Neue DGPPN Leitlinien Zwang, Alkohol- und Tabakabhängigkeit

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Die DGPPN hat drei neue Leitlinien vorgestellt.

Alle verfügbaren Leitlinien der DGPPN nach Krankheitsbildern geordnet findet ihr hier.

Die Juristen sagen ja: „Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung„. Mediziner könnten nach reiflicher Überlegung zur Feststellung kommen: „Ein Blick in die Leitlinie erleichtert die Therapiefindung“. Aber Mediziner sind da sehr unterschiedlich. Manche geben kein Tablette Aspirin, ohne die zutreffende Seite der Leitlinie „Kopfschmerzen“ zitieren zu können, andere haben noch nie eine Leitlinie aus der Nähe gesehen.

Zu welcher Gruppe gehört ihr? Findet ihr die DGPPN-Leitlinien praxisnah genug formuliert? Geben sie euch hilfreiche Hinweise und Entscheidungshilfen?

Es gibt keine Wohnheime mehr

OK, die Wohnheime heißen jetzt EulA´s, ausgesprochen Einrichtungen mit umfassendem Leistungs-Angebot.

Ich bin nicht ganz sicher, ob es in diesem Leben auch nur einmal passieren wird, dass ich eine Straße entlang gehe und denke: „Da steht eine EuLA“. Wahrscheinlich wird das nie passieren. Aber verwaltungstechnisch gehören Wohnheime jetzt der Vergangenheit an…

Ich habe jedenfalls heute eine nagelneue EuLA besucht und fand sie sehr schön und modern…

Suizidalität und Antidepressiva oder Wie man das Kind mit dem Bade ausschütten kann…

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Prof. Gründer hat in seinem wie immer extrem lesenswerten mind-and-brain-blog in diesem post einen Artikel verlinkt, den er im Nervenarzt geschrieben hat und den man dort direkt als PDF im Volltext kostenlos laden kann. Der Artikel beschreibt in sehr differenzierter und nachvollziehbarer Weise, wie die Diskussion über eine Zunahme suizidaler Gedanken sich in den letzten 15 Jahren entwickelt hat und was aktuell der evidenzbasierte Stand der Dinge ist.

Klinisch gilt es als typisch, dass Patienten in den ersten Wochen einer antidepressiven Medikation unter einer Zunahme von Unruhe und Getriebenheit leiden können. Diese Getriebenheit trifft auf eine Zeit, in der die depressiven Symptome wie reduzierte Lebensfreude, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung noch voll ausgeprägt sein können. In dieser Zeit ist daher ganz besonders genau zu prüfen, ob suizidale Gedanken zunehmen und eine konkrete Gefährdung entsteht.

Die diesbezüglichen Studien haben eine besonders hohe Gefahr für Jugendliche gefunden; über die Jahre hinweg gab es unterschiedliche Warnungen für unterschiedliche Altersgruppen.

Viele Kritiker der Psychopharmakotherapie haben diese Diskussion dann zum Ausgangspunkt genommen, die SSRI für die Behandlung von Depressionen ganz zu verteufeln. Das ist zwar irgendwie verständlich, damit schüttet man aber das Kind mit dem Bade aus.

Meine persönliche Einschätzung:

Ich persönlich habe keinen Zweifel daran, dass durch die Behandlung schwerer Depressionen mit einem SSRI die der Krankheit innewohnende Gefahr eines vollendeten Suizids wesentlich reduziert werden kann. Diese Reduktion ist meiner Einschätzung nach wesentlich größer als die Gefahr, die durch die Verstärkung suizidaler Gedanken durch die Medikation ausgehen könnte. Eine engmaschige Einschätzung der Suizidalität ist daher mit und ohne Psychopharmakotherapie äußerst wichtig.

Wer sich nicht auf die persönlichen Einschätzungen Einzelner verlassen möchte, findet im von Prof. Gründer verlinkten Artikel eine sehr genaue Darstellung der aktuellen Evidenz, deren Lektüre ich jedem an diesem Thema Interessierten sehr ans Herz legen möchte.

Wirkung und Nebenwirkungen von Venlafaxin in Abhängigkeit von der Dosis

Venlafaxin, zum Beispiel Trevilor, ist ein sehr gut wirksames Antidepressivum. Es wird eingesetzt zur Therapie der Depression, der Angststörungen und manchmal zur Behandlung von Zwangserkrankungen. Typische Dosierungen im ambulanten Bereich sind etwa 37,5-150 mg pro Tag, im statIonären Bereich etwa 75-225 mg, vereinzelt werden auch bis zu 300 mg pro Tag gegeben.

Venlafaxin hat eine gute und verlässliche Wirkung, wobei meiner Erfahrung nach ein guter Kompromiss aus Wirksamkeit und Nebenwirkungen bei einer Dosierung von etwa 150 mg pro Tag liegt. Nach Beginn der Behandlung verspürt der Patient typischerweise in den ersten zwei Wochen wenig Nebenwirkungen und kaum Wirkung. Nach zwei Wochen tritt häufig eine allgemeine Unruhe, Rastlosigkeit und Angetriebenheit ein, die in der Regel als unangenehm wahrgenommen wird. Der Vorteil dieser Rastlosigkeit ist, dass Patienten, die dies erleben, meiner Erfahrung nach praktisch immer auch die antidepressive Wirkung zwei Wochen später erleben. Die Nebenwirkung „Unruhe“ ist also ein verläßlicher Vorbote der antidepressiven Wirkung.

Meiner Erfahrung nach bringen höhere Dosierungen sehr wohl eine etwas höhere Wirkung. Allerdings zahlt der Patient einen zunehmend hohen Preis in Form einer dauerhaft anhaltenden, unangenehmen Unruhe und Getriebenheit. Diese ist bei 225 mg pro Tag oft den ganzen Tag über spürbar und fühle sich so an, als ob man 8 Tassen Kaffee am Tag getrunken hätte. Bei 300 mg am Tag kann die Unruhe unerträglich werden.

