Hier schreibt ein ärztlicher Psychotherapeut / Psychosomatischer Oberarzt über allerlei Psychische Sachen, vor allem Imagination, also „Innere Bilder“, Positive Psychologie und Lösungsorientierte Verfahren.
Mir gefällt besonders gut der post: Wie man sich in 7 Minuten grossartig fühlen kann. Darin kommt ein Video vor, das aus zwei Teilen zu je 8 Minuten besteht. Es heißt „Validation“ und erklärt völlig ohne Psycho-Irgendwas, was eigentlich wichtig ist im Leben, in der Psychotherapie und überhaupt. Ich bin eigentlich kein großer Youtube-Verlinker, aber diesen Film habe ich wirklich sehr genossen. Wenn ihr eine Viertelstunde Zeit habt, guckt ihn Euch an!
Teil 1:
Teil 2:
Und hier findet ihr den RSS-Feed von Seelenklemptnerei: Beitragsfeed (RSS). Der Autor betreibt noch einen zweiten blog, nämlich adhsspektrum…
Ich habe unlängst den Begriff Neurodiversity gelesen. Der gefällt mir sehr gut. Bei Biodiversity weiß jeder sofort Bescheid, dass gerade die Unterschiedlichkeit der Lebensformen auf diesem Planten seinen besonderen Reichtum und seinen unschätzbaren Wert ausmachen.
Dass die Menschen unterschiedlich denken, ist ebenso gut und richtig. Diese Unterschiedlichkeit zu respektieren und als Reichtum zu begreifen, das vermittelt das Wort Neurodiversity.
Ich habe den Begriff übrigens auf einem der Blogs zum Thema Autismus gefunden, die ich auf der Seite Psychiatrie Blogs verlinkt habe.
Wenn Du selbst einen Blog hast, in dem Du öfters über eine psychiatrische Krankheit schreibst, oder so einen Blog kennst, dann mail mir doch mal. Wenn der Blogbetreiber einverstanden ist, verlinke ich ihn gerne…
Als Psychiater kann man nie genug über das Dopamin-System wissen. Es ist in mindestens sechs unabhängigen Bereichen in der Psychiatrie wichtig:
Die neuen Abhängigen interessieren sich kaum noch für die guten alten Drogen wie Heroin oder LSD. Der Trend geht stark zu Amphetaminen, Methamphetamin und Kokain. Diese Substanzen erhöhen die Dopamin Konzentration im synaptischen Spalt. Also muss irgendwas dran sein, an diesem Dopamin.
Es gibt eine Erkrankung, bei der eine zu hohe Dopamin-Konzentration eine Rolle spielt: Die Psychose. Aber im Gegensatz zum Kokain-Rausch ist sie nicht angenehm, obwohl beide Konstellationen, der Kokain-Rausch und die Psychose, scheinbar mit einer erhöhten Dopamin-Konzentration zu tun haben.
Es gibt eine Erkrankung, bei der die Dopamin-Konzentration zu niedrig ist: Der Morbus Parkinson. Er führt zu ausgeprägten Bewegungsstörungen, aber auch zu Depressionen, Störungen der Konzentration, der Motivation und der Fähigkeit, Ziele zu verfolgen.
Eine zweite Erkrankung, die möglicherweise mit einem funktionellen Dopaminmangel einher geht, ist das Krankheitsbild der Restless Legs. Die Beschwerden werden durch Dopamingabe typischerweise sofort durchgreifend gebessert, was dafür spricht, dass zumindest ein Teil der Ursache dieser Erkrankung ein funktioneller Dopaminmangel ist.
Die Behandlung der Psychose erfolgt in der Regel mit Medikamenten, die hauptsächlich oder zumindest zu einem wesentlichen Teil die Verfügbarkeit von Dopamin im synaptischen Spalt reduzieren. Also wieder zu wenig Dopamin. Unerwünschte Wirkungen dieser Behandlungen können Anhedonie, Antriebsstörungen und Bewegungsstörungen wie beim M. Parkinson sein.
Dopamin ist auch der im Hypothalamus freigesetzte prolactin inhibiting factor, das heißt, Medikamente, die Dopamin blockieren, führen zu einem Anstieg des Prolactins im Blut, was zur Galactorrhoe führen kann.
Das ist natürlich zu stark vereinfacht. So wird die Bewegung hauptsächlich von den dopaminergen Neuronen in der substantia nigra gesteuert; Psychosen haben ihren Ursprung eher im mesolimbischen System und Kokain wirkt aus unerfindlichen Gründen sehr stark am Belohnungssystem, macht aber kaum Überbeweglichkeit, wie es eine zu hoch dosierte dopaminerge Parkinsonmedikation verursachen kann. Auch gibt es fünf verschiedene Dopaminrezeptoren (D1-D5), die sehr unterschiedliche Effekte vermitteln.
Wir fassen zusammen: Dopamin macht in der substantia nigra was mit Bewegung, im Hypothalamus was mit Prolactin und im mesolimbischen System was mit Psychose.
Aber wie sieht das jetzt genau mit Belohnung und Motivation aus? Wie funktioniert das mit dem Dopamin da? Das geht so:
Wenn Versuchstiere den Boden nach Nahrung absuchen, und plötzlich und unerwartet unter einer Abdeckung Nahrung finden, dann feuern 70% aller dopaminergen Neuronen. Boom.
Dopamin zeigt also an: Hier ist etwas besser als erwartet und in Zukunft sollte ich ähnliche Handlungen wiederholen.
