Cipramil, Cipralex, Cymbalta, Trevilor. To whom will I give what antidpressant and when?

Nachdem das Buch Psychopharmakotherapie griffbereit ja nun schon ins Tschechische übersetzt wird, expandiert das Psychiatrie to go-Universum nun auch in den Rest der Welt. Einer der am häufigsten gelesenen Artikel auf diesem blog ist der Artikel über meine Strategie, welches Antidepressivum ich wem verschreibe.

Renate FitzRoy, die in Schottland lebt und als Übersetzerin arbeitet (ihre webseite findet ihr hier), war so freundlich, diesen post ins Englische zu übersetzen. Vielen Dank! Und hier findet ihr den Text in der englischen Übersetzung:

Cipramil, Cipralex, Cymbalta, Trevilor. To whom will I give what antidpressant and when?

Once I have made up my mind to prescribe an antidepressant, I follow a certain algorithm in my head to decide which medication I will use.

Question 1: Has the patient been given an antidepressant in the past and has it been effective?

If the answer is yes, I will use the same medication again. Full stop. End of algorithm.

Question 2: Do I prescribe the antidepressant for a generalised anxiety disorder?

Then I’ll prescribe Duloxetine (Cymbalta) or Venlafaxin (Trevilor), the latter has been licensed especiallly for genrealised anxiety disorder. Both are very effective for this indication and both should be given at high doses.

Question 3: Do I prescribe the antidepressant for a compulsive-obsessive disorder?

Then I use first Citalopram (Cipramil). I will go for a higher dose, at first 40 mg per day and then decide individually whether a higher dose is appropriate in spite of known risks. The QTc interval must be monitored and the patient made aware of the warning. At doses higher than 40 mg, Citalopram may prolong the QTc interval and cause dangerous arrhythmia (for more details click here).

Then there are unipolar and bipolar depressions left.

Question 4: Is it a depression with low activity, normal activity or hyperactivity (agitated depression)?

  • In patients with very low activity, I begin with Duloxetine (Cymbalta), target dose 60-90 mg.
  • With somewhat low to normal activity, I prescribe Citalopram as a first step, target dose 40 mg per day. This usually achieves good results.
  • If not satisfied with the success in a low-activity depression, I will quickly (two weeks) change over to Duloxetine (Cymbalta) because not only does it inhibit the reuptake of serotonin (as does Citalopram), but it also inhibits the reuptake of noradrenaline, which will lead to more activity.
  • In patients with normal activity, I will only switch to Duloxetine if no progress has been made after 3-4 weeks.
  • With heightened activity levels and disturbed sleep patterns in particular, I prefer Mirtazapine at night. However, I only recommend it if weight is not a problem and I discussed the possibility of weight gain with the patient (and they are happy to go ahead). I start with 15 mg at night. Depending on the severity of the sleeping disorder and agitation, I may go up to 45mg per day. If this sorts out the sleeping problem and normalises activity, I stick with 15mg Mirtazapine at night and add 20-40 mg Citalopram in the morning.

This algorithm works for 95 % of cases. If the medication is not effective or side effects occur, I use the following medication instead:

  • Citalopram (Cipramil) is not tolerated: -> try Escitalopram (Cipralex). Both are just serotonin reuptake inhibitors and are usually well tolerated and very effective.
  • Duloxetine is not effective enough: -> try Venlafaxine. Both inhibit the reuptake of serotonin as well as noradrenaline. Given at high doses, Venlafaxine has the unwanted side effect of also inhibiting the reuptake of dopamine, which can trigger or reinforce delusion/hallucination-like symptoms. It often makes the patient more restless than Duloxetine, but may be more effective in individual cases.

What about old antidepressants ?

  • Clomipramine is what I sometimes use as augmentation in compulsive-obsessive disorders.
  • Amitriptylin is what I sometimes use in chronic pain disorders.
  • Fluoxetine, Fluvoxamine, Mianserine, Paroxetine and the other older antidepressants are only used according to Rule 1: it has been effective before and may help again. I do not use them otherwise.

And if all that is not effective?

  • Augmentation with Lithium. Often helpful.
  • Augmentation with thyroid hormone. Rarely helps. I only use it occasionally.

Other things to bear in mind:

  • Severe psychotic depression: ECT.
  • If there is a psychotic component or delusion-like brooding, a low dose of an antipsychotic should be added.
  • In patients with great anxiety and no history of addiction, think of a benzodiazepine.
  • In suicidal patients, add a benzodiazepine.
  • Bear in mind the normal timescale of improvement: Approx. two weeks after taking antidepressants, activity often increases, while the mood will often lift after four weeks. Anxiety disorders improve after four to six seeks, compulsive-obsessive disorders often after six to twelve weeks only.

Start: Eine App, um den Fortschritt der antidepressiven Therapie zu überwachen

Ich hatte hier über CareKit geschrieben, dem Apple FrameWork, das es ermöglicht, Gesundheitsdaten in anonymisierter Form zu erheben, um die Therapie einzelner Patienten aufzuzeichnen und in geeigneter Form auszuwerten. Und ich hatte geschrieben, dass ich mich auf die ersten Apps hierzu freue.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Auftritt Start: Diese englischsprachige App ist programmiert für Menschen mit Depressionen, die eine antidepressive Medikation einnehmen. Alle zwei Wochen führt sie einen kurzen Test durch (natürlich in englisch), der die Depressionsschwere einschätzt. Gleichzeitig kann man seine antidepressive Medikation eingeben, und beschreiben, wie gut man sie verträgt. Wenn man möchte, kann man sich auch an die Tabletteneinnahme erinnern lassen. Und ein Eintrag der Nebenwirkungen ist möglich.
Geht man dann nach einiger Zeit mit der App zu seinem Psychiater, hat man eine breitere und belastbarere Datengrundlage, um zu entscheiden, ob die Medikation in der gewählten Dosis schon etwas gebracht hat und wie sie vertragen wurde. Dann kann man besser über den nächsten Schritt entscheiden.
Ich bin schon gespannt, wann der erste Patient mit solchen Daten zu mir kommt…