Natürlich reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf eine bestimmte Dosis. Manche Patienten vertragen 300 mg pro Tag völlig frei von Nebenwirkungen, andere haben unter 150 mg schon ausgeprägte Unruhe. Wer zusätzlich zur Depression noch eine körperliche Erkrankung hat, die ihn schwächt, verträgt oft nur recht niedrige Dosierungen.

Das Dosis-Wirkungs und Dosis-Nebenwirkungs-Verhältnis ist nicht bei allen Antidepressiva gleich. Citalopram und Escitalopram verursachen auch in höheren Dosierungen deutlich weniger Getriebenheit und Unruhe als Venlafaxin. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Venlafaxin in höheren Dosen nicht nur als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wirkt, sondern zusätzlich als Noradrenalin-Aufnahmehemmer wirkt, was eben unruhig macht. In den sehr hohen Dosierungen von 300 mg Venlafaxin pro Tag kann auch noch eine Dopamin-agonistische Wirkung dazu kommen, was im Einzelfall psychotische Symptome auslösen kann.

Aufgrund dieser Dosis-Wirkungs- und Dosis-Nebenwirkungskurve ist es aus meiner Sicht oft sinnvoll, lieber etwas länger bei einer gut verträglichen Dosis zu bleiben, als nach wenigen Wochen, wenn ungeduldig festgestellt wird, dass noch nicht genügend Besserung zu verzeichnen ist, auf eine unverträglich hohe Dosis zu erhöhen. Ich habe die Erfahrung gemacht, das sowohl Ärzte als auch Patienten die Wirkung von Antidepressiva eher überschätzen und die Nebenwirkungen der Medikamente eher unterschätzen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Verhältnis aus Wirkung und Nebenwirkungen bei unterschiedlichen Dosierungen von Venlafaxin gemacht. Ab welcher Dosis habt ihr eine unangenehme Unruhe beobachtet oder selbst erlebt? Schreibt eure Erfahrungen gerne in die Kommentare!

 

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg…

Ich habe mir überlegt, ob ich hier einen längeren post zu diesem Thema schreiben möchte, aber ich bin zum Schluss gekommen, dass man die Sache folgendermaßen zusammen fassen kann:

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Finde den Weg!

Der Pflegeleistungs Helfer Online

Das Bundesgesundheitsministerium hat eine Online-Information erstellt, mit der man durch einige interaktive Fragen prüfen kann, ob und wenn ja welche Pflegeleistungen für einen in Betracht kommen und wo man sie beantragen kann.

Praktisches Beispiel: Ein enger Angehöriger von ihnen wird plötzlich akut pflegebedürtig, so dass Sie nicht mehr arbeiten können. Die Pflegekasse zahlt ihnen in so einem Fall für bis zu 10 Tage ein „Pflegeunterstützungsgeld“. Das das so ist und wo man das beantragt, sagt einem der Pflegeleistungs-Helfer.

Ihr könnt den Online-Ratgeber hier finden. 

Guter Service!

Weiteres Schizophrenie-Gen entdeckt

Wie das Ärzteblatt hier berichtet, ist ein weiteres Gen identifiziert worden, das, wenn es in einer mutierten Form vorliegt, das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, erhöht. Die Studie wurde in der zur Nature-Gruppe gehörenden Zeitschrift Molecular Psychiatry veröffentlicht und kann kostenlos unter diesem link geladen werden. Eine Heidelberger Forschergruppe identifizierte das Gen, das für ein Protein namens SHANK2 codiert. SHANK2 ist ein Gerüstprotein, das für die Signalweitergabe zwischen Nervenzellen relevant ist. Andere Variationen des gleichen Gens waren in früheren Studien mit Autismus und geistiger Behinderung assoziiert worden. Die mit dem Auftreten einer Schizophrenie assoziierte Mutation trat bei 6,9% der 481 untersuchten schizophrenen Patienten auf, aber nur bei 3,9 % der 659 untersuchten gesunden Kontrollen. Die genetische Forschung hat sicher noch einen weiten Weg zu gehen, und am Schluss werden es bestimmt mehr als 30 Gene sein, die einen relevanten Einfluß auf die Wahrscheinlichkeit haben, eine Schizophrenie zu entwickeln. Und selbst diese dann irgendwann gefundenen Gene werden nicht alles erklären. Aber sie sind ein wichtiger Bestandteil im Verständnis der Pathophysiologie der Erkrankung und damit auf dem Weg zu neuen, vielleicht ursächlicher oder spezifischer wirksamen Medikamenten.

Ergebnisse der Umfrage zur Stigmatisierung von Pflegenden in der Psychiatrie

Erinnert Ihr Euch, dass Ihr an dieser Umfrage teilgenommen habt?
Es ging um die Frage, ob Pflegekräfte, die in der Psychiatrie tätig sind, selbst gegenüber in der Somatik tätigen Pflegekräften stigmatisiert werden. Ob also praktisch etwas von dem Stigma, das psychisch Kranke immer noch gegenüber körperlich Kranken zu haben scheinen, auf die in der Psychiatrie Tätigen abfärbt…
Inzwischen ist die Auswertung abgeschlossen und Fr. Wenn hat ihre Fachweiterbildung abgeschlossen. Wie versprochen fasst sie ihre Ergebnisse hier für uns zusammen:

                    Zusammenfassung der Studienarbeit

Die Studie befasste sich mit der Wertschätzung psychiatrisch Pflegender in der Gesellschaft und innerhalb der Berufsgruppe Pflege. Sind psychiatrisch Pflegende stigmatisiert?

Vielen Dank an jeden Einzelnen, der hier an meiner Befragung teilgenommen hat; ganz besonders an Dr. Dreher der meine Studie und die Fragebögen hier publik machte.

