Neue S3 Leitlinie zur Therapie der Angststörungen ist erschienen

Voila_Capture 2014-06-29_05-24-05_nachmUnlängst ist die neu überarbeitete S3-Leitlinie zur Therapie der Angststörungen erschienen. Hier wird auf eine Kurzversion und die ausführliche Langversion verwiesen.

Das Studium der Kurzversion zeigt einem den nicht wirklich überraschenden Stand der Dinge sowie den jeweiligen Evidenzgrad der einzelnen Empfehlungen, der ganz interessant ist.

In der Langversion kann man sich sehr detailliert darüber informieren, welche Erkenntnisse zu welcher Therapieform bestehen. Wenn ich zum Beispiel wissen möchte, welche Studien zum Einsatz von EMDR bei der Angststörung existieren, kann ich es in der Langfassung genau nachlesen, einschließlich Zusammenfassung und Beurteilung.

Cool.

 

Lernen ist wie googeln nur krasser

Früher ging Lernen ja so: Ich kaufe mir ein Lehrbuch und lese es. War ein gutes Konzept. Das System hat so einige Implikationen:

  • Wissen hat einen Wert, für den ich bereit bin, zu bezahlen. Nämlich den Preis des Buches.
  • Wissenserwerb braucht Zeit. Das Lesen eines Lehrbuches braucht nun wirklich viel Zeit, und in dem Moment, in dem ich das Buch kaufe, treffe ich eine implizite Vereinbarung mit mir, mir diese Zeit zu nehmen.
  • Ich nehme mir ein Gebiet vor, nicht nur einen Ausschnitt. Ich kaufe mir kein Buch über die Anatomie der Hand, sondern ein komplettes Anatomiebuch. So lernt man einfach besser. Und nur so versteht man auch die Anatomie der Hand…

Heute geht Lernen ja anders: de.wikipedia.org. Wenn ich etwas wissen will, clicke ich es mir auf wikipedia oder auf google an und schaue mal, was ich so finde. Das Problem ist, dass die wikipedia so verdammt gut ist, dass meine Frage praktisch immer und in immer sehr guter Qualität beantwortet wird. Und dann bin ich fertig. Implikationen:

  • Wissen im Netz ist erst mal kostenlos. Das klappt im Falle der wikipedia dank der unzähligen Ehrenamtlichen Mitgestalter hervorragend. Aber für komplexere Lerninhalte klappt die Kostenlosigkeit natürlich nicht.
  • Ich brauche mir keine Zeit zum Lernen einzuplanen. Ich konsumiere einfach immer nur die Häppchen, auf die ich gerade Appetit habe. Ist angenehm.
  • Ich lerne immer nur einen Ausschnitt, ein Detail. Aber ich überblicke nicht mehr das gesamte Gebiet.

Wenn man aber nun sein ganzes Wissen nur aus zusammengestückelten Häppchen bezieht, besteht die Gefahr, dass man den Überblick verliert. Nichts gegen das Lesen von Blogposts :), einen kontinuierlichen Blick auf seine Twitter-Filterblase oder auf häufige Stippvisiten bei wikipedia.

Aber diese Lernhappen zeigen einem immer nur einzelne Mosaiksteine, nie das Bild.

Sie zeigen einem einzelne Kunstwerke, aber erklären nicht die Kunstgeschichte.

Sie zeigen einem einzelnen Medikamente, aber nie die Pharmakologie.

Sie zeigen einem einzelne Krankheiten, aber nicht die Medizin.

So wunderbar die Wikipedia ist, sie kann nie ein gutes Lehrbuch ersetzen. Sie enthält 1000 mal mehr Wissen als jedes noch so gute Lehrbuch zu einem bestimmten Thema, aber man kann sie halt nicht so lesen. Geführte, gefilterte, umfassende Darstellungen haben weiterhin ihre Berechtigung.

Ich interessiere mich nun schon seit langem für vollständigere Lehrinhalte im Netz, am liebsten als Videos. Der Urvater ist in meinen Augen das wirklich großartige iTunes U, das kostenlos exzellente Videos ausgewählter Vorlesungen von zahllosen Universitäten, darunter gerade auch der internationalen Spitzenuniversitäten zeigt.

Eine meiner Lieblingsvorlesungen ist immer noch der Open Yale Kurs „Psychology“ von Paul Bloom, den ich immer wieder empfehlen möchte. Ein Nachteil von iTunes U ist allerdings, dass die Mehrzahl der Kurse in Englisch sind.

Eine weitere interessante Plattform, die mich immer schon mal interessiert hat, ist Lynda.com. Hier werden hauptsächlich technische Themen in Videos dargestellt, aber auch eine Reihe anderer Gebiete. Man zahlt 25 $ pro Monat und hat dann Zugriff auf alle Videos. Wenn man eine Programmiersprache lernen will, den Umgang mit einer bestimmten Software lernen will oder etwas ähnliches, dann ist man hier wohl richtig. Gegenwärtig gibt es einen Gutscheincode, der einem eine Woche kostenlosen Zugang zu allen Kursen gibt. Einfach auf die Seite Lynda.com/macpowerusers gehen, dann ist eine Woche frei. Auch Lynda.com ist komplett auf Englisch.

Ich selbst habe in den letzten Monaten mehrfach die iPad-Ausgaben von screencastsonline.com gekauft (pro Ausgabe 5 €), die wirklich gute Lehrvideos zu Apple-Software und Technikthemen haben. Kann ich auch sehr empfehlen.