Welcome to the blogroll: Farbensehnsucht

Die Leser dieses blogs muss ich wohl nicht erst überzeugen: Blogs sind eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich ein direktes und unmittelbares Bild von einem Thema zu machen. Auf dem Blog Farbensehnsucht berichtet eine betroffene Studentin von ihrem Umgang mit ihrer Zwangserkrankung. Ich freue mich, dass ich sie auf meiner blogroll verlinken kann.
Schaut doch mal vorbei: https://farbensehnsuchtblog.wordpress.com/

Runners high: Endocannabinoide genau so wichtig wie Endorphine

Die erste Stunde des Marathonlaufes geht ja wie von selbst: Du fliegst über den Asphalt, die Stimmung ist ausgelassen, alle sind fröhlich, nichts kann dich aufhalten.
In der zweiten Stunde kommst Du aber doch mit den Füßen auf der Straße an. Es wird schwieriger, das Tempo zu halten, die Beinmuskeln beginnen, zu schmerzen und du fragst dich, wie Du es bis zum Ziel schaffen sollst.

In der dritten Stunde wirst du langsamer, die Muskeln fangen an zu brennen, du hast Hunger, bist müde und erschöpft.

Wenn das so weiterginge, kämest du vielleicht nicht ins Ziel.

Und dann plötzlich durchflutet dich ein Rausch aus Euphorie, Leichtigkeit und Lust. Nichts schmerzt mehr, du kannst wieder schneller laufen und vergisst die Plagen der letzten Kilometer: runners high.

Das absolute Hochgefühl dauert oft nur eine bis zwei Minuten an, aber auch danach kann man wieder eine ganz schön lange Zeit laufen, ohne von Schmerzen oder Erschöpfung allzu sehr gebremst zu werden.

Die Neurobiologie des runners high

Früher dachte man, das runners high wird neurobiologisch durch eine Endorphinausschüttung verursacht. Endorphine wirken wie Morphim, nur dass sie körpereigen sind und vom Gehirn selbst produziert werden. Morphine machen glücklich, schmerzfrei und führen dazu, dass man diesen Zustand erneut anstrebt. Passt alles zum Runners High.

Eine aktuelle Veröffentlichung im PNAS zeigt nun aber interessanterweise auf, dass noch ein zweites, eng verwandtes System an der Entstehung des runners high beteiligt und offenbar unabdingbar ist:

Das Endocannabinoid-System. Endocannabinoide sind vom Körper selbst produzierte Cannabinoide, die also wirken wie Cannabis. Sie sind schmerzstillend, angstlösend, milde euphorisierend und bewirken ebenfalls einen Wiederholungsreiz. Der bekannteste Vertreter der Endocannabinoide ist das Anandamid.

Die Mannheimer Forscher ließen Mäuse so lange in einem Laufrad rennen, bis die Mäuse aller Erfahrung nach ein runners high entwickelten (erinnert mich stark an mein eigenes Lauftraining auf dem Laufband). Dann maßen sie die Endorphin- und Endocannabinoidspiegel im Blut der Mäuse. Beide Substanzgruppen zeigten erhöhte Spiegel. Wenn der Cannabinoidrezeptor blockiert wurde, blieben allerdings alle Wirkungen des runners high aus.

Das Endocannabinoidsystem spielt in vielen Bereichen wie Schmerzregulation, Angst, Motivation und anderen eine bedeutende Rolle, so richtig Licht kommt aber erst in den letzten Jahren in die Sache. Das ist umso interessanter, als auch bei der Psychose eine veränderte Regulation im Endocannabinoid-System eine Rolle spielen könnte.

Wie auch immer; bei meinem nächsten runners high denke ich dann nicht mehr nur, ich hätte mir kostenlose Morphine besorgt, sondern gleichzeitig auch noch gesundheitsförderlich gekifft. Ich lauf dann mal los…

Welcome to the blogroll: Herz to go

Dr. Andreas Lauber ist niedergelassener interventioneller Kardiologe in Düsseldorf. Ich habe ihn als äußerst netten und kompetenten Kollegen kennengelernt. Schon länger stellt er für Patienten verständlich aufbereitete kardiologische Informationen ins Netz.
Nun hat er den blog „herz to go“ gestartet, der über kardiologische Themen berichtet. Ich weiß ja nicht, ob mein blog bei der Namensfindung eine Rolle spielte, aber das Konzept der verständlichen Darstellung von Fachthemen kommt mir irgendwie vertraut vor…
Schaut mal vorbei auf http://herztogo.org, der feed lautet http://herztogo.org/feed.

Psychopharmakotherapie griffbereit goes Ost…

Gute Nachricht für alle Tschechen unter den Lesern: Der Schattauer-Verlag hat mir berichtet, dass sich auf der Frankfurter Buchmesse ein tschechischer Verlag für die Serie „griffbereit“ und dabei insbesondere für mein Buch Psychopharmakotherapie griffbereit interessiert habe. Gestern sei der unterschriebene Lizenzvertrag aus Prag gekommen und das Buch wird jetzt ins Tschechische übersetzt. Wenn es fertig ist, zeige ich hier gerne Auszüge auf dem blog…Cool!

Der Psychcast PC020 ist draußen. Thema: SEX

Podcasting darf alles: zum Thema Sexualpräferenz und sexuelle Präferenzstörungen

Auch im PsychCast Nr. 20 sprechen wir mal exakt und mal verschwommen über Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Wie immer spitzen wir zu, verdichten Fachwissen und schnacken dann wieder ein wenig off topic. Wie gehabt bieten wir keine Fortbildung, aber die Fortsetzung eines endlosen Dialoges über das, was uns neugierig macht. Denn: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei (Art. 5 Absatz III GG).

