Oxytocin könnte ein wirklich innovativer Therapieansatz bei Phobien, Posttraumatischen Belastungsstörungen und Flashbacks sein

Wirklich innovative Therapieideen sind rar. Eine Forschungsgruppe der Uni-Bonn könnte aber etwas wirklich Neues gefunden haben.

Oxytocin, ein Hormon und Neurotransmitter zugleich, ist schon lange als das sogenannte “Kuschelhormon” berühmt. Es wird bei allen Arten angenehmen Hautkontaktes ausgeschüttet. Größere Ausschüttungen finden sich insbesondere beim Orgasmus und beim Stillen. Oxytocin löst bei Frauen Kontraktionen des Uterus aus. Es wird bei der Geburt ausgeschüttet und wird auch als wehenauslösendes Medikament gegeben.

Darüber hinaus entfaltet Oxytocin sowohl bei Männern als auch bei Frauen ausgeprägte psychische Wirkungen. Es beruhigt und steht im Ruf, die Partnerbindung und die Elter-Kind-Bindung stark zu festigen.

Wie das Ärzteblatt hier berichtet, hat eine Forschergruppe der Uni Bonn um Rene Hurlemann in der hoch angesehenen Zeitschrift Biological Psychiatry Ergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass Oxytocin eine Eigenschaft hat, die für die Therapie einiger psychiatrischer Erkrankungen sehr interessant wäre: Es erleichtert die Extinktion von angstauslösenden Schlüsselreizen. Was bedeutet das?

Nehmt folgendes Fallbeispiel:

Christoph V. hatte vor zwei Jahren einen schweren Verkehrsunfall, bei dem er längere Zeit im Wrack seines Wagens eingeklemmt war, bevor die Feuerwehr ihn befreien konnte. Im Moment des Crashs ging die Hupe des Wagens an und dröhnte die ganze Zeit, während Christoph V. eingeklemmt war, auf voller Lautstärke weiter. Von den körperlichen Folgen des Unfalls hat er sich inzwischen vollständig erholt. Aber jedes Mal, wenn er auf dem Bürgersteig geht und ein Auto hupen hört, durchfährt ihn eine schreckliche Wiedererinnerung von Schmerzen, Angst und Panik, von der er sich nur schwer wieder frei machen kann. Er geht kaum noch durch die Straßen, aus Angst vor ganz normalen Hupen.

Christophs Angstsystem ist eigentlich ganz gesund. Es hat einen Reiz mit einer Bewertung verknüpft, nämlich das Hupen mit dem schrecklichen Unfall. Wäre es nicht ein Hupen gewesen, sondern das Fauchen eines Tigers und wäre es kein Unfall gewesen, sondern der Biss des selben Tigers, würden wir sagen: Super, die Konditionierung “Fauchen des Tigers-Angst vor Biss-Flucht” ist genau richtig.

Leider hilft die Angst vor dem Geräusch von Autohupen überhaupt nicht, schadet aber sehr. Der übliche therapeutische Zugang wäre in diesem Fall eine systematische Desensibilisierung. Man würde Christoph V. nach einer ausführlichen Erklärungs- und Vorbereitungsphase immer wieder das Geräusch einer Hupe vorspielen. Am Anfang würde es bei ihm natürlich die beschriebene starke Angst auslösen. Mit zunehmenden Wiederholungen, bei denen auf das Geräusch der Hupe ja jeweils kein unangenehmes oder gefährliches oder schmerzhaftes Ereignis folgte, würde Christophs Reaktion auf das Geräusch der Hupe immer weiter abnehmen. Das ist Extinktion. Die Verknüpfungs des nicht hilfreichen Schlüsselreizes mit der Angstreaktion wird abgeschwächt, bis sie im Idealfall irgendwann erlischt.

Die Forscher haben nun heraus gefunden, dass die Gabe von Oxytocin per Nasenspray vor der Desensibilisierungsbehandlung dazu führt, dass zwar zu Beginn eine verstärkte Reaktion auf den Schlüsselreiz entsteht (oops), danach aber die Extinktion schneller erfolgt.

Wenn das klappt und die zu Beginn auftretende Verstärkung der Reaktion auf den Schlüsselreiz nicht zu ausgeprägt wäre, könnte das eine wertvolle Ergänzung in der Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen, Flashbacks und Phobien sein.

Das Abstract der Veröffentlichung findet ihr hier.

