False Memories

Ich gelobe, hier jetzt nicht meine 100 liebsten TED-Talks zu verlinken. Aber dieser Vortrag hier erklärt in 17 Minuten sehr sehr anschaulich die Gefahren von induzierten, falschen Erinnerungen in Bezug auf Gerichtsverhandlungen und auch bestimmte psychotherapeutische Techniken. Sehr sehenswert!

Grau

Liebe Therapeutinnen und Therapeuten,

die Welt ist nicht Schwarz-Weiß. Auch nicht die Kindheit Ihrer Klientinnen und Klienten.
Bitte sagen Sie daher nicht immer:

Sie hat in ihrer Kindheit nie Liebe und Anerkennung gefunden. Sie konnte nie über ihre Gefühle sprechen, das muss sie jetzt alles erst ganz neu lernen.

Die weitaus meisten Menschen haben nicht nur negative Erfahrungen gemacht, nicht mal in ihrer KINDHEIT (so grausam diese Zeit aus Sicht mancher Psychotherapeuten auch oftmals sein muss).

Sagen Sie bitte lieber: “Sie hat oft / immer wieder / manchmal einen Mangel an Anerkennung und Liebe erfahren. Es fällt ihr schwer, über ihre Gefühle zu sprechen.”
Sprache konstruiert nämlich auch Realität. Daher ist es wichtig, in der Sprache die Realität differenziert abzubilden. Und eben auch die Ressourcen der KlientInnen mit abzubilden. Hier setzt nämlich die Genesung an.

Und dann gibt es manche Menschen, die manches wirklich nicht erfahren haben. In diesen Fällen formulieren Sie es dann so. Aber nur in diesen Fällen.

Normal -Gegen die Inflation Psychiatrischer Diagnosen

Die USA sind das einzige Land der Welt, in dem Pharmaunternehmen das Recht haben, direkt am Patienten Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente zu machen.

Quelle: "Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen." Lese-Position 735

Kein Wunder, dass in Amerika gerade Psychopharmaka weitaus häufiger verschrieben werden als in den meisten anderen Ländern der Welt. Der Arzt hat die Aufgabe, die wirklich Kranken von den Gesunden zu unterscheiden. Die Ausweitung des Krankheitsbegriffes im Bereich der Psychiatrie schadet allen:

  • Sie schadet den unnötig behandelten Gesunden, die besser einen anderen Weg finden könnten, ihren Beschwerden zu begegnen
  • Und sie schadet den wirklich Kranken, für die immer weniger klar ist, dass ihnen die Psychiatrie und möglicherweise auch ihre Medikation helfen kann.

Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich kritisch mit der Erweiterung des Diagnosesystems im DSM-5 auseinandersetzen wollen.

Die Stimmen in meinem Kopf

www.ted.com ist immer wieder ein wirklich interessanter Platz, um neue Gedanken kennen zu lernen. Ich empfehle es statt des werbezertrümmerten passiven Glotze guckens.

In diesem Video spricht eine Psychologin, die an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie erkrankt ist, über ihre Krankheitsverarbeitung. Für sie sind die Stimmen in ihrem Kopf eine gesunde Reaktion auf krankmachende Ereignisse. Sie ist Mitglied der Vereinigung Intervoice, die Stimmenhören nicht unbedingt als ein Symptom sehen, sondern die es normal finden.

Ich selbst habe immer noch ein ganz anderes Verständnis von Stimmen hören: für mich sind sie sehr wohl ein Krankheitssymptom, und ich versuche, den Menschen zu helfen, dieses Symptom loszuwerden. Ich gehe davon aus, dass der Inhalt der halluzinierten Stimmen in aller Regel keinen hilfreichen Hinweis auf unbewusste Prozesse gibt.