So ähnlich klappt es auch beim Lernen: Wenn Versuchstiere jeweils zwei Bilder gleichzeitig gezeigt bekommen, und das Berühren eines der Bilder führt zu einer Belohnung (zum Beispiel einem Tropfen Zuckerlösung), und das andere Bild führt zu keiner Belohnung, sondern zur Unterbrechung des Programms, dann folgt in der Phase des Lernens auf die Belohnung eine Dopaminausschüttung. Auf das Auswählen des falschen Bildes mit ausbleibender Belohnung folgt eine verminderte Dopaminfreisetzung. Interessant ist, das nach einigen Durchgängen, wenn gelernt wurde: Das eine Bild bringt die Belohnung, das andere nicht, selbst nach dem Auswählen des richtigen Bildes keine Dopaminfreisetzung mehr folgt.
Ganz präzise kann man sagen, dass die ausgeschüttete Dopaminmenge mit dem Maß an Nicht-Erwarteter-Belohnung korreliert. Wenn ich Wasser finde, wo ich bislang keins vermutet hatte, dann schütte ich Dopamin aus. Wenn ich die richtige Lösung eines bislang ungelösten Problems finde, dann schütte ich Dopamin aus. Wenn ich merke: Immer hinter den gelben Türen ist die Süßigkeit, dann schütte ich Dopamin aus.
Dopaminerge Drogen
Drogen wie Kokain, Amphetamine oder Methamphetamin erhöhen die Konzentration von Dopamin im synaptischen Spalt. Das führt natürlich dazu, dass der Körper sich denkt: Super; hier läuft etwas besser als erwartet, dieses Verhalten wiederhole ich bei Gelegenheit. Macht also abhängig. Und mit etwas Pech psychotisch. Und vielleicht das Schlimmste: Es verdirbt einen für normale Glücksmomente.
Folgendes Experiment: Sie messen bei einer Maus im Labor die Dopamin-Konzentration im synaptischen Spalt im Belohnungssystem. Sie normieren den gemessenen Wert in Ruhe auf 100. Dann lassen sie ein hübsches Mäuseweibchen in den Käfig. Wenn sich die beiden gut verstehen, messen Sie noch mal die Dopamin-Konzentration, und zwar beim Orgasmus des glücklichen Mäuserichs. Der gemessene Wert beträgt für eine kurze Zeit 200.
Am nächsten Tag geben Sie dem Mäuserich einmalig Methamphetamin. Was schätzen Sie, wie hoch der Wert jetzt steigt? Die Antwort ist: Etwa 1250.
(Quelle: Hier findet sich eine sehr schöne kurze Video-Vorlesung zu diesem Thema. Bitte flash zulassen und schauen!)
Man könnte nun sagen: Na gut, dann ist Meth ja auch schön. Aber das Problem ist, dass sich das Belohnungssystem dauerhaft verändert; es wird unempfindlicher gegenüber Dopamin. Bereits nach der einmaligen Gabe des in der Wirkung verwandten Kokains kehrt der Ruhebereich des Dopaminsystems dauerhaft nicht mehr auf 100 zurück, sondern auf einen höheren Wert. Natürlich ohne begleitendes Glücksgefühl. Das Problem dabei ist, dass ein normales angenehmes Ereignis jetzt nicht mehr so viel ausrichten kann. Erst Kokain verändert den Wert wieder spürbar. Und nun ist die Maus wirklich abhängig. Und sie vernachlässigt alles andere. Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem am Kokain…
Also: Einfach kein Kokain, Amphetamin oder Methamphetamin nehmen. Hält dauerhaft glücklicher…
Einen sehr guten, frei zugänglichen Übersichtsartikel aus der Zeitschrift „Neuron“ zur Wirkung von Dopamin auf das Belohnungssystem findet ihr hier: Übersichtsartikel zu Dopamin.
Die Barrowford Grundschule hat ihren Grundschulabsolventen einen Brief geschrieben, in dem die Abschlusstestergebnisse mitgeteilt werden. Vor die Mitteilung der Ergebnisse hat sie diesen Text gestellt. Und der sollte nun wirklich vor jedes verdammte neuropsychologische Testergebnis geschrieben werden, das ein Patient erhält…
Es gibt ja diesen neuen Trend, sich selbst den ganzen Tag zu vermessen: Quantified Self. Kalorienzahl, Bewegung, Minuten, die ich vor dem Computer verbracht habe, Trinkmenge; was immer irgendwie messbar ist, wird per Smartphone aufgezeichnet. Und mit der iWatch wird das ja nicht besser werden…
Eigentlich finde ich diesen Trend völlig schwachsinnig, da ich auch ohne ständige Selbst-Vermessung weiß, ob ich heute gejoggt bin oder nicht. Da aber andererseits mein Persönlichkeitsprofil unzweifelhaft erhöhte Werte auf der Geek-Skala aufweist, habe ich mir mal ein Jawbone UP24 zugelegt, um damit zu experimentieren.
Und ich muss sagen, dies Band macht mir schon Spaß. Es misst zwei Sachen:
Tagsüber misst es die Schrittzahl und informiert über den aktuellen Fortschritt. Wenn man sich zum Beispiel zum Ziel setzt, jeden Tag 10.000 Schritte zu machen, sagt einem die App zu einstellbaren Zeiten, wieviel man schon geschafft hat. Wenn die Schrittzahl noch niedrig ist, kann man problemlos noch einen hübschen kleinen Spaziergang machen. Das funktioniert bei mir ganz gut: Seit ich das Band trage, nehme ich öfter die Treppe als die Rolltreppe, mache schon mal einen netten kleinen Umweg und gehe vor allem abends nicht so gerne mit 8.000 Schritten schlafen; dann gehe ich doch lieber noch mal kurz durchs Veedel.