Hier die wichtigsten Links zur Sendung: Prof. Klaus Beier über PädophilieProjekt “kein Täter werden”Studie: Ejaculate More, Have Less Prostate Cancer RiskViertausendhertz Podcasts

Die Folge findet ihr hier.

CareKit

   
Was war für mich das Beeindruckendste der letzten Apple Keynote? Das iPhone SE, das 9,7 Zoll iPad Pro? Nein, die sind toll, aber für mich am spannendsten ist CareKit.

Research Kit

Wir erinnern uns: Vor etwa einem Jahr hat Apple ResearchKit vorgestellt, ein Framework, das es ermöglicht, Studien in sehr großem Maßstab anzulegen, die Daten über iPhones zu erheben und dabei neben den Eingaben durch die Studienteilnehmer auch Sensordaten wie Bewegungsdaten, an einem verbundenen Gerät gemessene Blutdruckdaten und ähnliche einzubeziehen. Es gab einige große Multicenter-Studien renomierter Universitäten, etwa zu den Gebieten Parkinson, Bluthochdruck und Diabetes, die ResearchKit verwendeten. Auf der Keynote wurde gesagt, dass ein Ergebnis der Studie zu Diabetes gewesen sei, dass der Typ II Diabetes wohl in zwei Untergruppen eingeteilt werden sollte, da ein Teil der Typ II Diabetiker auf Insulin reagiere, ein anderer Teil der Typ II Diabetiker aber kaum bis gar nicht auf Insulin reagiere. Das war zwar irgendwie immer schon so vermutet worden, eine klare durch Studien fundierte Aussage dazu gab es aber meines Wissens nach bislang nicht. Dieses Ergebnis wurde sicherlich durch die schiere Größe der Studie und die hohe Teilnehmerzahl wesentlich begünstigt. Schon mal cool.

CareKit

Und ab April soll es einen Ableger geben, der CareKit heißen wird. Dieses Framework erlaubt es, Apps zu programmieren, mit denen Patienten einen individuellen Behandlungsplan auf ihrem iPhone sehen. Sie können Beobachtungen und Messungen einbinden, wie Blutdruck, körperliche Aktivität, Schmerzintensität oder das Aussehen einer Wunde. Sie können diese Information mit Angehörigen und ihren Behandlern teilen und der Behandler kann bei Bedarf auch mal aus der Ferne kurzfristig die Behandlung, etwa die Dosis einer Schmerzmedikation oder ähnliches, ändern.

Das sind ja grundsätzlich keine vollkommen neuen oder bislang ungedachten Optionen. Aber wenn Apple das macht, dann ist die Chance sehr groß, dass so ein Programm auch mal wirklich abhebt und in der Realität ankommt. Einzelne Vordenker der „Telemedizin“ hatten alles dies auch schon einmal geplant, aber in der freien Wildbahn habe ich so etwas dann doch noch nie angetroffen.

Ich bin sehr gespannt, wie sich CareKit entwickeln wird. Es gibt einige Daten, die ich für meine Behandlungen auch im Bereich der Psychiatrie gerne vom Patienten in einer solch geordneten Form hätte. Zum Beispiel:

  • Schmerzintensität unter Schmerzmedikation
  • Manische und depressive Auslenkungen bei bipolaren Patienten unter einer phasenprophylaktischen Medikation
  • Angstniveau und assoziiere Situationen bei einer Angsterkrankung
  • Körperliche Aktivität und Ernährung bei einer geplanten Gewichtsreduktion
  • Bewegungsfähigkeit bei M. Parkinson unter Medikation
  • Schlafqualität bei Schlafstörungen

Und da gibt es noch vieles mehr. Ich bin gespannt!

Die Psych-KG Besuchskommission

Shot with DxO ONE
LWL Klinik Herten

Rechtliche Grundlagen der Behandlung im Psychiatrischen Krankenhaus

Die weit überwiegende Mehrzahl der Patienten in einem Psychiatrischen Krankenhaus, ich würde mal sagen mehr als 90 % der Patienten, befindet sich auf freiwilliger Rechtsgrundlage in Behandlung dort, wie in jedem anderen Krankenhaus auch.
Aber natürlich gibt es auch Behandlungen auf der Rechtsgrundlage des Betreuungsgesetzes und des Psych-KGs.

Das Psychiatrische Krankengesetz, kurz „Psych-KG“

Das Psych-KG regelt Zwangsunterbringungen im Psychiatrischen Krankenhaus bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung, wenn der Betroffene in einem Zustand ist, dass er die Notwendigkeit der Behandlung nicht erkennt, aber eine konkrete, akute und erhebliche Gefahr von ihm ausgeht. Ein typisches Beispiel wäre ein Patient mit einer akuten Psychose, der sich verfolgt fühlt, und versucht, sich mit einem Stock gegen unbeteiligte Passanten zu wehren, die er krankheitsbedingt fälschlich für eine Bedrohung hält. Dieser Patient würde sich nicht freiwillig behandeln lassen, da er sich nicht für krank hielte. Eine Behandlung ist aber erforderlich und geboten. In so einem Fall kann ein Arzt zunächst über das Ordnungsamt ein Psych-KG beantragen. Nach Zustimmung des Ordnungsamtes wird das zuständige Amtsgericht informiert und innerhalb von 24 Stunden (so ist es zumindest in NRW geregelt, in anderen Bundesländern gelten im Detail etwas andere Regeln) kommt ein Richter zur Anhörung ins Krankenhaus, um darüber zu entscheiden, ob eine Behandlung auf der Rechtsgrundlage des Psych-KGs erforderlich und notwendig ist.

