmeuntersuchung immer nach einem bestimmten, sehr guten Prinzip gemacht: Dein Vorbild für Aufnahmeuntersuchungen.
  • Deine Großmutter hatte eine bestimmte, einzigartige Art, familiäre Konflikte zu lösen: Ein Partialvorbild hierfür.
  • Du findest die unhysterische Art, Probleme anzugehen, von Angela Merkel cool, kannst ihrerer Politik aber sonst in vielem nichts abgewinnen: Heiße sie als neues Partialintrojekt für Konfliktlösungen bei komplexem Teamwork willkommen.

Die meisten Menschen machen bestimmte Sachen gut, auch wenn sie vieles anderes nicht so machen, wie ich es übernehmen möchte. Ich kann 94 Aspekte einer Person blöd finden, und mir trotzdem hemmungslos vom 95 Aspekt dieser Person eine Scheibe abschneiden.
Wichtig ist nur, mir bewusst zu machen, von wem ich mir welchen Aspekt abschauen und vielleicht modifiziert übernehmen möchte, und was ich eben gerade nicht übernehmen möchte.
Für mich gibt es nicht eine einzelne Person, von der ich alles übernehmen wollte. Aber ich könnte eine ganze Horde von Leuten aufzählen, von denen ich eine Eigenschaft, Vorgehensweise oder Sichtweise übernommen habe.
Manchmal treffe ich eine Person und denke mir: Dich mag ich gar nicht, ich möchte in praktisch keinem Punkt so sein wie Du. Aber Deine Art [hier beliebige Eigenschaft oder Vorgehensweise einsetzen], finde ich großartig.
Der psychoanalytische Fachbegriff für diesen Vorgang – Charaktereigenschaften, Eigenarten oder Verhaltensweisen anderer Personen, (auch negative…) in das eigene Seelenleben einzubauen – heißt Introjektion. Welche Introjekte hast Du von wem? Welche hast Du, und willst sie eigentlich nicht haben? Welche würdest Du gerne von wem übernehmen?

Erster Geburtstag

Heute feiert dieser blog seinen ersten Geburtstag. Happy birthday!
Vor genau einem Jahr erschien der erste post hier; inhaltlich ging es darum, dass ich wohl mal „Hello World!“ posten wollte und das auch getan habe. Inzwischen habe ich über 140 posts mit hoffentlich etwas mehr Inhalt geschrieben und es ist weiterhin fun.
Bedanken möchte ich mich einmal mehr bei pharmama, Chirurgenwelpe und medizynicus, durch deren frühe links viele Leser auf den blog aufmerksam geworden sind sowie die anderen Medizinblogs, die mir die Ehre eingeräumt haben, mich in ihre blogroll aufzunehmen. Google lenkt täglich verblüffende Mengen an clicks weiter, was mich wirklich freut und motiviert.
Am meisten aber freuen mich die vielen regelmäßigen Leser unter Euch, die mir mit Kommentaren, Gefällt mir´s und allen anderen Rückmeldungen zeigen, dass ein bestimmter post ihnen etwas gebracht hat: Spaß, Bestätigung, Information oder Anregung.
Ich freue mich auf’s nächste Jahr mit Euch,
Euer psychiatrietogo

Das Halber-Besitz-Spiel

Ausmisten

Man hat ja so einiges an Dingen, die man besitzt. Also die meisten haben sogar recht viele Dinge, die sie so besitzen. Bis hin zu ZU VIELE Dinge, die sie besitzen. Ich fände das ungünstig, denn Dinge haben die Eigenschaft, einen zu beschweren. Man denkt irrtümlich, ein Umzug wäre mühsam, man müsse sich um all diese Sachen mal kümmern, etwas könnte kaputt gehen und müsste repariert werden. Also das ist ja nun wirklich psychischer Ballast.

Dabei gibt es bekanntermaßen drei Kategorien von Dingen:

  1. Dinge, die überlebensnotwendig sind und nicht wegzudenken sind (für mich ganz einfach zu erkennen: Auf der Rückseite sind sie mit einem angebissenen Apfel markiert)
  2. Dinge, aus deren Klasse man genau ein Objekt braucht (Bett, Kaffeemaschine, Brotmesser, Schraubendreher der Größe 11…)
  3. den restlichen Pröll.

Mein seit Jahrzehnten erprobtes Mittel, diesem psychischen Ballast Herr zu werden, heißt Halber-Besitz-Spiel und geht so: Man nimmt sich ein Zimmer, ein Regal, von mir aus eine Schublade und guckt sich die darin befindlichen Dinge an.

  1. Kategorie 1 behält man.
  2. Von Kategorie 2 behält man je eins, das hegt und pflegt man aber gut (besser ein regelmäßig geschliffenes Messer als 4 stumpfe)
  3. Von Kategorie 3 wirft man die Hälfte weg.

Das macht glücklich und man vermisst nie etwas – versprochen! Wirklich. Man vermisst NIE etwas. Und fühlt sich erleichtert und befreit.