Und nun wurde ich angeschrieben, mir doch mal Lecturio.de anzuschauen. Mir wurde auf meinen Wunsch hin der Kurs Strafrecht zum Testen freigeschaltet, und ich habe mir einige Vorlesungen angesehen.

Lecturio.de hat einen Schwerpunkt auf Wirtschaft, Software Jura, Medizin; darüber hinaus gibt es aber auch andere Gebiete. Alle Vorträge sind auf Deutsch. Der Strafrechtskurs, von dem ich einige Stunden gesehen habe, ist wirklich sehr gut. Hier wird ein Repetitorium gezeigt, in dem Schritt für Schritt über 160 Stunden Videomaterial das gesamte Strafrecht dargestellt wird. Zielgruppe sind eindeutig Jurastudenten, die sich auf das erste Staatsexamen vorbereiten. Es gibt gleichartig ausführliche Kurse auch in der Medizin, und den kurzen kostenlosen Vorschauen nach sind die ebenfalls von sehr guter Qualität.

Das Preismodell von lecturio.de ist anders, hier zahlt man immer für ein Jahr lang eine Leihgebühr für einen Kurs oder ein Paket. Die Jahresgebühr kann man auch in monatlichen Raten zahlen. Und man kauft nicht eine „Flatrate“ für alle Kurse, sondern immer einzelne Kurse, und die für ein Jahr. Es gibt auch Pakete, wie zum Beispiel das Paket „Medizin Flatrate“ für 1000 € einmalig oder zu Raten von 12*100 € im Monat. Der enthält zum Beispiel 258 Vorträge mit einer Laufzeit von 217 Stunden zu Themen wie „Formale Genetik“, „Redox-Gleichgewichte“ oder „Anatomie: Gehirnentwicklung, Gliederung des Gehirns“… Wer sich auf Lecturio anmeldet bekommt jedenfalls einen Gutschein für einen Vortrag umsonst, praktisch zum Kennenlernen.

Ich glaube, wenn ich mich noch mal auf das dritte Staatsexamen vorbereiten müsste, fände ich so eine Vorlesungssammlung komplett auf Deutsch echt hilfreich. Ich habe zur Vorbereitung auf das dritte Staatsexamen sechs Monate lang jeden Tag in der Uni-Bibliothek gesessen und Fragen aus der Fragensammlung beantwortet. Wenn ich was nicht wußte, hab ich es nachgelesen. Ich glaube nicht, dass man die Zeit hat, noch mal alle Vorlesungen zu sehen. Aber am späten Nachmittag eine Vorlesung zu einem Thema, bei dem man ganz besonders wenige Punkte gemacht hat, anzusehen, das wäre schon cool gewesen…

Ich glaube, dass Wissen einen hohen Wert hat. Daher ist es auch angemessen, Zeit und Geld in den Erwerb von Wissen zu investieren. Je knapper die Zeit ist, desto wertvoller werden gut aufbereitete multimediale, leicht zugängliche Lehrformen.

Welche Erfahrungen hast Du mit bezahlten Online-Kursen? Nutzt Du welche? Hast Du schon mal für einen bezahlt? Würdest Du es wieder tun? Schreib Deine Empfehlungen in die Kommentare!

Stimmt es, dass man ein Jahr nach einer Querschnittslähmung genau so glücklich ist wie ein Jahr nach einem Lottogewinn?

Video: Dan Gilbert: Warum sind wir glücklich?

Es heißt ja immer, dass sich die menschliche Psyche schnell von selbst auf ein bestimmtes Ausgangsniveau stabilisieren kann, und zwar ziemlich unabhängig davon, welche äußeren Umstände einem widerfahren sind. So kehre das Gefühl von Glück und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben bereits ein Jahr nach einem Lottogewinn wieder auf den Wert vor dem Lottogewinn zurück. Das ist zwar kontraintuitiv, aber noch vorstellbar. Interessanterweise kehrt das subjektiv empfundene Glück und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben in größeren Statistiken im Mittel auch ein Jahr nach einer Querschnittslähmung wieder auf das Ausgangsniveau zurück.

Das ist eine wirklich erstaunliche Fähigkeit der menschlichen Psyche, mit der man sich vertraut machen sollte, um sie zu nutzen, wenn man sie nutzen kann. Diesen menschlichen Mechanismus zu verstehen hilft auch, realistisch einzuschätzen, wieviel glücklicher es uns in der Zukunft wohl machen wird, wenn wir uns ein neues Haus kaufen, ein neues Auto kaufen, eine Prämienzahlung erhalten oder eine berufliche Beförderung erreichen. Es macht uns langfristig gesehen weniger glücklich, als wir immer so denken.

Das Empfinden von Glück ist eine jedem einzelnen Menschen innewohnende Fähigkeit, die erfreulich wenig von äußeren Umständen abhängt. Und das ist auch gut so.

Der oben verlinkte TED-Vortrag von Harvard-Professor Dan Gilbert stellt dieses Konzept sehr lebhaft vor.

Gucken und glücklich sein!