Bundeszentrale startet spezialisiertes Beratungsangebot und -chat für Crystal-Konsumenten

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Die Verbreitung von Crystal ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich. Im Osten in den Regionen nahe der tschechischen Grenze hat Crystal alle anderen Drogen bereits in den Hintergrund gedrängt. Im Westen und Norden Deutschlands heißt oft, Crystal sei in den Medien häufiger anzutreffen als auf der Straße. Es wäre schön, wenn das so wäre, so bliebe und auch im Osten wieder so käme. Allein mir fehlt der Glaube an diese Entwicklung.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat nun auf drugcom.de ein neues Beratungsangebot speziell für Crystal-Abhängige gestartet. Neben Informationen gibt es auch einen Chat. In diesen Chat kann sich jeder jederzeit anonym einloggen. Montags bis Freitags von 15:00-17:00 findet in diesem Chat auch eine professionelle Beratung statt.

Cool.

Psychotherapie jetzt auch bei Schizophrenie und Bipolarer Störung möglich

Laut Bericht des Ärzteblattes hat der GBA entschieden, dass Patienten mit einer Schizophrenie, einer schizotypen oder wahnhaften Störung oder einer Bipolaren Störung Anspruch auf Psychotherapie haben. Praktisch ging das auch bislang; der Psychotherapeut musste im Antrag allerdings eine andere Zielsymptomatik beschreiben, als die zugrunde liegende Erkrankung. So konnte er die Psychotherapie damit begründen, dass er beantragte, eine depressive Begleitsymptomatik bei bestehender Schizophrenie zu behandeln.

Bei der Schizophrenie ist die Studienlage eindeutig: Psychotherapie hilft hier.

Bei der bipolaren Störung ist mir die Studienlage nicht so gut bekannt, meines Wissens nach gibt es hier eher Studien, die zeigen, dass bezüglich der Phasenhäufigkeit Psychotherapie nicht wirksam sein soll. Praktisch erhalten Patienten mit einer bipolaren Störung natürlich dennoch genauso Psychotherapie wie depressive Patienten und erzielten dabei regelmäßig gute Erfolge. Denn der Erfolg einer Psychotherapie geht ja über den Endpunkt “Abnahme der Phasenhäufigkeit” hinaus und erstreckt sich natürlich auch auf die Bereiche der Krankheitsbewaltigung, der besseren Strukturierung der Rahmenbedingungen, um der Gesundheit leichter Raum zu geben und tausend andere Ziele. Und hier hilft Psychotherapie auf jeden Fall.

Es ist daher zweifellos nur zeitgemäß, dass nun auch bei den oben genannten Diagnosen Psychotherapie bewilligt werden kann, ohne dass vorher im Antrag eine fragwürdige Verrenkung erforderlich ist.

EMDR als Psychotherapiemethode bei PTBS nun anerkannt

Der GBA hat laut Bericht im Ärzteblatt entschieden, dass für Patienten mit einer PTBS nun endlich EMDR als Psychotherapiemethode zugelassen ist. EMDR ist schon lange die Therapie der ersten Wahl bei dieser Erkrankung. Der GBA passt hier also die Richtlinien an die Evidenz-basierte gängige Praxis an.

Psychopharmakotherapie griffbereit jetzt auch als iBooks- und kindle-Version verfügbar

Psychopharmakotherapie griffbereit kindle

Ich selbst bevorzuge ja immer und überall eBooks gegenüber Papier-Büchern. Hauptsächlich, weil ich ein Papierbuch genau nie dabei habe und ein eBook genau immer. Ich habe mir berichten lassen, dass sich im Bereich der Romane die eBooks auch zunehmend durchsetzen, im Bereich der Fachbücher aber immer noch die Papiervariante bevorzugt wird. Wie dem auch sei, ab jetzt könnt ihr für Psychopharmakotherapie griffbereit selbst entscheiden, welches Format ihr bevorzugt: Es ist ab jetzt auch als Kindle-Version und für Apple-Junkies als iBooks-Version erhältlich. Wie üblich gibt es eine kostenlose Leseprobe über die ersten etwa 50 Seiten, so dass ihr mal reinlesen könnt, bevor ihr euch entscheidet, ob das Buch für euch interessant ist.