Willkommen in meinem RSS Reader PsychoSomaDoc

Blogs bieten zwei wesentliche Vorteile:
Erstens: Als Schreiber macht man sich auf eine ganz andere Art Gedanken über das eigene Gebiet, man überlegt nämlich, wie man einem Anderen bestimmte Dinge erklären kann und worauf es sich nach der eigenen Einschätzung lohnt, hinzuweisen. Dadurch betrachtet man die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Und das ist sehr bereichernd! Wer noch keinen blog betreibt, der kann sich für die quälende Sylvesterfrage: „Was nehme ich mir für 2013 eigentlich mal vor?“ ja mal was überlegen…
Zweitens: Als Leser bekommt man Einblicke in die Welt anderer Gebiete, und zwar kurz, meist unterhaltsam und oft auch informativ. Gute Sache…
Und so freue ich mich ganz besonders, mit PsychoSomaDoc einen neuen blog in meinen RSS reader aufnehmen zu können. 
Viel Spaß und viel Erfolg, PsychoSomaDoc!

Kernberg war da…

Also ich kann jetzt nicht ALLES widergeben, was Prof. Otto Kernberg, New York, bei seinem Workshop im Rahmen des Alexianer Therapieforums gesagt hat. Aber eine seiner Lehren fand ich bemerkenswert:

„Der Sinn einer Paarbeziehung liegt darin, miteinander Spaß zu haben…“

Also wenn einer der berühmtesten Psychoanalytiker der Welt das sagt, muss etwas dran sein…

Kernberg kommt nach Köln!

Otto Kernberg ist wahrscheinlich der berühmteste lebende Psychoanalytiker. Er hat grundlegende Werke insbesondere zur Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen geschaffen, es gibt praktisch keine relevante psychoanalytische Diskussion, in die er nicht in den letzten Jahrzehnten involviert war.

Und nun ist er zu Gast im Alexianer Krankenhaus Köln!

Im Rahmen des Alexianer Therapieforums hält Kernberg einen Vortrag zum Thema: „Therapie schwerer narzisstischer Störungen“. Der Vortrag findet am Mittwoch, den 21.11.2012 von 14:00-16:00 statt und ist kostenlos. Unzweifelhaft ist Prof. Kernberg sowohl ein ausgewiesener wissenschaftlicher Experte als auch ein erfahrener Therapeut auf dem Gebiet der Psychotherapie bei schweren narzisstischen Störungen. Ich bin sehr gespannt auf seine Typologie der verschiedenen Ausprägungen der narzisstischen Störungen sowie seine Ausführungen zur Therapie!

Zusätzlich bietet er einen workshop zum Thema „Diagnose und Behandlung suizidalen Verhaltens“ an, und zwar am 20.11.2012 von 09:00 bis 17:00 Uhr und am 21.11.2012 von 9:00-13:00. Der Workshop ist kostenpflichtig. Anmeldungen sind hier möglich.

Junge Frauen mit Wasserflaschen

Liebe junge Frauen mit Wasserflaschen da draußen in der U-Bahn, auf dem Fahrrad, im Supermarkt und auch sonst überall: Warum tragt ihr eigentlich immer und überall diese lächerlichen Wasserfläschen mit Euch herum? Habt ihr denn alle einen tückischerweise seit Jahren unentdeckten Diabetes, oder warum gelingt es Euch nicht, mal eine Stunde ohne Wassertrinken auszukommen?
Um dieses ganze Trinken wird viel zu viel Bohei gemacht. Laßt Euch von ´nem Arzt mal was sagen:
  • Es reicht, wenn ihr trinkt, sobald ihr durstig werdet. Ehrlich, reicht wirklich. Das ist wie beim Essen. Da esst ihr ja auch erst, wenn ihr schon ganz viel Hunger habt. Und? Habt ihr daran Schaden genommen? Nein. Das reicht. Dafür hat Mama Natur den Hunger erfunden. Genau so ist das auch mit dem Trinken. Mama Natur hat den Durst erfunden, um mitzuteilen: Jetzt bitte trinken. Und selbst wenn ihr den ganzen Weg von Zuhause bis zu Eurem Büroarbeitsplatz Durst hättet und nichts tränket würdet ihr nicht verdursten. Versprochen. Das Märchen, wenn man Durst bekommt, ist die heilige Flüssigkeitshomöostase schon zerrüttet, ist eine Erfindung gewisser Firmen, die den halben Liter zu einem Euro dreißig verkaufen. Sie stimmt nicht.
  • Wenn ihr Durst habt, trinkt Wasser. Das kommt in Deutschland aus der Leitung. Echt gute Sache. Euch fehlen weder Natrium, Magnesium, Calzium oder andere „wertvolle Spurenelemente“. Auch braucht ihr keine Sportdrinks, Erfrischungsdrinks oder Vitaminschorlen. Wenn ihr Durst habt, braucht ihr nur Wasser. Den Rest redet Euch täglich die Wasservergoldungsindustrie ein.
  • Ausnahme Eins: Sehr alte Menschen haben manchmal wirklich zuwenig Durstgefühl. Aber 24 ist nicht sehr alt.
  • Ausnahme zwei: Bei Ausdauersport über eine Stunde sind isotonische zuckerhaltige Lösungen wahrscheinlich angenehmer als Wasser, aber auch hier soll man nur trinken, wenn man Durst hat. Von den Sportlern, die bei einem Marathon wegen einer fehlerhafter Flüssigkeitsregulation gestorben sind, sind die meisten gestorben, weil sie zu viel getrunken haben.
  • In der großen Medizin ist es übrigens nicht anders. Es gibt eine sehr alte Kontroverse, ob man nach raschen Blutverlusten nur Wasser ersetzt (Ringer-Lösung) oder eine Infusionslösung, der eine spezielle Form von Stärke beigemengt ist (HAES). Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie hat nun gezeigt, dass die Gesamtmortalität unter HAES bei Patienten mit einer Sepsis deutlich gröser ist als unter Ringer. Die Firma Fresenius, die eine Variante von HAES produziert, hat dem leitenden Wissenschaftler nun mal gleich juristische Schritte angedroht. Sehr spannend nachzulesen unter http://neuroskeptic.blogspot.de/2012/08/a-bloody-mess-pharma-legal-threats-and.html
Ich zum Beispiel bin gestern ohne Handy aus dem Haus gegangen. Ich habe überlebt. Nun seid ihr dran! Traut Euch einfach mal ohne 1,50€ Goldwasserflasche auf die Straße! Viel Glück!

