Kölner Gesundheitswegweiser für Migranten

Kölner Gesundheitswegweiser für MigrantenDie Kölner Gesundheitslandschaft funktioniert einfach in manchen Bereichen sehr gut. Seit vielen Jahren gibt es ja schon den sehr hilfreichen allgemeinen Wegweiser „Wer hilft psychisch Kranken Menschen in Köln?„, der das gesamte psychiatrische Behandlungsangebot mit all seinen komplementären Diensten in Köln aufführt.

Dann gibt es noch den Wegweiser für das Versorgungssystem von jungen Menschen bis 27 Jahren mit psychischen Problemen in Köln.

Und nun möchte ich auf die überarbeitete Version des Wegweisers für Migranten hinweisen, der nach Sprachen sortiert das Gesundheitssystems Köln darstellt, mit einer besonderen Abteilung für die Psychiatrische Versorgung. Wenn ich also in Köln für einen nur Aserbaidschanisch sprechenden Patienten einen Arzt oder ein Krankenhaus suche, dann finde ich es hier.

Fortbildung zum Medical Clown

Fortbildungsbescheinigung zum Medical Clown_geschwärzt

Also das ist mal ´ne Fortbildung, die bei der Bewerbung wirklich Eindruck macht: „Humour und Laughter in the Service of Medicine Fun Therapy“. Das ist mal was Vernünftiges. Bringt mehr als 7 Kurse in Histologischer Cryoschnitttechnik, die ich auch schon mal in einer Bewerbung zum Psychiater gesehen habe…

Der Allesforscher von Heinrich Steinfest

IMG_2058Die LitCologne ist einfach großartig. Dort lesen wirklich angesagte Autoren an den buntesten Stellen Kölns. Einer meiner Lieblingsautoren ist Heinrich Steinfest. Ich selbst bewahre ja keine Papierbücher auf, sondern werfe sie nach dem Lesen weg. Es kommen eigentlich auch keine Papierbücher mehr in meine Wohnung da ich nur noch ebooks lese. Daher habe ich – bis auf ganz wenige Fachbücher – auch keine Bücher mehr zu Hause. Mit Ausnahme des Gesamtwerkes von Heinrich Steinfest. Das steht auf einem Ehrenplatz bei uns im Erker. Und zwar zu Recht. Niemand schreibt so wunderschön, so skurril, so menschlich, so präzise wie er.

Und nun hat er „Der Allesforscher“ geschrieben und daraus gelesen. Die Geschichte beginnt mit einem in einer taiwanesischen Großstadt explodierenden Waal. Man sollte denken: Der Steinfest ist halt ein Fantast. Aber dieser Teil der Geschichte ist real. Wie der IT-Manager Sixten Braun dann zum Bademeister eines Stuttgarter Mineralbades wurde, lest ihr besser selber.

Es ist mir nicht gelungen, ein Exemplar zu kaufen und von ihm signieren zu lassen, weil die Schlange von gierigen Käufern vor mir so lang war, dass genau vor mir das letzte Buch verkauft wurde. Egal, Amazon wird´s schon richten. Ich freue mich schon.

PEPP Optionsphase verlängert

Die DGPPN teilt in ihrem newsletter folgendes mit:

In die Debatte um das neue PAUSCHALIERENDE ENTGELTSYSTEM PSYCHIATRIE UND PSYCHOSOMATIK (PEPP) ist Bewegung gekommen: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat in der letzten Woche in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Gesundheitsausschusses angekündigt, die budgetneutrale Optionsphase bis 2017 zu verlängern. Bisher war vorgesehen, dass alle psychiatrischen psychosomatischen Kliniken PEPP ab 2015 verpflichtend einführen. Der massive Widerstand, den die DGPPN gemeinsam mit Fach-, Angehörigen- und Betroffenenverbänden seit Monaten übt, ist endlich in der Politik angekommen. Für die nächsten Wochen und Monate wird es aber wesentlich sein, die Organe der Selbstverwaltung und die verantwortlichen Politiker aus Gesundheitsausschuss und Bundesministerium für Gesundheit weiterhin davon zu überzeugen, das Kalkulationsverfahren zu modifizieren und eine sachgerechte Weiterentwicklung zu garantieren.

Das ist wirklich ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass die Verantwortlichen in der Politik sehen, dass es einen fundamentalen Verbesserungsbedarf gibt. Sonst müsste die Optionsphase nicht verlängert werden. Die degressive Bezahlung (die erste Behandlungswoche gibt viel Geld, jede weitere Woche schrittweise immer weniger), die nicht angemessen berücksichtigte Unterscheidung zwischen Kliniken mit Sektorversorgungsauftrag und solchen ohne Sektorversorgungsauftrag und viele weitere Punkte werden nun offenbar neu verhandelt.

Und es gibt auch einige optimistische Stimmen, die sagen: „Wenn das Projekt PEPP erst mal verschoben ist, dann kommt es in der geplanten Form überhaupt nicht mehr.“ Das wäre erfreulich. Eine angemessene Entlohnung stationärer psychiatrischer Behandlungen ist mit wesentlich weniger Bürokratie und mit Anreizsystemen, die für die Patienten hilfreicher sind, problemlos möglich.

Zweiter Versuch, den blog auf www.psychiatrietogo.de umzuleiten…

OK, mein letzter Versuch, den blog auf die domain http://www.psychiatrietogo.de umzuleiten, führte ins nichts (siehe den blogpost „blog down…„).