In diesem ausgewählten Fall mag ich allerdings alle drei Varianten… 🙂

Drohne bringt Defi

Also das ist mal ein wirklich sinnvoller Einsatz einer Drohne: Nach dem Notruf wegen eines Herzstillstandes schickt die Rettungsleitstelle parallel zum Notarzt schon mal den Defi per Drohne und unterstützt die Ersthelfer in der Anwendung. Guckt das Video: Es ist nicht nur ein Traum für jeden Nerd, sondern auch eine wirklich durchdachte Idee der Uni Delft, die dieses Projekt entwickelt…

Valproat in der Schwangerschaft: EMA bekräftigt die Kontraindikation

Junge Patientinnen mit einer Bipolaren Störungen werden pharmakotherapeutisch mit einem Phasenprophylaktikum behandelt. Zur Wahl stehen Lithium, Valproat, Carbamazepin und einige neuere Antiepileptika. Bei der Auswahl der Substanzen ist zu berücksichtigen, dass Lithium das wirkstärkste Medikament ist, allerdings auch eine Reihe von Nebenwirkungen aufweist, insbesondere Tremor unter zu hoher Dosierung und mögliche Schilddrüsen- und Nierenschädigungen. Viele lehnen es daher ab und entscheiden sich für das vermeintlich nebenwirkungsärmere Valproat. Valproat verursacht in der Tat kaum Tremor und ist auch viel weniger gefährlich für Schilddrüse und Niere. Es kann aber zu einer deutlichen Gewichtszunahme führen und es ist schon länger bekannt, dass es nicht während der Schwangerschaft gegeben werden darf, da es Mißbildungen und Entwicklungsstörungen beim Kind auslösen kann. Aus diesem Grunde soll man es Frauen im gebährfähigen Alter nur dann verschreiben, wenn eine sichere Kontrazeption vorliegt. Gerade bei jungen Patientinnen, die zu häufigeren hypomanen Episoden neigen, ist das manchmal nicht ganz sicher einschätzbar. Wie das Ärzteblatt berichtet hat die EMA in einer aktualisierten Empfehlung nun erneut die Schwere der Gefahr, die von Valproat in der Schwangerschaft ausgeht, bekräftigt. In dieser kurzen englischsprachigen Zusammenfassung wird mitgeteilt, dass

“30 bis 40 Prozent

aller Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft mit Valproinsäure behandelt worden waren, im Vorschulalter schwere Entwicklungsstörungen aufweisen, unter anderem ein verspätetes Laufen und Sprechen, Gedächtnisstörungen, Schwierigkeiten mit Reden und Sprachver ständnis sowie eine verminderte Intelligenz. “

Zitiert nach dem Ärzteblatt

30-40 Prozent der Kinder zeigen schwere Entwicklungsstörungen! Das ist unglaublich viel. Diese neue Übersicht zeigt deutlich, dass man Valproat in der Schwangerschaft nicht mehr geben sollte. In den deutschen Fachinformationen werden zwar noch Ausnahmen beschrieben, in denen das erlaubt sein kann, man sollte von dieser Regelung aber nach Möglichkeit keinen Gebrauch machen. Aus der Studie ergibt sich aber eine weitere sehr wichtige Konsequenz für die tägliche Praxis: Es reicht nicht, einer Patientin mit bipolarer Störung bei der Verordnung von Valproat zur Phasenprophylaxe zu sagen: „Sie müssen aber ordentlich verhüten.“ Man muss die Patientin sehr genau darüber aufklären, welche Gefahr Valproat für eine mögliche Schwangerschaft darstellt. Und man muss sehr genau besprechen, welche sichere Verhütungsmethode denn genau angewendet wird. Wenn beispielsweise östrogen- und gestagenhaltige Kontrazeptiva eingenommen werden, kann der Valproatspiegel von den Hormonen reduziert werden, was wiederum eine reduzierte Wirksamkeit der Phasenprophylaxe mit sich bringt. Alternativen zur Behandlung von Frauen im gebärfähien Alter sind weiterhin Lithium (einen ausführlichen Artikel zur aktuellen Einschätzung dessen Nebenwirkungsprofils findet ihr hier) oder eines der Antiepileptika.

Zusammenfassung:

  1. Valproat ist in der Schwangerschaft kontraindiziert.
  2. 30-40 Prozent der intrauterin exponierten Kinder zeigen schwere Entwicklungsstörungen, wie verspätetes Laufen und Sprechen, Gedächtnisstörungen, Schwierigkeiten mit Reden und Sprachver ständnis oder eine verminderte Intelligenz.
  3. Die Rate an Fehlbildungen wie Neuralrohrdefekten oder Gaumenspalten ist bei intrauterin exponierten Kindern von 3 Prozent auf 11 Prozent erhöht.
  4. Valproat darf Frauen im gebärfähigen Alter nur gegeben werden, wenn eine sichere Kontrazeption angewendet wird und die Patientin in für sie verständlicher Form sehr eindringlich über die mögliche Schädigung des Kindes bei einer doch eintretenden Schwangerschaft aufgeklärt wurde.