Nachts misst es die Schlafdauer und unterscheidet offenbar auch zwischen normalem Schlaf und Tiefschlaf. Auch hier kann man sich selbst ein Ziel setzen. Mir hilft das, öfters rechtzeitig ins Bett zu gehen.
Nach jetzt etwa drei Monaten des Tragens habe ich die oben stehende Meldung bekommen: Eine Million Schritte geschafft! Also da kann man Quantified Self grundsätzlich so blöd finden, wie man will: Das motiviert dann doch!
Ich wollte schon lange eine Seite auf meinen blog nehmen, in der ich andere psychiatrische blogs verlinke. Insbesondere möchte ich deutschsprachige blogs von Betroffenen hier aufnehmen. Ich hoffe, dass andere Betroffene dann schneller einen blog finden, der zu ihnen passt.
Darüber hinaus hat die Psychiatrie ja irgendwie immer noch ungefähr so eine Stellung wie HIV. Niemand diskriminiert sie wirklich, aber eine unverkrampfte offene Diskussion findet zumeist nur unter Betroffenen selbst statt. Ich wünsche mir, dass der Austausch über psychiatrische Krankheiten und deren Therapie selbstverständlicher wird.
Natürlich nehme ich keinen blog ohne die Zustimmung des Blogautors auf.
Also: Wer selbst einen blog betreibt, in dem es zu einem guten Stück um eine bestimmte psychiatrische Krankheit geht, und einverstanden ist, dass ich den blog hier verlinke, mailt mir einfach den link des blogs und die Überschrift, unter der ich den blog einsortieren sollte, an psychiatrietogo2012@gmail.com. Ich schaue dann, ob der blog passend ist und verlinke ihn dann.
Aktuell hat er auf seinem YouTube Kanal ein Video veröffentlicht, dass Teil einer Video-Reihe ist, die er zusammen mit Studenten erstellt. In diesem Video-Interview erklärt er, warum er Psychiater geworden ist und was ihn daran besonders bewegt.
In meinen Augen ist das Video wirklich bemerkenswert, da Prof. Gründer gerade keine öffentlichkeitswirksamen polierten Plattitüden herunterbetet, sondern ein sehr ehrliches, sehr aufrichtiges Bild von sich und seiner beruflichen Identität zeichnet. Guckst Du!
Unlängst ist die neu überarbeitete S3-Leitlinie zur Therapie der Angststörungen erschienen. Hier wird auf eine Kurzversion und die ausführliche Langversion verwiesen.
Das Studium der Kurzversion zeigt einem den nicht wirklich überraschenden Stand der Dinge sowie den jeweiligen Evidenzgrad der einzelnen Empfehlungen, der ganz interessant ist.
In der Langversion kann man sich sehr detailliert darüber informieren, welche Erkenntnisse zu welcher Therapieform bestehen. Wenn ich zum Beispiel wissen möchte, welche Studien zum Einsatz von EMDR bei der Angststörung existieren, kann ich es in der Langfassung genau nachlesen, einschließlich Zusammenfassung und Beurteilung.
PsychologInnen in Ausbildung (PiA) müssen im Anschluss an ihr Hochschulstudium der Psychologie ein Praktikum über 1200 Stunden in einer psychiatrischen Klinik und über weitere 600 Stunden in einer psychotherapeutischen Praxis machen, um den Zusatztitel „Psychologischer Psychotherapeut“ zu bekommen, der die Voraussetzung zur Niederlassung in eigener Praxis ist. Dieses Pflicht-Praktikum war bislang entweder gar nicht oder viel zu niedrig bezahlt. In einigen ländlichen Regionen war es angemessen bezahlt. Verlassen konnte man sich aber auf gar nichts, da es keine gesetzliche Regelung und bislang auch keine Tarifregelung gab. PiA´s kamen in den Tarifverträgen einfach nicht vor.
Erstmalig hat es in Baden-Württemberg nun eine Tarifeinigung mit den Uni-Kliniken gegeben, in der die PiA´s explizit berücksichtigt werden. Es wurde vereinbart, dass PiA´s „mehr als 1000 € verdienen“. Quelle: Pia-im Streik.de .
Das ist eine sehr gute Nachricht, denn durch diese Einigung zeichnet sich ab, dass es in Zukunft mal endlich Rechtssicherheit für beide Seiten geben könnte, und die unseligen Klagen vor dem Arbeitsgericht nicht mehr erforderlich sein würden.
Man kann nun hoffen, dass ab jetzt alle Kliniken „mehr als 1000 €“ pro Monat für eine volle Stelle (40 Stunden pro Woche) zahlen. Wenn man einen Einsatz über 600 Stunden in der Ambulanz vereinbart, können die PiA´s 1800 Stunden ab Stück im gleichen psychiatrischen Krankenhaus bleiben, mit Urlaub ist das knapp ein Jahr.
Ein Einsatz über so lange Zeit ist für beide Seiten ein Gewinn: Die PiA´s lernen wirklich viel, weil sie – natürlich unter Supervision – wirklich sinnvoll eingesetzt werden können. Und für die Kliniken entsteht ein kalkulierbarer Nutzen, der über den Verlauf eines Jahres 1000 € pro Monat wert ist.
In dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, werden PiA´s bereits in diesem Sinne bezahlt und haben sich sehr bewährt. Sie sind wichtige Ansprechpartner für ihre Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung, einschließlich Aufnahmebrief, Psychotherapiegesprächen, Abstimmungsgesprächen mit Angehörigen, Betreuern und so und schließlich dem Verfassen des Entlassungsbriefes. Das alles geschieht natürlich unter engmaschiger Supervision eines erfahrenen Psychologen sowie in Zusammenarbeit mit dem Stationsarzt und dem Oberarzt. So ein Einsatz ist für alle sinnvoll: Für das Krankenhaus, für die PiA´s und für die von ihnen mitbetreuten Patienten.
Erstes Gebot: Du sollst kurz und knackig schreiben, weshalb der Patient kam, was im Krankenhaus gemacht wurde, und welche Wirkung das hatte.
Zweites Gebot: Du sollst dem Patienten im Regelfall den endgültigen Arztbrief bei der Entlassung in die Hand drücken. Im Ausnahmefall sollst Du den Brief innerhalb von zwei Wochen nach der Entlassung an den weiterbehandelnden Arzt schicken.
Drittes Gebot: Du sollst die Länge des Arztbriefes an der Dauer des Aufenthaltes orientieren: – Einige Tage Aufenthalt: —> 1-2 Seiten – Einige Wochen Aufenthalt: —> 2-3 Seiten – Einige Monate Aufenthalt: —> 3-4 Seiten
Viertes Gebot: Du sollst nur die Dinge, die Du selbst festgestellt hast, in der direkten Rede schreiben. Alle Berichte der Patienten und Informationen Dritter sollst Du in der indirekten Rede schreiben.
Fünftes Gebot: Du sollst den ganzen Brief in der Vergangenheitsform schreiben.
Sechstes Gebot: Du sollst die automatische Rechtschreibkorrektur verwenden und rot unterkringelte Wörter auf Rechtschreibfehler prüfen.
Siebtes Gebot: Du sollst keine pseudoprofessionellen “House of god” Formulierungen verwenden. Also nicht schreiben: “Männlicher Patient, kam mit RTW 12/02. Wurde notfällig aufgenommen. Familienanamnese leer. Profitierte vom stationären Setting. Wurde nach erfolgter Krisenintervention in die Häuslichkeit entlassen.” Statt dessen sollst Du klare und vollständige, leicht verständliche deutsche Sätze mit interessantem Inhalt schreiben.
Achtes Gebot: Du sollst für die Arztbrieferstellung nicht unmäßig viel Zeit verbrauchen. Schreib die Anamnese gleich nach der Aufnahme des Patienten und den Hauptteil des Briefes während der Behandlung. Benutze Textbausteine, wenn sie sinnvoll sind, eine spezifische Aussage tragen und passen.
Neuntes Gebot: Du sollst keine Geheimnisse ausplaudern. Statt dessen sollst Du abstrakt schreiben: “Aufgrund einer Konfliktsituation…”
Zehntes Gebot: Du sollst den Brief erst unterschreiben, wenn Du Dich selbst davon überzeugt hast, dass alle Teile, auch die, die Du nicht selbst verfasst hast, richtig und schlüssig sind. Anamnese, Psychischer Befund, Diagnosen, Behandlungen, Medikation und weitere Empfehlungen müssen nachvollziehbar zusammen passen und stimmen.
von NicP for Tauchreisen Nautilus One (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia CommonsWenn man im beruflichen Kontext jemanden fragt “Wie geht´s?”, antwortet er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: “Ach, schrecklich viel zu tun, aber sonst ganz gut!” Es gibt keine Alternative. Niemand sagt, dass er eben gerade genug zu tun hat, um alles entspannt hinzukriegen. Das sagt einfach keiner. Immer hat man gerade ganz viel um die Ohren und gar keine Zeit. Ich frage mich, wie man so irgend etwas vernünftig hinkriegen will. Man braucht doch Zeit, um Dinge ordentlich zu machen. Dieser gesellschaftliche Konsens, dass alle immer schrecklich “busy” (englisch für „geschäftig, beschäftigt“) sind, geht mir gehörig auf die Nerven.
Also, ich habe nicht zu viel zu tun. Ich kann meiner Arbeit ganz gut gerecht werden, ohne dass es zu viel ist. Ich kann mich in Ruhe auch den Dingen widmen, die etwas mehr Zeit brauchen. Ich bin nicht gestreßt und ich habe genug Zeit zur Regeneration.
Der Verein “Grenzgänger” kümmert sich – nun auch in Köln – um die Belange und die Unterstützung von Angehörigen von Borderline-Patienten, und plant für die Zukunft noch einiges mehr.
Eine erste konkrete Maßnahme ist die Gründung einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Borderline-Patienten in Köln, die für Eltern, Partner, Geschwister und alle anderen Angehörigen von Borderline-Patienten offen ist.
Das Gründungstreffen findet am 22.04.2014 um 18.30 Uhr, in den Räumen der Selbsthilfe-Kontaktstelle Köln, Marsilstein 4-6, 50676 Köln, statt. Ein regelmäßiger Termin für weitere Treffen wird dann von den Teilnehmern gemeinsam bestimmt.
Interessierte melden sich bitte beim Organisator, Hrn. Kai Kreutzfeld per mail (info@hp-kreutzfeldt.de) oder telefonisch unter: 0221 – 971 37 356 bzw. 0178 – 411 34 84 an.
Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten der klinikinternen Fortbildung:
Vorträge im Frontalunterrichtstil
Workshops mit Interaktion
Bed-side-teaching
Praktische Übungen (z.B. das Megacodetraining, bei dem Reanimationen an Puppen trainiert werden)
Und alle diese Fortbildungsarten haben ihre Vorzüge und Berechtigungen.