Dankenswerterweise hat mir „Der Emil“ aber erklärt, woran es lag. Nun versuche ich es noch mal. Dafür ist es aber erforderlich, dass ich die Umleitung von http://www.psychiatrietogo.de auf die eigentliche blog-URL psychiatrietogo.wordpress.com zwischenzeitlich für etwa 10 Tage ausschalte. Ihr könnt daher ab morgen für etwa 10 Tage nicht mehr http://www.psychiatrietogo.de in den browser eingeben, das sollte dann ins Leere laufen. In 10 Tagen mache ich dann einen neuen Versuch, die Domain umzuleiten… Drückt mir die Daumen…

Bei welcher Art von Fortbildung lerne ich eigentlich am meisten?

Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten der klinikinternen Fortbildung:

  • Vorträge im Frontalunterrichtstil
  • Workshops mit Interaktion
  • Bed-side-teaching
  • Praktische Übungen (z.B. das Megacodetraining, bei dem Reanimationen an Puppen trainiert werden)

Und alle diese Fortbildungsarten haben ihre Vorzüge und Berechtigungen.

Ich selbst finde das Format der Fallvorstellung besonders interessant und lehrreich.

Eine typische Fallvorstellung dauert ca. 30 Minuten. Der Arzt oder Psychologe, der die Fallvorstellung macht, sucht einen passenden Patienten aus. Der muss nicht unbedingt dadurch auffallen, dass er eine Krankheit hat, die nur alle 17 Jahre mal vorkommt. Es ist viel lehrreicher, einen Patienten mit einer häufig vorkommenden Krankheit auszuwählen, und an diesem Beispiel die Therapie zu erklären. Selbstverständlich fragt man den Patienten in Ruhe, ob er bereit wäre, zum Zwecke der Fortbildung an einer Fallvorstellung teilzunehmen.

Die Fallvorstellung läuft dann in drei Abschnitten von je etwa 10 Minuten Dauer ab:

1) Der Patient kommt selbst in die Runde der Fortbildungsteilnehmer. Derjenige, der die Fortbildung hält, exploriert den Patienten, so dass sich alle einen allgemeinen Eindruck vom Patienten und insbesondere von seinen Symptomen und Beschwerden machen können. Im Anschluss an die kurze Exploration können die anderen Teilnehmer einige Fragen an den Patienten stellen. Sollte der Patient nur kurz im Krankenhaus sein, kann es sinnvoll sein, die Exploration auf Video aufzunehmen. Vielen Patienten ist dies auch lieber, als vor der ganzen Ärzteschaft sprechen zu müssen.

2) Danach ergänzt der Arzt, der die Fallvorstellung macht, notwendige Befunde. So kann er noch einmal die Anamnese zusammenfassen, einige wichtige Untersuchungsbefunde ergänzen, vielleicht einen cMRT Befund zeigen oder ähnliches. Er stellt dann auch die Diagnose im Falle dieses Patienten dar und berichtet, wie die Therapie aussieht und warum man sich in diesem speziellen Fall für genau diese Therapie entschieden hat.

3) Und schließlich sagt der Arzt etwas zum angesprochenen Krankheitsbild allgemein. Er gibt Informationen über Häufigkeit, Ursachen und diagnostische Einteilungen der Krankheit und berichtet über die typische Therapie, nach Möglichkeit anhand von Leitlinien in Kurzfassung. Danach ist noch einmal Raum für Fragen.

Diese Art der Fortbildung kommt der Art, wie ich lerne, sehr entgegen.

  • Zum einen ist es viel leichter, sich etwas zu merken, wenn man es in Bezug auf einen tatsächlichen Patienten, den man kennengelernt hat, hört. Mir prägt sich das immer viel besser ein, als wenn ich es lediglich abstrakt höre.
  • Zum zweiten ermöglicht es in Zweifelsfällen die Diskussion mit den anderen Teilnehmern der Fallvorstellung, was oft sehr hilfreich sein kann, sowohl in Bezug auf die Diagnostik als auch auf die Therapie des Patienten.
  • Zum dritten stellt es die Verbindung zwischen der konkret im eigenen Krankenhaus durchgeführten Therapie und den Leitlinien beziehungsweise den allgemeinen Therapieempfehlungen dar.
  • Fallvorstellungen sind praktisch immer spannend und lehrreich. Sollte man viel öfter machen…

Supervision mit zwei Stationen

Es ist ja landauf landein gute Sitte, dass psychiatrische Stationen so etwa einmal im Monat eine externe Supervision haben. Dann treffen sich alle verfügbaren Teammitglieder aller Berufsgruppen dieser Station mit einem ausgebildeten Supervisor, der nicht aus dem Krankenhaus kommt, und besprechen einen oder zwei schwierige Fälle.

Unlängst hatten wir einen Patienten, der immer wieder zwischen der offenen und der geschlossenen Station hin und her verlegt werden musste; über ziemlich viele Wochen. Wir haben dann eine Supervision mit beiden Stationen zusammen gemacht. 