Die Psych-KG Besuchskommission

Was viele nicht wissen ist, dass jedes Krankenhaus, das Behandlungen auf der Rechtsgrundlage des Psych-KGs durchführt, von der zuständigen Bezirksregierung überwacht wird. Dazu gehört, dass die Bezirksregierung einmal im Jahr eine persönliche Begehung des Krankenhauses mit der Psych-KG Besuchskommission durchführt. Diese Kommission ist eine Abordnung, die einmal im Jahr einen unangekündigten Besuch bei jeder entsprechenden Klinik macht, und überprüft, ob das Psych-KG Gesetz korrekt angewendet wird, wie die Unterbringungsbedingungen sind und welchen Eindruck die Klinik insgesamt macht.

Der Besuchskommission gehören folgende Personen an:

  • Ein Beamter der Bezirksregierung als Vorsitzender
  • Ein juristischer Sachverständiger (oft ein Richter oder ein Jurist der Bezirksregierung)
  • Ein psychiatrischer Sachverständiger (ein Facharzt für Psychiatrie, oft ein erfahrener Oberarzt oder Chefarzt einer anderen psychiatrischen Klinik)
  • Ein Vertreter der Angehörigen (als Abgesandter eines Verbandes der Angehörigen psychisch Kranker) und
  • Ein Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen (als Abgesandter eines Verbandes Psychiatrie-Erfahrener)
  • Häufig ist auch ein Vertreter des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Stadt anwesend.

Ablauf der Überprüfung

Die Besuchskommission kommt einmal im Jahr unangekündigt in die Klinik. Da sie keinen Termin hat, kann die Zusammensetzung der Vertreter der Klinikseite etwas variieren. In der Regel wird die Klinik versuchen, folgende Personen zusammenzutrommeln:

  • Den Chefarzt der Klinik
  • Den Pflegedienstleiter
  • Den Geschäftsführer
  • Oft den Oberarzt, der die geschlossene allgemeinpsychiatrische Station betreut

Wenn sich alle zusammengefunden haben, verläuft der Besuch folgendermaßen:

  1. Zunächst spricht die Kommission ausführlich mit den Vertretern der Klinik, um sich zu erkundigen, wie Behandlungen auf der Rechtsgrundlage des Psych-KGs in dieser Klinik durchgeführt werden. Es wird besprochen, wie viele Behandlungen im letzten Jahr per Psych-KG durchgeführt worden sind, welche Diagnosen vorkamen, wie die Geschlechtsverteilung war, auf welchen Stationen die Behandlungen durchgeführt worden sind und ähnliches. Es wird nach besonderen Vorkommnissen im letzten Jahr gefragt und wenn im letzten Jahr Beschwerden an die Bezirksregierung herangetragen worden sind, werden diese besprochen. Die Kommission macht sich auch ein Bild von der Klinik insgesamt, etwa von neuen Bauvorhaben, Renovierungsplanungen, Erweiterungen der Klinik und ähnlichem.
  2. Dann wird das Krankenhaus besichtigt. Die Besuchskommission schaut sich insbesondere die geschützten Stationen, die Patientengärten der geschützten Stationen, die Bäder und Aufenthaltsräume an.
  3. Und schließlich wird mindestens ein per Psych-KG untergebrachter Patient befragt, wie er seine Behandlung wahrnimmt. Bei dieser Befragung sind nur der Patient und die Mitglieder der Besuchskommission anwesend, keine Vertreter der Klinik. Der Patient wird erst mal orientierend zu den allgemeinen Umständen seiner Behandlung befragt, wie die Bahandlung bislang verlief und wie er sich behandelt fühlt. Dabei werden auch Fragen besprochen, wie etwa, wie oft er Ausgang im Freien hat, ob er sein Handy behalten darf, wie oft er Besuch bekommt und ähnliches. Dann wird sehr genau die Dokumentation der Behandlung dieses Patienten in Augenschein genommen, etwa, ob täglich nachvollziehbar dokumentiert wurde, warum die Unterbringung per Psych-KG noch erforderlich war.
  4. Abschließend gibt es ein gemeinsames Gespräch der Kommission mit den Vertretern der Klinik, in der die Klinik eine explizite Rückmeldung und Beurteilung erhält. Wenn etwas nicht gut war, wird dies hier explizit besprochen und eine Verbesserung wird eingefordert.
  5. Einige Wochen nach dem Besuch erhalten alle Beteiligten den schriftlichen Besuchsbericht, der sehr detailliert nach einem festen Protokoll alle Punkte sowie eine ausführliche Gesamtbeurteilung wiedergibt.

Und man lernt auch als Mitglied der Besuchskommission immer etwas dazu…

Unlängst habe ich die LWL-Klinik in Herten als Psychiatrischer Sachverständiger einer Besuchskommission besucht. Ich darf hier gerne verraten, dass die Klinik sehr angemessen, reflektiert und in vielen Teilen sehr fortschrittlich mit allen Aspekten der Behandlungen im Rahmen des Psych-KGs umgeht. Besonders beeindruckt hat mich, dass die LWL-Klinik Herten auf der geschlossenen allgemeinpsychiatrischen Station folgendes Vorgehen etabliert hat: Jeden Tag prüft der Oberarzt, ob es wirklich erforderlich ist, die Stationstüre geschlossen zu halten. Wenn es keinen Patienten gibt, der gegenwärtig diese Sicherungsmaßnahme erforderlich macht, dann wird ein großes Schild an die Türe gehängt, auf dem steht, dass die Flurtüre nun tagsüber geöffnet ist, dass man sich vor Verlassen der Station bitte beim Pflegepersonal melden soll, und dann wird die Tür einfach aufgeschlossen. Im letzten Jahr sei das an ca. 30 Tagen möglich gewesen. Seit dies so gehandhabt werde, habe sich die Atmosphäre auf der Station sichtbar entspannt. Ausgezeichnete und vorbildliche Idee!

Auch bei Vorsorgevollmachten bedarf es einer richterlichen Anhörung zur Genehmigung von Unterbringungen und Zwangsmedikationen

In den letzten Jahren wurde viel Aufklärungsarbeit geleistet, Menschen zu ermutigen, Vorsorgevollmachten bzw. Patientenverfügungen zu erstellen. Es gibt verschiedene Vordrucke, Formulierungsvorschläge und Ratgeber hierzu; eine sehr gute Informationsquelle ist das Bundesgesundheitsministerium auf dieser Seite.

