Warum es keine disziplinarischen Entlassungen und keine Entlassungen gegen ärztlichen Rat gibt

Disziplinarische Entlassung -> Entlassung auf ärztliche Veranlassung

In der psychiatrischen Welt hält sich hartnäckig der Begriff der „Disziplinarischen Entlassung“. Gemeint ist damit eine Entlassung, weil ein Patient gegen eine therapeutische Regel verstoßen hat. Typische Beispiele sind:

  • Einmaliger oder wiederholter Alkoholkonsum während einer Alkoholentzugsbehandlung
  • Körperliche Gewalt gegen Mitpatienten oder Personal
  • Einmalige oder wiederholte verbale Gewalt gegen Mitpatienten oder Personal

Diese Entlassungen sind natürlich auch völlig in Ordnung. Aber es sind keine disziplinarischen Entlassungen. Warum? Weil Disziplinierung keine Aufgabe der psychiatrischen Tätigkeit ist.

Patienten kommen in ein Krankenhaus, auch in ein psychiatrisches Krankenhaus, weil sie krank sind und die Behandlung dazu beitragen kann, dass sie wieder gesund werden. Sie kommen nicht in Behandlung, um diszipliniert zu werden. Eine psychiatrische Klinik ist ja kein pädagogisches Wohnheim für schwer erziehbare Kinder oder eine Resozialisierungsanstalt für entlassene Sträflinge auf Bewährung. Sondern einfach eine Klinik, also ein Ort für eine sinnvolle Behandlung.

Diese sinnvolle Behandlung kann natürlich nur stattfinden, wenn sich alle an bestimmte Regeln halten. Natürlich kann eine Alkoholentzugsbehandlung nicht sinnvoll durchgeführt werden, wenn ein Patient auf der Station Alkohol trinkt, vor allem, wenn das nach dem ersten Mal trotz Aufklärung und Gespräch wiederholt vorkommt.

Und natürlich muss sich eine Station auch keiner körperlichen oder erheblichen verbalen Gewalt eines Patienten aussetzen. In diesem Fall steht das Recht der Anderen auf körperliche und psychische Unversehrtheit höher als das Recht des Einen auf eine stationäre Behandlung.

Eine Entlassung aus diesem Grunde sollte man „Entlassung auf ärztliche Veranlassung“ nennen.

Man dokumentiert dann, welche Abwägung man getroffen hat. Also beispielsweise, dass das Recht eines verbal oder tätlich angegriffenen Mitpatienten auf eine ungestörte Behandlung höher wiegt, als das Recht des auf ärztliche Veranlassung entlassenen Patienten auf seine Behandlung. Oder, dass eine sinnvolle Krankenhausbehandlung mit dem Ziel einer Alkoholentzugsbehandlung nicht erreichbar ist, wenn der Patient wiederholt auf der Station Alkohol trinkt.

Und auch im Falle einer Entlassung auf ärztliche Veranlassung klärt man den Patienten natürlich über die möglichen Gefahren der Entlassung auf, beispielsweise über die Gefahr von Entzugskrampfanfällen und die damit verbundene Notwendigkeit, nicht Auto zu fahren. Und man lässt sich genau diese Aufklärung vom Patienten auch unterschreiben.

Entlassung gegen ärztlichen Rat -> Aufklärung über Gefahren bei vorzeitiger Entlassung auf Wunsch des Patienten

Auch der Begriff der Entlassung gegen ärztlichen Rat macht keinen großen Sinn. Dann könnte ich ja auch sagen, der Patient

  • raucht gegen ärztlichen Rat
  • macht keinen Sport gegen ärztlichen Rat
  • geht zu McDonalds gegen ärztlichen Rat

Das macht also keinen großen Unterschied. Das Entscheidende auch hier ist, dass man den Patienten, der sich “gegen ärztlichen Rat“ aus der Krankenhausbehandlung entlassen lassen will, über die damit verbundenen Gefahren aufklärt. Passiert nämlich nach der Entlassung etwas, dann prüft der Staatsanwalt nicht, ob der Arzt zur Entlassung geraten hat oder nicht. Der auf freiwilliger Rechtsgrundlage behandelte Patient kann sich entlassen lassen, wann immer er will, egal, was der Arzt rät. Aber der Arzt hat die Verpflichtung, über die Risiken der Entlassung aufzuklären. Und genau das muss er dokumentieren und sich auch vom Patienten unterschreiben lassen.

Das entsprechende Formular sollte man daher nicht „Entlassung gegen ärztlichen Rat“ nennen, sondern treffender: „Aufklärung über Risiken bei vorzeitiger Entlassung auf Wunsch des Patienten“.

Wie seht ihr das?

Findet ihr, dass das Haarspalterei ist? Oder findet ihr, dass es sich lohnt, sich zu geistiger Disziplin zu zwingen. Weil eine disziplinierte Wortwahl einen disziplinierten Geist fördert? Schreibt eure Meinung und gerne auch die Praxis in eurer Klinik in die Kommentare!

Introvertierte versus extravertierte Menschen

Ich selbst breche ja immer gerne eine Lanze für die Introvertierten. Sie kommen in unserer etwas effektheischerischen Medienlandschaft nicht so gut weg wie die Extravertierten (die übrigens wirklich nicht Extrovertierten heißen sondern wirklich Extravertierten…). Den Extravertierten gehört halt immer die Bühne, und über sie wird mehr berichtet.