Für mich war das eine sehr positive Erfahrung. Zum einen ist das eingetreten, was bei Supervisionen auch nur einer Station oft eintritt: 

  • Mehrere Personen tragen ihre Informationen über einen Patienten zusammen, so dass man einen wesentlich umfangreicheren Blick auf den Patienten gewinnt.
  • Es ist Raum, auch über bestimmte Emotionen, Gedanken und Vorstellungen der Teammitglieder in Bezug auf den Patienten zu sprechen und darüber, was das für die Behandlung bedeutet. 
  • Durch den weiteren Betrachtungswinkel findet man oft neue Ideen und kann seine Behandlungsstrategie ändern.
Aber darüber hinaus sind in der Supervision noch weitere Punkte eingetreten, bedingt dadurch, dass zwei Stationen teilnahmen:
  • Der Blick auf den Patienten war noch mal umfassender, weil er verschiedene Behandlungssettings umfasste.
  • Die beiden Stationsteams konnten am praktischen Fall erleben, dass sie bei einem schwierigen Patienten in einem Boot saßen und an einem Strang ziehen. Das ist sicher hilfreich, wenn es eine Verlegungssituation gibt. Man kann dann genauer überlegen, was die jeweils andere Station anders macht und was nur durch eine Verlegung zu bewirken ist.
  • Beide Stationen konnten sich für diesen Patienten als ein Team erleben.
Für diesen Patienten kamen wir auf eine Lösung, die ihm das Hin- und Herverlegen in Zukunft hoffentlich ersparen kann. 
Wer ebenfalls in einem Krankenhaus arbeitet, in dem die Stationen einzeln Supervision haben, die Patienten aber oft von zwei verschiedenen Stationen behandelt werden, den ermutige ich, mal zu besprechen, ob man in einem geeigneten Fall mal eine gemeinsame Supervision machen möchte. Ich fand es sehr bereichernd!

    Labor in der Sahara

    Stell Dir vor, Du bist in der Wüste, und darfst nur 3 Laborwerte bestimmen. Welche wählst Du?

    In der Psychiatrie sind wir es gewöhnt, bei den meisten Patienten ein “Routinelabor” zu bestimmen, was auch immer das sein mag. Das hat auch einige Vorteile, weil so sichergestellt ist, dass man zu Beginn der Behandlung nichts übersieht. Aber spätestens im Verlauf der Behandlung sollte man sich an den Rat eines weisen Internisten halten, der auch schon in der Sahara Medizin praktiziert hat, und daher die Situation kennt, dass man eben nicht schrotschussartig mal alle Laborwerte bestimmen kann. Bevor man ein Labor anordnet, auch vor dem ersten Aufnahmelabor, sollte man den Patienten klinisch untersuchen und nachdenken. Man sollte sich fragen: Was könnte dieser Patient für eine Krankheit haben, die ich durch das Labor herausfinde. Welche Werte helfen mir hier weiter. Wenn ich nur drei Werte bestimmen dürfte, welche Werte würde ich dann wählen. Und dann einfach mal nicht “Routinekontrolle” anordnen, sondern genau diese drei Werte.

    Bereitschaftsdienst an Karneval

    Sogar meine Wäscherei legt an Karneval Extra-Schichten ein:

    Sonntag Abend kommt hier der ganze Festkonvent mit seinen Uniformen, die müssen Montag in aller früh wieder picobello sauber sein!

    Köln halt. An alle anderen, die Karneval auch Bereitschaft haben: Drei mal Kölle-Allaf! Und einen ruhigen und halbwegs lustigen Dienst…

    Morbus Parkinson oder Parkinsonoid ?

    Wenn ein älterer Patient, der mit einem Neuroleptikum behandelt wird, Zeichen eines Parkinsonsyndromes zeigt, also Rigor, Tremor und Akinese, kann es mitunter schwierig sein, zu unterscheiden, ob ein primärer Morbus Parkinson oder ein medikamenteninduziertes Parkinsonoid vorliegt. Heute habe ich von einer Kollegin, die Neurologin ist, folgenden Tipp gehört:

    Der M. Parkinson beginnt typischerweise einseitig.
    Ein medikamentös induziertes Parkinsonoid zeigt sich in der Regel beidseitig.

    Wenn ich im Lichte dieser Faustregel meine Erinnerung an Patienten durchgehe, finde ich keine Ausnahme von der Regel. Sie hilft erstaunlich präzise, zwischen einem idiopatischen M. Parkinson und einem medikamenteninduzierten Parkinsonid zu unterscheiden.

    Citalopram gegen Agitation bei Patienten mit Alzheimer Demenz

    Es ist eine verbreitete Unsitte, agitierten dementen Patienten hochpotente Neuroleptika zu verordnen.  Natürlich kann es Ausnahmen geben. Wenn ein Patient im Rahmen seiner Demenz eine psychotische Symptomatik entwickelt, und diese Symptomatik ihn beunruhigt und verängstigt, dann ist die Verordnung eines Neuroleptikum selbstverständlich wirksam. Es ist jedoch häufig zu beobachten, dass Demenzpatienten, die sich im Altenheim oder auf einer Krankenhausstation unruhig verhalten, auch ohne jedes psychotische Symptom mit einem hochprozentigen Neuroleptikum behandelt werden. Dieses zeitigt üblicherweise keine großen Erfolge. Neuere Studien zeigen sogar, dass hierdurch die Sterblichkeit infolge kardiovaskulärer Ereignisse zunimmt. Eine aktuelle Studie (der vollständige Artikel ist dort als pdf frei zugänglich) im Journal of the American Medical Association hat nun die Frage untersucht, ob Citalopram einen beruhigenden Effekt auf die Agitation bei Alzheimer Demenz hat. Hier findet ihr ein Video, in dem der Autor der Studie die Ergebnisse in 5 Minuten für Euch zusammenfasst: 