Ich selbst finde das Format der Fallvorstellung besonders interessant und lehrreich.
Eine typische Fallvorstellung dauert ca. 30 Minuten. Der Arzt oder Psychologe, der die Fallvorstellung macht, sucht einen passenden Patienten aus. Der muss nicht unbedingt dadurch auffallen, dass er eine Krankheit hat, die nur alle 17 Jahre mal vorkommt. Es ist viel lehrreicher, einen Patienten mit einer häufig vorkommenden Krankheit auszuwählen, und an diesem Beispiel die Therapie zu erklären. Selbstverständlich fragt man den Patienten in Ruhe, ob er bereit wäre, zum Zwecke der Fortbildung an einer Fallvorstellung teilzunehmen.
Die Fallvorstellung läuft dann in drei Abschnitten von je etwa 10 Minuten Dauer ab:
1) Der Patient kommt selbst in die Runde der Fortbildungsteilnehmer. Derjenige, der die Fortbildung hält, exploriert den Patienten, so dass sich alle einen allgemeinen Eindruck vom Patienten und insbesondere von seinen Symptomen und Beschwerden machen können. Im Anschluss an die kurze Exploration können die anderen Teilnehmer einige Fragen an den Patienten stellen. Sollte der Patient nur kurz im Krankenhaus sein, kann es sinnvoll sein, die Exploration auf Video aufzunehmen. Vielen Patienten ist dies auch lieber, als vor der ganzen Ärzteschaft sprechen zu müssen.
2) Danach ergänzt der Arzt, der die Fallvorstellung macht, notwendige Befunde. So kann er noch einmal die Anamnese zusammenfassen, einige wichtige Untersuchungsbefunde ergänzen, vielleicht einen cMRT Befund zeigen oder ähnliches. Er stellt dann auch die Diagnose im Falle dieses Patienten dar und berichtet, wie die Therapie aussieht und warum man sich in diesem speziellen Fall für genau diese Therapie entschieden hat.
3) Und schließlich sagt der Arzt etwas zum angesprochenen Krankheitsbild allgemein. Er gibt Informationen über Häufigkeit, Ursachen und diagnostische Einteilungen der Krankheit und berichtet über die typische Therapie, nach Möglichkeit anhand von Leitlinien in Kurzfassung. Danach ist noch einmal Raum für Fragen.
Diese Art der Fortbildung kommt der Art, wie ich lerne, sehr entgegen.
Zum einen ist es viel leichter, sich etwas zu merken, wenn man es in Bezug auf einen tatsächlichen Patienten, den man kennengelernt hat, hört. Mir prägt sich das immer viel besser ein, als wenn ich es lediglich abstrakt höre.
Zum zweiten ermöglicht es in Zweifelsfällen die Diskussion mit den anderen Teilnehmern der Fallvorstellung, was oft sehr hilfreich sein kann, sowohl in Bezug auf die Diagnostik als auch auf die Therapie des Patienten.
Zum dritten stellt es die Verbindung zwischen der konkret im eigenen Krankenhaus durchgeführten Therapie und den Leitlinien beziehungsweise den allgemeinen Therapieempfehlungen dar.
Fallvorstellungen sind praktisch immer spannend und lehrreich. Sollte man viel öfter machen…
In diesem Artikel des sehr lesenswerten Blogs Barking up the wrong tree erläutert Erik Barker eine sehr schöne Metapher über unser Gehirn: Der Elefant und sein Reiter. Dabei steht der Elefant für den alten, archaischen Teil unseres Gehirnes, der alle grundlegenden Entscheidungen trifft und in Zeiten der Not sowie bei wirklich lebensnotwendigen Dingen die Entscheidungshoheit hat. Der Reiter steht für den neueren, verbal ausgerichteten Teil unseres Gehirns. Der Teil, der Planungen macht, sich mit Ethik, Moral und unserem Selbstbild beschäftigt, und mit dem wir uns in der Regel besonders stark identifizieren. Wir identifizieren uns selbst fast ausschließlich mit diesem Teil des Gehirns, dieser Teil sind in unseren Augen wir selbst. Tatsächlich ist es so, dass der Reiter eines Elefanten diesen dirigieren kann, wenn der Elefant ruhig, satt und ausgeglichen ist. Dann kann der Reiter die Richtung vorgeben und den Elefanten auch zur Arbeit antreiben. Aber nur, wenn der Elefant auch will. Wenn der Elefant Hunger, Angst oder Schmerzen hat, wird er selbst entscheiden, was zu tun ist. Der Reiter ist dann eine nutzlose Dekoration, die rufen kann, was sie will, der Elefant wird erst mal das machen, was er für erforderlich hält. Sie haben das schon mal erlebt, als Sie eine Diät gemacht haben, sich gesagt haben, sie essen heute Abend nichts mehr, und mit sich und ihrem Entschluss ganz im Reinen waren. Sie haben sich selbst in diesem Entschluss wieder erkannt und hatten keinen Zweifel an ihrer Identität: “Der das sagt, bin ich.” Dann ist ihr Körper wie von Geisterhand geführt zum Kühlschrank gegangen und hat einen Schokopudding gegessen. Ja, wer war jetzt das? Das war der Elefant, der sich in Zeiten der Not nur ungern an die Leine legen lässt. Er hat sich dann mal was zu essen geholt, und Ihnen gezeigt, wer eigentlich der Herr im Hause ist. Danach hat er sie wieder sagen lassen: „Jetzt ess´ ich aber keinen zweiten!“. Und ist auch nicht mehr zum Kühlschrank gegangen. Er war so höflich, Ihnen Ihr Selbstbild zu lassen. Und hat sie gleichzeitig vor dem Verhungern geschützt. Ich finde diese Metapher aus mehreren Gründen sehr schön:
Weil sie wahr ist.