Dabei machen die Introvertierten genau so gute Arbeit, sind mindestens genau so zuverlässig und meist genau so produktiv wie die Extravertierten.

Nun denkt man ja immer, dass der Unterschied zwischen beiden darin liegt, dass die Extravertierten gerne die Bühne suchen, um dann, wenn sie produktiv sind, eben im Rampenlicht produktiv zu sein. Und die Introvertierten gehen in ihr stilles Kämmerlein, um dort ihre Arbeit an vielen komplizierten Excel-Tabellen zu verrichten, und diese dann lautlos ihrem Chef zu mailen. So kann man den Unterschied operationalisieren.

Ich habe aber unlängst gelesen, dass man die beiden Typen mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, daran unterscheiden kann, wie sie sich regenerieren.

Die Extravertierten regenerieren sich eben gerne unter Menschen, in Geselligkeit und in sozialer Action.

Die Introvertierten regenerieren sich gerne allein, vielleicht mit einem Buch oder einer Beschäftigung mit einer Sache, aber eben allein.

Seit ich das gelesen habe (ich habe leider vergessen, wo ich es gelesen habe), denke ich oft daran, und finde, dass diese Unterscheidung viel mehr Sinn macht und meist besser zutrifft, als die Frage, wie einer hauptsächlich arbeitet. Denn auch introvertierte Menschen müssen oft was in Gruppen machen, und extravertierte haben auch einen Schreibtisch.

Was haltet ihr von dieser Art der Unterscheidung? Introvertierte bitte in den Kommentar schreiben, Extravertierte bitte auf Twitter antworten… 🙂

Doxylamin

In diesem Blogpost möchte ich mal wieder eine Alternative zu den Benzodiazepin-Schlafmitteln vorstellen: Das gute alte Doxylamin, wie man es zu Beispiel in Hoggar Night oder WICK MediNait findet…

Doxylamin

  • ist ein Antihistaminikum mit zusätzlichen anticholiergen Eigenschaften
  • ist ein häufig zu findender Wirkstoff rezeptfreier Schlafmittel
  • macht nicht abhängig
  • kann mit anderen Sedativa, insbesondere aber mit MAO-Hemmern, problematische Wechselwirkungen verursachen

Pharmakologie

Doxylamin ist ein Histamin H1-Antagonist. Durch Hemmung der Entzündungsmediator-Funktion des Histamins wirkt Doxylamin als Antiallergikum. Im Zentralnervensystem wirkt Doxylamin darüber hinaus sedierend und brechreizhemmend. Es hat auch ausgeprägte anticholinerge Wirkungen.

Klinischer Einsatz

Doxylamin wird wie viele Antihistaminika sowohl als Schlafmittel als auch als Antiallergikum eingesetzt. Darüber hinaus wird Doxylamin als Medikament gegen Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt, da es keine Hinweise auf eine teratogene Wirkung gibt.

Dosierung

  • 25–50 mg zur Nacht

Nebenwirkungen

Doxylamin kann zusammen mit anderen Sedativa einen überadditiven Effekt haben. Die Kombination mit MAO-Hemmern ist kontraindiziert. Es kann zu anticholinergen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Akkomodationsstörungen kommen.

Mein persönliches Fazit

In der ambulanten Verschreibungspraxis und im stationären Alltag wird auf die Klage „Schlafstörung“ oft reflexartig eine Z-Substanz oder ein Benzodiazepin verordnet. Dabei ist ein Therapieversuch mit einer nicht Sucht-erzeugenden Substanz in vielen Fällen erfolgreich. Ich verordne es bei Einschlafstörungen in Kombination mit einer Aufklärung über gute Schlafhygiene.

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Literatursuche und Verwaltung mit der Mac-App „Papers“

Voila_Capture 2015-07-12_07-34-17_nachm

Ich hatte im Jahr 2012 hier schon mal etwas über Literatursuche geschrieben, und auch da schon auf die Mac-App Papers hingewiesen.

In der Zwischenzeit ist viel Wasser den Rhein herunter geflossen, aber die Vorteile einer solchen App bleiben bestehen. Papers (www.papersapp.com/mac/) gibt es inzwischen in der Version 3, und ich finde es wirklich sehr sehr durchdacht und hilfreich. Das Prinzip geht so: Zunächst legst Du unter deinen bevorzugten Suchmaschinen diejenigen an, die in deinem Fachgebiet eine Rolle spielen. In der Medizin reichen eigentlich PubMed und Google Scholar. Dann gibst Du im Suchfeld ein, wonach du suchst. Die relevanten Artikel werden angezeigt. Die kannst Du nun speichern (Papiers lädt alle Metadaten) und mit eigenen tags oder Kommentaren versehen sowie Kollektionen zuweisen. Wenn das PDF zum Artikel kostenfrei zu laden ist, macht Papiers das und speichert es gleich mit. Du kannst auch eigene PDF´s der Papers-Datenbank hinzufügen. Wenn Du den Artikel irgendwo zitieren möchtest, gibt dir Papiers natürlich die korrekte Benennung in einer der Standardformatierungen deiner Wahl aus. Jeder, der sich über die Medline auf dem Laufenden halten möchte und hin und wieder was recherchiert, profitiert sicher von diesem Programm. Gibts übrigens auch für iOS, und die Datenbank synchronisiert sich per Dropbox mit der Mac-App. Die Mac-App könnt ihr zwei Wochen lang kostenlos testen, danach kostet das Programm 90 € pro Lizenz, die man für drei Installationen auf eigenen Rechnern verwenden kann.