Die Patientenverfügung soll sicherstellen, dass der Wille des Patienten umgesetzt wird, wenn dieser ihn nicht mehr selber äußern kann, ohne dass hierfür zuvor ein gesetzlicher Betreuer vom Gericht bestellt worden ist.

Bei der Formulierung der Patientenverfügung sind einige Dinge zu beachten, namentlich sind eigentlich nur die Punkte später verwendbar, die wirklich explizit und konkret beschrieben sind. Allgemeine Aussagen, wie „Wenn es mal soweit ist, will ich nicht mehr an unnötige Maschinen angeschlossen werden“ bringen gar nichts. Man muss schon genau und konkret schreiben, was man in welcher Situation will. Es gibt nicht wenige Patientenverfügungen, die notariell beglaubigt sind, dies ist aber für den medizinischen Bereich nicht zwingend erforderlich.

Der in der Patientenverfügung Benannte kann unter diesen Voraussetzungen handeln wie ein gesetzlicher Betreuer. Das bedeutet, dass er Unterbringungen im Krankenhaus und auch medikamentöse Behandlungen ohne oder gegen den Willen des Betroffenen anregen kann.

Aber ebenso wie im Betreuungsverfahren müssen beide Eingriffe in die Freiheit des Patienten von einem Richter genehmigt werden. Das heißt, der Vorsorgebevollmächtigte kann zusammen mit einem Arzt eine Unterbringung im Krankenhaus und auch eine Zwangsmedikation bei Gericht beantragen, aber in beiden Fällen muss ein Richter eine Anhörung im Krankenhaus durchführen und kann dann die Maßnahme anordnen. Ohne Richter kann ein Vorsorgebevollmächigter – genau wie ein Betreuer – keine Eingriffe in die Freiheit eines Patienten genehmigen.

 

019 ACT mit Sandro Teuber ist draußen!

Im neunzehnten PsychCast widmen wir uns der Psychotherapietechnik ACT. ACT steht für Aceptance and Commitment Therapie. Sandro Teuber, Psychologischer Psychotherapeut und leidenschaftlicher ACT-Therapeut erklärt uns, aus welchen Komponenten ACT sich zusammensetzt, wie es funktioniert und wie man es anwendet.

Sehr viele praktische und inspirierende Ideen findet ihr auf seinem Blog www.actblog.de, der auch einen ausgezeichneten Startpunkt zur Erkundung des ACT-Universums darstellt.

Die aktuelle Folge findet ihr hier.

Über die Gravitationskraft von Zielen

Ich stelle mir Ziele manchmal wie große Sterne vor, zwischen denen ich als Astronaut in meinem Raumanzug so durch den Weltraum fliege.

Ziele geben, ebenso wie Sterne, eine Orientierung. Wo bin ich, wie weit bin ich von einem bestimmten Ziel entfernt, wie komme ich dem Ziel näher.

Und das schöne an feststehenden und klaren Zielen ist, dass ich mich jeden Tag neu an ihnen ausrichten kann. Wenn ein Ziel gestern auf meiner rechten Seite lag, und ein kleinerer oder größerer Weltraumsturm mich irgendwie weit abgetrieben hat, und das Ziel von gestern jetzt weiter weg, vorne links und etwas unten liegt, dann stört mich das überhaupt nicht. Ich richte mich einfach neu an dieser Zielrichtung aus und strebe es erneut an.

Auf diese Weise komme ich in tausend kleinen Iterationen immer näher an das Ziel heran, egal, wie viele Irritationen, Ablenkungen, Meteoritenstürme oder Raumzeitkrümmungen mich so durchs All schleudern. Erfahrungsgemäß sind die Strecken der Annäherung doch immer wieder größer als die Strecken der ungewollten Entfernungen. Jedenfalls bei wirklich klaren Zielen.

Und dann kommt noch etwas anderes hinzu: Wenn ich einem Ziel näher komme, ganz wie im Bild mit dem Planeten, dann spüre ich auch eine zunehmende Gravitation, die von diesem Ziel ausgeht. Es wird die letzten Tage vor Erreichen des Zieles immer leichter, nun auch noch die letzte Strecke zu schaffen, weil das Ziel in greifbarer Nähe ist und es hilft selbst auch durch seine eigene, magische Gravitationskraft.

Für mich werden Ziele solider, entwickeln eine größere Lenkungswirkung und auch eine größere eigene Gravitation, wenn ich sie mir aufschreibe und immer wieder über sie nachdenke.

Warum schreibe ich diesen für meinen blog ungewöhnlich prosaischen Text hier? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass ein Element der Achtsamkeit im eigenen Leben ist, nicht nur ziellos durch den Weltraum zu treiben, sondern sich selbst Ziele zu setzen. Und weil ich immer wieder froh und dankbar bin, wenn ich ein Ziel erreiche. (Natürlich gibt es auch Ziele, die man kontinuierlich anstrebt und nie endgültig erreicht, und die sind genau so wichtig.)

Wie wichtig sind dir Ziele? Schreibst Du sie auf? Hast Du ein bestimmtes Ritual, einen bestimmten Platz oder ein bestimmtes Vorgehen, sie zu verfolgen? Wie sehen Ziele in Deiner Phantasie aus? Ab damit in die Kommentare!

Herzlichen Glückwunsch zum ersten Geburtstag: PsychCast!

Am 5. März 2016 wird der PsychCast ein Jahr alt! Zum spontanen Geburtstags-Torten-mit-Sahne-essen durften wir eine Gästin begrüßen, die sympathischer nicht sein könnte: Dr. Nadja Hermann, bekannt als Fettlogik-überwinden-Bestseller-Autorin und Erzählmirnix-Comics-in-Microsoft-Paint-Zeichnerin. “Von Haus aus”, wie man so schön sagt, ist Nadja eigentlich Verhaltenstherapeutin in eigener Praxis. Im Netz findest Du Nadja hier: ERZÄHLMIRNIX und FETTLOGIK ÜBERWINDEN.