Welche Fortbildungen planst Du 2014?

you live you learn

Aber man kann das mit dem Lernen natürlich auch ein bisschen planen. Im letzten Jahr war ich zuletzt auf dem DGPPN Kongress in Berlin, und diesmal habe ich dort wirklich viel gelernt und gesehen. Der DGPPN-Kongress entwickelt sich immer mehr zum Zentrum des wissenschaftlichen und klinischen Austausches im Bereich der Psychiatrie. Vor wenigen Jahren kamen etwa 4.000 Teilnehmer zum Kongress. 2013 waren es bereits über 10.000 Teilnehmer. Darunter Psychiater, psychiatrische Pflegekräfte, Wissenschaftler, Gesundheitsdienstleister und allerhand andere. Die Breite der dort angebotenen Fortbildungen und auch die Qualität vieler einzelner Veranstaltungen ist beeindruckend. 2014 möchte ich wieder zum Kongress gehen. Darüber hinaus gehe ich im Januar zu einer Forensik Weiterbildung. Welche Fortbildungen habt Ihr Euch für 2014 vorgenommen? Was könnt ihr empfehlen? Und wie ist es eigentlich auf den Lindauer Psychotherapie-Wochen?

Update: Psychopharmakologie to go Auflage 4

Psychopharmakologie to go für’s iPad ist ab heute in der vierten Auflage verfügbar! Layout und Design sind komplett neu gestaltet, alles sieht moderner und frischer aus, es liest sich gleich viel schöner. An vielen Stellen habe ich Korrekturen eingebaut, vieles umformuliert und einige Abschnitte neu eingefügt.

Das Update ist im iBookstore natürlich umsonst; wer schon ein Exemplar besitzt, clickt einfach unter „Gekaufte Artikel“ auf update, dann lädt es.

Update: Im Moment ist es nicht verfügbar. Aber ich kann versprechen, dass es bald in einer deutlich verbesserten Form zurück kommt… Also etwas Geduld…

Normal -Gegen die Inflation Psychiatrischer Diagnosen

Die USA sind das einzige Land der Welt, in dem Pharmaunternehmen das Recht haben, direkt am Patienten Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente zu machen.

Quelle: "Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen." Lese-Position 735

Kein Wunder, dass in Amerika gerade Psychopharmaka weitaus häufiger verschrieben werden als in den meisten anderen Ländern der Welt. Der Arzt hat die Aufgabe, die wirklich Kranken von den Gesunden zu unterscheiden. Die Ausweitung des Krankheitsbegriffes im Bereich der Psychiatrie schadet allen:

  • Sie schadet den unnötig behandelten Gesunden, die besser einen anderen Weg finden könnten, ihren Beschwerden zu begegnen
  • Und sie schadet den wirklich Kranken, für die immer weniger klar ist, dass ihnen die Psychiatrie und möglicherweise auch ihre Medikation helfen kann.

Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich kritisch mit der Erweiterung des Diagnosesystems im DSM-5 auseinandersetzen wollen.

Zwei unklare Todesfälle unter Olanzapin Depot

Wer diesen blog hier mag, interessiert sich sicher auch für den blog zum „Kompendium psychiatrische Pharmakologie“, der eine Ergänzung zum berühmten und ausgezeichneten Pharmakologiebuch von Benkert /Hippius ist und über wichtige aktuelle Neuigkeiten informiert, bevor diese in die nächste Auflage eingehen. Es erscheint nur alle paar Wochen ein post, wenn aber einer erscheint, ist er regelmäßig wirklich wichtig und relevant. Also bitte ab damit in den feed-reader…

Heute informiert der blog in diesem Artikel über zwei unklare Todesfälle wenige Tage nach Injektion einer üblichen Dosis Zypadhera, also Olanzapin-Depot. Bei Zypadhera ist bekannt, dass nach der Injektion ein „Postinjektionssyndrom“ auftreten kann, wenn der Wirkstoff fälschlich in die venöse Blutbahn gelangt und zu einer starken Wirkstoffüberdosierung führt. Dies kann zu Benommenheit, Verwirrtheit und einem schweren Krankheitsbild führen, das intensivmedizinisch überwacht werden muss, dann aber nach einigen Stunden oder wenigen Tagen abklingt. Da diese Komplikation bekannt ist, müssen Patienten nach der Injektion von Zypadhera 3 Stunden überwacht werden, sie dürfen nach der Injektion nicht Auto fahren.

Die EMA schreibt hierzu:

Postinjektionssyndrom: Während klinischer Studien vor der Zulassung, traten Ereignisse mit Symptomen passend zu einer Olanzapin-Überdosierung bei < 0,1 % der Injektionen und ungefähr 2 % der Patienten auf. Die meisten dieser Patienten entwickelten Symptome einer Sedierung (reichend von einem leichten Schweregrad bis zum Koma) und/oder Delirium (einschließlich Verwirrtheit, Desorientiertheit, Agitation, Angst und anderen kognitive Beeinträchtigungen). Andere berichtete Symptome waren extrapyramidale Symptome, Sprachstörungen, Ataxie, Aggression, Schwindel, Schwäche, Hypertension und Krampfanfälle. In den meisten Fällen traten die initialen Anzeichen und Symptome dieser Ereignisse innerhalb 1 Stunde nach der Injektion auf. In allen Fällen wurde ein vollständiges Abklingen der Symptome innerhalb von 24 – 72 Stunden nach der Injektion berichtet. Die Ereignisse traten selten (< 1 von 1.000 Injektionen) zwischen 1 und 3 Stunden und sehr selten (< 1 von 10.000 Injektionen) nach 3 Stunden auf. Bei jeder Gabe von ZYPADHERA müssen die Patienten immer über dieses potenzielle Risiko und die Notwendigkeit einer Nachbeobachtung von 3 Stunden in einer medizinischen Einrichtung informiert werden. Berichte zum Postinjektionssyndrom nach Zulassung und Markteinführung von ZYPADHERA stimmen grundsätzlich mit dem überein, was in klinischen Studien beobachtet wurde.