P.S.: Danke übrigens Iris H. für Deinen Kommentar zu Absetzerscheinungen unter SSRI, den Artikel finde ich sehr sehr interessant. Welchen Artikel fragt ihr? Hier ist die Referenz:
Fava, G. A., Gatti, A., Belaise, C., Guidi, J., & Offidani, E. (2015). Withdrawal Symptoms after Selective Serotonin Reuptake Inhibitor Discontinuation: A Systematic Review. Psychotherapy and Psychosomatics, 84(2), 72–81. http://doi.org/10.1159/000370338

Gerade zu Ende gelesen: Das Happiness-Projekt

Voila_Capture 2015-06-14_01-39-44_nachm

Wenn man mit Vornamen Gretchen heißt, ist es gut, sich bewusst den guten Dingen im Leben zuzuwenden. Die äußerst populäre New-Yorker Bestsellerautorin beschreibt in ihrem Buch „Das Happiness-Projekt“ ihr über ein Jahr durchgeführtes Projekt, praktisch alles mal zu versuchen, was vernünftigerweise Aussicht darauf verspricht, glücklicher zu werden. Von den vielen Glücksratgebern, die ich bislang gelesen habe, ist dieses Buch eines der inspirierendsten und schönsten. Ladet mal die kostenlose Leseprobe….

Das Pizza-Syndrom ist abgelöst…

Ohne die gute alte Autokorrektur wäre die Lektüre von Arztbriefen nicht halb so unterhaltsam. Bislang war mein Favorit das „Pizza-Syndrom„, eine kulinarische Umdeutung des Pisa-Syndromes (ein Syndrom, bei dem man schief steht…).

Heute habe ich in einem Arztbrief etwas über die Weite der Liquor-Räume gelesen; das sind kleine Räume und Aussackungen, in denen Nervenwasser ist. Es hieß hier:

Deutlich erweiterte Likör-Räume.

Ja da weiß man gleich was zur Ätiologie…

Takt ist der Höflichkeit stets überlegen

Wir alle werden ja zu höflichen Menschen erzogen, und das ist auch gut so, denn Höflichkeit ist das soziale Öl in unseren Interaktionen, ohne die wir es alle schwerer hätten. Und es ist auch richtig, dass Unhöflichkeit durch nichts zu entschuldigen ist. Ich habe nichts gegen klare Aussagen. Aber man sollte sie höflich formulieren. So weit so klar.

Aber noch besser als Höflichkeit ist Takt. Neulich habe ich irgendwo eine schöne Erklärung gehört, die den Unterschied von Höflichkeit und Takt verdeutlicht:

Ein Mann irrt sich in einem öffentlichen Schwimmbad in der Tür zu den Duschen und betritt unabsichtlich statt der Herrendusche die Damendusche. Er sieht eine hübsche junge Frau völlig nackt duschen. Natürlich dreht er sich sofort um und tritt den Rückweg nach draußen an. Höflich ist er, wenn er im Umdrehen sagt: „Entschuldigen Sie bitte, meine Dame“. Taktvoll ist er, wenn er im Umdrehen sagt: „Entschuldigen Sie bitte, mein Herr“.

Sehr schön erklärt. Menschen, die taktvoll sind, versetzen sich in ihr gegenüber und versuchen, ihr oder ihm unangenehme Gefühle, insbesondere Beschämung, so weit als möglich zu ersparen. Wenn man der Empfänger taktvollen Verhaltens ist, dann ist das in manchen Situationen Balsam statt Brüskierung. Takt ist ein wertvolles Geschenk.

Ich erkläre den heutigen Tag zum Tag des Taktgefühls! 

Die Visitentücher

IMG_0255

Wenn ich auf eine Station komme, um dort Visite zu machen, ist das Zimmer meist gut vorbereitet. Der Tisch steht an der richtigen Stelle, umrundet von der genau passenden Zahl an Stühlen, und der Tisch ist leer geräumt.

Fast leer.

Denn irgendwie findet sich immer wieder so eine scheinbar unausrottbare Tücher-Box auf dem Visiten-Tisch, zum Beispiel hier diese „Labor- und Hygiene-Tücher“. Offenbar denken die Vorbereitenden, dass man mit so einer Box auf dem Tisch gut gerüstet ist, wenn einem Patienten mal die Tränen kommen.

Ich selbst räume diese Tücher-Box immer als erstes an eine nahe gelegene, aber unauffällige Stelle weg. Die Visite soll doch positiv sein, Fragen beantworten und den Blick nach vorne frei machen. Natürlich darf jeder Patient in der Visite auch weinen, und mich stört das nicht, mich befremdet das nicht, mich irritiert das nicht, mich ärgert das nicht und ich finde das völlig in Ordnung. Aber ich strebe es ja nicht an.