Auch heute gibt es leider noch Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen und die Betroffen haben mit Diskriminierung und Stigmatisierung zu kämpfen.

Im Rahmen meiner Studienarbeit beschäftigte ich mich mit der Frage:

Sind psychiatrische Pflegefachkräfte aufgrund ihrer Tätigkeit stigmatisiert? Übertragen sich die Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen auf die an ihrer Behandlung beteiligten Pflegekräfte?

Insgesamt füllten 273 Personen die Fragebögen aus.

Meine Befragung ergab, dass das Ansehen von psychiatrischen und somatischen Pflegefachkräften in der Gesellschaft gleichwertig ist. Dennoch ist ein Viertel der Befragten der Meinung, dass  psychiatrisch Pflegende sozial benachteiligt werden und ein Drittel nimmt an, dass die soziale Rolle psychisch Kranker auf die psychiatrisch Pflegenden übertragen wird.

Desweiteren erleben ein Drittel der psychiatrischen Pflegefachkräfte aufgrund ihrer Tätigkeit eine Stigmatisierung durch die Gesellschaft und knapp die Hälfte der Befragten erlebt eine Stigmatisierung durch die eigenen Kollegen aus der Somatik mit jeweils Auswirkungen auf das berufliche / private Handeln.

Fazit: Es gibt Vorurteile gegenüber den in der Psychiatrie tätigen Pflegefachkräften als Folge einer Stigmatisierung gegenüber psychisch Erkrankten. Dies wird sich meiner Meinung nach erst dann ändern, wenn sich die Vorurteile gegenüber Personen mit psychischen Erkrankungen deutlich reduzieren oder nicht mehr vorhanden sind.

Ulla Wenn

Noch mal vielen Dank an alle, die an dieser Umfrage teilgenommen haben. Sie zeigt, dass die Stigmatisierung immer noch ein Problem ist, sowohl für die Patienten als auch für die in der Psychiatrie tätigen. Das ist ein sehr interessantes Ergebnis, und es zeigt, dass wir alle weiterhin alles nur erdenklich Mögliche tun sollten, um diese Stigmatisierung zu beenden.

Tiaprid

Ich habe seit mindestens zwei Jahren den festen Vorsatz, mal einen post über Tiaprid zu schreiben. Es gibt eine weit verbreitete Unsicherheit, was man sich von Tiaprid so erwarten darf. Gerade habe ich eine email von Simone aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie erhalten, die schreibt:

Wir verwenden Tiaprid in der KJP bei Ticstörungen, ich bin aber bisher nicht so richtig überzeugt davon. Laut Leitlinie ist es aber Mittel der 1. Wahl.

Ich habe daher mal eine typische Recherche begonnen, und aus der deutschen Wikipedia, der englischen Wikipedia, der Packungsbeilage, der Fachinfo und den Beschreibungen im Buch „Praktische Psychopharmakotherapie“ von Laux meine persönliche Zusammenfassung extrahiert:

Zusammenfassung

Tiaprid ist ein Antihyperkinetikum, das bei Tardiven Dyskinesien, Tics und Überbeweglichkeiten bei Chorea-Huntington eingesetzt wird. Darüber hinaus dämpft es verlässlich die vegetative Entzugssymptomatik im Alkoholentzug. Es gilt als nebenwirkungsarm. Obwohl es chemisch und pharmakologisch zu den typischen Neuroleptika zählt, hat es praktisch keine antipsychotische Wirkung.

Pharmakologie

Tiapridex gehört chemisch zu den Benzamiden wie Sulpirid und Amisulprid. Es blockiert selektiv die Dopamin-D2 und Dopamin D3-Rezeptoren. Es hat keine wesentliche anticholinerge oder antihistaminerge Wirkung, daher sediert es kaum.

In typischen Dosierungen wirkt es vorwiegend im Limbischen Systems und weit weniger im Striatum. Da die typischen EPMS als Folge der Dopaminblockade im Striatum auftreten, hat Tiaprid, das hier wenig aktiv ist, diese Nebenwirkung weit seltener und kann daher auch zur Therapie von Bewegungsstörungen eingesetzt werden.

Seine Plasmahalbwertzeit beträgt 2,9-3,6 Stunden. Es wird nicht über die Leber metabolisiert, so dass es auch bei Patienten mit Leberfunktionsstörungen sicher eingesetzt werden kann.

Klinischer Einsatz

  • Tardive Dyskinesien: Hierfür ist Tiaprid offiziell zugelassen. Tardive Dyskinesien vor allem im Mundbereich können sehr hartnäckig sein. Sie können als Folge des längeren Einsatzes typischer Neuroleptika entstehen. Selbst nach vollständigem Absetzen der Neuroleptika können bei manchen Patienten Residuen dieser Dyskinesien verbleiben. Tiaprid kann diese Symptome reduzieren. Die empfohlene Dosis bei Erwachsenen beträgt laut Fachinfo 100-100-100 bis 200-200-200 mg. Eine Wirkung ist etwa nach sechs Wochen zu erwarten.
  • Bewegungsstörungen im Rahmen einer Chorea-Huntington: Tiaprid wird hier gegen die wurmartigen Überbewegungen gegeben. In dieser Indikation werden 100-100-100 mg bis zu 200-200-200-200-200 mg empfohlen.
  • Im Alkoholentzug: Hierfür gibt es keine offizielle Indikation, aber Tiaprid wird sehr häufig gegen die vegetativen Symptome im Alkoholentzug gegeben. Es hilft beispielsweise gegen die Unruhe, Rastlosigkeit, das Schwitzen und die Tachykardie im Entzug. Typisch ist die Kombination mit Carbamazepin, wie zum Beispiel beim Bernburg-Schema. Tiaprid kann auch intramuskulär oder intravenös verabreicht werden, was zu einer zügigen Linderung vegetativer Entzugsbeschwerden führt.
  • Motorische und vokale Tics beim Tourette-Syndrom: In dieser Indikation sei es laut Leitlinie Therapie der ersten Wahl.
  • Extrapyramidale Bewegungsstörungen: Da Tiaprid relativ wenig im Striatum bindet, verursacht es selbst kaum EPMS, eignet sich aber zur Therapie mancher Symptome, der Literatur nach durch eine Blockierung übermäßig sensitiver Dopaminrezeptoren.
  • Zur Therapie von Agitation und Aggressivität: Hierfür ist es besonders gut geeignet, da es vornehmlich im limbischen System wirkt.