Buchempfehlung: The naked pilot, 1995

Im Internet liest man ja viele Buchempfehlungen, zumeist von neu erschienenen Büchern. Ich habe jetzt im Urlaub „The naked pilot“ von David Beaty gelesen. Das Buch ist 1995 erschienen und ist komplett absolut topaktuell und wirklich spannend zu lesen.
Es handelt von menschlichen Fehlern, die zu Flugzeugunfällen geführt haben. Schon das 1995 geschriebene Vorwort ist der aktuellen Diskussion, was im medizinischen Bereich zu Fehlern führt, um Jahre voraus. Die weit überwiegende Zahl an Fehlerquellen im Cockpit kann man 1:1 auf Fehlerquellen in OP’s oder medizinischen Behandlungsteams übertragen. Die Jungs aus der Luftfahrt haben sich nur im Gegensatz zum medizinischen System wesentlich früher und konsequenter um die Identifizierung und extensive Implementierung von Ausbildungen, Routinen und Maßnahmen gekümmert, solche Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden. 1995 war der Stand, dass noch 25 % der Fehler, die zu Unfällen in der Luftfahrt führten, technischer Natur waren, wie explodierende Triebwerke oder abfallende Fahrgestelle. 75 % der Fehler waren auf menschliche Fehler zurückzuführen. Und damit sind nicht fliegerische Pilotenfehler gemeint, sondern Fehler, die der menschlichen Art zu handeln oder zu interagieren eigen sind. Die Analyse solcher Fehlerquellen auch in der Medizin konsequent zu erforschen, um sie zu verhindern, müßte weitaus intensiver geschehen (siehe auch dieses Video über CRM in Luftfahrt und Medizin).
Beaty identifiziert folgende typische Fehlerquellen, nach Häufigkeit geordnet:
Kommunikation, mit der Crew, dem Tower und dem Management: Hiermit zusammenhängende Fehler sehen oft so aus, dass einer etwas falsch macht, mindestens ein anderer das weiß, er aber mit seinem Wissen irgendwie nicht durchkommt, weil er es nicht sagt, nicht klar genug sagt, nicht sagen will, sich nicht zu sagen traut, glaubt, es nicht sagen zu dürfen oder es sagt aber nicht angemessen gehört wird. Eine ausgeprägte Hierarchie verschlechtert diese Art von lebenswichtiger Kommunikation rapide.
Wahrnehmung: Sehe ich das kreuzende Flugzeug? Sehe ich es auch, wenn der Fensterrahmen genau da ist, wo das Flugzeug zu sehen wäre?
– „Deadly Set“: Die Voreingestelltheit auf einen bestimmten Gedanken oder ein bestimmtes Detail einer Situation. Beaty beschreibt zahlreiche Unfälle, bei denen die Crew versuchte, sich einem Aspekt einer Situation zu stellen, von dem sie dannganz eingenommen war, und übersah einen anderen, lebenswichtigen Aspekt. Eine Katastrophe nahm ihren Lauf, als die Lampen im Cockpit, die anzeigen, ob das Fahrwerk ausgefahren ist, nicht leuchteten, weil sie durchgebrannt waren. Das Fahrwerk war tatsächlich aber korrekt ausgefahren, das Flugzeug hätte seinen Landeanflug fortsetzen können, es wäre nichts passiert. Da aber die Kontrolleuchten defekt waren, verfestigt sich der Gedanke an eine Crash- Notlandung in der Crew. Sie wollte möglichst viel Zeit zur Vorbereitung haben, auch um die Passagiere vorzubereiten. Dabei verabsäumten sie es, das zu tun, was für eine solche Situation vorgeschrieben ist, nämlich, tief am Tower vorbei zu fliegen und die Towerbesatzung mal nachgucken zu lassen, ob das Fahrwerk vielleicht doch ausgefahren ist. Die Crew war so lange auf dieVorbereitung der Notlandung konzentriert, bis sie nach dem Fliegen mehrerer Runden zwei Kilometer vor der Landebahn mit ausgefahrenem Fahrwerk im Wald abstürzten. Der Sprit war leer.
– Getäuscht werden
– Das männliche Ego (hier bitte beliebige Kontexte ausdenken und den immer gleichen Mechanismus beobachten…)
– Entscheidungsfindung: In kurzer Zeit unter hohem Druck die richtige Entscheidung zu treffen unterliegt einer ganzen Reihe von menschlichen Beschränkungen. In der Medizin eher noch komplexer als in der Luftfahrt…
– In kritischen Situationen greift der Mensch auf früh gelerntes zurück, nicht auf später gelerntes. In beiden Welten kritisch…
– Automation
– Sinkende Konzentration, Langeweile und Abgelenktheit: Vor allem bei monotoner Kontrolle, wie der Überwachung einer mehrstündigen Narkose.
– Konformität: Der starke menschliche Drang, lieber konform mit der Gruppe oder dem Vorgesetzen zu gehen als anzuerkennen, dass Gruppe oder Chef auf dem falschen Weg sind und dies klar zu sagen.
– Seitenfehler: Aviation: „Was, das andere Flugzeug flog auch nach rechts?“. Medizin: „Was, die kranke Niere war die rechte?“
– Erschöpfung und Streß: Luftfahrt: Am Ende eines mehrstündigen Flugen passieren die weitaus meisten Fehler bei der Landung. Medizin: Nach einem langen Nachtdienst in den frühen Morgenstunden bei drei gleichzeitigen Aufnahmen….