Ebola-Hilfe real

Es ist jetzt soweit, dass die Bundeswehr Ärzte und andere Mitarbeiter nach Liberia schickt, um dort ein Ebola-Behandlungszentrum aufzubauen. Klingt nach entfernten Nachrichten.

Einer meiner Kollegen, der mit mir im gleichen Krankenhaus arbeitet, ist jetzt auf die Reise gegangen, um zu helfen. Gar nicht entfernt und abstrakt, sondern ganz nah und real.

Du hast meine uneingeschränkte Hochachtung. Ich wünsche Dir und Deiner Truppe viel Erfolg. Bleibt gesund und kehrt wohlbehalten zurück!

Antidepressiva bei reaktiven Depressionen: Abschied von einem Mythos

Antidepressiva haben in den ´60er und ´70er Jahren die Psychiatrie revolutioniert. Erstmalig waren schwere depressive Episoden erfolgreich medizinisch behandelbar. Depressionen gesellten sich zu den normalen körperlichen Erkrankungen, die der Arzt diagnostizieren und mit einem Medikament behandeln und vertreiben konnte. Damals wurde der Begriff der Depression recht eng ausgelegt. Man unterschied noch nach endogenen Depressionen auf der einen Seite und reaktiven Depressionen auf der anderen Seite. Die Psychopharmakotherapie richtete sich vornehmlich an Patienten mit endogenen Depressionen, also Patienten, die entweder unter einer rezidivierenden unipolaren Depression oder unter einer bipolaren Störung litten. Für diese Patienten ist die Pharmakotherapie immer noch ein Segen und die neueren, nebenwirkungsärmeren Medikamente sind eine große Hilfe für die Betroffenen. Mit dem Umstieg von der ICD-9 auf die ICD-10 fiel dann allerdings jede ursächliche Unterscheidung der Depressionen weg. In der ICD-10 wird – und das ist im Prinzip auch gut so – nur noch symptomatisch geprüft, ob eine ausreichende Anzahl an Symptomen vorhanden ist, die typischerweise eine Depression kennzeichnen. Ist das der Fall, wird die Diagnose vergeben. In Abhängigkeit von der Anzahl der vorhandenen Symptome wird nach leichter, mittelschwerer und schwerer Depression eingeteilt. Eine Unterteilung nach der mutmaßlich im Vordergrund stehenden Ursache wird nicht mehr durchgeführt. Das hat den Vorteil, dass die Diagnose viel reliabler ist. Andernfalls würde ein und derselbe Patient vielleicht von seinem Psychiater die Diagnose Rezidivierende endogene Depression, von seinem Psychologen die Diagnose Schwere reaktive Depression, von seinem Trauma-Spezialtherapeuten die Diagnose Posttraumatische Depression und von seinem Endokrinologen die Diagnose Späte postpartale Depression erhalten. Das verhindert die ICD-10; einfach, weil sie keine Einteilung nach der mutmaßlichen Ursache zulässt. In der Folge kam es zu einer Ausweitung des Begriffes der Depression. Früher als reaktive Depression klassifizierte Depressionen werden manchmal noch als Burn-out, Erschöpfungsdepression oder anderen Begriffen, die nicht der ICD-10 entstammen, gekennzeichnet. Aber insgesamt werden letztlich deutlich mehr Menschen mit der Diagnose einer Depression belegt. Das ist zunächst einmal auch nicht falsch. Nachdem die Diagnose einer Depression gestellt wurde, muss man sich aber nun überlegen, welche Therapie denn nun vermutlich am besten helfen wird. Zur Wahl stehen:

  • Ausschließlich Psychotherapie
  • Ausschließlich Pharmakotherapie
  • Psychotherapie und Pharmakotherapie zusammen