Und wenn ich die unausrottbaren „Visitentücher“ dann doch mal brauche, habe ich sie schnell griffbereit…

Dr. Google

PsychCast Logo

Alexander und ich wollen die nächste Episode unseres PsychCasts zum Thema Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie und das Internet machen. Neben der Tatsache, dass Patienten sich im Internet über ihre Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten informieren, gibt es ja auch einzelne Therapiemöglichkeiten im Netz. 

Habt ihr Ideen, Fragen, Vorschläge, die wir berücksichtigen sollten? Ideen? Anregungen? Dann schreibt sie hier gerne in die Kommentare!

Die 10 Prozent-Regel

Ich versuche, an jedem Tag irgend etwas anders zu machen, als es meine gewöhnliche Routine so vorsieht. Dabei ist mir völlig egal, was ich anders mache. Ich gehe einen anderen Weg zur Arbeit, bestelle mir bei meinem Lieblingsitaliener eben gerade nicht meine Lieblingsspeise oder kaufe mir ein Buch, das ich unter normalen Umständen wohl nicht so interessant fände. Ich versuche, an jedem Tag 10 Prozent meiner Routineentscheidungen dem Zufall zu übergeben.
Das ist jetzt nicht so super aufregend, jeder macht ja immer mal was anders als sonst, und bei den gefühlten 250 Routine-Entscheidungen, die wir am Tag so durchziehen, komme ich auch im Leben nicht auf 10 Prozent. Das Gute an der Regel aber ist, dass ich mir bei manchen Entscheidungen denke: „OK, das ist jetzt zwar schwachsinnig, aber da ich weit hinter meine 10 Prozent-Regel zurück gefallen bin, mach ich das jetzt einfach….“
Diese Regel hat mich heute von meinem geliebten Laufband herunter gezogen und in einen Body-Pump-Kurs herein geschoben. OK, jetzt tut mir alles weh. Aber ich die Regel hat sich mal wieder als sehr spaßig und sinnvoll erwiesen:

Tu öfter mal was Ungewohntes!

Buchempfehlung: Im Kopf eines Irren

Voila_Capture 2015-03-22_10-11-06_vorm

Die Geschichte des Anschlages von Utøya und die damit verbundene Geschichte des Attentäters Anders Behring Breivik ist aus vielerlei Gründen äußerst interessant. Die Frage, ob und in welchem Maße Breivik schuldfähig ist, ist eine davon. Die Frage, wie ein Mensch eine solche kaum vorstellbare Greueltat begehen kann, eine zweite.

Dem Autor Richard Orange ist es gelungen, im Stile eines Chronisten eine sachliche Darstellung der Tat und des nachfolgenden Prozesses einschließlich der beiden psychiatrischen Begutachtungen aufzuschreiben. Die Überlegungen der Anklage, der Verteidigung und schließlich des Gerichtes, das Breivik schlussendlich für voll schuldfähig erklärt und zu 21 Jahren Freiheitsstrafe mit der Möglichkeit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt hat, werden ausführlich und gut nachvollziehbar dargelegt.

Für jeden, der sich mit diesem Abgrund der menschlichen Psyche auseinander setzen möchte, für jeden, der sich für die Grenzen zwischen Terrorismus aufgrund eines extremen politischen Fanatismus auf der einen Seite und einer möglichen psychischen Erkrankung auf der anderen Seite interessiert und für jeden, der an einer sachlichen Prozessberichterstattung im Fall Breivik interessiert ist, kann ich das Buch 100-prozentig empfehlen. Es kostet als Amazon-Single 2,99 €, für Amazon-Prime Kunden ist es sogar kostenlos ausleihbar.

Ihr findet den download hier.

Neulich im Gericht: Promille, mg/L, g/L, g/Kg oder wie betrunken war der Angeklagte denn nun?

Stets größte Freude löst es im Gericht aus, wenn in der Akte ein Atemalkoholgehalt oder ein Blutalkoholgehalt in mg/dl oder in g/L angegeben wird, und einer der Prozessbeteiligten das mit dem „Promillewert“ gleichsetzt. Das ist nämlich leider nicht der Fall, und die überzeugende Umrechnung obliegt dann dem Sachverständigen. Ich habe mal versucht, alle möglichen Fallstricke zusammenzutragen:

1. „Umrechnung“ Atemalkoholkonzentration in Blutalkoholkonzentration

Es macht einen großen Unterschied, ob ich den Alkoholgehalt in der Atemluft beschreibe oder den Alkoholgehalt im Blut. Man kann den Alkoholgehalt in der Atemluft eigentlich nicht nach einer Formel in den Alkoholgehalt im Blut umrechnen. Hier werden schließlich nicht einfach Einheiten umgerechnet, sondern es handelt sich um zwei biologisch zwar zusammenhängende, aber nicht gleiche biologische Zustände. Ihr müsst euch das so vorstellen: Im Körper des Probanden, hauptsächlich im Blut, ist Alkohol gelöst. Ein kleiner Teil dieses Alkoholes verdunstet innerhalb der Lunge in den Luftraum der Lunge. Ein Teil davon wird ausgeatmet. Die Alkoholkonzentration in dieser Ausatemluft gibt natürlich einen Hinweis darauf, wieviel Alkohol im Blut des Probanden gelöst ist. Die beiden Werte korrellieren unter standardisierten Bedingungen auch über bestimmte Strecken ganz gut. Aber weder hängen sie linear zusammen noch sind sie unabhängig von bestimmten Faktoren wie Lungenkrankheiten, Dauer und Geschwindigkeit des Trinkens und anderen. Der Blutalkohol geht kurz nach dem Trinken in einer anderen Geschwindigkeit in die Atemluft über, als eine halbe Stunde nach dem letzten Schluck. Man kann die Werte also nicht umrechnen, sondern nur aus dem einen Wert eine Schätzung auf den anderen Wert ableiten. Der Gesetzgeber hat aber hier in seiner großen Weitsicht eine Vereinfachung in die Welt gestellt, die der Realität recht nah kommt:

Eine Atemalkoholkonzentration von 0,25 mg/L wird juristisch gewertet wie eine Blutalkoholkonzentration von 0,5 ‰ (g/Kg).

Wer die biologischen Details nachlesen will, kann das zum Beispiel hier tun.

Es steigert die Verwirrung, dass die normalen Atemalkoholtestgeräte, die einem der Schutzmann am Straßenrand durchs Fenster reicht, zwar die Atemalkoholkonzentration messen. Sie zeigen aber je nach Einstellung am Gerät entweder die tatsächliche Atemalkoholkonzentration (AAK) in mg/L oder den nach dieser Formel hochgerechneten Blutalkoholspiegel in Promille an. In der Gerichtsakte findet sich normalerweise der Wert in mg/L.

2. Umrechnung der Blutalkoholkonzentration von g/L in Promille

Blut ist nicht gleich Blut. Man kann den Alkoholgehalt im Vollblut, im Serum oder im Plasma messen.

Und es gibt verschiedene Einheiten, in denen man die Alkoholkonzentration angeben kann. Traditionell und bekannt sind die Promille, die sich auf den Gewichtsanteil des Alkohols in Gramm Alkohol pro Kg Blut beziehen. Dann gibt es die SI-Einheiten, namentlich g/l. Hier wird der Alkoholanteil in Gramm Alkohol pro Liter Blut angegeben. Nun wiegt ein Liter Blut nicht genau 1 Kg; dann wäre alles etwas einfacher. Aber Blut ist etwas schwerer als Wasser. Blut hat ein spezifisches Gewicht von 1.057 g/cm³. Daher wiegt ein Liter Vollblut etwa 1057 Gramm = 1,057 Kg.

Zum Umrechnen gelten laut Wikipedia daher folgende Faustformeln:

  • BAK (‰) = Ethanol im Vollblut (g/L)/1,057 
  • BAK (‰) = Ethanol im Serum oder Plasma (g/L)/1,2312

Diese Formeln kann man natürlich auch so umstellen, dass die SI-Einheiten vorne stehen:

  • Ethanol im Vollblut (g/L) = BAK (‰)*1,057
  • Ethanol im Serum oder Plasma (g/L) = BAK (‰) * 1,2312

Schön. Versuchen wir eine Tabelle. Dabei bedeuten:

  • Atemalkoholkonz.: Atemalkoholkonzentration des Alkohols in der Atemluft in mg Alkohol pro Liter Luft (mg/L).
  • Blutalkoholkonz.: Blutalkoholkonzentration des Alkohols im Vollblut in Gramm Alkohol pro Liter Vollblut (g/L).
  • Blutalkoholkonzentration in ‰: Konzentration des Alkohols im Vollblut als Gramm Alkohol pro Kilogramm Blut.
  • Fett formatiert ist jeweils der Wert, von dem ausgegangen wird. Handelt es sich um eine Umwandlung von Atemalkoholkonzentration in Blutalkoholkonzentration, ist dies ja eine Schätzung. Die resultierenden Werte sind daher mit „ungefähr“ gekennzeichnet. Handelt es sich um die Umwandlung der Blutalkoholkonzentration von einer Einheit in die andere, ist dies eine Umrechnung, es resultiert daher kein „ungefähr“.
Atemalkoholkonz. in mg/L Blutalkoholkonz. in g/L Blutalkoholkonz. in ‰ (g/Kg)
1 mg/L ungefähr 2,144 g/L ungefähr 2 ‰
ungefähr 0,473 mg/L 1 g/L 0,946 ‰
ungefähr 0,5 mg/L 1,057 g/L 1 ‰

Merke:

  • Es gibt einen großen Fallstrick: Wenn in der Gerichtsakte ein Atemalkoholwert von 1 mg/L steht, dann ist der Patient aber mit 2 ‰ Blutalkoholgehalt doppelt so betrunken, wie man zunächst denkt… Also x mg/L Atemalkoholkonzentration = 2*x Promille Blutalkoholkonzentration. Oder x mg/L AAK = 2*x BAK in ‰
  • Der Unterschied zwischen den beiden Maßen für den Alkoholgehalt im Blut, nämlich g/kg (Promille) oder g/L ist mit seinem Umrechnungsfaktor von 1,06 eher akademischer Natur. Den muss man hauptsächlich verstanden haben, um ihn nicht mit dem Umrechnungsfaktor von 2 beim Umrechnen Atemalkoholkonzentration nach Blutalkoholkonzentration (AAK->BAK) zu verwechseln.