    Das Ergebnis ist, dass Citalopram bei diesen Patienten tatsächlich die Agitation reduzieren kann, dafür aber spürbare negative Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit hat. Darüber hinaus ist eine in der Gerontopsychiatrie besonders relevante Nebenwirkung des Citaloprams, eine mögliche Verlängerung der Qtc-Zeit, zu berücksichtigen. In der zitierten Studie wurden 30 mg Citalopram gegeben, inzwischen liegt die Empfehlung für ältere Patienten bei maximal 20 mg Citalopram pro Tag.

    Meine Einschätzung:

    Sicher ist, dass man nach der aktuellen Erkenntnislage nicht mehr 30 mg, sondern 10 oder 20 mg Citalopram versuchen sollte. Die Ergebnisse der Studie zeigen schon eine deutliche Reduktion der Agitation, und Citalopram in einer Dosis von 10-20 mg pro Tag ist allemal sicherer als ein Neuroleptikum. Aber die mit Citalopram behandelten Patienten zeigten auch einen um 1,05 Punkte niedrigeren Wert im MiniMental State Test. 1 Punkt hier ist viel. Die Behandlung der Agitation bei dementen Patienten stellt immer wieder eine Herausforderung dar. Sinnvoll ist es, zunächst alle nicht-medikamentösen Maßnahmen einzusetzen:

    • Spaziergänge
    • Bewegungstherapie
    • Ausgang im Garten
    • Architektur mit “Rundgängen” auf gerontopsychiatrischen Stationen

    Im zweiten Schritt kann ein sedierendes niederpotentes gut verträgliches Neuroleptikum versucht werden.

    Wie geht Ihr vor?

    Welche weiteren Behandlungsmethoden gegen die Agitation bei dementen, nicht-psychotischen Patienten kennt Ihr? Hat jemand Erfahrung mit Citalopram in dieser Indikation? Setzt jemand 10-20 mg Citalopram ein?

    Der Elefant, sein Reiter und ihr gemeinsamer Weg

    In diesem Artikel des sehr lesenswerten Blogs Barking up the wrong tree erläutert Erik Barker eine sehr schöne Metapher über unser Gehirn: Der Elefant und sein Reiter. Dabei steht der Elefant für den alten, archaischen Teil unseres Gehirnes, der alle grundlegenden Entscheidungen trifft und in Zeiten der Not sowie bei wirklich lebensnotwendigen Dingen die Entscheidungshoheit hat. Der Reiter steht für den neueren, verbal ausgerichteten Teil unseres Gehirns. Der Teil, der Planungen macht, sich mit Ethik, Moral und unserem Selbstbild beschäftigt, und mit dem wir uns in der Regel besonders stark identifizieren. Wir identifizieren uns selbst fast ausschließlich mit diesem Teil des Gehirns, dieser Teil sind in unseren Augen wir selbst. Tatsächlich ist es so, dass der Reiter eines Elefanten diesen dirigieren kann, wenn der Elefant ruhig, satt und ausgeglichen ist. Dann kann der Reiter die Richtung vorgeben und den Elefanten auch zur Arbeit antreiben. Aber nur, wenn der Elefant auch will. Wenn der Elefant Hunger, Angst oder Schmerzen hat, wird er selbst entscheiden, was zu tun ist. Der Reiter ist dann eine nutzlose Dekoration, die rufen kann, was sie will, der Elefant wird erst mal das machen, was er für erforderlich hält. Sie haben das schon mal erlebt, als Sie eine Diät gemacht haben, sich gesagt haben, sie essen heute Abend nichts mehr, und mit sich und ihrem Entschluss ganz im Reinen waren. Sie haben sich selbst in diesem Entschluss wieder erkannt und hatten keinen Zweifel an ihrer Identität: “Der das sagt, bin ich.” Dann ist ihr Körper wie von Geisterhand geführt zum Kühlschrank gegangen und hat einen Schokopudding gegessen. Ja, wer war jetzt das? Das war der Elefant, der sich in Zeiten der Not nur ungern an die Leine legen lässt. Er hat sich dann mal was zu essen geholt, und Ihnen gezeigt, wer eigentlich der Herr im Hause ist. Danach hat er sie wieder sagen lassen: „Jetzt ess´ ich aber keinen zweiten!“. Und ist auch nicht mehr zum Kühlschrank gegangen. Er war so höflich, Ihnen Ihr Selbstbild zu lassen. Und hat sie gleichzeitig vor dem Verhungern geschützt. Ich finde diese Metapher aus mehreren Gründen sehr schön:

    • Weil sie wahr ist.
    • Weil sie uns ein wenig Demut lehrt.
    • Weil sie uns darauf aufmerksam macht, dass der Elefant uns beschützt und Gutes verfolgt, selbst, wenn wir das nicht erkennen. Sie kann uns helfen, den Elefantenanteil unseres Selbst besser zu würdigen und uns auch mit diesem Anteil mehr zu identifizieren.
    • Und sie kann uns manchmal helfen, das Verhalten anderer besser zu verstehen. Manchmal sagen uns Andere ganz vernünftige Dinge, setzen sie aber nicht in die Tat um oder tun genau das Gegenteil. Manchmal tun Menschen ganz irrational erscheinende Dinge. Das Bild vom Elefanten kann dann helfen, diese Menschen besser zu verstehen und ihr Handeln zu würdigen.
    Entscheidend ist, dass wir die Rahmenbedingungen, die unser Gehirn für uns fordert, akzeptieren, auch wenn es uns manchmal etwas archaisch vorkommt. Nur innerhalb dieser Rahmenbedingungen sind wir frei, uns zu bewegen. Aber innerhalb dieser sind wir tatsächlich frei, uns zu bewegen.
     