Das 15-minütige Video ist dennoch sehr interessant und sehenswert. Zum einen zeigt es deutlich, dass die Bewertung von Symptomen fundamental unterschiedlich sein kann. Zum zweiten ist es wichtig, zu wissen, dass es diese Vereinigung in den meisten Ländern gibt. Immer mal wieder erzählt mir ein Patient davon, so dass es gut ist, davon schon einmal gehört zu haben. Und schließlich zeigt es einmal mehr, dass es für den betroffenen Patienten nicht immer hilfreich ist, wenn ihm ein Weltbild aufgedrängt wird, dass er nicht teilt. Statt dessen betont Eleanore Longden den Wert von Respekt, Ermutigung und Hoffnung geben.

Die Gefahr der Bewegung Intervoice ist, dass ein gut behandelbares Symptom einer bisweilen tückischen Krankheit ganz falsch als sinnstiftendes gesundes Erleben eingeordnet wird, und damit eine mögliche Behandlung verhindert wird.

Stimmenhören ist in meinen Augen ein Symptom einer Krankheit, die oft noch viele weitere Symptome verursacht, die den Erkrankten in seiner Integrität erheblich angreifen und auch auf Dauer schädigen können. Diese Krankheit wirksam zu behandeln ist ein wichtiges Ziel, und sehr oft ist diese Behandlung in kurzer Zeit erfolgreich. Diejenigen, für die die Stimmen aus dem Kopf nach einer kurzen Behandlung verschwunden sind, vermissen sie auch nicht. Es gibt sicherlich einen kleinen Anteil von Patienten, die eine chronische Halluzinose haben, und neben dem Stimmenhören keine oder nur wenig Störungen der übrigen Wahrnehmungsfähigkeiten oder kognitiven Leistungen haben, und bei denen die medikamentöse Therapie nicht sehr wirksam ist. Ich kann nachvollziehen, dass diese Patienten eine akzeptierende Einstellung zu den Stimmen bevorzugen. Bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Patienten ist dies aber aus meiner Sicht die falsche Einstellung, weil es die wirksame Behandlung verhindert.

Vielen Dank an Stefan für den link.

Bibliotherapie

Ich wußte immer schon:

“Man liest, um zu wissen, dass man nicht allein ist.”

Heute habe ich in einer Prüfung gelernt, wie das auf psychotherapeutisch heißt:

“Durch die Bibiotherapie kann ein Normalitätssignal gesendet werden.”

…oder so.

Wie man sich seine Fachrichtung aussucht…

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Auch ein blog, den ich sehr gerne lese: Barking up the wrong tree… Hier werden immer wieder interessante Bücher, Gedanken und Ideen vorgestellt, ich habe dort schon viele interessante Sachen gefunden. Dem letzten Beitrag ist das Bild oben vorangestellt, das in meinen Augen fehlerfrei herleitet, nach welchen Kriterien Medizinstudenten ihre spätere Fachrichtung auswählen…

Kostenloses e-Book zum Thema Wohnen im Alter

Wenn sich die Frage stellt, ob die eigenen Eltern in ein Altenheim ziehen sollen oder ob es noch andere geeignete Versorgungsformen gibt, entsteht regelmäßig eine große Ungewissheit, insbesondere auch, welche Kosten dann entstehen und wer diese Kosten tragen muss. Auf der Seite www.amiato.de findet sich ein kostenloses eBook im PDF-Format, dass hierzu übersichtlich und leicht verständlich Erklärungen vermittelt.

Ig-Nobel Preise 2013 verliehen

Nerds wissen Bescheid: Alljährlich werden in Harvard die Ig-Nobelpreise für skurrile wissenschaftliche Forschungen vergeben.

Mein Lieblingspreis ist dieses Jahr der Preis in der Kategorie Psychologie, der eine Studie ehrt, die zeigt, dass Menschen, die glauben, sie seien betrunken, auch glauben, sie seien schöner.

Dieser Artikel aus der Zeit stellt alle Preisträger vor! Prost!

In welcher Dosis wirkt Mirtazapin am besten schlafanstoßend?