Die Geburtstags-PsychCast-Folge findest Du hier.

Die zweite Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist erschienen !

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Aus diesem blog hier und euren Rückmeldungen ist ein Buch entstanden. Die erste Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit erschien im November 2014 im Schattauer-Verlag. Dieses Buch bedeutet mir persönlich sehr viel. Ich versuche mit dem Buch, Neueinsteigern und Interessierten einen gut geführten Weg in die teilweise recht komplexe Psychopharmakotherapie zu zeigen.

Um dieses Ziel zu erreichen, habe ich mich auf ausgewählte wichtige Überlegungen, Behandlungsprinzipien und auch auf eine sehr wohl überlegte Auswahl an Medikamenten konzentriert. Diese habe ich dann so dargestellt, dass es dem Leser möglich ist, sich hiermit vertraut zu machen.

Ich habe im letzten Jahr viel positives Feedback zum Buch bekommen und oft gehört, dass es sehr gut lesbar sei und vieles in Erinnerung bleibe, was ich erkläre. Das freut mich sehr.

Nun ist die Pychopharmakologie eine sehr dynamische Wissenschaft, und auch im letzten Jahr haben sich sehr viele neue Erkenntnisse ergeben, die in ein aktuelles Buch zur Psychopharmakotherapie hinein gehören. Viele davon habe ich hier im Blog vorgestellt. Einige Beispiele:

  • So darf man inzwischen Valproat an Frauen im gebärfähigen Alter nur noch unter sehr strengen Auflagen verordnen. Siehe diesen blogpost.
  • Ich habe auch neue Medikamente ins Buch aufgenommen, z.B. Vortioxetin (Brintellix®), Agomelatin (Valdoxan®), Escitalopram und Tiaprid.

Die zweite Auflage wurde auch in allen anderen Teilen gründlich überarbeitet. Alle Texte wurden mehrfach durchgelesen und verbessert. Ich möchte mich ganz besonders herzlich bei meiner Lektorin im Schattauer-Verlag, Frau Claudia Ganter, bedanken. Ihre sorgfältige, gewissenhafte, kreative und stets motivierende Art hat wesentlich dazu beigetragen, dass die zweite Auflage noch viel flüssiger zu lesen ist, konsistent strukturiert ist und sowohl inhaltlich als auch didaktisch eine klare Linie verfolgt.

Schließlich darf ich darauf hinweisen, dass die zweite Auflage im Kapitel Amphetamine nun mit 100 Prozent mehr Breaking-Bad Verweisen ausgestattet ist… 🙂

Den kurzen Video-Trailer zur zweiten Auflage findet ihr hier: http://youtu.be/HGnzXxHzmcQ

Das Buch kostet 24,99 €. Bei Amazon könnt ihr das Buch hier bestellen. Direkt beim Schattauer-Verlag könnt ihr es hier bestellen.

Die Gesundheitspolitiker der großen Koalition korrigieren den Kurs des PEPP-Systems

Gestern gab es ein Treffen der Gesundheitspolitiker der großen Koalition, die über den weiteren Weg des PEPP-Systems entschieden haben. Das Ergebnis des Treffens ist dieses sehr lesenswerte Eckpunktepapier.

Das PEPP-System ist ein System fest definierter Tagesentgelte, die je nach Diagnose, Behandlungsintensität, Behandlungsdauer und einigen weiteren Rahmenbedingungen eine bundeseinheitliche Vergütung für die jeweiligen Behandlungsfälle festlegt. Dieses System befindet sich nun schon seit einigen Jahren in der Entwicklung und auch in der kontroversen Diskussion. Insbesondere wurde von Vertretern der Psychiatrischen Kliniken immer wieder eingebracht, dass die dem PEPP-System zugrunde liegenden mathematischen Modelle zwar nachvollziehbar sind, letztlich aber nicht geeignet sind, die Gesamtaufwendungen, die eine Klinik pro Fall hat, und mehr noch die Gesamtaufwendungen, die eine Klinik insgesamt hat und von den Krankenkassen erstattet bekommen sollte, abzubilden.

Ein Zusammenschluss aller relevanten Fachgesellschaften hat dann gemeinsam einen Verbesserungsvorschlag entwickelt, der die Möglichkeit betont, dass die Krankenkassen weiterhin, wie in der Vergangenheit, mit den einzelnen Kliniken  individuelle Krankenhausbudgets vereinbaren. Allerdings sollten diesen Vereinbarungen auf der Grundlage einer objektiveren und nachvollziehbaren Grundlage geschehen.

Und tatsächlich haben die Gesundheitspolitiker gestern genau dies entschieden: Die Krankenkassen sollen auch in Zukunft ein jährliches Budget mit jedem einzelnen psychiatrischen Krankenhaus vereinbaren. Grundlage dieses Budgets sollen die nach dem PEPP-System ermittelten Leistungen sein. Aber es können auch andere Faktoren eingehen, wie etwa die Frage, ob ein Krankenhaus an der regionalen Pflichtversorgung teilnimmt, oder welche Zusatzaufgaben das Krankenhaus in der Region sonst noch übernimmt. Das ist ein (Achtung: Jetzt kommt ein Leitartikel-buzzword): Paradigmenwechsel!

Und zwar zum Guten hin! Diese Option kann sehr wohl in Einzelfällen einen begründeten Mehraufwand dann auch wieder abbilden. Ich gehe davon aus, dass die Steuerungswirkung hin auf eine einheitliche Vergütung bei gleicher PEPP-Leistung dennoch recht stark bleiben wird, aber auch das kann gut sein. Gleiches Geld für gleiche Leistung hilft schließlich denen, die viel leisten, und bislang aus historisch gewachsenen Gründen ein niedrigeres Budget hatten.