Nebenwirkungen

  • Tiaprid kann die QTc-Zeit verlängern. Entsprechende EKG-Kontrollen und Vorsichtsmaßnahmen sind daher erforderlich.
  • Wie alle Dopaminantagonisten kann Tiaprid eine Hyperprolaktinämie verursachen, weswegen es von einigen Autoren nicht für die Verwendung bei Kindern und Jugendlichen empfohlen wird.
  • Der FDA wurden Fälle von Rhabdomyolyse gemeldet.

Mein persönliches Fazit

In typischen Dosierungen blockiert Tiaprid bevorzugt im limbischen System Dopamin-D2 und Dopamin-D3 Rezeptoren. Das Striatum, das mit Bewegungsstörungen assoziiert ist, lässt es vergleichsweise in Ruhe.

Ich verwende Tiaprid gerne in Kombination mit Carbamazepin im Alkoholentzug. Bei tardiven Dyskinesien, Tics und Überbeweglichkeit bei Chorea-Huntington hat es ebenfalls einen fest etablierten Platz.

Lediglich zur Behandlung von EPMS habe ich selbst keine überzeugenden eigenen Erfahrungen gemacht. Wenn ein Patient unter erheblichen EPMS leidet, sollte man meiner Meinung nach immer einen Weg finden, das verursachende Neuroleptikum in der Dosis zu reduzieren oder umzustellen.

Eure Erfahrungen?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Tiaprid gemacht? Wann setzt ihr (Behandler) es ein, wie hat es euch (Behandelten) geholfen? Schreibt eure Beobachtungen in die Kommentare!

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Hat das Händeschütteln im Krankenhaus eine Zukunft?

Seit einigen Tagen will ich einen post schreiben, der da sagen will:

Dieses Händeschütteln bei den Visiten im Krankenhaus hat keine Zukunft. Da überträgt man nur unnötig Krankenhauskeime. Händeschütteln und dann die Hände desinfizieren ist auch etwas anstrengend. Es reicht doch ein netter Gruß ohne das Händeschütteln.

Tatsächlich werden ziemlich viele Krankheitserreger im Krankenhaus eben gerade über nicht gründlich desinfizierte Hände übertragen. Es ist zwar im normalen Leben in Europa üblich und höflich, sich zur Begrüßung die Hände zu schütteln, aber das ist ja kein Grund, das im Krankenhaus auch zu machen. Wenn man dadurch wirklich Infektionen verhindern kann, sollte man es konsequent abschaffen. Ich selbst mache es so:

  • Wenn ich erkältet bin, schüttel ich niemandem die Hände.
  • Wenn ich nicht erkältet bin, gebe ich bei der Visite jedem Patienten die Hand und desinfiziere sie mir nach jedem Patienten. Und denke mir immer wieder: In zehn Jahren macht das im Krankenhaus keiner mehr.

Heute allerdings habe ich einem Patienten, von dem ich nicht dachte, dass er eine Infektion hat, und der selbst auch keine Beschwerden klagte, die Hand geschüttelt. Und siehe da: Ich hatte den Eindruck, er hätte eine leicht erhöhte Temperatur. Das wäre mir entgangen, wenn ich mich lediglich auf japanische Art höflich vor ihm verbeugt hätte. Hat das Händeschütteln im Krankenhaus also doch eine Zukunft? Wie denkt ihr darüber? Sollte man sich bei der Visite die Hand geben? Oder würdet ihr lieber darauf verzichten, unter der Vorstellung, dass man so die Verbreitung von Krankheiten eindämmen kann. Schreibt eure Gedanken in die Kommentare!

Die Choreografie des psychiatrischen Gespräches

Wir Psychiater definieren uns traditionell stark über das gesprochene Wort. Was wir im Dialog, im Psychotherapiegespräch, im Visitengespräch besprechen, welche Worte wir sagen, welche Worte wir hören, das macht den Kern der Interaktion aus; hierin liegt das Wesen unserer Beziehungsgestaltung, unserer Wirksamkeit und unserer Therapie.

Auch wichtig sind natürlich die konkreten Handlungen, die wir durchführen. In der Psychotherapie können wir zum Beispiel den Patienten auffordern, zuhause eine bestimmte Verhaltensübung durchzuführen. Aktiver zeigen wir uns in der Visite im Rahmen einer stationären Therapie. Hier ordnen wir Untersuchungen wie Blutentnahmen an, verordnen Medikamente, besprechen, an welchen Therapiegruppen ein Patient teilnimmt und vereinbaren die Rahmenbedingungen der Behandlung, wie etwa die Behandlungsdauer oder die Ausgangsregelungen am Wochenende.

Bei allen menschlichen Kontakten, und natürlich auch bei allen psychotherapeutischen oder psychiatrischen Gesprächen, spielt dabei ein Faktor eine ungemein große Rolle, ohne dass dieser Faktor je viel besprochen oder reflektiert wird. Ich kenne nicht einmal einen treffenden Fachbegriff dafür. In Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich diesen Faktor die Choreografie des Kontaktes.

Da ich selbst überwiegend im stationären Setting arbeite, gestalte und beobachte ich am häufigsten Aufnahmegespräche und Visitengespräche. In beiden Fällen sind typischerweise mehrere Mitarbeiter des Krankenhauses und ein Patient, manchmal ein bis zwei Angehörige dabei.

Ton aus!