David, Weiterbildungsassistent im ersten Jahr für den Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie im ersten Jahr, stellt folgende Frage:

In welcher Dosis wirkt Mirtazapin am besten schlafanstoßend? Ich habe von mehreren Oberärzten gehört, dass es in niedriger Dosis (15 mg) besser schlafanstoßend wirkt als in höherer Dosis, und ich habe das auch bei einigen meiner Patienten so beobachtet.

Lieber David, genau diese Beobachtung habe ich auch gemacht. Meist reichen sogar 7,5 mg zur Nacht, um einen guten Effekt auf das Einschlafen und Durchschlafen zu erziehlen, und bei 15 mg ist dieser Effekt noch stärker als bei 7,5 mg. In den höheren Dosierungen (30 mg und mehr) ist dieser Effekt zumindest nicht stärker, aber manche Patienten berichten, dass sie bei höheren Mirtazapin-Dosierungen am Abend (45-60 mg) morgens immer noch müde sind, also einen overhang haben.
Ich selbst gebe Mirtazapin bei agitierten Depressionen aus diesem Grunde oft abends in einer Dosis von 15 mg, oft kombiniert mit Citalopram morgens 20 mg. Das ist eine gut wirksame und verträgliche Kombination. Wenn dann die Depression etwas abgeklungen ist und der Schlaf sich etwas verbessert hat, setze ich das Mirtazapin abends ab und behalte das Citalopram morgens bei. Dies kann nun über einige Monate gegeben werden, ohne dass es zu Gewichtzunahme oder Müdigkeit durch die Medikation kommt.

Danke für die Frage, David. Und lerne weiter so, wie Du es jetzt tust: Beobachte genau, welche Auswirkungen das, was Du verordnest, auf Deine Patienten hat. Und tausche Dich weiter mit anderen aus. Und dann wieder genau beobachten, was wie wirkt….

Zwei unklare Todesfälle unter Olanzapin Depot

Wer diesen blog hier mag, interessiert sich sicher auch für den blog zum „Kompendium psychiatrische Pharmakologie“, der eine Ergänzung zum berühmten und ausgezeichneten Pharmakologiebuch von Benkert /Hippius ist und über wichtige aktuelle Neuigkeiten informiert, bevor diese in die nächste Auflage eingehen. Es erscheint nur alle paar Wochen ein post, wenn aber einer erscheint, ist er regelmäßig wirklich wichtig und relevant. Also bitte ab damit in den feed-reader…

Heute informiert der blog in diesem Artikel über zwei unklare Todesfälle wenige Tage nach Injektion einer üblichen Dosis Zypadhera, also Olanzapin-Depot. Bei Zypadhera ist bekannt, dass nach der Injektion ein „Postinjektionssyndrom“ auftreten kann, wenn der Wirkstoff fälschlich in die venöse Blutbahn gelangt und zu einer starken Wirkstoffüberdosierung führt. Dies kann zu Benommenheit, Verwirrtheit und einem schweren Krankheitsbild führen, das intensivmedizinisch überwacht werden muss, dann aber nach einigen Stunden oder wenigen Tagen abklingt. Da diese Komplikation bekannt ist, müssen Patienten nach der Injektion von Zypadhera 3 Stunden überwacht werden, sie dürfen nach der Injektion nicht Auto fahren.

Die EMA schreibt hierzu:

Postinjektionssyndrom: Während klinischer Studien vor der Zulassung, traten Ereignisse mit Symptomen passend zu einer Olanzapin-Überdosierung bei < 0,1 % der Injektionen und ungefähr 2 % der Patienten auf. Die meisten dieser Patienten entwickelten Symptome einer Sedierung (reichend von einem leichten Schweregrad bis zum Koma) und/oder Delirium (einschließlich Verwirrtheit, Desorientiertheit, Agitation, Angst und anderen kognitive Beeinträchtigungen). Andere berichtete Symptome waren extrapyramidale Symptome, Sprachstörungen, Ataxie, Aggression, Schwindel, Schwäche, Hypertension und Krampfanfälle. In den meisten Fällen traten die initialen Anzeichen und Symptome dieser Ereignisse innerhalb 1 Stunde nach der Injektion auf. In allen Fällen wurde ein vollständiges Abklingen der Symptome innerhalb von 24 – 72 Stunden nach der Injektion berichtet. Die Ereignisse traten selten (< 1 von 1.000 Injektionen) zwischen 1 und 3 Stunden und sehr selten (< 1 von 10.000 Injektionen) nach 3 Stunden auf. Bei jeder Gabe von ZYPADHERA müssen die Patienten immer über dieses potenzielle Risiko und die Notwendigkeit einer Nachbeobachtung von 3 Stunden in einer medizinischen Einrichtung informiert werden. Berichte zum Postinjektionssyndrom nach Zulassung und Markteinführung von ZYPADHERA stimmen grundsätzlich mit dem überein, was in klinischen Studien beobachtet wurde.

Das Postinjektionssyndrom ist schon schlimm genug. Bislang war es aber nicht zu berichteten Todesfällen gekommen. Sollte sich ein ursächlicher Zusammenhang mit Olanzapin bestätigen, wäre eine neue Risiko/Nutzen Abwägung erforderlich. In dem verlinkten Artikel wird über 82 unklare Todesfälle im Zusammenhang mit Zypadhera berichtet, ohne dass beurteilt werden kann, ob und wenn ja in welchem Ausmaß hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht.

Meine persönliche Wertung:

Bislang habe ich Zypadhera in wenigen bestimmten Fällen verordnet. Es macht keine EPMS und wird von vielen Patienten sehr gut vertragen und explizit gewünscht.

Ich werde es nun aber zunächst einmal nicht mehr empfehlen, bis aufgeklärt ist, ob es sich bei den beschriebenen Todesfällen um Folgen des Postinjektionssyndromes handelt.

Olanzapin in Tablettenform kann nicht zu dieser Komplikation führen. Es ist in meinen Augen weiterhin eine gute und sichere Behandlungsmethode.

Reanimation für Laien mit Kaya Yanar

Der Blog der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin weist freundlich auf dieses Video hin, in dem Kaya Yanar sehr kompetent das Vorgehen bei der Laienreanimation erläutert.

Guckst Du und tweetest Du!

Weg mit PEPP!

Auf dieser Unterschriftenliste:

http://www.weg-mit-pepp.de/

kann sich jeder eintragen, der gegen die Einführung von PEPPs ist!

Zeig mir Dein Bücherregal, und ich sage Dir, wann Du Dein Medizinstudium begonnen hast…

Meine Kollegin Ulrike weiss, wie die Menschen sind. Heute hat sie mir ganz gelassen erklärt, dass man mit einem Blick ins Bücherregal eines Arztes auf ein Jahr genau bestimmen kann, wann er Medizin zu studieren begonnen hat. Am einfachsten greift man sich den Pschyrembel heraus. Das ist ein Wörterbuch für medizinische Fachbegriffe, das jeder Medizinstudent im ersten bis zweiten Semester kauft oder von einer stolzen Tante geschenkt bekommt. Der Pschyrembel leistet von da an stets gute Dienste, und da er grundsätzlich in der stabilen Hardcoverausführung einherkommt, altert er kaum. 99 % der Fachbegriffe bleiben ja auch immer gleich, und die paar neuen stehen in der Wikipedia. Also kauft man niemals einen neuen, gibt den alten aber auch niemals weg.
Nun reicht ein Blick auf die groß und fett am Buchrücken aufgedruckte Auflagennummer, und man weiß, in welchem Jahr das Studium begann.
Für die ganz genauen, die jetzt sagen, manche hätten aus Kult-Gründen einfach die 256. Auflage, in der Loriots berühmte Steinlaus erstmalig Einzug in den Pschyrembel hielt, haben aber gar nicht 1990 das Studium begonnen, gibt es Wege der Absicherung.
Die Fächer Anatomie, Biochemie, Physiologie, Pathologie, Dermatologie, Augenheilkunde etc. kamen früher immer in der genau gleichen Semesterabfolge dran. Es kann schon sein, dass einzelne Ärzte einzelne Fachbücher erst später gekauft haben oder mal ein altes durch ein neues ersetzt haben. Aber die Mehrzahl besitzt immer noch die ursprünglichen Lehrbücher etwa für Anatomie oder Pathologie, weil sich ein kompletter Austausch aller Bücher einfach nicht lohnt.