Ich hoffe, ich habe alle Unklarheiten beseitigt und keinen Fehler gemacht. Wenn mir doch einer unterlaufen ist: Ich übernehme mal keine Verantwortung für dessen Folgen und bitte herzlich um Korrektur!

Der PsychCast ist nun bei iTunes gelistet; Episode 2 „Stationäre Psychotherapie“ ist draußen !

Voila_Capture 2015-03-18_10-43-15_vorm

Der PsychCast ist jetzt ganz offiziell in iTunes gelistet und kann da auch als Podcast abonniert werden: Schaut mal nach unter:

https://itunes.apple.com/de/podcast/psychcast/id977011052?l=de.

Und zur Feier des Tages ist die Episode zwei: „Stationäre Psychotherapie“ erschienen. Den Feed, alle shownotes und weiterführenden links erhaltet ihr auf der Website des Podcasts: www.psychCast.de.

Raumflotte Zeta N für Anfänger

Voila_Capture 2015-03-15_09-49-02_vorm

Ihr mögt Geschichten aus dem Krankenhaus? Unter dem völlig ernst gemeinten Titel „Zorgcoopertions – Raumflotte Zeta N für Anfänger“ bloggt hier eine junge aber unerschrockene Internistin direkt und ungeschönt von der Front!

Viel Spaß beim Lesen!

http://zorgcooperations.blogspot.com

Die „Pille danach“ gibt es jetzt auch in Deutschland direkt in der Apotheke

Es hat hier in Deutschland ja eine gründliche Diskussion gegeben, ob die „Pille danach“ nur von einem Arzt verschrieben werden darf, oder wie in den meisten Ländern auch unter bestimmten Einschränkungen und nach sorgfältiger Beratung durch einen Apotheker – oder eine Apothekerin – direkt abgegeben werden darf. Viel Bewegung ist in die Diskussion gekommen, als öffentlich herausgearbeitet wurde, dass sowohl Levonorgestrel als auch Ulipristalacetat keinen sehr frühzeitigen Schwangerschaftsabbruch bewirken, also weder für die Religionsgemeinschaften noch für den Gesetzgeber als aktive Beendigung einer bereits eingetretenen Schwangerschaft zu werten sind.

Tatsächlich verschieben sie den Eisprung und sind so als „Notfallkontrazeptivum“, also als spät gewähltes Verhütungsmittel zu verstehen. Durch das Verschieben des Eisprunges um einige Tage nach hinten verhindern sie das Eintreten einer Befruchtung und damit das Entstehen einer Schwangerschaft. In den Fällen, in denen eine Befruchtung schon eingetreten ist, sind beide Präparate wirkungslos und schaden der bereits eingetretenen Schwangerschaft nicht. Sie fallen damit juristisch und moralisch beide in die gleiche Kategorie wie die normale „Pille“, also die normale hormonelle Kontrazeption, nur dass diese schon vor dem Geschlechtsverkehr genommen wird. Natürlich sind die Dosierungen und die Nebenwirkungen der „Pille danach“ wesentlich höher, und es versteht sich von selbst, dass dies kein regulärer Verhütungsweg sein soll.

Die Beratung in der Apotheke hat eine große Reihe von Vorteilen gegenüber der Beratung beim Arzt, namentlich weil sie niederschwelliger ist und so praktisch schneller erreichbar ist. Die Beratungsqualität ist sicherlich gleich gut, denn die Beratung wird ja eben gerade von einem Apotheker durchgeführt. Der weiß schon, was er tut. Glaubt mir. Und der weiß auch, wann er die  „Pille danach“ nicht abgibt und zu einem Gynäkologen schickt.

Pharmama hat hier einen ausgezeichneten Artikel geschrieben, wie sich die Beratung, Abgabe und Dokumentation aus Sicht der Apotheke organisieren lässt und gleich auf einen Vordruck für die Aufklärungsdokumentation verlinkt.

Rezidivprophylaxe bei der bipolaren Störung: Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter nur noch nach schriftlicher Aufklärung

Valproat Aufklärungsbogen

Bild oben: Screenshot vom neuen verpflichtenden Aufklärungsbogen über die Risiken der Behandlung von Frauen im gebärfähigen Alter mit Valproat

Die Rezidivprophylaxe bei bipolaren Erkrankungen wird komplizierter. Es gibt zwar eine Reihe von wirksamen Substanzen, aber in den letzten Jahren haben sich bei den wichtigsten Vertretern neue Erkenntnisse über Nebenwirkungen ergeben, die bei der Auswahl des geeigneten Präparates beachtet werden müssen.
An neuen Erkenntnissen ist insbesondere hinzugekommen:

  • Während einer Schwangerschaft verabreichtes Valproat kann zu erheblichen Schäden beim Kind führen. Das BfArM hat daher einen Rote Hand-Brief hierzu herausgegeben und verlangt konsequenterweise die schriftliche Aufklärung über mögliche Gefahren. Außerdem stellt es diese Patienteninformation zur Verfügung.
  • Lithium kann bei jahrelanger Anwendung möglicherweise Nierentumore auslösen.

Doch der Reihe nach:

Wann braucht ein Patient eine Rezidivprophylaxe der bipolaren Störung?