Das Postinjektionssyndrom ist schon schlimm genug. Bislang war es aber nicht zu berichteten Todesfällen gekommen. Sollte sich ein ursächlicher Zusammenhang mit Olanzapin bestätigen, wäre eine neue Risiko/Nutzen Abwägung erforderlich. In dem verlinkten Artikel wird über 82 unklare Todesfälle im Zusammenhang mit Zypadhera berichtet, ohne dass beurteilt werden kann, ob und wenn ja in welchem Ausmaß hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht.

Meine persönliche Wertung:

Bislang habe ich Zypadhera in wenigen bestimmten Fällen verordnet. Es macht keine EPMS und wird von vielen Patienten sehr gut vertragen und explizit gewünscht.

Ich werde es nun aber zunächst einmal nicht mehr empfehlen, bis aufgeklärt ist, ob es sich bei den beschriebenen Todesfällen um Folgen des Postinjektionssyndromes handelt.

Olanzapin in Tablettenform kann nicht zu dieser Komplikation führen. Es ist in meinen Augen weiterhin eine gute und sichere Behandlungsmethode.

Reanimation für Laien mit Kaya Yanar

Der Blog der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin weist freundlich auf dieses Video hin, in dem Kaya Yanar sehr kompetent das Vorgehen bei der Laienreanimation erläutert.

Guckst Du und tweetest Du!

Kirsch-Studie: Wirksamkeit der Antidepressiva

Kirsch Studie

Zu den Klassikern der psychiatrischen Forschung gehört neben der CATIE-Studie, über die ich hier berichtet habe, auch die Kirsch-Studie. Sie berichtet über eine vom englischen Psychologen I. Kirsch 2008 publizierte Meta-Analyse, die die Wirksamkeit antidepressiver Medikamente in Abhängigkeit vom Schweregrad der Depression untersucht. Eingegangen in diese Meta-Analyse sind alle Zulassungsstudien von vier ausgewählten Antidepressiva. Das Ergebnis ist, dass sich die Wirksamkeit der Antidepressiva bei leichten und mittelschweren Depressionen    nicht signifikant vom Placebo-Niveau unterscheidet. Lediglich bei schwergradigen Depressionen ist die Medikation Placebo überlegen.

Die Arbeit im Original

Das Original der Studie könnt ihr hier herunterladen, und ich empfehle, das zu tun und die Studie einmal aufmerksam zu lesen.

Methode

Die Meta-Analyse von Kirsch bezieht dabei für die Antidepressiva Fluoxetin, Venlafaxin, Nefazodon und Paroxetin alle eingereichten Zulassungsstudien ein, also die veröffentlichten wie die unveröffentlichten.

Eines der größten Probleme im Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnes ist der publication bias. Dieser ergibt sich aus der Fehlerquelle, dass Studien, die eine Wirksamkeit eines Medikamentes zeigen, mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit publiziert werden, als Studien, die keine Wirksamkeit zeigen. Untersucht man dann nur die publizierten Studien, kommt man selbst bei einem Präparat, dass viele Nachweise der Unwirksamkeit hat, von denen keine publiziert ist, und einen Hinweis auf Wirksamkeit, das publiziert ist, zum Ergebnis, es ist wirksam. Denn es gibt ja nur eine publizierte Studie, und die zeigt Wirksamkeit.

Ergebnisse

Ergebnisse Kirsch Studie
Ergebnisse Kirsch Studie

Auf der Grafik oben ist nach rechts die Schwere der Depression zu Beginn der Studie aufgetragen. Auf der nach oben zeigenden Achse ist die Verbesserungsrate der einzelnen Studien aufgetragen, wobei ein Wert von 1 keiner Verbesserung entspricht, Werte über 1 einer Verbesserung und Werte unter 1 einer Verschlechterung am Ende der Studie, jeweils gemessen am HAMD.  Als rote Dreiecke um die rote Durchschnittslinie sind die Daten der Antidepressivagruppen aufgezeichnet, als weiße Punkte um deren gestrichelte Durchschnittslinie sind die Placebogruppen aufgezeichnet. Jedes Dreieck und jeder Kreis steht für eine Studie. Je größer Dreieck oder Kreis sind, desto größer war die zugrunde liegende Studie und desto mehr ging sie in das Endergebnis ein.

Die Ergebnisse der Meta-Analyse von Kirsch sind ernüchternd. Die Grafik zeigt, dass die Wirkung der Antidepressiva erst im Bereich der sehr schweren Depressionen (ganz rechts, ab einem HAMD von > 28) signifikant besser ist als die von Placebo. Und dies geht weniger auf eine zunehmende Wirkung der Medikation bei zunehmender Schwere der Depression zurück als vielmehr auf eine abnehmende Placebowirkung bei schwereren Depressionen.

Kontroverse

Die Studie von Kirsch führte zu einer lebhaften Kontroverse. Viele Stimmen kamen auf, die ausführten, dass man aufgrund methodischer Einschränkungen die Ergebnisse der Studie nicht auf die tatsächliche Wirksamkeit von Antidepressiva bei leichten und mittelschweren Depressionen übertragen könne. Dabei muss man schon sagen, dass einige dieser Stimmen auch regelmäßig von Pharmafirmen Vortragshonorare erhalten… Auch die klinische Erfahrung spreche gegen die Aussage der Studie. Auch handelt es sich bei den untersuchten Substanzen mit Ausnahme des Venlafaxins um alte und eher nicht so prominente Substanzen. Möglicherweise sind die neueren Antidepressiva ja wirkstärker.