Wenn man mehrere Bücher berücksichtigt, kommt man bestimmt auf den korrekten Studienbeginn plus minus ein Jahr. Meistens reicht aber die Auflage des Pschyrembel. In meinem Regal steht die 257. Auflage. Ohne Steinlaus :-(.

Endlich verfügbar: Pharmama forte

Haben Sie diese Pille auch in grün Cover

Nachdem Pharmama es nun offiziell verkündet hat, habe ich die Ehre, die erste Rezension veröffentlichen zu dürfen. (Ich habe das Buch für diesen Zweck nämlich schon vor einer Woche vom Verlag bekommen, vielen Dank dafür…)

Regelmäßige Lesers ihres Blogs kennen sie: Pharmama berichtet nahezu täglich direkt von der Front, in diesem Fall der Verkaufstheke ihrer Apotheke in der Schweiz. Und wie bei jeder guten Rezeptur macht auch in ihrem blog die richtige Mischung aus Information, Humor, Herzblut, Menschlichkeit, Menschenkenntnis und die zahllosen kleinen Geschichten und Anekdoten aus dem Alltag einer Apothekerin den blog zu einer meiner Lieblingslektüren, womit ich nicht allein stehe…

Und nun hat Pharmama ein Buch geschrieben: Pharmama: Haben Sie diese Pille auch in grün?. Um gleich mal alle Sorgen zu zerstreuen: Nein, sie hat nicht einfach einige blogposts genommen und per copy&paste zu einem Buch zusammengestellt. Die Themen und natürlich einzelne Geschichten kenne ich zwar aus dem blog, aber das Buch ist eine in sich geschlossene Neuschöpfung.

Ich habe bei der Lektüre an vielen Stellen etwas gelernt:

  • Was man alles falsch machen kann: „Da steht doch ANALgetikum, also habe ich es als Zäpfchen verwendet!“. „Das Wick-Medi-Night macht das Badewasser so schön grün…“
  • Welche Erwartungen man so haben kann: „Ab wann kann man denn diesen Schwangerschaftstest anwenden?“ „Ja wann hatten…“ „Vor zwei Stunden !!!“
  • Was Apotheker so alles machen: Rezept, Medikament und Interaktionen prüfen, im Patientendossier nachsehen, bei Unklarheiten im Krankenhaus anrufen, mit dem Hausarzt Rücksprache halten, bei der Herstellerfirma nachfragen und dann das Präparat nach Hause liefern….

Und ich habe viel gelacht, denn all die beschreibenen Komplikationen sind wirklich unterhaltsam, und sie sind sehr humorvoll und dabei immer respektvoll geschrieben.

Im Buch beschreibt Pharmama auch ihre Kolleginnen in der Apotheke, von denen man im blog nie etwas liest. Und auch das ist sehr unterhaltsam.

Das Buch ist für treue Pharmama-blog-Leser natürlich ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Aber ich kann es von ganzem Herzen auch allen anderen empfehlen, die sich für die Sonderbarkeiten des medizinischen Systems und die Spannbreite des menschlichen Verhaltens interessieren.