Das Eckpunktepapier bezieht aber auch zu weiteren wichtigen Fragen Stellung, und zwar durchweg eine erfreuliche:

  • Es bekennt sich zu einer personellen Mindestausstattung psychiatrischer Kliniken (im Prinzip nach der PsychPV). Das ist eine äußerst wichtige und erfreuliche Festlegung.
  • Es beschreibt die Möglichkeit von Hometreatment. Hometreatment ist eine intensive ambulante Behandlung im Krisenfall, die eine stationäre Behandlung ersetzt. Und dies solle ermöglicht werden, ohne die Budgets der Psychiatrischen Institutsambulanzen oder des Ambulanten Sektors zu reduzieren.
  • Es bekennt sich zu ein leitlinienorientierten, qualitätsgesicherten Behandlungen. Und dies soll auch vergütungsrelevant werden.

Meine persönliche Einschätzung:

Ich finde das Eckpunktepapier sehr klug und erfreulich. Die konkrete Ausgestaltung wird noch einige Entscheidungen erfordern, die relevant sind. Aber die grundsätzliche Richtung halte ich für richtig und wünschenswert.
Auch zeigt diese Einigung, dass die starke Einbringung der Fachverbände und deren inhaltlich richtige Argumentation berücksichtigt worden ist.

Wie denkt ihr darüber?

Gustl Mollaths später Erfolg

Experten hatten schon seit vielen Jahren darauf hingewiesen, dass die Unterbringung im Maßregelvollzug mit einem sehr viel höheren Risiko einhergeht, unverhältnismäßig lang zu werden, als die Unterbringung in einem normalen Gefängnis. Die Unterbringung im Gefängnis wird immer mit einer zeitlichen Frist verhängt, also zum Beispiel zwei Jahre und drei Monate. Spätestens dann kommt der Gefangene frei. Es gibt wenige Ausnahmen (lebenslange Haft, Sicherungsverwahrung), und es gibt Möglichkeiten, früher entlassen zu werden (Zwei-Drittel-Regelung, Halbstrafe). Aber insgesamt ist die Sache berechenbar und aufgrund des Urteils gibt es eine klare Verknüpfung der Schwere der Tat und der Dauer der Freiheitsstrafe.

Im Maßregelvollzug ist das anders. Bei suchtbedingten Unterbringungen nach §64 gilt in der Regel eine Höchstdauer von zwei Jahren (cum grano salis).
Aber bei anderen Unterbringungen im Maßregelvollzug nach §63 gibt es keine Begrenzung der Zeitdauer. Hier soll die Gefährlichkeit im Laufe der Behandlung immer wieder neu eingestuft werden, und bei einem ausreichenden Abklingen der Gefährlichkeit soll die Entlassung erfolgen. Nur tun sich der Sachverständige aus guten Gründen oft schwer, nach ein paar Jahren Maßregelvollzugsunterbringung festzustellen: „Jetzt besteht keine große Gefahr mehr, lasst ihn frei!“ Und das kann im ungünstigen Fall zu unverhältnismäßig langen Unterbringungen führen. Der Fall Mollath hat die Politik darauf zuletzt aufmerksam gemacht.
Aktuell gab es eine Anhörung im Bundestag, die eine Änderung des Unterbringungsgesetzes vorbereitet. Das Original der Änderungen findet ihr hier.
In der Zusammenfassung der Ziele dieser Änderung heißt es:

Der Entwurf sieht eine Konkretisierung der Anordnungsvoraussetzungen in § 63
StGB-E im Sinne einer stärkeren Fokussierung auf gravierende Fälle vor, eine
zeitliche Begrenzung der Unterbringung bei weniger schwerwiegenden Gefahren 
durch eine Konkretisierung der Anforderungen an die Fortdauer der Unterbringung über sechs und zehn Jahre hinaus (§ 67d Absatz 6 StGB-E) und in der Strafprozessordnung (StPO) den Ausbau der prozessualen Sicherungen (§ 463 Absatz 4 und 6 StPO-E), um unverhältnismäßig lange Unterbringungen besser zu
vermeiden.

Die beiden wesentlichen Punkte sind also, dass die Maßregel nur noch bei wirklich erheblichen Straftaten, die dem Opfer einen deutlichen körperlichen oder seelischen Schaden verursachen, angeordnet werden soll, und dass eine Dauer von 6 oder 10 Jahren angepeilt werden kann, deren Überschreitung dann begründungsbedürftig wäre. Es bliebe im Maßregelvollzug so, dass die Gefährlichkeitsprognose weiterhin von Bedeutung für die Dauer der Unterbringung bleibt.

Ich persönlich finde diese Gesetzesnovelle absolut sinnvoll und überfällig. Auch ist sie praxisnah und sorgsam erarbeitet, finde ich. Was haltet ihr davon?

(Quelle: Ärzteblatt, hier.)

Wieviel Distra gebe ich denn jetzt?

Symptomadaptierte Alkoholentzugsbehandlung

Patienten, die zum stationären Alkoholentzug kommen, erhalten in der Regel Medikamente gegen Entzugsbeschwerden. Früher war es üblich, diese Medikamente nach bestimmten Schemata fest anzuordnen, unabhängig davon, wie stark die Entzugserscheinungen waren. Heutzutage setzt es sich zunehmend durch, die Medikation bedarfsgesteuert zu geben. Und um diesen Bedarf möglichst gut zu objektivieren, gibt es einfache Fragebögen, die die Schwere der Entzugssymptomatik feststellen sollen. Aus meiner Sicht ist es eine der wichtigsten Neuerungen in der neuen S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“, dass diese den Einsatz eines solchen Beurteilungsbogens explizit empfiehlt. Die bedarfsgesteuerte Medikation ist der Medikation nach einem festen Schema überlegen, weil bei geringerem Medikamentenverbrauch eine gleich hohe Sicherheit in der Behandlung entsteht.