Vielleicht liegt es daran, dass ich öfters gehörlose Patienten behandele. Vielleicht liegt es daran, dass ich manchmal einen Film im Fernsehen 20 Minuten lang ohne Ton sehe und mich wundere, dass ich praktisch keinen Zweifel daran habe, alle wesentlichen Handlungsstränge verstanden zu haben. Wir denken so oft, in den Worten der Dialoge liegt so viel Information. Macht mal den Versuch, beim Fernsehen den Ton auszuschalten. Es geht etwas verloren. Aber es bleibt sehr viel vorhanden. Die Beziehung der Akteure untereinander und die wesentlichen Handlungsstränge vermitteln sich vollständig aus der Choreografie der Beteiligten. Und so überlege ich mir manchmal, wie ein Gespräch wirken würde, wenn man den Ton ausschaltete. (Was natürlich anders ist als die Kommunikation mit einem gehörlosen Patienten. Da schreibe ich ja Worte auf ein Blatt oder er liest Worte von meinen Lippen ab. Ich meine wirklich das Gespräch mit einem Menschen ohne das Gespräch).

Das Aufnahmegespräch

Der angespannte Patient

  • Der mit Abstand wichtigste Faktor beim Aufnahmegespräch ist die Anzahl der gleichzeitig anwesenden Mitarbeiter. Hier gibt es ja eine weite Spanne. Viele Aufnahmegespräche werden mit einem Patienten und einem Mitarbeiter geführt. Aber ich habe auch schon Gespräche geführt mit einem Patienten, vier Polizisten, zwei Rettungsassistenten, vier Krankenpflegern, zwei Assistenzärzten und mir als dreizehntem Mitarbeiter. Ich sage nicht, das das schlecht ist. Wenn es erforderlich ist, um sichere Behandlungsbedingungen zu schaffen, ist es richtig. Aber es prägt ein wenig die Gesprächsatmosphäre…
  • Der aufnehmende Arzt kann im Gespräch stehen oder sitzen. Wenn der Arzt steht, signalisiert er, dass er eine unmittelbare Handlungsbereitschaft für erforderlich hält, und dies deutet auf Gefahr hin. Wenn der Situation eine Gefährdung innewohnt, ist es angemessen, mit mehreren Mitarbeitern zusammen das Gespräch zu führen und zu stehen.
  • Wenn Patient und Arzt im Aufnahmegespräch stehen, und typischerweise noch einige andere Mitarbeiter im gleichen Raum sind, ist es meiner Erfahrung nach sehr hilfreich, wenn der Arzt ruhig auf einer Stelle stehen bleibt. Angespannte und agitierte Patienten laufen oft unruhig im Zimmer auf und ab. Es hilft aber in der Regel, wenn der Arzt nicht immer hinterherläuft, sondern wie angewurzelt stehen bleibt. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist, dass es Situationen gibt, in denen ein Sicherheitsabstand von einer Armeslänge einzuhalten ist. Unterschreitet der Patient diesen und besteht die Gefahr eines Übergriffes, muss der Arzt zurückweichen.
  • Manchmal ist es möglich, dass alle anderen Mitarbeiter stehen, der gesprächsführende Mitarbeiter aber sitzt.

Der nicht angespannte Patient

  • Geht von einem Patienten im Aufnahmegespräch keine akute Gefahr aus, und das ist ja die Regel, dann signalisiert ein stehender Arzt, dass er nur eine erste Sichtung vornimmt und das eigentliche Aufnahmegespräch noch folgt, ganz egal, wie lange er mit dem Patienten spricht. Ein fünf-minütiges Gespräch im Sitzen wird viel eher als richtiges Aufnahmegespräch erlebt als ein zehn-minütiges Gespräch, bei dem der Patient auf seinem Bett sitzt und der Arzt davor steht.
  • Die Verteilung der Mitarbeiter im Raum: Sitzen Arzt, Krankenschwester, Sozialarbeiter und Patient gemeinsam an einem Tisch, oder ist der Arzt dem Patienten gegenüber und die anderen sitzen auf Untersuchungsliegen, hinter Schreibtischen vor Computern oder stehen an der Gardine? Dies wirkt sich natürlich auf den Eindruck aus, den der Patient von der inneren Mechanik des Behandlungsteams hat.

Das Visitengespräch

Die Visite im Patientenzimmer

In der Somatik gehen die Ärzte immer von Bett zu Bett. In der Psychiatrie wird das manchmal auf geschlossenen Stationen so gemacht, auf offenen Stationen ist es seltener. Dabei sieht man durch einen Besuch im Zimmer einiges vom aktuellen Verhalten und Leben des Patienten, das man bei einer Visite im Visitenzimmer oder Arztzimmer verpasst. Man hat auch das Ende des Gespräches besser in der Hand. Und die Patienten müssen nicht vor einem Zimmer sitzen und teils recht lange warten. Aber natürlich bricht man auch mehr in die Privatsphäre der Patienten ein.

Die Visite im Visitenzimmer

Ist der Regelfall. Hier gibt es verschiedene Sitzordnungen, die unterschiedliche Signale geben.