Einige wenige sagten auch: „An der Kirsch-Studie kann am Schluss vielleicht auch was dran sein…“

Meine Meinung

Placebos wirken bei Schmerzen, Ängsten, Depressionen, Schlafstörungen und bei sehr vielen anderen ordentlichen Krankheiten gar nicht mal so schlecht. Ich verschreibe keine Placebos, aber in allen Studien zeigt sich, dass sie eine recht deutliche Wirkung haben. Und das ist natürlich völlig in Ordnung und gar nicht verwerflich. Gibt man ein Antidepressivum, hat es zunächst mal auch den Effekt, den ein Placebo hätte, plus den Effekt seiner eigentlichen substanzspezifischen Wirksamkeit.

Der Unterschied zwischen Antidepressiva und Placebo ist bei leichten und mittelschweren Depressionen möglicherweise nicht so groß, wie wir uns das immer wünschen. Bei schweren Depressionen wirken die Antidepressiva tatsächlich besser als Placebo. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass bei schweren Depressionen Placebos nicht sehr viel bewirken.

Es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, dass Antidepressiva gerade bei leichten und mittelschweren Depressionen keine Wundermittel sind. Denn oft liegt eine wirksame Bekämpfung dieser Depressionen darin, den beschwerlichen Weg zu gehen, bestimmte Konflikte zu lösen, Lebensumstände zu ändern oder sein Verhalten umzukrempeln. Und genau das tut man weniger gerne, wenn man sich sagt: „Ich habe da diese Depression, da sind die Neurotransmitter durcheinander, da nehme ich jetzt diese Pille, und dann warte ich mal schön ab.“ Wenn man so denkt, schadet die Pille einem, da man erforderliche Veränderungen nicht angeht.

Eure Meinung

Wie schätzt ihr die Wirkung antidepressiver Medikamente bei der Depression ein? Was haltet ihr von der Kirsch-Studie? Kann man deren Aussage auf die reale Welt da draußen übertragen? Ich bin auf jeden Kommentar gespannt!

Psychopharmakologie to go: iBooks Version 3

Soeben habe ich Version 3 der iPad Version des Buches Psychopharmakologie to go hochgeladen. Jeder, der es schon gekauft hat, kann jetzt ein kostenloses update laden. Neu hinzugekommen sind Kapitel über Aripiprazol, Ziprasidon, die Umrechnung von oral gegebenen Neuroleptika in die jeweiligen Depot-Dosierungen sowie ein Hinweis auf sexuelle Nebenwirkungen unter SSRI.

Regelmäßige Leser dieses blogs haben diese Kapitel natürlich hier schon gelesen, vielen Dank für die Anmerkungen und Korrekturen, so ist der Inhalt des Buches an vielen Stellen community-proofed…

Ich finde ja, das sich jedes Fachbuch so unproblematisch aktualisieren lassen müsste, ich verstehe Leute, die Papierbücher bevorzugen, schon deshalb nicht… Aber ich weiß, ich bin da etwas sonderlich.

Zugleich habe ich den Preis von 9,99 € auf 6,99 € reduziert. Also wer es noch nicht hat: Jetzt zuschlagen!

Psychopharmakologie to go: Das Buch: Jetzt endlich auch als Buch!

Psychopharmakologie to go Buch
Psychopharmakologie to go Buch

Psychopharmakologie to go Buch

Es ist doch herrlich, an einem sonnigen Tag mit einem guten Buch im Schatten zu sitzen und sich von neuen Ideen inspirieren zu lassen. Das gute alte Buch ist hierfür prima geeignet. Ich selbst habe zwar schon lange kein Buch aus Papier mehr gelesen, aber dieses hier gefällt mir ganz ausgezeichnet. Es ist durchgehend gut lesbar geschrieben und vermittelt einen Überblick über die wichtigsten Aspekte der Praktischen Psychopharmakologie. Neueinsteiger erhalten eine verläßliche Orientierung über die wichtigsten Wirkstoffe und deren Verwendung. Leser mit bereits vorhandenem Fachwissen bekommen an vielen Stellen Hintergrundinformationen, etwa geschichtliche oder pharmakologische Zusatzinformationen. Zu den häufigsten Erkrankungen und den wichtigsten Medikamenten berichte ich jeweils, nach welchen Kriterien ich selbst die Medikation auswähle und dosiere. Das ist zwar überhaupt nicht der einzig richtige Weg der medikamentösen Behandlung, dient aber ebenfalls sehr gut der Orientierung. Also, wer Papierbücher gegenüber eBooks, iBooks und pdf’s bevorzugt, der kann jetzt zuschlagen: Psychopharmakologie to go: Das Papierbuch.

„Psychopharmakologie to go“ ist jetzt auch als kindle-Version verfügbar!

Psychopharmakologie to go kindle edition
Psychopharmakologie to go kindle edition

Nach der iPad Version und dem pdf gibt es das Buch „Psychopharmakologie to go“ nun auch als kindle-Edition. Wer also einen kindle hat oder eine kindle App auf seinem smartphone, tablet oder welchem gadget auch immer: Nun kann man es auch für diese Plattform bekommen. Die farbigen Bilder und die Tabellen lesen sich schon schöner auf einem Farbdisplay wie dem kindle fire. Aber auch für den normalen kindle oder kindle paperwhite ist das Buch speziell umformatiert, so dass der Text auf allen Geräten sehr gut lesbar ist, die Navigation leichtfällt und man auf jeden Fall alle Inhalte (bis auf die interaktiven Inhalte der iBooks Version) auch im kindle Format bekommt. Eine kostenlose Leseprobe ist auch bei diesem Format verfügbar.