Die Studien sprechen eigentlich regelmäßig für eine Kombination aus beiden Therapien, also Psychotherapie und Pharmakotherapie zusammen. Eine Ausnahme von dieser Regel sind die reinen bipolaren Erkrankungen. Hier sagt die Studienlage, dass eine ausschließliche Pharmakotherapie kaum schlechter als eine Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie ist. In der Praxis gibt es nun aber aus welchen Gründen auch immer nicht selten Depressionen, die der Ursache nach am ehesten reaktive Depressionen sind, und die ausschließlich pharmakotherapeutisch behandelt werden. Das ist oft auch wirksam und schon mal ein Anfang. Aber es ist auch oft zu kurz gegriffen. Wenn Konflikte am Arbeitsplatz, Probleme in den wichtigsten Beziehungen oder tiefgreifende Unzufriedenheiten mit sich selbst oder dem eigenen Leben die wesentliche Ursache der depressiven Stimmung sind, ist es erforderlich, an diesen Schrauben zu drehen, damit sich langfristig etwas bessert. Dafür muss man nicht unbedingt Psychotherapie machen, man kann diese Bereiche auch ohne Psychotherapie angehen. Was aber in der Regel langfristig nichts bringt, ist, antidepressive Medikamente einzunehmen und auf eine durchgreifende Besserung zu hoffen, ohne selbst etwas an den belastenden Beziehungen zu ändern. Die Kirsch-Studie hat es schon vor langer Zeit beschrieben: Antidepressive Medikamente sind bei schweren Depressionen wirksam. Bei leichten und mittelschweren Depressionen ist die Wirksamkeit begrenzt. Ich vermeine in letzter Zeit eine differenziertere Diskussion um Antidepressiva wahrzunehmen. Bei schweren Depressionen sind sie sehr hilfreich. Bei leichten und mittelschweren Depressionen, die ihre Ursache in belastenden Lebensumständen haben, sollte man aber keine falschen und übersteigerten Hoffnungen in sie setzen. Sie können hier allenfalls temporär die Beschwerden lindern, vielleicht etwas beruhigen oder den Schlaf fördern. Aber sie lösen keine Probleme, vermitteln keinen Sinn im Leben und beheben keine Konflikte. Schade. Wäre so einfach. Klappt nur leider nicht.

Die Achtsamkeit der Kinder

Papa! Ohne hinzugucken: Was ist der Unterschied zwischen einer Kuchengabel und einer normalen Gabel. Außer der Größe…

Auflösung nach dem click… Weiterlesen

Non-Starters

Früher hießen sie Spätzünder. Junge Menschen, die nach dem Schulabschluss nicht wirklich wussten, wie es nun weiter gehen soll, welcher Beruf zu ihnen passt und wie nun der Einstieg ins Berufsleben aussehen könnte.

Gnädig war da für viele – auch für mich – der Zivildienst, der einem die Gelegenheit gab, mal in Ruhe diese neue interessante ernste Welt anzuschauen und zu prüfen, welche Position man selbst in ihr einnehmen könnte. Aber der Zivildienst ist ja zum Glück durch den BuFDi – den Bundes-Freiwilligen-Dienst – abgelöst worden, und eben freiwillig. Eine Orientierungsphase ist sicherlich im jungen Erwachsenenalter ganz normal und kann auch schon mal zwei drei Jahre dauern.

In der psychiatrischen Klinik stellen sich in den letzten Jahren allerdings zunehmend häufig Menschen zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr vor, die aus welchen Gründen auch immer weder eine Ausbildung konsequent verfolgen noch richtig ins Berufsleben einsteigen. Häufig kommt ein regelmäßiger Konsum von Cannabis und manchmal auch von Amphetaminen hinzu. Und weil´s nicht richtig weiter geht, schickt die Familie die jungen Menschen zum Therapeuten oder in die Klinik, mit dem Verdacht auf eine Depression. Wenn das Kiffen schon sehr lange im Vordergrund steht, wird auch schon mal der Begriff des amotivationalen Syndroms verwendet, der dann in meinen Augen auch ganz passend sein kann.

Ich tue mich in diesen Fällen leicht mit der Diagnose des Substanzmissbrauches, aber schwer mit der Diagnose einer Depression. Dafür sind die Patienten zum einen eigentlich zu jung; zum anderen passt das Konzept einer Depression für mich in den meisten Fällen nicht zu dieser Lebenskrise. Da diese Patienten überall häufiger psychiatrische Hilfe suchen, hat sich offenbar ein neuer Begriff in die Welt gebracht: Die non-starters. Ich finde den Begriff zum einen sehr treffend, da er passender als mittelgradige depressive Episode beschreibt, was mit den Leuten los ist. Ich finde ihn aber weniger hoffnungsvoll als das gute alte Spätzünder, das keinen Zweifel daran lässt, dass der Betreffende früher oder später die Kurve kriegt und ganz normal seinen Weg geht. Der Begriff non-starters zieht irgendwie die Assoziation an, die Betroffenen könnten bis zur Rente gar nicht mehr vom Fleck kommen. Und das stimmt zum Glück fast nie.

Wie denkt ihr darüber? Braucht es den Begriff non-starters? Wie benennt ihr das beschriebene Syndrom? Oder ist das nichts psychiatrisches und sollte daher auch keinen psychiatrischen Namen bekommen?