AESB: Alkoholentzugssymptombogen

Im deutschsprachigen Raum wird hierfür oft der Alkoholentzugssymptombogen AESB (Originalarbeit hier) verwendet. Er beurteilt 10 Aspekte, die schnell und einfach zu bewerten sind. Diese 10 Aspekte sind:

  • Blutdruck
  • Ruhepuls
  • Tremor
  • Schwitzen
  • Übelkeit / Erbrechen / Durchfall
  • Ängstlichkeit / Nervosität
  • Psychomotorische Unruhe
  • Orientierung
  • Trugwahrnehmungen / Halluzinationen
  • Krampfanfälle

Auf der Tabelle oben sieht man, welche Ausprägungen jeder Aspekt einnehmen kann, und wie dies zu beurteilen ist. In der Auflistung darunter steht, in welchen Intervallen die Beurteilung durchgeführt wird, und schließlich ganz unten ein Vorschlag, welche Dosis bei einer Clomethiazol-gestützten Entzugsbehandlung sinnvoll sein kann.

CIWA-AR

International wird am häufigsten der CIWA (Clinical Institute Withdrawal Assessment for Alcohol) angewendet. Er beurteilt ebenfalls 10 Bereiche:

  • Übelkeit und Erbrechen (Fragen: „Ist Ihnen schlecht? Haben Sie sich übergeben?“)
  • Tremor (Arme und ausgestreckt und Finger gespreizt)
  • Schweißausbrüche
  • Ängstlichkeit (Frage:“Sind Sie nervös und ängstlich?“)
  • Antriebsniveau
  • Taktile Störungen
  • Akustische Störungen
  • Visuelle Störungen
  • Kopfschmerzen
  • Orientierung und Trübung des Bewusstseins (Fragen: „Welcher Tag ist heute? Wo sind Sie? Wer bin ich (der Befragende)?“

Im ersten Bereich Übelkeit und Erbrechen wird beispielsweise gefragt: „Ist Ihnen schlecht? Haben Sie sich übergeben?“ Es gibt 4 Antwortkategorien:

  • (0 Punkte) Keine Übelkeit und kein Erbrechen
  • (1 Punkt) Leichte Übelkeit ohne Erbrechen
  • (4 Punkte) Gelegentlich Übelkeit mit Brechreiz, Würgen und Erbrechen
  • (7 Punkte) Dauernde Übelkeit mit Brechreiz, Würgen und Erbrechen.

Eure Erfahrungen

  • Arbeitest du auf einer Station zur Alkoholentzugsbehandlung? Wie geht ihr vor?
    • Medikation nach Schema?
    • Medikation nach Bedarf?
    • Bedarfseinschätzung über einen Fragebogen?
    • Welchen Fragebogen verwendet ihr?
    • Schreib euer Vorgehen gerne in die Kommentare.
  • Hast Du schon einmal einen stationären Alkoholentzug durchgemacht? Wonach wurde entschieden, welches Medikament in welcher Dosis du bekommen hast? Schreib deine Erfahrungen ebenfalls in die Kommentare!

Betäubungsmittel-Kaufmann

Wenn ich einen Patienten neu kennen lerne, befrage ich ihn zuerst immer recht ausführlich zu seinem Beruf. Das verschafft mir einen recht guten Eindruck von seinem Tagesablauf, von der Art, wie er so tickt und hilft mir, mich in seine Welt zu versetzen. Danach befrage ich ihn zu seiner familiären Situation, also wie er wohnt, ob er eine Partnerschaft hat, ob er Kinder hat.

Und danach befrage ich ihn erst, unter welchen Krankheitsbeschwerden er leidet.

Immer mal wieder habe ich Patienten, die zu einem irgendwie gearteten Drogenentzug kommen, und deren berufliche Beschäftigung – nun ja, im Dealen von Drogen besteht. Ich lasse mich nicht beirren und frage auch diese Patienten in aller Ruhe, ob sie „Angestellte“ haben, ob es Streß mit den „Vorgesetzten“ gibt, und wie das Geschäft so läuft. Danach weiß ich definitiv besser, mit wem ich es zu tun habe, und wie ich mit ihm umgehen kann…
Bitte versteht mich nicht falsch: Drogendealen ist wirklich kein Kavaliersdelikt, sondern es ist die rücksichtslose Verteilung von echtem Teufelszeug.
Aber nach solch einem Gespräch wirkte es neulich erstaunlich passend, als eine Kollegin mir diese scherzhafte Umschreibung für Dealer nannte: „Betäubungsmittel-Kaufmann„….

Willkommen in der blogroll: ACTblog.de

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Kennst Du ACT? Akzeptanz- und Commitmenttherapie-Therapie? Nicht? Dann ist es Zeit, sie kennen zu lernen. Denn ACT ist eine der sympathischsten Therapietechnik von allen. Sie hilft dem Menschen, sich so anzunehmen, wie er ist. Und bezüglich der in der Psychotherapie so viel besprochenen Defizite, Pathologien und Defekte hat sie auch eine Strategie: „Mach doch erst mal einen kleinen Schritt in die gewünschte Richtung, fühl in Dich hinein, wie sich das anfühlt, und wenn es gut ist, riskiere noch einen Schritt in diese Richtung.“ Hab ich das gut erklärt? Nein, kein Problem:

Ich möchte Euch gerne auf den actblog hinweisen. Im actblog leben die Ideen der ACT-Therapie ein sonniges und interessantes Leben. Betrieben wird der Blog von Sandro Teuber, der in der Psychiatrie in Stralsund in einer PIA und Tagesklinik für Menschen mit Suchterkrankungen arbeitet. In seinem Blog gibt er Ideen und Erfahrungen aus seiner Therapie und allgemein zum Thema der Akzeptanz und Commitment Therapie (ACT) weiter. Schaut Euch den Blog unbedingt mal an: www.actblog.de.