Viel Spaß!

Didaktik 2.0: Hier wird aus der Notaufnahme gebloggt und zugleich exzellent fortgebildet

http://dgina.de/blog/
http://dgina.de/blog/

Die deutsche Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall und Akutmedizin (DGINA) widmet sich der Verbesserung aller Aspekte der interdisziplinären Notfallmedizin. Zwei Mitglieder, Dr. Lars Lomberg und Prof. Christ betreuen einen blog zum Thema, der alles vereint, was man sich von einem Didaktik 2.0 blog wünscht: Es werden kurz und prägnant Situationen aus dem richtigen Leben in der Notaufnahme geschildert, oft mit einem Bild eines Untersuchungsbefundes oder einer apparativen Untersuchung, und dann wird dargestellt, was diagnostisch und therapeutisch zu tun war. Sehr regelmäßig wird auf relevante Literatur verwiesen, so dass man über den Einzelfall hinaus die angesprochene Fragestellung vollständiger erfassen kann.

Man kann sich an den Kategorien des blogs orientieren, und nur Fälle aus seinem eigenen Gebiet lesen, aber im richtigen Leben kommen die Patienten ja auch nicht vorkategorisiert zur Aufnahme, es lohnt sich auf jeden Fall, alle Einträge zu verfolgen. So macht der Blick über den Tellerrand echt Spaß und ist wirklich sehr lehrreich: Also ab in den feedreader mit: dgina.de/blog/feed/ !

Psychopharmakologie to go: Das Buch!

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In den letzten Wochen war es etwas ruhig hier auf dem blog. Das lag daran, dass ich mir überlegt hatte, ein eBook zu schreiben, das die Psychopharmakologie möglichst praxisnah und unkompliziert erklärt, ganz im Stil dieses blogs. Und so habe ich mich hingesetzt und genau das geschrieben. iBooksAuthor hat mir sehr gute Dienste geleistet, so dass nun ein komplettes iBook fertig ist.

Hier ist der downloadlinks für den iBooks Store, den ihr verwenden könnt, wenn ihr ein iPad habt. Eine umfangreiche kostenlose Leseprobe könnt ihr dort auch laden.
Für Nicht iPad Benutzer gibt es hier eine pdf Version mit etwas abgespecktem Inhalt, auch hierzu gibt es eine kostenlose Leseprobe.
Und nun viel Spaß damit!

Erster Geburtstag

Heute feiert dieser blog seinen ersten Geburtstag. Happy birthday!
Vor genau einem Jahr erschien der erste post hier; inhaltlich ging es darum, dass ich wohl mal „Hello World!“ posten wollte und das auch getan habe. Inzwischen habe ich über 140 posts mit hoffentlich etwas mehr Inhalt geschrieben und es ist weiterhin fun.
Bedanken möchte ich mich einmal mehr bei pharmama, Chirurgenwelpe und medizynicus, durch deren frühe links viele Leser auf den blog aufmerksam geworden sind sowie die anderen Medizinblogs, die mir die Ehre eingeräumt haben, mich in ihre blogroll aufzunehmen. Google lenkt täglich verblüffende Mengen an clicks weiter, was mich wirklich freut und motiviert.
Am meisten aber freuen mich die vielen regelmäßigen Leser unter Euch, die mir mit Kommentaren, Gefällt mir´s und allen anderen Rückmeldungen zeigen, dass ein bestimmter post ihnen etwas gebracht hat: Spaß, Bestätigung, Information oder Anregung.
Ich freue mich auf’s nächste Jahr mit Euch,
Euer psychiatrietogo

Das Wirkprinzip der Antidementiva

Medikamentöse Behandlung der Demenz

Die medikamentöse Behandlung der Demenzen wirkt zunächst kompliziert. Was wirkt eigentlich bei wem wie gut? Und wirkt überhaupt etwas? Viel Klarheit bringt hier die aktuelle S3 Leitlinie zur Demenz.

Es kommt sehr darauf an, welche Form der Demenz vorliegt. Die häufigste Demenzform ist mit ca. 60% aller Demenzen die Demenz vom Alzheimer Typ. Die Illustration oben zeigt links das Gehirn eines Gesunden, rechts das atrophierte Gehirn eines Alzheimerkranken. Die Atrophie ist bei dieser Erkrankung am ganzen Gehirn zu sehen, betont aber am medialen Temporallappen und am Hippokampus. Der Hippocampus ist für Gedächtnisleistungen verantwortlich, was zur Symptomatik der Vergesslichkeit passt. Die verminderte Leistungsfähigkeit des Gehirns eines an M. Alzheimer Erkrankten ist im Wesentlichen durch die verminderte Anzahl an Nervenzellen bedingt. Eine ausreichende Signalübertragung ist schlicht und ergreifend dadurch erschwert, dass es zu wenig Nervenzellen gibt. Deren Neurotransmitter wäre zu einem guten Teil das Acetylcholin. Die verminderte Anzahl an Nervenzellen hat dann aber eine zu geringe Kapazität, Acetylcholin in ausreichender Menge zu produzieren.