Persönlichkeitstest online

Persönlichkeitstest online

Gute Online Tests zu finden ist schwierig. Hier habe ich nun einen gefunden, den ich wirklich empfehlen kann:

http://www.psychomeda.de/online-tests/persoenlichkeitstest.html

Er testet auf die „Big Five Faktoren“ der Persönlichkeit, das wissenschaftlich am weitesten anerkannte Modell der Persönlichkeitsstruktur des Gesunden. Unterschieden werden die Ausprägungen:

  • Neurotizitismus
  • Extraversion
  • Offenheit für Neues
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit
Das Ergebnis dieses Testes ist eine Einordnung der Persönlichkeitsstruktur des Testteilnehmers, welche Ausprägung er auf den oben genannten 5 Achsen erreicht. Der verlinkte Test zeigt die Ergebnisse in einer Grafik an und erklärt die einzelnen Achsen. Darüber hinaus gibt er Werte für die Grundbedürfnisse nach Anerkennung und Leistung, Sicherheit und Einfluss und Macht aus. Die Durchführung dauert etwa 20 Minuten, das Ergebnis wird sofort angezeigt und ist kostenlos. So wünscht man sich das!
Ich habe den Test gemacht und denke, er gibt ein zutreffendes Ergebnis wieder. Das Ergebnis im Bild oben ist allerdings bei einem zweiten Durchgang durch zufälliges Auswählen der Items entstanden…

Auf der Website www.Psychomeda.de gibt es noch eine Reihe weiterer, sehr interessanter Online-Tests, so zum Beispiel zur Emotionalen Intelligenz, zum Erziehungsstil, zur Konzentrationsfähigkeit, zur Intelligenz und zum Thema Burnout. Für private Zwecke sind alle Tests frei zugänglich, für Therapeuten werden online Tests kostenpflichtig lizensiert.

Die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen ist davon strikt zu trennen, hier ist der SKID II das häufigste eingesetzte Instrument. Das Ergebnis ist eine Einstufung, welche Persönlichkeitsstörung vorliegen könnte.

Coursera.org

iTunes U ist zum Glück nicht das einzige Portal für exzellente Online Vorlesungen auf verschiedenen Gebieten. Ich habe jetzt gerade coursera gefunden, eine Platform für Vorlesungen und Online Kurse, die mit den Universitäten Princeton, Stanford, Michigan und Pennsylvania zusammenarbeitet.