Bei der Bipolaren Störung wechseln sich über die Jahre mehrere depressive Episoden, manche manische Episoden und viele Phasen der Gesundheit immer wieder ab. Ziel der Rezidivprophylaxe ist es, die Anzahl der depressiven und manischen Episoden innerhalb eines Beobachtungszeitraumes von mehreren Jahren zu reduzieren und deren Stärke zu mindern. Wenn also ein Patient innerhalb von 10 unbehandelten Jahren 4 schwere depressive Phasen, eine schwere Manie und drei leichte depressive Phasen hätte, dann kann man hoffen, dass er durch eine Medikation mit einem Phasenprophylaktikum vielleicht während eines 10-jährigen behandelten Zeitraumes nur zwei leichte depressive Phasen und eine hypomane Phase haben würde.

Wogegen helfen die auch „Stimmungsstabilisatoren“ genannten Phasenprophylaktika nicht?

Meiner persönlichen Einschätzung nach helfen alle hier diskutierten Substanzen überhaupt gar nicht bei Stimmungsschwankungen, die über den Tag oder eine Spanne von einigen wenigen Tagen hinweg auftreten. Viele Patienten, gerade solche mit einer Borderline-Erkrankung, einer impulsiven Störung oder auch Teenager leiden sehr wohl unter instabiler Stimmung. Aber meiner Einschätzung nach bewirken Phasenprophylaktika hier leider nichts. Dennoch werden sie in dieser Hoffnung sehr oft verordnet. Wenn jemand mich auf eine geeignete Meta-Studie hinweisen kann, die mich davon überzeugt, dass ich im Unrech bin: Bitte gerne!

Welche Substanzen sind meiner Meinung nach wie wirksam in der Phasenprophylaxe?

In meiner persönlichen Einschätzung, die ich nicht anhand von Studien untermauern kann, sind die am häufigsten eingesetzten Substanzen ungefähr geschätzt subjektiv so wirksam: (Die Prozentzahlen sind als eine Art Wirksamkeitsskala gemeint; sie sagen nicht, dass von 100 Patienten so viele immer gesund bleiben…)

  • Lithium: 75 %
  • Valproat: 60 %
  • Carbamazepin: 50 %
  • Andere Antiepileptika (Topiramat, Pregabalin, etc): 30-40 %
  • Quetiapin: 0 %.

Also ich sage es hier noch mal ganz deutlich: Das sind meine persönlichen, vereinfachten Ansichten. Das ist nicht die objektive, endgültige Wahrheit. Und ich kann dazu keine ordentliche Studie nennen. Wenn jemand eine kennt: Bitte hier in die Kommentare. Suchen sollte man zunächst mal bei der Leitlinie zur Bipolaren Störung

Nebenwirkungen der Phasenprophylaktika

Lithium

Über Wirkungen und Nebenwirkungen des Lithiums habe ich schon mehrfach geschrieben, zum Beispiel hier und hier. Bekannt ist, dass Lithium zu Störungen der Schilddrüse, der Nebenschilddrüse und zu Nierenschädigungen führen kann. 0,5 % der mit Lithium behandelten Patienten sollen nach jahrelanger Behandlung eine Nierentransplantation brauchen, was in meinen Augen sehr viel ist. Die teratogene Gefahr von Lithium wurde über die Jahre immer wieder anders eingeschätzt, aktuell wird eher eine nur niedrige Gefahr angenommen. Neu diskutiert wird nun, dass eine langfristige Einnahme von Lithium (länger als 15 Jahre) fraglich die Entstehung von Nierentumoren begünstigen soll.

Valproat

Schon lange ist bekannt, dass Valproat zu einer erheblichen Gewichtszunahme führen kann. Als Enzyminhibitor kann es die Blutspiegel anderer Medikamente steigern. In den letzten Jahren ist zunehmend deutlich geworden, dass Valproat, wenn es in der Schwangerschaft gegeben wird, sehr häufig zu erheblichen Schädigungen des ungeborenen Kindes führen kann. Inzwischen geht man von folgenden Risiken für Kinder, die im Mutterleib Valproat ausgesetzt waren, aus:

  • 30-40 % zeigen schwerwiegende Entwicklungsstörungen wie Lernschwierigkeiten, reduzierte Intelligenz oder Symptome von Autismus oder ADHS.
  • 10 % entwickeln angeborene Missbildungen wie Neuralrohrdefekte.

Das BfArM hat daher inzwischen einen Rote-Hand-Brief zu Valproat herausgegeben. Valproat darf nun Frauen im gebärfähigen Alter nur noch gegeben werden, wenn andere Medikamente nicht gewirkt haben oder nicht vertragen worden sind. Eine sichere Verhütungsmethode soll empfohlen werden. Die Patientinnen müssen über die Risiken unmissverständlich aufgeklärt werden. Dafür hat das BfArM ein Musterformular entwickelt, das keine Unklarheiten läßt.

Carbamazepin

Carbamazepin ist ein klassischer Enzyminduktor und kann so den Blutspiegel bestimmter Medikamente bis zu deren Unwirksamkeit senken. Außerdem kann Carbamazepin manchmal zu Doppeltsehen, Schwindel und Hyponatriämien führen.