Weil sie uns ein wenig Demut lehrt.
Weil sie uns darauf aufmerksam macht, dass der Elefant uns beschützt und Gutes verfolgt, selbst, wenn wir das nicht erkennen. Sie kann uns helfen, den Elefantenanteil unseres Selbst besser zu würdigen und uns auch mit diesem Anteil mehr zu identifizieren.
Und sie kann uns manchmal helfen, das Verhalten anderer besser zu verstehen. Manchmal sagen uns Andere ganz vernünftige Dinge, setzen sie aber nicht in die Tat um oder tun genau das Gegenteil. Manchmal tun Menschen ganz irrational erscheinende Dinge. Das Bild vom Elefanten kann dann helfen, diese Menschen besser zu verstehen und ihr Handeln zu würdigen.
Entscheidend ist, dass wir die Rahmenbedingungen, die unser Gehirn für uns fordert, akzeptieren, auch wenn es uns manchmal etwas archaisch vorkommt. Nur innerhalb dieser Rahmenbedingungen sind wir frei, uns zu bewegen. Aber innerhalb dieser sind wir tatsächlich frei, uns zu bewegen.
Wir sind nicht nur der Reiter. Wir sind auch der Elefant. Und das ist auch gut so.
Reiter und Elefant können einen gemeinsamen Weg gehen, wenn beide das wollen.
Man hört ja oft den völlig schwachsinnigen Vorschlag, den Tag so zu leben, als sei es der letzte Tag des eigenen Lebens. Wenn ich wüßte, dass heute mein letzter Tag wäre, würde ich erst mal 30 Kugeln Eis essen und dann einige fragwürdige Investitionen tätigen. Aber heute ist hoffentlich nicht mein letzter Tag, also verhalte ich mich besser auch nicht so.
Nun habe ich auf dem wirklich interessanten amerikanischen Podcast “Beyond the to do List” in dieser Folge mit dem berühmten amerikanischen Bestsellerautor Donald Miller über Focus, Schaffen, die Geschichte des eigenen Lebens und wie man sie selbst in die Hand nehmen kann, folgenden Tipp gehört:
Beginne jeden Tag mit einer kurzen Planung. Lege fest, welche wichtigen Projekte heute Deine Aufmerksamkeit erhalten. Fokussiere Dich auf die wichtigsten maximal drei Projekte. Soweit ist das alles uralt, sicher richtig und total uninteressant.
Und dann empfiehlt Miller, dass man jeden Tag, wenn man ihn morgens plant, sich fragt:
Wenn Du den heutigen Tag noch einmal leben dürftest, was würdest Du dann anders machen?
Das fragt man sich, bevor man den Tag beginnt. Das Ergebnis ist, dass es viel leichter fällt, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, im Hier und Jetzt zu bleiben und die Beziehung zu seinen wirklich wichtigen Menschen noch intensiver zu gestalten.
Interessanter Trick. Werde ich eher ausprobieren als den mit den 30 Kugels Eis…
Sport macht Spaß und ist gesund. Der menschliche Körper ist schlicht und ergreifend darauf angelegt, sich zu bewegen. Setzt man so einen Körper den ganzen Tag auf einen Stuhl, fehlt ihm was. Das ist dann keine artgerechte Haltung, das ist weder gesund noch schön.
Bewegung führt dazu, dass ich meinen Körper auf eine ganz andere Art spüre, als ohne Bewegung. Ich nehme ihn viel intensiver wahr und habe einen unmittelbareren Kontakt zu meinem Körper.
Zusätzlich passieren bei fast allen Sportarten eine Reihe von zusätzlichen Dingen. Ich selbst laufe am liebsten. Ich berichte daher über meine Wahrnehmungen beim Laufen.
Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
Wenn ich laufe, durchlebe ich auf den unterschiedlichen Streckenabschnitten unterschiedliche Phasen.
Wenn ich plane, am nächsten Tag oder am Abend zu laufen, kann ich schon die Vorfreude genießen. Ich weiß dann, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich die U-Bahnen, Arbeitstische und Bürostühle verlassen und frei durch die Gegend laufen darf. Das macht das unbewegte Leben sehr viel besser aushaltbar.
Laufe ich dann endlich los, fühle ich mich auf den ersten Kilometern, als ob ich über den Asphalt fliegen würde. Ich freue mich, frei zu sein, laufen zu dürfen und nichts anderes zu tun zu haben, als mir die Landschaft anzuschauen und immer wieder einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Nach ein paar Kilometern berühren meine Füße dann auch gefühlt den Boden. Es geht nicht mehr ganz so leicht, dafür auf eine ganz besondere Art scheinbar automatisch. Wie eine gut geölte Maschine laufe ich weitere Kilometer. Meine Gedanken sind noch ganz frei, ich denke meist an nichts bestimmtes, höre Musik oder einen podcast, nur manchmal denke ich in Ruhe über etwas nach, was sonst in der Enge des Alltags nicht gut überlegt werden kann. Zumeist komme ich beim Laufen auf andere, weitreichendere Gedanken, als wenn ich irgendwo sitze.