Es gibt keine Entschuldigung für langweilige Vorlesungen. Ich selbst denke, dass in einigen Jahren die Uni- Ausbildung in vielen Fächern so aussehen wird, dass die großen Vorlesungen zu den immer wiederkehrenden grundlegenden Themen von den meisten Studenten online gesehen werden, und zwar Vorlesungen von einigen Stars der Szene, die wirklich sehr gute Vorlesungen machen. Die Vorlesungssprache wird dabei wohl sehr häufig Englisch sein, was gut ist.

Workshops, Übungen, Vertiefungen, Kleingruppenseminare und natürlich die Prüfungen werden dann offline, real und so richtig old school vor Ort durchgeführt.

Das gute ist, dass man den spannendsten Teil, die Vorlesungen, auch einfach so gucken kann…

p.s.: Leser dieses blogs könnten zum Beispiel diese Vorlesung über Grundlagen der Pharmakologie interessant finden…

Geld macht allein

Geld allein macht nicht glücklich. Das ist nicht neu. Aber es macht einsam. Eine sehr spannenden Studie aus Science 2006 untermauert dies. In  „The Psychological Consequences of Money“ von Kathleen D. Vohs et al. berichten die Autoren über 9 Experimente, in denen sie einmal einen mit Geld assoziierten Schlüsselreiz und einmal einen neutralen Schlüsselreiz gesetzt haben. So mussten die Teilnehmer des Experimentes beispielsweise am Monitor einen Fragebogen ausfüllen. Nach kurzer Zeit kam ein Bildschirmschoner, der bei der einen Hälfte der Versuchspersonen Geldscheine zeigte, bei der anderen Hälfte erschienen Fische. Das reichte bereits aus, um das Verhalten der Versuchspersonen danach deutlich zu ändern: Kurz nach Erscheinen des jeweiligen Bildschirmschoners wurden die Versuchspersonen aufgefordert, einen zweiten Stuhl neben den eigenen Stuhl zu rücken, es käme noch eine zweite Versuchsperson dazu. Die Testteilnehmer, die die Geldscheine gesehen haben, rückten den Stuhl fast einen halben Meter weiter vom eigenen Stuhl entfernt an den Tisch als die Teilnehmer, die die Fische gesehen haben!
In einem zweiten Experiment spielten die Experimentatoren mit den Versuchspersonen Monopoly. Einer Gruppe gaben sie 4000 $ Spielgeld, einer Gruppe 200 $ Spielgeld und einer dritten Gruppe gar kein Spielgeld. Danach wurden sie einzeln unter einem Vorwand auf den Flur gebeten. Dort ließ eine Experimentatorin eine Handvoll Bleistifte fallen. Je mehr Spielgeld die Versuchspersonen zuvor gehabt hatten, desto weniger Bleistifte hoben sie für die Experimentatorin auf.
Eine Vielzahl von ähnlichen Experimenten unterstützen sehr stark das Erklärungsmodell, dass die Präsenz von Geld die Menschen dazu verändert, mehr auf sich selbst zu setzen statt auf Hilfe und Hilfsbereitschaft. Sie versuchen eher, sich autonom zu verhalten, Dinge auf eigene Faust zu machen. Die gefühlte und in Experimenten auch immer wieder messbar gemachte Distanz zu anderen Menschen steigt deutlich, soziale Interaktionen sinken deutlich. Geld macht also autonomer, aber auch einsamer.
In einer modernen Dienstleistungsgesellschaft setzen reiche Menschen ohnehin mehr auf Umzugsunternehmen statt auf Nachbarn und Freunde, auf Abendessen im Restaurant statt auf große Nudeltöpfe mit vielen Freunden, auf Babysitter statt auf befreundete Eltern. Das soziale Netz wird dadurch dünner.
Der zusätzliche Reichtum der reicheren Industrienationen macht ihre Völker nicht glücklicher als die Menschen ärmerer Völker. Dieser als Easterlin-Paradox bekannte Zusammenhang könnte sich dadurch erklären, dass die Abnahme der Intensität sozialer Beziehungen den Menschen mehr verängstigt, psychisch labiler und einfach weniger glücklich macht, als das zusätzliche Geld an Glück irgendwie aufwiegen kann.
Ein Buch zum Thema: 
http://www.amazon.de/wei%C3%9F-nicht-wollen-soll-ebook/

Was ist eigentlich CBASP?

Bookcover
Manualisierte Psychotherapien sind in der modernen Psychotherapieforschung sehr beliebt. Das liegt zum einen daran, dass man sie besser erlernen kann und zum anderen daran, dass man sie besser erforschen kann. Sehr häufig diskutiert und auch klinisch inzwischen zunehmend häufig angewendet wird bei der Therapie chronischer Depressionen in letzter Zeit ein Verfahren, dass der US-amerikanische Psychologe James P. McCullough 2000 erstmalig vorgestellt hat.

CBASP kürzt dabei Cognitive Behavioral Analysis System OPsychotherapy ab. Die website dazu findet ihr unter www.cbasp.org.

Es ist das bislang einzige psychotherapeutische Verfahren, das speziell für chronisch depressive Patienten entwickelt wurde. Es umfasst behaviorale, kognitive, interpersonelle und psychodynamische Strategien. 