Seine Rezeptur, eine Mischung aus Humor, Wissen und Herzenswärme geht ganz auf. Entstanden ist keine bittere Pille, sondern ein erfrischendes Heilmittel gegen trübe Stunden und Langeweile. Empfohlen als einmalige prolongierte Anwendung mit Langzeitwirkung…

Verteidiger veröffentlicht die Gutachten im Fall Mollath

Sauber! Wie der Spiegel hier berichtet, hat der Verteidiger von Gustl Mollath, Dr. Strate, alle wesentlichen Dokumente im Fall Mollath veröffentlicht, darunter auch die psychiatrischen Gutachten. Die Seite mit den Dokumenten findet ihr hier: http://www.strate.net/de/dokumentation/index.html Die Veröffentlichung solcher Verfahrensakten ist vor Abschluss des Verfahrens in der Regel nicht erlaubt. Wie Strate hier ausführt, ist das Verfahren gegen Mollath juristisch gesehen aber gegenwärtig abgeschlossen und eine Wiederaufnahme werde beantragt. Daher dürfe er es veröffentlichen. Sehr schön, das Verfahren ist in einem Maße öffentlich, dass es erfreulich ist, dass die Gutachten nun einsehbar sind. Ich freue mich schon darauf, sie zu lesen. Auch die restliche Dokumentation ist sehr interessant. Der Fall Mollath ist geeignet, das Vertrauen in die Psychiatrie, insbesondere in die forensische Psychiatrie erheblich zu erschüttern. Es ist gut, dass Mollath jetzt frei ist und es ist erforderlich, das Verfahren sehr transparent zu gestalten. Ich hoffe sehr, dass Mollath nie mehr die Freiheit entzogen werden wird. In der Aufarbeitung des Falles geht es darum, ab welchem Zeitpunkt Fehler gemacht worden sind und ab welchem Zeitpunkt das Gericht genügend Hinweise gehabt hat, dass eine Gefahr nun nicht mehr besteht. Aus meiner Sicht war bereits die Verhandlungsführung im ersten Verfahren fehlerhaft (der Vorsitzende Richter Brixner hat ja im Nachhinein gesagt, er hätte wichtigeres zu tun gehabt, als die Verteidigungsschrift zu lesen.) einige Jahre später wurde dann auch inhaltlich klar, dass es sich bei den Aussagen Mollaths nicht um einen Wahn, sondern zumindest teilweise um die Wahrheit handelte. Ab hier hätte sich die Einschätzung des Gerichtes ändern müssen. (Danke für den link, Steffi!)

Das Stendhal-Syndrom oder: Meine Liebe zu Florenz

Dom von Florenz

Als Stendhal-Syndrom werden gewisse psychosomatische Störungen bezeichnet, wenn diese im zeitlichen Zusammenhang mit einer auf Schönheit und Anmut basierenden kulturellen Reizüberflutung auftreten. Zu den Symptomen zählen Panikattacken, Wahrnehmungsstörungen und wahnhafte Bewusstseinsveränderungen.

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde dieses nach dem französischen Schriftsteller Stendhal benannte Syndrom 1979 von der italienischen Psychologin Graziella Magherini. Eine von Magherini zehn Jahre später veröffentlichte Studie, in der sie mehr als 100 für das Stendhal-Syndrom typische Krankheitsfälle von Touristen in der Kunstmetropole Florenz beschrieb, machte das Syndrom international bekannt.

Magherini unterschied drei Varianten von Symptomen.

  • Bei einer Gruppe von Patienten äußerte sich das Stendhal-Syndrom durch Störungen des Denkens und der Wahrnehmung, die Halluzinationen und wahnhafte Stimmungen sowie tiefe Schuldgefühle bei den Betroffenen auslösten.
  • Eine zweite Gruppe entwickelte affektive Störungen, die sowohl zu Allmachtsphantasien als auch zur Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit angesichts der Fülle an Kunstschätzen führten.
  • Bei einer dritten Gruppe von Patienten trat das Stendhal-Syndrom als eine Panikattacke auf, die mit erhöhtem Blutdruck, Ohnmachtsanfällen, Bauchschmerzen und Krämpfen verbunden war.