    Wir sind nicht nur der Reiter. Wir sind auch der Elefant. Und das ist auch gut so.
    Reiter und Elefant können einen gemeinsamen Weg gehen, wenn beide das wollen.

    Psychiatrievorlesungen online. Auf deutsch. Frei. Sehr gut.

    Wer Psychiatrische Vorlesungen sucht, findet bei iTunesU und den bekannten Plattformen zumeist nur englischsprachige Angebote. Die sind oft von hoher Qualität, aber aufgrund ihres speziellen Vokabulars auch nicht immer ganz einfach zu verstehen.

    Ich bin daher ziemlich begeistert, dass Prof. Gründer, Stellvertretender Direktor der Psychiatrischen Uni Klinik Aachen, neben seinem mind-and-brain-blog, einen YouTube Kanal mit seinen eigenen Vorlesungsvideos zur Verfügung stellt.

    Diese Vorlesungsmitschnitte sind für jedermann frei zugänglich. Die Vorlesungen werden auf Deutsch gehalten und sie sind von exzellenter Qualität. Es werden fast immer auch Patienten exploriert, die der Veröffentlichung der Vorlesung auf Youtube selbstverständlich zugestimmt haben. Diese Patienten leisten einen sehr wertvollen Beitrag zu einem besseren Verständnis psychischer Erkrankungen und zu einer weiteren Verbreitung dieses Verständnisses.

    Ich kann diese Vorlesungen jedem Interessierten uneingeschränkt empfehlen. Sie stellen den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in einer didaktisch sehr eingängigen Form dar.

    Einige der bisherigen Vorlesungen sind:

    (Wenn die Videos im RSS-Feed oder der email nicht angezeigt werden, bitte auf die website http://www.youtube.com/channel/UC93XbcfQSCz1rvGJ7vYujjA/feed gehen, dort werden sie auf jeden Fall angezeigt)

    Gebärdendolmetscher in der Hosentasche

    Ich habe hier ja schon ein paar mal Übersetzungsapps vorgeschlagen, die einem helfen können, mit Patienten in sehr fremden Sprachen zumindest notdürftig zu kommunizieren. Gegenwärtig verwende ich selbst hierfür iTranslate. Ich habe es tatsächlich einige Male im echten Betrieb wirklich angewendet. 
    Heute hat mir eine Kollegin eine App gezeigt, die häufig gebrauchte medizinische Sätze in die Gebärdensprache übersetzt. Wenn man einen gehörlosen Patienten behandelt, der nicht gut im Lesen und Schreiben ist, kann diese App helfen. Für die Rückübersetzung aus der Gebärdensprache hilft sie natürlich nicht. Dennoch wird sich gerade ein psychiatrischer Patient gut aufgenommen fühlen, wenn man ihn mit einigen Sätzen in Gebärdensprache begrüßen kann. Man wählt in der App einen nach Themen geordneten Satz aus, und die App zeigt den Satz dann als Video in Gebärdensprache an. Hab ich noch nicht im echten Feldeinsatz ausprobiert, ist aber cool.
    iSignIT ist kostenlos für´s iPhone und für´s iPad zu haben.

    Hilft das Auswerfen des Ankers gegen Seekrankheit?

    Auf hoher See

    Stell Dir vor, du bist mit einem kleinen Boot auf unruhiger, manchmal stürmischer See unterwegs. Wind und Wellen schütteln Dein Boot ganz schön durch, es schaukelt und schlingert, was das Zeug hält. Nach einiger Zeit wird Dir schlecht. Klarer Fall von Seekrankheit. Doch was tun? Du kannst ja nicht den Winden befehlen, nicht mehr zu wehen, den Wellen nicht sagen, sie sollten einen Bogen um Dein Schiff machen. Würdest Du den Anker auswerfen, in der Hoffnung, dass er Dein Schiff festhällt und so beruhigt?

    Stimmungslabilität

    Eine ähnliche Frage stellt sich immer wieder in der Psychopharmakotherapie emotionaler Schwankungen. Ein gesundes Auf und Ab der Gefühle ist ja gut und richtig. Manche Menschen leiden aber so stark unter den extremen Ausschlägen ihrer Gefühle, dass ihnen quasi vom ganzen himmelhoch-jauchzend  –  zu-Tode-betrübt innerhalb weniger Stunden ganz schlecht wird. Morgens noch beim Aufstehen super gut drauf, eine kritische Bemerkung vom Partner, schon geht’s mit Vollgas in die Verzweiflung. Mittags herrscht wieder Sonnenschein. Am Nachmittag dann der Gedanke: “Schaffe ich es, die Abgabefrist meiner Hausarbeit einzuhalten?” Selbstzweifel, Angst, Erstarren. Abends wieder Party.