Das zugrunde liegende Modell postuliert, dass chronisch depressive Patienten schon sehr frühzeitig dysfunktionale Prägungen internalisiert haben, und nun die Welt durch diese verzerrte Brille sehen. Das verhindert, dass sie erkennen, dass neue Erfahrungen eigentlich nicht mehr so schlecht sind wie die alten, dysfunktionalen. Chronisch depressive Patienten seien nun in besonderem Maße nicht in der Lage, sich diesbezüglich umzustellen. Der Therapieerfolg hängt dann in besonderem Maße damit zusammen, dass der Therapeut vermitteln kann, dass die früheren dysfunktionalen Prägungen zwar die Sicht auf heute Erlebtes beeinflussen, dass diese Sicht der Dinge aber eben nicht mehr in vollem Umfang angemessen ist, sondern dass aktuelle Bezugspersonen, etwa der Therapeut, anders handeln als frühere prägende Bezugspersonen.

Das Vorgehen bei der CBASP Therapie erfolgt in der Regel nach folgenden Abschnitten:

– Zunächst werden frühere prägende Bezugspersonen identifiziert (es wird eine Liste von bis zu 6 Personen erstellt). 

Z.B. „In meiner Kindheit spielten Mutter, Vater, Oma und Tante Luise eine wichtige Rolle für mich“

– Dann werden die wesentlichen Prägungen durch diese Personen besprochen.

Z.B.: „Meine Mutter vermittelte mir immer, ich sei nicht wichtig, meine Probleme seien irrelevant. Sie schickte mich immer weg, wenn ich sie wirklich brauchte und sagte mir, sie habe Wichtigeres zu tun.“

– Es werden dann vorausschauend und offen besprochen Übertragungshypothesen formuliert, also die Frage besprochen, welche Erwartungen beziehungsweise Befürchtungen aufgrund der zuvor festgestellten Muster der Patient auch an den Therapeuten haben könnte und welche Auswirkungen das haben könnte.

Z.B.: „Für Sie bin ich doch auch nicht wichtig. Wenn ich wirklich ein Problem habe, helfen Sie mir bestimmt nicht, Sie haben sicher immer etwas viel Wichtigeres zu tun, als mir zu helfen, wenn ich Sie brauche.“

– Dann wird ein interpersonelles Element, der „Kiesler Kreis“ eingeführt. Im Kiesler Kreis wird das zwischenmenschliche Verhalten auf den Achsen Dominant vs. Submissiv und Feindlich vs. Freundlich beschrieben. Dadurch lernt der Patient, seine Wirkung auf Andere besser einzuschätzen und neue Verhaltensweisen zu durchdenken.

Z.B.: „Wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihnen sicher nicht wichtig bin, könnten Sie das als Feindlich und Submissiv wahrnehmen. Sie könnten dann ebenfalls auf Distanz gehen und vielleicht sehr Dominant und vielleicht entwertend auf mich reagieren. Würde ich diese Erwartungen Ihnen gegenüber nicht haben, wären auch Sie vielleicht eher freundlich und weniger dominant…“

Im nächsten Schritt geht es dann darum, aktuell schwierige Situationen im Rahmen einer Situationsanalyse zu beschreiben. Wenn die Situation in der Therapie auftritt, kann durch disziplinierte persönliche Einlassung mit anschließender Interpersoneller Diskriminationsübung eine neue Erfahrung gemacht werden.

Z.B. (Therapeut): „Sie haben mir berichtet, dass es Ihnen letzte Woche nach einem Streit mit Ihrem Freund sehr schlecht ging. Und ich war nicht da, sondern auf einem Kongress, das hatte ich Ihnen letze Woche gesagt. Dann haben Sie gedacht, Sie wären mir nicht wichtig, ich sei immer mit etwas anderem beschäftigt, wenn Sie mich bräuchten. Tatsächlich sind sie mir sehr wichtig. Ich hätte mich gefreut, wenn sie mir eine email geschickt hätten. Ich hätte ihnen sicher geantwortet. Lassen Sie uns den Streit mit Ihrem Freund heute besprechen, das ist mir sehr wichtig.“

Der Patient lernt dadurch, dass heutige Personen sich nicht so verhalten müssen, wie er es früher immer erlebt hat, und dass sein Verhalten wichtig ist, um heutigen Mitmenschen überhaupt zu ermöglichen, sich anders zu verhalten.

In der Psychotherapieforschung zeigte sich, dass chronisch depressive Patienten sehr gut auf diese Therapie ansprechen, im Verlauf der Therapie sehr an psychosozialer Leistungsfähigkeit gewinnen und dass CBASP anderen Therapieverfahren, die nicht auf chronische Depressionen ausgerichtet sind, wie IPT, bei dieser Patientengruppe überlegen ist.