Die meisten der vom Stendhal-Syndrom betroffenen Touristen waren zwischen 26 und 40 Jahre alt und unverheiratet. Alle Patienten waren Ausländer, zumeist aus den Vereinigten Staaten und der Nordhälfte Europas. Mehr als die Hälfte aller Patienten waren zuvor in psychologischer Behandlung. 1

Ja natürlich kann man hier in Florenz kaum noch gerade denken angesichts der umwerfenden Schönheit dieser Stadt und all der Kunstwerke, die hier zu sehen sind!

Ich bin jetzt das fünfte Mal hier und bin jedes Mal wieder komplett erschlagen von der Pracht, der Anmut und der Überfülle an Schönheit dieser Stadt. Ich kann gut verstehen, dass man da ganz durcheinander kommen kann.

Wenn es aufgrund einer besonderen Schwere der Symptomatik tatsächlich einmal zu einer Einweisung in die Psychiatrische Klinik von Florenz kommt, geht diese ganz gelassen mit dieser Art der emotionalen Tubulenz um. Ein paar Tage Ruhe, im schlimmsten Falle einige Tropfen Diazepam, dann wird das schon wieder. Und wenn der Tourist zurück in Bottrop ist, droht auch keine Wiederholungsgefahr…

Schöne Grüße aus dem Urlaub!


 

 

Editorial für iOS: Großartiges Blogging-Tool

In der Nerdspähre wird gerade ein neuer iPad Editor gehypt, der es aber auch wirklich in sich hat. Es handelt sich um Editorial. Editorial ist das Mekka der iOS Automation Geeks, das Jerusalem der blogger und die Sixtinische Kapelle der Markdown-Junkies. Und damit genau mein neues Blogging-Tool. Es hat soeben im Sturm mein bis heute heiß geliebtes Byword vom Thron gestoßen.
Aber seht selbst…

Einfachgefragt

Marten betreibt die website: einfachgefragt.com. Er interviewt hier unterschiedliche Leute mit sehr unterschiedlichen Berufen oder Lebenserfahrungen. Marten schreibt, dass er bald die Schule beendet, vielleicht wird er ja mal Journalist. Na jedenfalls hat er mich jetzt auch interviewt…

Therapieunterbringungsgesetz: Ein Etikettenschwindel

Bericht von NRW Aktuell über die Einrichtung zum Therapieunterbringungsgesetz bei Oberhausen

Da habe ich mich gerade gefreut, dass Gustl Mollath frei gelassen wurde (und er hat bislang ja offenbar noch niemandem etwas angetan, also akut gefährlich ist er in Freiheit offenbar schon mal nicht…), da kommt die Psychiatrie schon wieder auf andere Weise ins Zwielicht.

Der Bundestag hatte 2009 das Therapieunterbringungsgesetz erlassen. Dieses ist eine Reaktion auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der entschieden hatte, dass eine Sicherungsverwahrung nicht rückwirkend verhängt werden darf. Es bezieht sich dabei eher auf ein juristisches Detail. Wenn im Urteil bereits festgestellt wird, dass im Anschluss an die Strafhaft eine Sicherungsverwahrung zu prüfen sei, dann ist das rechtens. Bei einigen Straftätern in der Vergangenheit wurde das aber im Urteil nicht angesprochen und dann später, also nachträglich, angeordnet. Diese Nachträglichkeit wurde als „Strafe ohne Gesetz“ gerügt. Juristisch ist das korrekt, in den Konsequenzen aber bedenklich.

Wie hat sich der Gesetzgeber nun verbogen, um auch solche schweren Straftäter in einer Sicherung zu verwahren, bei denen das im 10 Jahre zurück liegenden Urteil noch nicht antizipiert wurde, aber dennoch als notwendig erachtet wird? Es schuf das Therapieunterbringungsgesetz (TUG). Unter recht nebulösen Formulierungen wird hier geregelt, dass ein Täter nun doch nachträglich untergebracht werden kann, um eine erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit abzuwehren. Es handelt sich beim TUG also um eine nachträgliche Sicherungsverwahrung durch die juristische Hintertüre. Nun kann man erst mal darüber streiten, ob der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nicht vielleicht einfach Recht hat und seine Entscheidung mit allen Konsequenzen getragen werden muss. Das kann bei bestimmten Tätern, deren Sicherungsverwahrung aufgehoben werden müßte, verantwortbar sein, bei manchen anderen möglicherweise nicht.