Drei der vier zugelassenen und beim M. Alzheimer bewiesenermaßen wirksamen Medikamente, nämlich

  • Donepezil (z.B. Arizept®)
  • Galantamin (z.B. Reminyl®)
  • Rivastigmin (z.B. Exelon®)

wirken nun ganz einfach dadurch, dass sie den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin im Gehirn verlangsamen. Der Abbau von Acetylcholin im Gehirn erfolgt im wesentlichen über das Enzym Acetylcholinesterase. Wenn man dies Enzym blockiert, kann es nicht mehr so viel Acetylcholin abbauen, und so verbleibt Acetylcholin im synaptischen Spalt, und kann so besser seine Wirkung entfalten. Da bei der Demenz vom Alzheimer Typ Acetylcholin zu knapp ist, ist die Verzögerung des Abbaus dieses Transmitters ein wirksamer Weg, die Funktion der Signalübertragung eine Zeit lang aufrecht zu erhalten.

Antidementiva können durch diesen Mechanismus die Symptomatik der Demenz etwas lindern und bewirken, dass eine Verschlechterung der Beschwerden in vielen Fällen um einige Monate oder wenige Jahre aufgeschoben wird, was oft für die Patienten und auch im Hinblick auf deren Betreuung einen sehr großen Gewinn bringt. Die aktuell auf dem Markt befindlichen Antidementiva bewirken aber keine Verzögerung der ursächlichen Degeneration.

Die vierte wirksame Substanz ist das Memantin (z.B. Axura®). Dies ist ein NMDA Rezeptor Antagonist. Auch Memantin wirkt auf die Neurotransmission und lindert so die Symptome für einige Zeit.

Neben der Alzheimer Demenz gibt es noch die vaskuläre Demenz, die gemischte Demenz (vaskuläre und Alzheimer Anteile gemischt), die Lewy-Körperchen Demenz, die frontotemporale Demenz, Demenzen beim M. Parkinson sowie andere Demenzen.

Die oben genannten Substanzen sind nur zum Teil bei den anderen Demenzformen wirksam und auch nur zum Teil bei diesen zugelassen. In den folgenden Artikeln in den nächsten Tagen (oder Wochen…) will ich im Detail auf die verschiedenen Substanzen und die verschiedenen Demenzformen eingehen…

stay tuned!

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Willkommen in meinem RSS Reader PsychoSomaDoc

Blogs bieten zwei wesentliche Vorteile:
Erstens: Als Schreiber macht man sich auf eine ganz andere Art Gedanken über das eigene Gebiet, man überlegt nämlich, wie man einem Anderen bestimmte Dinge erklären kann und worauf es sich nach der eigenen Einschätzung lohnt, hinzuweisen. Dadurch betrachtet man die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Und das ist sehr bereichernd! Wer noch keinen blog betreibt, der kann sich für die quälende Sylvesterfrage: „Was nehme ich mir für 2013 eigentlich mal vor?“ ja mal was überlegen…
Zweitens: Als Leser bekommt man Einblicke in die Welt anderer Gebiete, und zwar kurz, meist unterhaltsam und oft auch informativ. Gute Sache…
Und so freue ich mich ganz besonders, mit PsychoSomaDoc einen neuen blog in meinen RSS reader aufnehmen zu können. 
Viel Spaß und viel Erfolg, PsychoSomaDoc!

Ergotherapie Newsletter 

Ich hatte schon mal auf den Blog handlungsplan hingewiesen, der sehr gründliche Artikel aus dem Gebiet der Ergotherapie postet.
Im heute erschienenen Post wird ein mit iBooksAuthor geschriebener Ergotherapie Newsletter vorgestellt, der wirklich sehr sehr schön geworden ist. Ich habe in auf dem iPad gelesen und bin echt begeistert.
Wer sich für Ergotherapie oder für Layout oder für beides interessiert, sollte auf jeden Fall mal reingucken. Der Newsletter ist einfach sehr schön gestaltet. 
Ein Kapitel verweist auf eine Dokumentation, die der von einer bipolaren Krankheit betroffene Fernsehmoderator und Comedian Stefan Frey gedreht hat. Sehr sehenswert.
Ich aboniere nicht viele newsletter, aber diesen hier sofort!
Ich wünsche den Handlungsplan-Machern viel Erfolg damit!