Co-vary or die

Also ich wiederhole mich ja gerne: Einer meiner Lieblingsblogs ist neurosceptic.  Und ich möchte gerne auf den Artikel Co-Vary or Die hinweisen. Dieser Artikel verdeutlich sehr schön die (Lebens-) Notwendigkeit, statistische Daten sehr sorgfältig zu analysieren. Einer der häufigsten Fehler, die dazu führen, dass man tatsächliche Zusammenhänge übersieht oder nicht vorhandene Zusammenhänge fälschlich sieht, ist, dass man eine bedeutende Kovarianz übersieht.

Ein typisches Beispiel findet sich in einer Veröffentlichung, die prüft, ob die Gabe von Ziduvudin (AZT, eines der ersten HIV Medikamente) im Sinne einer Post-Expositionsprophylaxe nach Nadelstichverletzung die Manifestation einer HIV Infektion verhindert.

Erstes Ergebnis: Nein. Personen mit und ohne Prophylaxe entwickeln gleich häufig HIV. Konsequenz: Eine Post-Expositionsprophylaxe ist sinnlos.

Zweites Ergebnis: Eine Kovariationsanalyse ergab, dass Leute mit tieferen Stichen, schwereren Verletzungen, großer Gefahr einer Infektion sehr viel häufiger die Post-Expositionsprophylaxe betrieben haben als Leute mit nur sehr kleinen Verletzungen. Und dann lagen beide Gruppen gleich. Hätten die Leute mit den schweren Verletzungen keine Prophylaxe betrieben, hätten sie sehr viel häufiger HIV entwickelt als die Gruppe der Leute mit kleinen Verletzungen. Ergebnis: Eine Post-Expositionsprophylaxe ist sinnvoll und rettet Leben.

Man muss immer gucken, ob es einen erklärenden weiteren Faktor gibt. Rotweingenuss verlängert das Leben? Und welche Merkmale haben Rotweintrinker noch, die vielleicht das Leben verlängern? Mehr Freunde, einen gelasseneren Charakter? Wenn das nicht untersucht ist, ist unklar, ob Rotwein nun wirklich das Leben verlängert oder nur eine Kovariate. Und glaub mir: Man kann nie alle relevanten Variablen erfassen…

Tradition und Kultur bei uns Primaten

Kinder lernen durch Nachahmung. Aber orientieren Sie sich daran, was sie besonders oft sehen oder daran, was sie bei besonders vielen verschiedenen anderen Menschen beobachtet haben? Und wie machen das eigentlich die anderen Primaten?
Im ersten Teil einer Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen haben Forscher untersucht, ob Kinder und Menschenaffen sich das am häufigsten demonstrierte Verhalten aneignen oder ob sie das von den meisten Individuen demonstrierte kopieren. Zweijährige Kinder, Schimpansen und Orang-Utans konnten dabei eine Belohnung von einer aus drei farbigen Teilabschnitten bestehenden Apparatur erhalten, wenn sie einen Ball – wie zuvor vier „Vorspieler“ – in einen Abschnitt einwarfen. Einer der Vorspieler wählte dafür dreimal denselben Teilabschnitt, die drei anderen wählten je einmal einen anderen Abschnitt. Anschließend durften die Beobachter selbst einen Ball in einen der drei Teilabschnitte werfen.
Das Ergebnis: Die meisten der Schimpansen und Kinder suchten den Teilabschnitt aus, den auch die Mehrheit gewählt hatte. Sie orientieren sich also daran, wie viele andere Individuen etwas machen.
Im zweiten Teil der Studie analysierten die Wissenschaftler, ob die Häufigkeit, mit der die Vorspieler einen Teilabschnitt auswählten, für die eigene Wahl ausschlaggebend war. Der Studienaufbau war ähnlich wie zuvor, mit einem Unterschied: Nur jeweils zwei Kinder, Schimpansen oder Orang-Utans demonstrierten die Aktion. Ein Vorspieler warf drei Bälle in einen der farbigen Teilabschnitte und erhielt dafür pro Ball eine Belohnung. Der zweite warf nur einen Ball in den anders farbigen Teilabschnitt und erhielt dafür eine Belohnung.
Das Ergebnis: Schimpansen und Orang-Utans wählten anschließend offenbar zufällig einen Teilabschnitt, während sich die meisten Kinder für den Teilabschnitt entschieden, in den mehr Bälle geworfen wurden.
Orang-Utans haben also den Schuss nicht gehört, sie werfen in irgendeinen Abschnitt, ohne Berücksichtigung ihrer gerade gemachten Beobachtungen. ->; Keine Weitergabe von Kultur. Eine mögliche Erklärung ist, dass Orang-Utans im Gegensatz zu Menschen- und Schimpansengruppen als Einzelgänger in losen Gruppengefügen zusammenleben. Soziales Lernen außerhalb der Mutter-Kind-Beziehung spielt daher bei ihnen möglicherweise eine kleinere Rolle. Aber wer fühlt sich auch schon Orang-Utans verbunden…
Schimpansen orientieren sich interessanterweise im Zweifel nicht daran, was sie am häufigsten gesehen haben, sondern daran, was sie bei den meisten anderen Schimpansen beobachtet haben. ->; Kultur und Tradition, orientiert an der beobachteten Mehrheit der anderen Individuen.
Zweijährige Kleinkinder richten sich vorrangig nach der Anzahl der beobachteten Individuen, darüber hinaus bei Gleichstand auch nach der Häufigkeit, in der sie die Dinge beobachten. ->;Kultur und Tradition, ausgefeilt.
Conclusio für die Kindererziehung: Mehr verschiedene Bezugspersonen, die sich an der Erziehung beteiligen, führen zu einem noch kultivierteren Kind…