Nach etwa 15 Kilometern fängt das Laufen an, mir mehr abzuverlangen. Ich beginne dann, an das Laufen selbst zu denken. Ich nehme viel stärker als zuvor wahr, wie kalt es ist, ob es regnet, wie heiß mein Körper ist, ob es irgendwo zwickt oder schmerzt. Wenn ich auf dem Laufband laufe, sehe ich mehr auf die Uhr, den Entfernungsmesser und laufe oft von einem Kilometer zum nächsten, von einer Minute zur nächsten. Zu dieser Zeit höre ich keine podcasts mehr, nur noch Musik, und zwar immer die gleichen paar Alben… (Gegenwärtig höre ich oft die Game of Thrones Filmmusik, funktioniert für mich sehr gut beim Langstreckenlauf…)
Wenn ich diese Phase einige Zeit durchhalte, kommt bei mir zuverlässig das „runners high“. Ich fange an zu lächeln, habe keine Schmerzen, beschleunige über etwa einen Kilometer, fühle mich absolut frei, glücklich und gut und könnte die ganze Welt umarmen. Das sind die gesündesten und billigsten Opioide, die man kriegen kann. Es geht nichts über so eine gute, selbst erarbeitete Endorphindusche.
Danach kann es wieder etwas härter werden, weiter zu laufen, aber im Training sind es dann meist nur noch wenige Kilometer, bis ich ohnehin an meinem Ziel bin.
Im Marathon kommen dann noch einige weitere Kilometer, in denen ich gegen den inneren Schweinehund kämpfen muss, als hinge mein ganzes weiteres Schicksal davon ab. Die letzten 8 Kilometer eines Marathons machen mich nicht glücklich, sie sind nicht angenehm, sie schmerzen, quälen und zermürben. Aber sie machen stolz.
Wenn ich schließlich das Ziel, das ich mir zuvor vorgenommen hatte, erreicht habe, auch wenn es nur 10 Kilometer waren, erlebe ich ein ganz unmittelbares Erfolgserlebnis; ich bin stolz, glücklich und immer angenehm entspannt.
Ein wunderbares Buch, indem der berühmte Autor Haruki Murakami über seine Erlebnisse beim Laufen berichtet, ist dieses hier: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.“ Ich kann es sehr empfehlen.
In unserer auf´s Körpergewicht fixierten Gesellschaft gibt es ja oft den irrigen Gedanken, Sport sei die notwendige Geißel, um das stets als zu hoch empfundene Körpergewicht zu reduzieren. Ende des Sinns, Zwecks und Nutzens des Sportes.
Das ist in zweierlei Hinsicht falsch.
Zum einen nimmt man nicht ab, wenn man mehr Sport macht. Man hat dann einfach mehr Hunger und isst mehr. Erst wenn man bei mehr Sport trotz mehr Hunger nicht mehr isst, nimmt man vorübergehend ab.
Zum zweiten hat man dann all das nicht auf der Rechnung, was Sport sonst noch bringt. Auch wenn man kein einziges Gramm abnimmt, ist es äußerst belohnend, regelmäßig Sport zu treiben.
In dem sehr sehenswerten TED-Talk: „Why dieting doesn´t usually work“ (ich darf den empfehlen, ich mache gerade eine Diät…), zeigt Neurobiologin Sandra Aamodt eine Studie, die belegt, dass Übergewichtige den gleichen Nutzen für ihre Gesundheit haben, wie Normalgewichtige, wenn sie
nicht Rauchen
sich regelmäßig bewegen
sich ausgewogen ernähren und
Alkohol nur maßvoll trinken
Der Nutzen der Einhaltung dieser einfachen Regeln tritt völlig unabhängig vom Gewicht ein, auch bei verbleibendem Übergewicht.
Mein Fazit:
Der Zweck des Sports liegt im Sport, nicht im Abnehmen.
Es heißt ja immer, dass sich die menschliche Psyche schnell von selbst auf ein bestimmtes Ausgangsniveau stabilisieren kann, und zwar ziemlich unabhängig davon, welche äußeren Umstände einem widerfahren sind. So kehre das Gefühl von Glück und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben bereits ein Jahr nach einem Lottogewinn wieder auf den Wert vor dem Lottogewinn zurück. Das ist zwar kontraintuitiv, aber noch vorstellbar. Interessanterweise kehrt das subjektiv empfundene Glück und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben in größeren Statistiken im Mittel auch ein Jahr nach einer Querschnittslähmung wieder auf das Ausgangsniveau zurück.
Das ist eine wirklich erstaunliche Fähigkeit der menschlichen Psyche, mit der man sich vertraut machen sollte, um sie zu nutzen, wenn man sie nutzen kann. Diesen menschlichen Mechanismus zu verstehen hilft auch, realistisch einzuschätzen, wieviel glücklicher es uns in der Zukunft wohl machen wird, wenn wir uns ein neues Haus kaufen, ein neues Auto kaufen, eine Prämienzahlung erhalten oder eine berufliche Beförderung erreichen. Es macht uns langfristig gesehen weniger glücklich, als wir immer so denken.
Das Empfinden von Glück ist eine jedem einzelnen Menschen innewohnende Fähigkeit, die erfreulich wenig von äußeren Umständen abhängt. Und das ist auch gut so.
Camli (Name für die NSA geändert) hat mir gemailt, dass Sie sich überlegt, sich nach dem Abschluss eines Medizinstudiums auf Psychiatrie zu spezialisieren. Sie hat mich gefragt, ob ich noch mal Psychiatrie machen würde, wenn ich mich heute erneut entscheiden könnte (ich könnte ja auch noch mal wechseln…). Meine Antwort darauf ist einfach. Ich denke, man soll seinen Beruf nach folgendem Kriterium auswählen:
“Wenn es Dich fasziniert, musst Du es machen!”