  • Der gesprächsführende Arzt sitzt vor einem aufgeklappten Laptop, dahinter der Patient. Ist häufig und manchmal sehr praktisch. Ich mache das auch manchmal. Dieses Vorgehen ist unschlagbar effizient, wenn ich gleichzeitig sprechen und dokumentieren will, zum Beispiel, wenn ich eine Anamnese erhebe. In solchen Fällen wird es von den Patienten auch nicht als störend erlebt. Es ist klar, dass ich mir dadurch den Gesprächteil „1998 haben Sie in Gütersloh eine Ausbildung zum Feingerätemechaniker mit Diplom abgeschlossen“ so nicht merken muss und nachher nichts verwechsele. Aber es ist auch klar, dass ich das Gespräch führe, um diese Dokumentation zu erstellen. Der Patient ist dann der Informant. Beim normalen Visitengespräch wirkt der aufgeklappte Laptopdeckel eher wie das Schutzschild eines Ritters. Und ich frage mich manchmal, was der Patient wohl denkt, was wir da immer so schreiben. Ich meine, wir könnten unsere Facebook-Seite offen haben! Für die Visite ist es meiner Meinung nach zu bevorzugen, man hat den Laptop im 90-Grad-Winkel neben sich, zum Beispiel auf einem Beistelltisch. Oder man schiebt ihn zur Seite, wenn man ihn nicht braucht. Bei jedem Patientenwechsel kann man ihn dann ja wieder zu sich ziehen, um zu dokumentieren. Wenn der Laptop seitlich von einem steht, kann man zur Not einen Blutwert nachgucken, und der Patient sieht, dass auf dem Bildschirm nichts Geheimes steht, sondern eben diese Blutwerte. Man kann sie ihm so auch gleich am Bildschirm zeigen.
  • Der gesprächsführende Arzt kann dem Patienten direkt gegenüber sitzen. Etwas konfrontativ.
  • Der gesprächsführende Arzt kann dem Patienten diagonal gegenüber sitzen, so dass zum Beispiel ein anderer Mitarbeiter dem Patienten direkt gegenüber sitz, ein weiterer Mitarbeiter vielleicht neben dem Patienten sitzt. Das ist recht entspannt.
  • Wenn es keinen Tisch gibt, setzt man sich praktisch nie direkt gegenüber, sondern immer leicht angewinkelt zueinander. Das ist praktisch immer angenehmer.

Achtsamkeitsübung Nummer 482

Es gibt beim menschlichen Kontakt allgemein und beim therapeutischen Kontakt speziell kaum je eine richtige oder eine falsche Choreografie. Aber die Choreografie vermittelt sehr viel über die Beziehung der Akteure. Ich möchte euch anregen, euch beim nächsten Kontakt mal vorzustellen, der Ton wäre aus. Vermittelt die Situation die Beziehung so, wie ihr sie gestalten wollt?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Aufnahmegesprächen und Visiten gemacht? Wie hat das Setting auf euch gewirkt? Schreibt eure Wahrnehmungen in die Kommentare!

Die homöopathische Notaufnahme


Der gaypharmascience hat hier ein sehr schönes Video verlinkt.

Ich weiß: Wer heilt, hat recht. Aber wer Humor hat, hat auch irgendwie was gut… 🙂

Forget what you know about disability

Das ist mal ein Umgang mit „disability*“. Die lettische Künstlerin Viktoria Modesta, die sich nach langer Krankheit ein Bein hat amputieren lassen, möchte den klassich mitleidigen und entwertenden Blick auf Behinderungen umstoßen. Und das gelingt ihr auch. Schaut das Video!

Die Zeit berichtet hier etwas über die Hintergrundgeschichte.

Die KBV hat eine bundesweite Famulaturbörse für Praxen eröffnet

Famulaturen sind eine exzellente Möglichkeit, sich einen bestimmten Bereich der Medizin mal ganz in Ruhe und wirklich aus der Nähe anzusehen. Bevor sich ein Arzt entscheidet, zum Beispiel in der Urologie anzufangen, hat er mit Sicherheit vorher als Student mal eine 4-wöchige Famulatur in der Urologie gemacht. Gegenwärtig finden fast alle Famulaturen in Kliniken statt. Das ist so gewachsen und wird kaum hinterfragt. Dabei ist es vor der Spezialisierung auf einen bestimmten Bereich sehr wichtig, zu sehen, wie dieser Bereich später in der Niederlassung aussehen würde. StudentInnen, die sich beispielsweise für Gynäkologie interessieren, machen typischerweise erst mal eine Famulatur in einer gynäkologischen Klinik. Wenn die Entbindungen und die vielen Operationen sie faszinieren, spezialisieren sie sich vielleicht auf Gynäkologie und Geburtshilfe. Wenn sie sich dann aber niederlassen, sieht der Arbeitsalltag ganz anders aus.

Dazu kommt, dass die Ärzte in den letzten Jahren immer stärker dazu neigen, in Kliniken arbeiten zu wollen, und es für frei werdende Praxen immer schwieriger wird, einen ärztlichen Nachfolger zu finden.

Es ist daher ein kluger Zug, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine bundesweite Famulaturbörse für niedergelassene Praxen aller Fachrichtungen eröffnet hat. So können sich Medizinstudenten schon während des Studiums einen guten Eindruck davon verschaffen, wie das Leben zum Beispiel als niedegelassener Hausarzt, niedergelassener Chirurg oder niedergelassener Augenarzt so aussehen würde.  

Bislang haben sich noch nicht viele Psychiatrische Praxen eingetragen. Famulanten sind aber eine echte Bereicherung. Wer eine Platz in irgendeinem Fachbereich sucht oder einen Platz anbieten kann, der ist unter www.famulaturboerse.lass-dich-nieder.de genau richtig.

Zur Famulaturbörse geht es hier.

Niedergelassene Ärzte, die Famulaturplätze anbieten, registrieren sich hier.

Das neue Medikament Nalmefen (Selincro®) scheint Naltrexon in der Unterstützung der Alkoholabstinenz nicht überlegen zu sein

Für das neue Medikament Nalmefen (Handelsname Selincro®) gibt es laut einer ersten Auswertung des IQWiG bislang keinen Nachweis einer Überlegenheit gegenüber dem bereits länger verfügbaren Naltrexon. Beide Substanzen können zur Unterstützung der Alkoholabstinenz gegeben werden. Patienten, die eine größere Menge Alkohol trinken (Männer: mehr als drei Flaschen Bier pro Tag) und in Trink-Pausen keine Alkoholentzugserscheinungen zeigen, die es aber nicht schaffen, ganz abstinent zu bleiben, können mit einem der beiden Opiatantagonisten behandelt werden. Beide Medikamente sollen geeignet sein, den Suchtdruck zu reduzieren und die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls zu senken. Der GBA hatte für Nalmefen als „Zweckmäßige Vergleichstherapie“ Naltrexon festgelegt. Die bisher vorliegenden Studien sind laut einer ersten Analyse des IQWiG nicht geeignet, einen solchen zusätzlichen Nutzen gegenüber Naltrexon zu belegen.