Was mich aber erheblich stört, ist, dass hier die Psychiatrie mal wieder hervorgezerrt wird, um so zu tun, als behandele man hier ganz barmherzig Kranke. Das Gesetz heißt “Therapieunterbringungsgesetz”, obwohl die Therapie hier wirklich ganz hinten ansteht. Auch die Eingangsvoraussetzungen sind gerade mal, dass der Unterzubringende “eine psychische Störung” hat. Was bitte ist eine psychische Störung im Kontext eines Wiederholungstäters schwerer Verbrechen. Und welcher Täter dieser Gruppe könnte keine “psychische Störung” haben?

Die DGPPN kritisiert in ihrer Stellungnahme sehr klar den Etikettenschwindel, der hier betrieben wird.

In NRW wurde 2011 erstmalig ein Straftäter nach dem TUG untergebracht. Hierfür wird eine ehemalige, nun umgebaute und umgewidmete JVA in der Nähe von Oberhausen verwendet (siehe das Video oben…).

Das Bundesverfassungsgericht hat nun festgestellt, dass das TUG bei strenger Auslegung verfassungskonform sei und einen „Freiheitsentzug ohne Strafe“ hinreichend begründen könne.

Aus meiner Sicht kann es erforderlich sein, bestimmte Wiederholungstäter sehr schwerer Straftaten auch nach Ablauf der regulären Straftat zur Sicherung unterzubringen.

Das hat aber nichts mit Psychiatrie zu tun. 

Es ist eine juristische und politische Maßnahme. Den Etikettenschwindel der “Therapie” von “psychischen Störungen” lehne ich ab.

Do something different !

Die „Do-something-different-Regel“ ist ganz einfach: 

Ersetze jeden Tag eine Deiner Routinen durch eine Variation.

Unser Erwachsenenleben besteht zu einem erschreckend hohen Teil aus Routinen: Aufstehen, Duschen, immer auf dem gleichen Weg zur Arbeit fahren, irgendwie immer alles gleich machen. Hat ja auch Vorteile.

Hat aber auch Nachteile. Du verpasst was. Das Vorgehen ist so: Du machst jeden Tag eine Sache anders, als sonst:

– Fahr statt mit der Straßenbahn mit dem Fahrrad zur Arbeit

– Erledige die Routineaufgaben Deiner Arbeit mal in einer anderen Reihenfolge oder mit einer anderen Methode

– Beantworte Deine Arbeitsemails während der Arbeitszeit im Park sitzend mit dem iPad

– Koch etwas, was Du noch nie gekocht hast

– Ruf mal einen alten Schulfreund an

– Geh in einen ganz ganz schlechten Kinofilm

– ….

Du wirst überrascht sein, wie oft Du eine Verbesserung feststellst. Bei schönem Wetter wirst Du viel öfter mit dem Rad zur Arbeit fahren und das Büro ist nicht mehr Dein einziger Arbeitsplatz. 

Im wirklich äußerst empfehlenswerten Buch: „Machen, nicht denken!“ habe ich jetzt auch gelesen, dass das auf wissenschaftlich „Do-something-different“ heißt. ich dachte vorher immer, ich hätte das selbst erfunden, und habe es immer die „10-Prozent-Regel“ genannt. Besagte, dass man 10 Prozent der Dinge, die man tut, anders tut als sonst oder einfach etwas ganz anderes macht. Wie man es auch nennt, auf jeden Fall macht ein gerüttelt Maß an Variation glücklicher, versprochen!

Schreibt in die Kommentare, was ihr heute anders gemacht habt! Ich mache den Anfang…