Mediziner Test 2.0

Wer in den Jahren 1986-1996 beginnen wollte, Medizin zu studieren, kennt sie: Die Schlauchfiguren sind Teil des Medizinertests, der damals von jedem Bewerber absolviert werden musste. Zusammen mit der Abiturnote entschied er, wer einen der begehrten Studienplätze bekam. Die Validität, also die Frage, ob dieser Test unterscheiden kann, ob ein Bewerber später ein guter Arzt wird oder nicht, galt schon immer als sehr bescheiden. Er testet überwiegend generelle kognitive Fähigkeiten, spezielle ärztliche Fähigkeiten testet er eher nicht. Dabei wird speziell über die Schlauchfiguren immer gesagt, sie testeten das räumliches Vorstellungsvermögen, das ja bei Operationen tatsächlich wichtig ist. Na ja…
1996 näherte die Anzahl der Bewerber sich der Studienplatzzahl an, der Medizinertest wurde nicht mehr flächendeckend eingesetzt. Da die Studienbewerbungen wieder stark angestiegen sind, wurde der Medizinertest im Wintersemester 2007/08 in Baden-Württembergwieder ins Leben gerufen. Derzeit nutzen – neben den vier baden-württembergischen Hochschulen mit einer medizinischer Fakultät (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Universität Heidelberg (Medizinische Fakultäten Heidelberg und Mannheim),Universität Tübingen und Universität Ulm) – die Universität Bochum, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, die Universität Leipzig, die Universität zu Lübeck und die Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Testergebnisse bei der Zulassungsentscheidung.
Die Universität Bonn bietet nun etwas ganz anderes an: Die Studienberatung hat für eine große Anzahl an Studienfächern (Agrarwissenschaften, Archäologie, Asienwissenschaften, Biologie, English Studies, Geodäsie….) Online Self Assesments erstellt, das sind online-Fragebögen, mit denen man testen kann, ob ein bestimmtes Studienfach einem vielleicht liegt oder nicht. Man kann sich registrieren und die Ergebnisse mehrere Tests speichern oder einen unterbrochenen Test fortsetzen, oder unregistriert einen Test durchführen; hier geht’s zum Beispiel direkt und unregistriert zum Test, ob ein Medizinstudium vielleicht zu einem passen könnte.
Der Test fragt recht praxisnah einiges aus der Realität des Studiums und des Arztberufes ab, so dass die Zwischenergebnisse, die einem nach jedem Abschnitt online präsentiert werden, wenigstens einen echten Bezug zum Studium bzw. zum Arztberuf haben und einem sagen, wie weit man mit seinen Erwartungen daneben liegt oder richtig liegt. Wenn man noch gar keine rechte Idee hat, was man studieren soll, können die vielen OSA´s einem möglicherweise helfen. Wenn man ein Studienfach im Kopf hat, und der OSA sagt einem, dass die Erwartungen, die man mit dem Studium oder dem späteren Beruf verbindet, ganz daneben liegen, sollte man vielleicht mal ein Praktikum erwägen.
Für alle anderen gilt weiterhin: Wenn es Dich fasziniert, musst Du es machen. Trotz allem…

Traumfänger 2.0

Psychiater interessieren sich doch für Träume, oder?

Die Seite ist zwar auf Englisch, aber sie ist wirklich sehr spannend zu lesen: sawlogs.net verzeichnet unzählige Träume der dort aktiven Mitglieder, die man nach Schlagworten oder Mitglied sortiert lesen kann. Spannend.

Weniger schön aufgemacht, aber mit 20.00 Träumen deutlich größer ist www.dreambank.net, eine Seite der University of California, Santa Cruz. Man kann sich Träume zufällig ausgeben lassen oder nach Stichworten durchsuchen. Sehr interessant.

Weißt Du, welches der häufigste Traum ist? Verfolgt zu werden ist der häufigste Traum.

Kent jemand eine vergleichbare Seite wie sawlogs.net auf Deutsch? Vielleicht eine, auf der man sich anmelden kann und sein persönliches öffentliches oder privates Traumtagebuch führen kann, und auf dem Träume der anderen zu lesen sind? Ich habe bislang noch keine gefunden.