Nalmefen bleibt zugelassen, der GBA wird aber mutmaßlich keinen höheren Preis hierfür akzeptieren als für Naltrexon. Gegenwärtig kosten 50 Tabletten Nalmefen etwa 290 €, Naloxon etwa 212 €.

Ein kurzes Informationsvideo des ARD-Mittagsmagazins zu Nalmefen findet ihr hier: http://youtu.be/pcO-8xgJCic

Quelle: Ärzteblatt hier.

Dyslexie: Diese Schriftart können Legastheniker besser lesen

Im englischsprachigen Raum wird der Begriff der dyslexia am ehesten so verwendet, wie bei uns der Begriff der Leseschwäche, dem einen Teil der Lese-Rechtschreibschwäche oder Legasthenie. Die Betroffenen haben Probleme, Buchstaben und Worte zu lesen und sie mit dem gemeinten Begriff in Verbindung zu bringen. Oft ist auch die Fähigkeit zu schreiben beeinträchtigt.

Der dänische Designer Christian Boer, der selber unter Legasthenie leidet, erklärt, dass Menschen mit Legasthenie Buchstaben eher als dreidimensionale Objekte wahrnehmen und daher leicht durcheinander kommen, wenn unterschiedliche Buchstaben das Spiegelbild von einander sind wie b und p oder W und M. Er hat daher eine Schriftart entworfen, in der die Buchstaben unten etwas dicker sind und so verändert, dass sie sich weniger ähneln. Menschen mit Legasthenie könnten sie daher besser lesen.

Schaut euch das Video an, das die Unterschiede zu den gängigen Schriftarten erklärt:

Das Projekt hat bereits große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So erschien es auf der Titelseite des Scientific American und erreichte einige Nominierungen für verschiedene Innovationspreise; es gewann den ersten Preis des „Smart Urban Stage“, eines europäischen Projektes, das zukunftsweisende Konzepte auszeichnet. Es gibt zumindest auf dänisch schon Bücher, die in dieser Schriftart geschrieben sind.

Die Schriftart heißt „Dyslexie“. Sie ist für den privaten Gebrauch kostenlos und hier zu laden.

Fehlermanagement

Zu einem guten Fehlermanagement gehören drei Schritte:

  1. Fehler machen.
  2. Fehler erkennen und offen darüber sprechen.
  3. Diesen Fehler in Zukunft nicht mehr machen.

Ich hatte mir schon länger vorgenommen, typische Fehler hier immer mal zu besprechen, um deutlich zu machen, dass ein gutes Fehlermanagement einfach davon lebt, dass wir alle uns bewusst werden, dass wir nur Menschen sind, und daher dazu verurteilt sind, Fehler zu machen. Wichtig ist, das zu akzeptieren und daraus zu lernen.

Ich schildere hier nun einen fast-begangenen Fehler, da er gerade noch rechtzeitig auffiel, aber typisch und vermeidbar ist.

Ein Patient erhält in der Ambulanz alle zwei Wochen das Depot-Neuroleptikum Fluanxol Depot intramuskulär gespritzt. Fluanxol-Depot gibt es in zwei Konzentrationen:

  • Fluanxol 10-prozentig: 1 ml enthält 100 mg Wirkstoff und
  • Fluanxol  2-prozentig: 1 ml enthält 20 mg Wirkstoff.

Das kann praktisch sein, da die verordneten Dosierungen sehr unterschiedlich sind. Manche Patienten erhalten nur 20 mg, dann ist es sinnvoll, 1 ml der 20 mg Ampulle zu spritzen. Es wäre einfach schlecht zu dosieren, 0,2 ml der 100 mg Ampulle zu spritzen, das wird zu ungenau. Diese Konzentration hat also ihre Berechtigung.

Andere Patienten erhalten 80 ml. Dann nimmt man besser die Ampullen zu 100 mg, denn dann muss man nur 0,8 ml injizieren. Mit den Ampullen zu 20 mg müsste man 4 ml injizieren, was einfach so viel ist, dass es eher schmerzen kann.

Nun kommt der Stolperstein: Man darf natürlich NIE NIE NIE aufschreiben, dass ein Patient 1 ml Fluanxol-Depot bekommt, ohne zu schreiben, welche Konzentration gemeint ist. Das war neulich so dokumentiert, gemeint waren 1 ml von der 20 mg Ampulle. Bei der nächsten Spritze wollte man schon die 100 mg Ampulle nehmen und hiervon 1 ml spritzen, was zu einer fünffachen Dosis geführt hätte. In diesem Fall ist es kurz vor der Gabe noch aufgefallen, aber es hätte auch unbemerkt bleiben können.

Die Schlussfolgerung aus diesem Fall lautet:

Die Dosierung von Medikamenten soll immer in mg angegeben werden. Angaben wie Milliliter, Tabletten oder Ampullen sind fehlerträchtig, weil sie unterschiedliche Mengen an Wirkstoff enthalten können.

Der Mann, der sich in die Zebrafrau verliebte

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Kennen sie Oliver Sacks? Vielleicht einen seiner berühmtesten Titel: “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte”? Oliver Sacks ist Neurologe und beschreibt in kasuistischer Form einzelne eindrucksvolle neurologische Krankheitsbilder, die er im Verlaufe seiner Tätigkeit erlebt hat. Sie geben uns einen tiefen Eindruck in die Komplexität des Gehirns, aber auch in die kontraintuitiven Wege, die sich manche Krankheiten so wählen. Und das ist sehr lehrreich.