Pharmama hat mein Buch rezensiert

Es gibt ja nur wenige echte Institutionen in der deutschsprachigen Blogger-Szene, und im Bereich der Pharmazie ist dies zweifellos die schweizerische Apothekerin Pharmama, die wirklich eine weltweite Leserschaft mit ihren Berichten über ihre eigenen Erlebnisse  im Offizin – wie die Schweizerin sagt – und Ihre Gedanken insbesondere zu verwandten Themen, aber immer wieder auch dem restlichen Leben erreicht.

Und Pharmama hat nun ihre Rezension meines Buchs Psychopharmakotherapie griffbereit gebloggt, was mich wirklich sehr freut, da es die Besonderheiten und Charakteristika des Buches besser beschreibt, als ich das könnte. Lest unbedingt mal, was sie schreibt: Die Rezension findet ihr hier.

Health Angels

Ich liebe die Auto-Korrektur. Oder wie wird aus:

Gibt an, von den Hells-Angels bedroht zu werden…

Gibt an, von den Health-Angels bedroht zu werden…

Also bei denen würde ich gerne Mitglied werden. Wir nehmen dann aber Fahrräder…

Psychiatrie to go proudly presents: Psychopharmakotherapie griffbereit

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Treue Leser dieses blogs wissen, dass ich schon seit mehreren Jahren an einem Buch schreibe, dass eine praxisnahe Einführung in die Psychopharmakotherapie gibt. Die erste Auflage habe ich vor etwa zwei Jahren selbst als iBook in den iBooks Store eingestellt, es folgten Versionen für den Kindle und auch ein selbstverlegtes Buch, das über Amazon zu beziehen war.

Ich habe das Buch ständig überarbeitet, aktualisiert und in den letzten Jahren vier größere Neuauflagen geschrieben.

Im Frühjahr trat dann zu meiner großen Freude der Schattauer-Verlag auf mich zu und bot mir an, das Buch zu veröffentlichen. Als ich den Vertrag unterschrieb, wußte ich noch nicht, wie viel Arbeit der Verlag in die Weiterentwicklung des Buches investieren würde und wie viele Überarbeitungen ich noch machen würde.

Meine Lektorinnen Dr. Julia Fiedler und Claudia Ganter redigierten jedes einzelne Wort und motivierten mich immer wieder, einzelne Absätze, Abschnitte oder Kapitel umzuschreiben, um sie verständlicher und vollständiger zu machen. Auch habe ich noch eine ganze Reihe an praktischen Fallbeispielen eingebaut. Das professionelle Layout und die komplett neu gestalteten Grafiken runden das Buch ab. Nun ist es um Längen besser als je zuvor und wird vom Schattauer Verlag als gedrucktes Buch, als kindle-Edition, als iBooks-Edition und als PDF vertrieben. Auf Amazon könnt ihr es ab heute hier bestellen.

Vom Antipsychotikum bis zur Z-Substanz: Die Vielfalt der Substanzen, die Einfluss auf das Gehirn nehmen können, ist groß. Psychopharmaka sind die am häufigsten verordneten Medikamente. Jan Dreher, leitender Oberarzt am Alexianer Krankenhaus Köln, gibt einen praxisorientierten Überblick über Auswahl, Dosierung, Pharmakologie und Nebenwirkungen der wichtigsten Psychopharmaka. Ebenso beschreibt er, was man in der Klinik über die Wirkung von legalen und illegalen Drogen und die medikamentösen Therapiemöglichkeiten in der Entzugsbehandlung wissen muss. Die Kapitel zu den Themen Gerontopsychiatrie, psychiatrische Notfälle und Wechselwirkungen runden das Werk ab. Der Autor vermittelt nicht nur Praxiswissen, er bringt auch seine langjährigen persönlichen Erfahrungen ein. Ein ideales Buch für die Kitteltasche von Studierenden und Assistenzärzten, aber auch für Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Hausärztinnen und -ärzte, Krankenpflegepersonen und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in psychiatrischen Kliniken.

Eleganter und überzeugender Selbsttest auf Narzissmus

Narzissten sind oft interessante Menschen. Zu Beginn einer Bekanntschaft steht oft die Faszination durch eine gewisse farbige Brillianz im Vordergrund. Manchmal bleibt es auch lange dabei. Narzissten können einen aber auch sehr verletzen, wenn sie einen im Verlaufe der Bekanntschaft abwerten. Die Zusammenarbeit mit ausgeprägten Narzissten kann daher manchmal etwas räusper herausfordernd sein…

Zur Beurteilung, ob jemand eine Narzisstische Persönlichkeitsstruktur hat, gibt es aufwändige, mehrseitige Fragebögen. Die kann man einem Betroffenen geben, und der kann die ausfüllen.