Fazit

  • Kein Phasenprophylaktikum ist unproblematisch. Man sollte daher nur noch dann eines verordnen, wenn die Indikation sicher gegeben ist. Die Hoffnung auf eine bessere affektive Stabilität über einen oder wenige Tage betrachtet gehört nach meiner Einschätzung nicht dazu.
  • Jeder Patient, der eine Phasenprophylaxe empfohlen bekommt, muss vernünftig über den möglichen Nutzen und mögliche Risiken aufgeklärt werden. Im Falle von Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter muss dies nun auf diesem Bogen dokumentiert werden und von beiden unterschrieben werden.
  • Lithium erscheint mir persönlich nach wie vor als das wirksamste Medikament. Man muss aber die Dosis sorgfältig am Blutspiegel orientieren, knapp wählen und soll die erforderlichen regelmäßigen Kontrolluntersuchungen einschliesslich Lithiumserumspiegel, TSH und Calzium durchführen. Die Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass es Nierenschäden, im schlimmsten Fall Nierentumoren oder die Notwendigkeit einer Nierentransplantation verursachen kann. Nach Aufklärung und Risikoabwägung kann es nach gegenwärtigem Stand der Kenntnis auch Frauen im gebärfähigen Alter verordnet werden.
  • Valproat kann für Männer ein geeignetes Medikament sein. Für Frauen im gebärfähigen Alter ist es nicht mehr als Mittel der ersten Wahl zugelassen und sollte nach aller Möglichkeit durch eine Alternative ersetzt werden.
  • Carbamazepin erscheint zwar nicht als das allerwirkstärkste Medikament, ist aber in Monotherapie und bei langsamer Aufdosierung gut verträglich und erscheint recht sicher.

PsychCast !

Es gibt spannende Neuigkeiten!

Zusammen mit meinem Freund Alexander Kugelstadt habe ich vor wenigen Wochen ein neues Projekt gestartet, das heute das Licht der Internet-Welt erblickt: Wir haben begonnen, einen Podcast aufzunehmen!

Alexander ist Arzt im Bereich der Psychosomatik und Journalist, ich selbst bin ja Psychiater. Da die beiden Fachbereiche eng bei einander stehen und doch oft völlig verschiedene Welten repräsentieren, ergibt sich schon daraus oft eine interessante Spannung. Im Podcast unterhalten wir uns über jeweils ein psychiatrisches / psychosomatisches / psychotherapeutisches oder irgendwie verwandtes Thema, das wir aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. In der ersten Folge geht es ganz passend um das Thema „Kommunikation„. Die zweite Episode, die wir in etwa zwei Wochen veröffentlichen wollen, hat das Thema „Stationäre Psychotherapie„.

Wir haben den Podcast auf den Namen PsychCast getauft und laden Euch alle ein, dem PsychCast zu folgen und sehr gerne auch Fragen, Vorschläge, andere Meinungen und euer Feedback einzubringen. Wie dieser blog ist der PsychCast nicht als Ein-Weg-Veranstaltung gedacht, sondern als ein öffentlicher Austausch!

Ihr findet den PsychCast unter www.psychcast.de. Dort könnt ihr die Episode gleich ohne Umwege auf der Webseite hören. Oder ihr abonniert über den button dort den feed. Oder ihr tragt in den PodFetcher eurer Wahl einfach folgende feed-Adresse ein: http://psychcast.de/?feed=mp3.

Wie auch immer ihr den PsychCast hört: Alexander und ich wünschen Euch viel Spaß dabei und sagt uns eure Meinung dazu!

Heute ehren wir den Tag der seltenen Krankheiten

Schön wäre auch ein Tag der seltsamen Erkrankungen. Nach kurzer Überlegung geht mein persönlicher Oskar für seltene und seltsame psychiatrische Erkrankungen an das Capgras-Syndrom.

Das 

Capgras-Syndrom

 ist ein sehr seltenes 

Syndrom

, bei dem der Betroffene glaubt, nahestehende Personen seien durch identisch aussehende 

Doppelgänger

 ersetzt worden. Es wurde nach 

Joseph Capgras

 (1873–1950) benannt, der das Syndrom 1923 erstmals beschrieb. (Quelle: Wikipedia)

Ich habe in meinem Leben einen Patienten mit einem eindeutigen Capgras-Syndrom erlebt. Er war ein sonst recht unauffällig lebender älterer Herr, der allerdings seit Jahren unverrückbar davon überzeugt war, dass seine Ehefrau durch eine identisch aussehende Doppelgängerin ausgetauscht worden war. Er kam ins Krankenhaus, weil ihm das jetzt nach all den Jahren mit der Doppelgängerin zu blöd geworden war. Nach ein paar Tagen stationärer Behandlung war er immer noch unverändert und unverrückbar davon überzeugt, dass die Frau, die sich für seine Ehefrau ausgab, eine Doppelgängerin war. Er hatte sich aber wieder damit arrangiert und konnte entlassen werden. Die Frau nahm es ebenfalls gelassen, und die beiden lebten wohl halbwegs zufrieden weiter zusammen. Ja, wir haben ein Neuroleptikum gegeben. Nein, es hat nicht durchschlagend gewirkt. Wem vergebt ihr euren Oskar für die setsamste seltene psychiatrische Erkrankung? Nominierungen in den Kommentaren!