    Bipolare Erkrankung?

    Die Aufgabe des Psychiaters ist es in solchen Fällen, zu diagnostizieren, ob es sich um eine bipolare Erkrankung handelt. Bipolare Erkrankungen sind typischerweise davon gekennzeichnet, dass der Patient im Abstand von wenigen Jahren, manchmal sogar nur von einigen Monaten oder sogar nur einigen Wochen depressive und manchmal manische Phasen erlebt. In den depressiven Phasen kommt er nicht gut aus dem Bett, ist wochenlang traurig gestimmt und hat zu nichts Lust. In den deutlich selteneren und meist viel kürzeren manischen Phasen ist er überdreht, schläft einige Tage lang nur wenige Stunden pro Nacht, hat tausend Pläne im Kopf und springt gedanklich von einem Thema zum nächsten.
    Obwohl die bipolare Erkrankung eine ernste Gesundheitsstörung ist, ist sie gut behandelbar. Die Gabe stimmungsstabilisierender Medikamente kann dazu führen, dass deutlich seltener pro Jahr deutlich weniger ausgeprägte manische oder depressive Phasen auftreten. Vereinzelt gibt es bei bipolaren Patienten in manischen Phasen auch psychotische Symptome. In diesen Phasen helfen Neuroleptika gegen die psychotischen Symptome.

    Oder Stimmungsschwankungen?

    Man muss gedanklich trennen zwischen einer bipolaren Erkrankung und Stimmungsschwankungen während eines Tages. Zwar gibt es den Begriff des rapid cyclings, was sehr häufige Wechsel von echten manischen und echten depressiven Episoden beschreibt. Fälle von rapid cycling sind aber sehr selten und stets eingebunden in eine seit vielen Jahren bestehende schwere bipolare Erkrankung.
    Ungefähr 10.000 mal häufiger sind einfache Stimmungsschwankungen. Davon ist auszugehen, wenn die Stimmung mehrfach am Tag schwankt, oft ausgelöst von kleinen Auslösern. Stimmungsschwankungen kommen oft bei der Borderline-Erkrankung vor und werden hier emotionale Labilität oder emotionale Instabilität genannt. Sie kommen aber auch bei einer Reihe anderer psychiatrischer Krankheitsbilder und vor allem auch bei ganz ganz Gesunden vor.

    Pharmakotherapie von Depressionen und Manien

    Wenn man nun einen Psychiater fragt, ob er etwas gegen Stimmungsschwankungen hat, dann muss er sich gedanklich also disziplinieren:

    • Handelt es sich um eine Depression? Dann helfen Antidepressiva.
    • Handelt es sich um eine bipolare Erkrankung? Dann helfen Phasenprophylaktika wie Lithium, Valproat und Carbamazepin.
    • Handelt es sich um eine Manie mit psychotischen Symptomen? Dann helfen Phasenprophylaktika und Neuroleptika.

    Pharmakotherapie der Stimmungschwankungen

    • Oder handelt es sich um ganz normale Stimmungsschwankungen?

    In diesem Falle helfen meiner Erfahrung nach Medikamente nicht. OK, man kann ein sedierendes Medikament verordnen, dann ist der Patient müder. Aber die Stimmung wird dadurch nicht stabiler. Viele Psychiater sind auch versucht, Phasenprophylaktika einzusetzen, denn die heißen auf Deutsch ja ganz verlockend “Stimmungsstabilisierer”. Aber das stimmt nur, wenn man den Verlauf eines Jahres betrachtet, nicht, wenn man den Verlauf eines Tages betrachtet. Und ganz am Schluss denken Psychiater offenbar immer wieder auch daran, Neuroleptika zu versuchen. Neuroleptika sind unzweifelhaft in der Behandlung der Psychose sehr wirkstarke Medikamente, aber sie haben nichts in der Behandlung von Stimmungsschwankungen zu suchen. Auch nicht vermeindlich so sanfte und so stark beworbene Neuroleptika wie Quetiapin (z.B. Seroquel®) oder Aripiprazol (Abilify®).

    Anker lichten!

    Es ist normalerweise total über das Ziel hinaus geschossen, wenn man bei Stimmungsschwankungen “adjuvant”, “augmentativ” oder “zur Unterstützung” Neuroleptika gibt. Diese greifen in den Dopaminstoffwechsel ein, und Dopamin braucht man für wichtige Dinge wie Freude, Motivation, Erkennen und Einschätzen von Bedeutung, Antrieb und ähnliches. Ein Neuroleptikum gegen Stimmungsschwankungen zu verordnen ist, wie bei einem Boot auf unruhigem Wasser, das schwankt und schleudert, den Anker zu Wasser zu lassen. Anker sind zwar toll, wenn das Boot in einer Realitätsverkennung denkt, es sei ein Vogel und sich in die Lüfte erheben will. Aber es verhindert nicht die Schwankungen durch die stürmische See. Das Boot bleibt durch den Anker zwar am Boden festgekettet, die Schwankungen bleiben aber bestehen.

    Die Nebenwirkungen der Neuroleptika überwiegen im Falle von Stimmungsschwankungen meiner Erfahrung nach fast immer ihre erhofften, aber meist nicht realen Wirkungen.