Kennen sie solche Falldarstellungen auch aus dem Bereich der Psychiatrie? Noch nicht? Ich kannte bislang auch noch nichts vergleichbares. Auftritt des neuen Buches von Peter Teuschel: Der Mann, der sich in die Zebrafrau verliebte!

In diesem Buch beschreibt Peter Teuschel acht Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, die er im Laufe seiner Behandlungen kennen gelernt hat. Mir gefiel besonders gut die Geschichte von Alois, einem mit seiner Frau einsam in einem Waldhaus lebenden alten Bayern, der aus später aufklärbaren Gründen für wahr erkennt, dass er “von den Bambergern in den Frillensee g´schmissn werden soll”. Auf die Frage “Warum? antwortet Alois: ”Ja mei. Rache halt". Seine Frau weiß schon länger von der Sache…

Die Sache hat eine psychiatrische Erklärung. Und eine teils psychiatrische, teils rein menschliche Behandlung…

Die Beschreibung der Patienten ist ausnehmend respektvoll und liebevoll geschrieben. Die Geschichten sind zum einen lehrreich, zum anderen auch einfach faszinierend und unterhaltsam. Ich habe sie sehr gerne gelesen. Ein prima Weihnachtssgeschenk, dann aber eher als broschiertes Papierbuch als die kindle-Version

Einige Mitbringsel vom DGPPN-Kongress in Berlin

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Ich kehre gerade vom DGPPN Kongress 2014 zurück. Der Kongress fand jetzt erstmalig nicht im ICC, sondern im neu gebauten CityCube statt, was eine wesentliche Verbesserung darstellt, da das ICC einfach zu klein war. Der Kongress ist in den letzten Jahren immer weiter gewachsen und aktuell kommen wohl so etwa 9.000–10.000 Teilnehmer, da hat man im ICC schon oft auf dem Boden sitzen müssen; im CityCube habe ich nur selten auf dem Boden gesessen…
Ich kann jetzt hier nicht alles Interessante zusammen fassen, was ich gelernt und erfahren habe, aber ich zähle mal ungeordnet einige neue Impulse auf, die ich bemerkenswert fand:

  • Am Interessantesten sind ja oft die Gespräche am Rand. So habe ich mich mit einem Kollegen aus Holland unterhalten, der berichtete, dass dort die Entgiftung von GHB mit einer Kombination aus medizinischem GHB, Benzodiazepinen und Neuroleptika durchgeführt wird. In Deutschland wird medizinisches GHB manchmal für bestimmte Narkosen, vor allem bei Kaiserschnitten und anderen i.v.-Kurznarkosen bei kleinen chirurgischen Eingriffen verwendet. Für die Entzugsbehandlung ist es aber nicht erlaubt. Daher stellt sich eine GHB-Entzugsbehandlung bei uns oft als sehr schweres psychotisches, oft delirant anmutendes Krankheitsbild dar. Medizinisches GHB als Behandlungsoption wäre auch hier sehr willkommen…
  • In der Psychopharmakologie hat sich viel verändert, seit der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) vor der Festlegung eines Preises für ein neues Medikament den “Zusatznutzen gegenüber einer Zweckmäßigen Vergleichstherapie” beurteilt. Es ist ja so: Wenn eine Pharmafirma eine neue Substanz erforscht und entwickelt, dann muss sie zunächst die Zulassung in Deutschland und zumeist in Europa beantragen. In Deutschland geht das beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dies wägt Nutzen und Risiko eines neuen Medikamentes ab. Stehen Nutzen und Risiko in einem guten Verhältnis, lässt das BfArM das Medikament in Deutschland zu. Es steht dann auch erst mal 10 Jahre unter Patentschutz. Früher hieß das, dass das Pharmaunternehmen jetzt 10 Jahre lang einen sehr hohen Preis nehmen konnte, und viel Geld in dieser Zeit verdient hat. Heute ist das nicht mehr automatisch so. Heute prüft der GBA, ob das Mittel einen deutlichen Zusatznutzen gegenüber der meist sehr preiswerten Standardtherapie hat. Nur dann akzeptiert der GBA einen höheren Preis als den für die Standardtherapie. Und nur dann müssen die Kassen den höheren Preis zahlen. Ist das Medikament zwar neu, zugelassen, patentiert, aber laut GBA ohne großen Zusatznutzen gegenüber den bisherigen Medikamenten, wird der GBA einen Preis festlegen, wie bei den bisherigen Medikamenten. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Gemeinschaft der Versicherten nicht für Pseudo-Neuerungen überteuerte Preise zahlen muss. Es hat aber den Nachteil, dass es in Deutschland sehr viel schwieriger geworden ist, eine Bereicherung des therapeutischen Arsenals herauszubringen. Nicht jeder Patient profitiert gleichermaßen von der Standardtherapie. Manche brauchen einfach ein anderes Präparat, aber das zu erforschen ist für die Pharmaunternehmer aus wirtschaftlicher Sicht sehr viel riskanter geworden.
  • Die Psychotherapieforschung ist erfreulich lebendig und aktiv.
  • In der Suchttherapie gibt es einige interessante Ansätze, die zur Grundlage haben, dass Sucht eine jahrelange Krankheit ist. Also nicht: Zwei Wochen Entzug, dann nichts mehr, sondern: Entzug, dann monatelange Begleitung und bei Krisen rasche Intervention.
  • Und es gab noch zahllose weitere interessante Ideen, die ich hier nicht alle aufzählen kann…

Ich fand den Kongress mal wieder sehr lehrreich und lohnend. Allerdings komme ich wie jedes Jahr zur Erkenntnis, dass es Ende November sehr kalt ist in Berlin. Ich schlage daher vor, dass der Kongress in Zukunft im September in Barcelona abgehalten wird. Der Rest des Konzeptes kann so bleiben…