Und dann gibt es die Single Item Narcissism Scale (SINS)

Ihr könnt den „Fragebogen“ hier direkt online für euch selbst ausfüllen und erhaltet auch direkt eure persönliche Auswertung. Das Ausfüllen dauert nur eine Minute. Ich empfehle, den englischsprachigen Fragebogen jetzt erst einmal hier auszufüllen, bevor ihr weiterlest…

Der SINS fragt genau eine Frage:

In welchem Maße stimmen Sie dieser Aussage zu: „Ich bin ein Narzisst“ (Beachten Sie: Das Wort Narzisst bedeutet egoistisch, egozentrisch und eitel).

Man stuft sich dann selbst auf einer Skala von 1 bis 7 ein. 1 heißt „Trifft auf mich nicht sehr zu“, 7 heißt „Trifft auf mich sehr zu“. 

Das Faszinierende an dieser einfachen Frage ist nun, dass die vom Probanden selbst eingeschätzte Antwort sehr gut mit den Testergebnissen der viel aufwändigeren Narzissmusskalen korrelieren. Dies veröffentlichten Forscher der Ohio State University in der Zeitschrift PLOS One in diesem Artikel.

Erklärt wird die hohe Selbsterkenntnisrate der Narzissten damit, dass Narzissten sehr wohl wissen, was Narzissmus ist und selbst nicht das Gefühl haben, dass das etwas Schlechtes ist, was man bekämpfen oder verheimlichen sollte. 

Ich finde Narzissmus in den höheren Ausprägungen immer wieder faszinierend. Es ist manchmal nicht gut verständlich, was in einem sehr narzisstisch strukturierten Menschen vorgeht. Diese Untersuchung zeigt aber, dass er sich seines Narzissmusses wahrscheinlich selbst bewusst ist, was nicht selbstverständlich ist. 

Kennt ihr narzisstische Männer? Kennt ihr narzisstische Frauen? Welche Erfahrungen habt ihr mit ihnen gemacht? Fanden diese Menschen eurer Beobachtung nach selbst, dass sie egoistisch, egozentrisch und eitel sind? Hat das ihnen Freude gemacht? Fallberichte gerne in den Kommentaren!

Der Spiegel berichtete hier über den SINS. 

Glück macht erfolgreich

Unsere Kultur baut auf der Grundannahme auf, Erfolg mache glücklich. Das ist natürlich unwahr. Interessanterweise ist es aber umgekehrt wahr: Glücklich sein begünstigt Erfolg. Aber das Glück kommt zuerst.

Kennt man alle äußeren Umstände eines Menschen, also seinen Beruf, seinen Reichtum, seine Arbeit, seine Wohnung, seine Beziehung und alle anderen äußeren Dinge, die über das empfundene Glück mitentscheidend sein könnten, dann kann man nur zu 10 Prozent voraussagen, wie glücklich er ist. Der Rest der Musik spielt im Gehirn. Die Art, wie man seine Lebensumstände bewertet, wie man sich selbst in seiner Welt wahrnimmt, macht die restlichen 90 Prozent aus.

Andererseits gibt es eine Reihe von Forschungsergebnissen, die zeigen, dass Menschen, die aus sich selbst heraus glücklich sind, mehr Erfolg in vielen Bereichen des Lebens, auch des Arbeitslebens haben.

Wenn ihr schnell gesprochenes Englisch gut versteht, dann guckt euch einen der unterhaltsamsten TED-Talks an: Shawn Schor: The happy Secret to better work.

Inside Medicine: Depressionen

Im Podcast Inside Medicine berichten die Gastgeber Christoph und Ronja aus der Welt der Medizin. Entweder die beiden sprechen miteinander, oder sie laden Gäste zum Interview ein. Ich war bereits in Episode 23 zu Gast und berichtete, was ich als Psychiater tue und warum ich mir dieses Gebiet ausgesucht habe. Vorgestern habe ich mich erneut mit Christoph unterhalten. Diesmal ging es um das Thema „Depressionen“. Wir sprechen über die Abgrenzung von normalen Stimmungsschwankungen zur Krankheit Depression, über unterschiedliche Entstehungsweisen der Depression, über neurobiologische Erklärungen und schließlich über einige unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten.

Die Episode 028 „Depressionen“ findet ihr hier.

Das neue Cartoon-Buch von Pharmama ist da!