    Auf zu ruhigeren Wassern

    Was hilft, ist, das Leben in ruhigere, stabilere Gewässer zu führen. Weniger Streß, etwas Vorplanung, Konflikte lösen, um sie loszuwerden.

    Psychotherapie kann helfen, das zu bewirken. Psychotherapie kann auch wie ein Segelkurs wirken: Sie kann helfen, sich bei aufkommenden Böen eleganter in den Wind zu legen und ihn zu nutzen, um vorwärts zu kommen, statt von ihm herumgepustet zu werden, oder gar zu kentern.

    P.S.: Geschrieben in PixelPumper. Läuft!

    Choreographie bei akut psychotischen Patienten

    Wenn ich mit einem akut psychotischen Patienten spreche, der unruhig, getrieben und ängstlich ist, dann halte ich zwei Regeln ein, um die Situation zu beruhigen:

    1. Ich halte eine Armeslänge Abstand. Das ist erforderlich, für den Fall, dass der Patient einen psychotisch motivierten fremdaggressiven Impuls bekommt.
    2. Ich bleibe selbst ganz ruhig stehen. Wie angewurzelt. Je unruhiger der Patient durchs Zimmer tigert, desto klarer stelle ich mir vor, dass meine Füße auf dem Boden festgeleimt sind. Solange ich Regel 1 einhalte, bewege ich mich nicht. Auch meine Gestik und Mimik halte ich ruhig. Sollten noch weitere Personen im Raum sein, was insbesondere bei der Aufnahme von psychotisch getriebenen, unruhigen Patienten erforderlich ist, sollten diese ebenfalls möglichst ruhig bleiben.

    Natürlich ist auch das Gespräch wichtig, um einen psychotisch getriebenen Patienten zu beruhigen. Es sollte einfach und klar sein. Eine wertschätzende, umgestresste Begrüßung. Kurze, einfache Sätze. Einige klare Fragen. Sobald klar ist, was los ist, sage ich dem Patienten, wie ich die Lage einschätze, und wie ich ihm helfen kann. Und bitte ihn dann in ebenso kurzen, einfachen und klaren Sätzen, das zu tun, was jetzt notwendig ist; zum Beispiel eine Medikation einzunehmen oder etwas ähnliches. Meiner Erfahrung nach hilft diese Choreografie unruhigen Patienten am besten, sich zu orientieren. Sie sind ja selber schon unruhig genug. Dann sollen wenigstens der Arzt und das Behandlungsteam Ruhe ausstrahlen.

    There´s an app for that…

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    There´s an app for that: Ich habe hier zufällig ein Programm gefunden, dass Uninstall PKG 1.0 heißt; wer also sein Psych KG loswerden möchte, findet hier endlich ein einfaches Programm…

    Die Psychotherapie der Zwangserkrankung oder wie man Laster loswird

    Heute habe ich einen Workshop des bekannten, auf die Therapie von Zwangskrankheiten spezialisierten Therapeuten Hansrüdi Ambühl aus Bern besucht. Fassen wir zusammen:

    Symptome der Zwangserkrankung

    Bei Zwangskrankheiten gibt es in der Regel zwei voneinander abgrenzbare Symptombereiche:

    A) Zwangsgedanken und Zwangsimpulse

    Sie wirken aufputschend, das heißt, sie beunruhigen den Kranken, machen ihn nervös und verursachen Angst und große Anspannung. Beispiele sind:

    Zwangsgedanken

    • “Habe ich, als ich vorhin mit dem Auto um die Ecke gebogen bin, einen Fahrradfahrer umgefahren, der jetzt hilflos am Boden liegt?”
    • “Habe ich den Briefkasten wirklich ganz vollständig ausgeleert, oder könnte ich irgendwie irgendwo im Briefkasten noch etwas übersehen haben?”

    Zwangsimpulse

    • “Ich habe den Impuls, jemanden auf der Straße mit obszönen Begriffen anzuschreien.”
    • “Wenn mir auf der Landstraße ein Auto entgegen kommt, habe ich manchmal den Impuls, das Steuer umzureißen und auf die entgegenführende Spur zu fahren, frontal ins andere Auto.”

    B) Zwangsrituale

    Sie wirken auf den Betroffenen beruhigend. Es sind Handlungen, die der Patient für sich erfunden hat, von denen er gemerkt hat, dass sie ihm helfen, die Anspannung zu reduzieren, die die Zwangsgedanken und Zwangsimpulse in ihm ausgelöst haben. Durch die Zwangsrituale kommt er wieder zur Ruhe. Beispiele sind:

    • Händewaschen
    • Kontrollieren
    • Dinge abzählen
    • Kognitive Rituale (z.B. In Gedanken minutiös nachvollziehen, wie man den Briefkasten ausgeleert hat)

    Die Zwangsrituale werden ausgeführt, um die Angst und Anspannung, die die Zwangsgedanken und Zwangsimpule ausgelöst haben, abzubauen.