Buchempfehlung: The naked pilot, 1995

Im Internet liest man ja viele Buchempfehlungen, zumeist von neu erschienenen Büchern. Ich habe jetzt im Urlaub „The naked pilot“ von David Beaty gelesen. Das Buch ist 1995 erschienen und ist komplett absolut topaktuell und wirklich spannend zu lesen.
Es handelt von menschlichen Fehlern, die zu Flugzeugunfällen geführt haben. Schon das 1995 geschriebene Vorwort ist der aktuellen Diskussion, was im medizinischen Bereich zu Fehlern führt, um Jahre voraus. Die weit überwiegende Zahl an Fehlerquellen im Cockpit kann man 1:1 auf Fehlerquellen in OP’s oder medizinischen Behandlungsteams übertragen. Die Jungs aus der Luftfahrt haben sich nur im Gegensatz zum medizinischen System wesentlich früher und konsequenter um die Identifizierung und extensive Implementierung von Ausbildungen, Routinen und Maßnahmen gekümmert, solche Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden. 1995 war der Stand, dass noch 25 % der Fehler, die zu Unfällen in der Luftfahrt führten, technischer Natur waren, wie explodierende Triebwerke oder abfallende Fahrgestelle. 75 % der Fehler waren auf menschliche Fehler zurückzuführen. Und damit sind nicht fliegerische Pilotenfehler gemeint, sondern Fehler, die der menschlichen Art zu handeln oder zu interagieren eigen sind. Die Analyse solcher Fehlerquellen auch in der Medizin konsequent zu erforschen, um sie zu verhindern, müßte weitaus intensiver geschehen (siehe auch dieses Video über CRM in Luftfahrt und Medizin).
Beaty identifiziert folgende typische Fehlerquellen, nach Häufigkeit geordnet:
Kommunikation, mit der Crew, dem Tower und dem Management: Hiermit zusammenhängende Fehler sehen oft so aus, dass einer etwas falsch macht, mindestens ein anderer das weiß, er aber mit seinem Wissen irgendwie nicht durchkommt, weil er es nicht sagt, nicht klar genug sagt, nicht sagen will, sich nicht zu sagen traut, glaubt, es nicht sagen zu dürfen oder es sagt aber nicht angemessen gehört wird. Eine ausgeprägte Hierarchie verschlechtert diese Art von lebenswichtiger Kommunikation rapide.
Wahrnehmung: Sehe ich das kreuzende Flugzeug? Sehe ich es auch, wenn der Fensterrahmen genau da ist, wo das Flugzeug zu sehen wäre?
– „Deadly Set“: Die Voreingestelltheit auf einen bestimmten Gedanken oder ein bestimmtes Detail einer Situation. Beaty beschreibt zahlreiche Unfälle, bei denen die Crew versuchte, sich einem Aspekt einer Situation zu stellen, von dem sie dannganz eingenommen war, und übersah einen anderen, lebenswichtigen Aspekt. Eine Katastrophe nahm ihren Lauf, als die Lampen im Cockpit, die anzeigen, ob das Fahrwerk ausgefahren ist, nicht leuchteten, weil sie durchgebrannt waren. Das Fahrwerk war tatsächlich aber korrekt ausgefahren, das Flugzeug hätte seinen Landeanflug fortsetzen können, es wäre nichts passiert. Da aber die Kontrolleuchten defekt waren, verfestigt sich der Gedanke an eine Crash- Notlandung in der Crew. Sie wollte möglichst viel Zeit zur Vorbereitung haben, auch um die Passagiere vorzubereiten. Dabei verabsäumten sie es, das zu tun, was für eine solche Situation vorgeschrieben ist, nämlich, tief am Tower vorbei zu fliegen und die Towerbesatzung mal nachgucken zu lassen, ob das Fahrwerk vielleicht doch ausgefahren ist. Die Crew war so lange auf dieVorbereitung der Notlandung konzentriert, bis sie nach dem Fliegen mehrerer Runden zwei Kilometer vor der Landebahn mit ausgefahrenem Fahrwerk im Wald abstürzten. Der Sprit war leer.
– Getäuscht werden
– Das männliche Ego (hier bitte beliebige Kontexte ausdenken und den immer gleichen Mechanismus beobachten…)
– Entscheidungsfindung: In kurzer Zeit unter hohem Druck die richtige Entscheidung zu treffen unterliegt einer ganzen Reihe von menschlichen Beschränkungen. In der Medizin eher noch komplexer als in der Luftfahrt…
– In kritischen Situationen greift der Mensch auf früh gelerntes zurück, nicht auf später gelerntes. In beiden Welten kritisch…
– Automation
– Sinkende Konzentration, Langeweile und Abgelenktheit: Vor allem bei monotoner Kontrolle, wie der Überwachung einer mehrstündigen Narkose.
– Konformität: Der starke menschliche Drang, lieber konform mit der Gruppe oder dem Vorgesetzen zu gehen als anzuerkennen, dass Gruppe oder Chef auf dem falschen Weg sind und dies klar zu sagen.
– Seitenfehler: Aviation: „Was, das andere Flugzeug flog auch nach rechts?“. Medizin: „Was, die kranke Niere war die rechte?“
– Erschöpfung und Streß: Luftfahrt: Am Ende eines mehrstündigen Flugen passieren die weitaus meisten Fehler bei der Landung. Medizin: Nach einem langen Nachtdienst in den frühen Morgenstunden bei drei gleichzeitigen Aufnahmen….

Coursera.org

iTunes U ist zum Glück nicht das einzige Portal für exzellente Online Vorlesungen auf verschiedenen Gebieten. Ich habe jetzt gerade coursera gefunden, eine Platform für Vorlesungen und Online Kurse, die mit den Universitäten Princeton, Stanford, Michigan und Pennsylvania zusammenarbeitet.

Es gibt keine Entschuldigung für langweilige Vorlesungen. Ich selbst denke, dass in einigen Jahren die Uni- Ausbildung in vielen Fächern so aussehen wird, dass die großen Vorlesungen zu den immer wiederkehrenden grundlegenden Themen von den meisten Studenten online gesehen werden, und zwar Vorlesungen von einigen Stars der Szene, die wirklich sehr gute Vorlesungen machen. Die Vorlesungssprache wird dabei wohl sehr häufig Englisch sein, was gut ist.

Workshops, Übungen, Vertiefungen, Kleingruppenseminare und natürlich die Prüfungen werden dann offline, real und so richtig old school vor Ort durchgeführt.

Das gute ist, dass man den spannendsten Teil, die Vorlesungen, auch einfach so gucken kann…

p.s.: Leser dieses blogs könnten zum Beispiel diese Vorlesung über Grundlagen der Pharmakologie interessant finden…