Wer Pharmama kennt, hat es schon gehört: Ihr Cartoonband ist soeben frisch erschienen. Zu meiner großen Freude auch als eBook. Wie kommt es, dass ich meinen eigenen beruflichen Alltag in so vielen Cartoons wiederfinden kann?

Nach „Gibts diese Pille auch in grün?“ ist „Einmal täglich“ unzweifelhaft eine sehr lesenswerte Lektüre für alle, die was für die Sorgen und Freuden des Medizinbetriebes übrig haben!

Der Notfallpass in iOS 8

Wenn ein Patient ins Krankenhaus aufgenommen wird, der aus welchem Grund auch immer nicht mehr geordnet sprechen kann, dann versucht man auf andere Weise herauszubekommen, wer der Patient ist und was mit ihm los ist. Der typische Fall ist der bewusstlose Patient, der in ein Allgemeinkrankenhaus aufgenommen wird. Aber auch in der Psychiatrischen Klinik werden nicht selten Hilflose Personen (Rettungsdeutsch: „HiLoPe„) aufgenommen, deren Personalien sich auf „ca. 40 Jahre, männlich“ beschränken.

Traditionell sucht man dann erst mal die Taschen des Patienten nach seinem Portmonee ab. Hier findet man oft eine EC-Karte oder etwas ähnliches mit dem Namen des Patienten. Das kann schon mal helfen. Mit viel Glück hat der Betroffene auch einen Pass mit Namen und Adresse bei sich. Aber selbst dann weiß man über die Vorgeschichte oder mögliche Vorerkrankungen noch nichts.

In letzter Zeit immer wichtiger wird allerdings das Handy des Patienten. Es gibt nicht wenige Patienten, die keine Ausweispapiere bei sich haben, aber ein Handy. Nicht immer ist das so gut organisiert, dass man genau heraus bekommt, wie der Besitzer heißt und was mit ihm los ist. Aber die Telefoneinstellungen „Favoriten“ gibt es doch bei den meisten Betriebssystemen. Und wenn man da einen der Einträge „Mama“, „Schatz“, „Heimleitung“ oder „Dr. Winkelmann“ anruft, kommt man in der Regel schon mal weiter.

Mit der weiteren Verbreitung der Smartphones wird es allerdings für den ärztlichen Ermittler erst mal schwieriger. Viele Handys haben – und das ist auch gut so – eine Code-Sperre. Wenn die Patienten in ihrem Bewusstsein so eingeschränkt sind, dass sie die Sperre nicht mehr aufheben können, und die guten alten Versuche „1234“, „0000“ und „2580“ nicht funktionieren, dann kommt man hier allerdings nicht weiter.

Auftritt iOS 8 und der hier integrierte Notfallpass. Seit iOS 8 auf den iPhones gelandet ist, kann man in der App „Health“ für den Notfall relevante Informationen hinterlegen. Insbesondere

  • Name
  • Geburtsdatum
  • Erkrankungen und Befunde
  • Allergien und Unverträglichkeiten
  • Medikation
  • Kontaktpersonen mit Name und Telefonnummer
  • Größe, Gewicht
  • und die Information, ob man Organspender ist oder nicht.

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Das Besondere ist, dass diese Informationen auch von einem gesperrten iPhone aus zugänglich sind. Im Lock-Screen, in dem man den Entsperr-Code eingeben kann, erscheint unten links die Auswahl Notfall:

Wenn man den Schriftzug „Notfall“ antippt, kann man von diesem gesperrten iPhone aus die Notrufnummern 110 und 112 wählen. Und man hat unten links Zugriff auf die Schaltfläche „Notfallpass“:

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Tippt man auf den Schriftzug „Notfallpass“, zeigt einem das immer noch gesperrte Handy die in der App Health hinterlegten Informationen an. Das sieht dann etwa so aus:

Finde ich wirklich praktisch. Insbesondere Kontaktpersonen für den Notfall, aber auch die Medikation hilft sehr. Man kann die Felder auch für weiterführende Informationen wie etwa den Hinweis auf eine Behandlungsvereinbarung oder ähnliches verwenden. Sehr sinnvoll ist natürlich auch das Feld „Organspender“. Ich denke, mit den Handys kann sich hier eine größere Verbreitung ergeben als mit den Organspendeausweisen.

Also: Wenn Du ein iPhone hast und iOS 8 ist installiert, dann trag mal zumindest Deine Kontaktpersonen für Notfälle ein. Und dann hoffen wir, dass diese Funktion bei deinem Telefon nie gebraucht wird…