    Therapie der Zwangserkrankung

    Das übergeordnete Prinzip der Psychotherapie bei Zwangskrankheiten ist, dem Patienten zu vermitteln, dass er sich nicht zum Sklaven seiner Zwangsgedanken und Zwangsimpulse machen lassen muss. Und dass er Zwangsgedanken und Zwangsimpulse haben kann, ohne mit einem Zwangsritual reagieren zu müssen. Der erste Teil der Therapie ist daher die

    Psychoedukation

    • Jeder hat manchmal unanständige, aggressive oder unangemessene Gedanken. Das ist ganz normal.
    • Man kann das Denken nicht so gut willentlich steuern. Manche Gedanken kommen einfach.
    • Gedanken sind keine Handlungen. Niemand nimmt wirklich einen Schaden, wenn der Patient lediglich einen Gedanken oder Impuls hat. Er tut es ja nicht. Gerade Zwangskranke wollen ja um gar keinen Preis eine sozial unangemessene Handlung begehen. Daher passiert das auch praktisch nie.

    Veränderung der Bewertung der Zwangsimpulse

    Die Lastwagenmethapher:  Zwangskranke denken oft, dass sie sich ihren Zwangsgedanken und Zwangsimpulsen mit voller Kraft entgegenstellen müssen, damit diese nicht wahr werden. Das ist, wie wenn sie einen Lastwagen auf der Straße sehen, sich auf die Straße vor den Lastwagen stellen und mit vorgestreckten Händen versuchen, diesen aufzuhalten. Klappt natürlich nicht. Statt dessen rät Dr. Ambühl ihnen, sich gedanklich einen Campingstuhl zu nehmen, sich drauf zu setzen, wie man sich an den Straßenrand setzen würde, und jedesmal, wenn ein Zwangsgedanke kommt, einen Strich auf einer (realen) Strichliste zu machen. Bis der Gedanke vorbei gezogen ist. Dann kommt vielleicht schon der nächste Zwangsgedanke, und dann macht man wieder einen Strich auf seiner Strichliste. Am Abend zählt man die Striche. So lernt man, die Sache viel gelassener zu sehen. Dies führt zu einer ganz anderen Bewertung der Bedeutung der Zwangsgedanken und Zwangsimpulse, so dass im Laufe der Zeit auch immer weniger Striche am Abend auf der Liste erscheinen.

    Reaktionsverhinderung

    Das zweite therapeutische Prinzip ist es, zu erlernen, dass man eine Situation, in der der Patient Zwangsgedanken oder Zwangsimpulse erlebt, auch aushalten kann, ohne sein Zwangsritual zu vollziehen. Das ist zwar zunächst mal sehr unangenehm, aber irgendwann hört diese Anspannung auf. Und je öfter man das macht, desto weniger stark bildet sich diese Anspannung beim nächsten mal aus. Der Körper habituiert. Wichtig ist, dass man bei der Exposition mit einer auslösenden Situation immer auch eine Reaktionsverhinderung durchführt. Praktisch sieht das zum Beispiel so aus:

    Hr. Z. hat ausgeprägte Ängste, er könne sich beim Berühren von Türklinken mit Bakterien infizieren. Jedes Mal, wenn er in einem öffentlichen Gebäude eine Türe anfasst, muss er sich danach mehrfach nach einem ganz festen Ritual die Hände waschen.

    Sein Therapeut vereinbart mit ihm, eine Expositionsübung mit Reaktionsverhinderung durchzuführen. Der Patient soll die Türklinke des Praxisraumes anfassen. Danach soll er aber gerade nicht seine Hände waschen. Es wird eine Anspannung im Patienten entstehen. Diese soll er so lange aushalten, bis sie abklingt. Das ist manchmal nach 30 Minuten der Fall, manchmal nach 3 Stunden. Wichtig ist, dass der Patient so lange aushält, bis die Anspannung weitgehend abgeklungen ist. Wenn er erlebt, dass sie auch ohne Zwangsritual abklingt, und diese Übung alleine immer wieder durchführt, wird er recht bald einen guten Teil seiner Zwangsrituale los sein.

    Pharmakotherapie

    Zusätzlich zur Psychotherapie gibt man in der Regel SSRI im Rahmen der Pharmakotherapie der Zwangserkrankung.

    Darf ich Dich auf einen kurzen Besuch in die Drogenszene einladen…

    Voila_Capture27

    Der ordentliche Psychiater geht ja eher mal in ein gepflegtes Kammerkonzert als auf eine fesche Speed-Party, und das ist auch gut so. Von Zeit zu Zeit kann es allerdings recht aufschlussreich sein, sich mal kurz in wenig moderierten Foren herumzutreiben, in denen User über ihre Erfahrungen mit Drogen, namentlich illegalen Drogen sprechen. Ich selbst lerne da einiges, was ich nicht so einfach in der Visite erfragen kann oder was mir auch nicht einfach so erzählt wird.

    Ein Forum, in dem recht offen gesprochen wird, ist zum Beispiel dieses Schweizer Forum hier:

    http://www.eve-rave.ch/Forum der Seite www.eve-rave.ch

    Ein Deutsches Forum ist zum Beispiel

    http://forum.suchtmittel.de der Seite www.suchtmittel.de.

    Geh mal gucken. Der Besuch dieser Seiten ist gesundheitlich unschädlich. Allerdings kann er den einen oder anderen (zum Beispiel mich) streckenweise etwas desillusionieren. Und ich möchte natürlich niemanden ermutigen, selbst tatsächlich Drogen zu nehmen oder damit zu experimentieren. Die Gefahren werden in solchen Foren natürlich ernsthaft unterschätzt. Aber als Informationsquelle für Profis in der Suchthilfe sind sie interessant.

    Kennt jemand eine weitere deutsche Seite, die interessant ist?