Psychiatrie und Psychotherapie haben mich schon immer fasziniert und faszinieren mich auch heute noch. Also richtig gewählt. Ich würde es wieder wählen.
Ich finde schon das Medizin-Studium sehr faszinierend. Man lernt wirklich viel über die Natur, den Menschen und erlernt sogar die Geheimnisse der Heilkunde. Also das war für mich schon mal ein no-brainer: Das wollte ich alles wissen.
Nach Abschluss des Studiums fand ich es erst mal gar nicht so einfach, mich für ein bestimmtes Fach zu entscheiden. Internistische Intensivmedizin, Notfallmedizin, Kinderheilkunde und Psychiatrie fand ich allesamt sehr interessant.
Das Besondere an der Psychiatrie und Psychotherapie ist für mich, dass es wirklich immer um den ganzen Menschen mit all seinen Geefühlen, Gedanken und seiner sozialen Umwelt geht. In anderen Bereichen der Medizin behandelt man natürlich auch immer den ganzen Menschen, der Fokus des Faches richtet sich dann aber doch viel schneller als in der Psychiatrie auf das Röntgenbild, die Laborwerte, die spezielle Anatomie des Handgelenkes oder was auch immer. Das ist in der Psychiatrie nicht so. Und es gibt wirklich jeden Tag irgend etwas Interessantes, Spannendes, ja wieder Faszinierendes zu erleben.
In der Psychiatrie ist man in der priveligierten und außergewöhnlichen Situation, oft Menschen in Ausnahmesituationen kennen zu lernen und die Aufgabe zu haben, zu versuchen, ihnen zu helfen. Dadurch lernt man wirklich immer wieder etwas über die Menschen.
Ich habe mich noch an keinem Tag während meiner Arbeit gelangweilt. Ich habe noch an keinem Tag bereut, Psychiatrie als Fach gewählt zu haben.
Insofern, liebe Camli: Wenn Dich Psychiatrie und Psychotherapie fasziniert, dann:
Mit der Erfindung neuer Krankheiten sollte man zurückhaltend sein. Das spricht natürlich gar nicht gegen eine Ausnahme von Zeit zu Zeit. Mir gefällt dieser Vorschlag von Dr. Bratmann gut: Vorhang auf für eine neue Modekrankheit, Seuchenpotential inclusive:
Orthorexia nerosa
Die Orthorexie ist das Krankhafte Gesundessen, also die ständige Beschäftigung mit Vitaminen, Nährwerttabellen, Ernährungsplänen und der stundenlangen Hingabe, das ultimativ gesunde Essen zu erkennen, zu beschaffen, zu bevorraten und schließlich in eben gerade ausreichenden Mengen einzunehmen. Statt danach einen Espresso zu trinken, wird lieber in einer brandneuen Studie zur krebsauslösenden Wirkung von Mineralwasser geschmökert. Gerne wird das Krankheitsbild von einem nervtötenden missionarischen Eifer begleitet. Was regelmäßig fehlt, ist der entspannte Genuß beim Essen. Die Krankheit ist zwischen den Essstörungen und den Zwangsstörungen angesiedelt.
Noch gilt Orthorexia nervosa nicht wirklich als Krankheit.
Medizinstudenten bekommen seit etwa 2500 Jahren einige wesentliche Dinge unverändert beigebracht, darunter die berühmte Drittelregel von Hippocrates. Sie ist in erstaunlichem Maße auch heute noch gültig, und das praktisch in allen Fachbereichen, auch der Psychiatrie. Hippocrates unterteilte die Patienten nach ihrer Prognose in drei Gruppen:
Gruppe 1: Jene, die von alleine wieder gesund werden, und die keiner ärztlichen Hilfe bedürfen.
Gruppe 2: Jene, die der Behandlung bedürfen.
Gruppe 3: Jene, die auf keinen ärztlichen Eingriff reagieren.
Und es war ihm wichtig, zu lehren, dass sich die Ärzte mit Ihrer Behandlung ausschließlich der zweiten Gruppe zuwenden. Gruppe 1 solle keine Behandlung erhalten, weil sie von alleine besser gesunden könne und ärztliche Interventionen dem nur im Wege stehe, also schade. Gruppe 3 solle ebenfalls keine Behandlung erhalten, denn diese erschwere nur die Last der Krankheit, ohne Heilung zu bewirken. Stattdessen brauche diese Gruppe Trost und Zuspruch. Lediglich Gruppe 2 solle behandelt werden. Dabei seien die Risiken und Nachteile der Behandlung dem Nutzen gegenüber abzuwägen. Die Drittelregel bleibt schlicht und ergreifend wahr. Im Zuge der Kommerzialisierung gerät besonders Gruppe 1 immer mehr ins Visier der Behandler. Dinge werden als Krankheiten benannt, die keine sind. Dies hemmt die eigenständigen Bemühungen der Betroffenen, aus ihrem Leid wieder heraus zu kommen und verschiebt die Hoffnungen oft irrational auf eine Pille, die die erhoffte Wirkung natürlich nicht liefern kann. Es ist wichtig, sich bei jedem Patienten klar zu machen, in welche Gruppe er eigentlich gehört. Natürlich haben Ärzte inzwischen auch einige Aufgaben, die sie vor 2500 Jahren noch nicht hatten. So ist es für Patienten der Gruppe 3 oft wichtig, begutachtet zu werden, um Unterstützung vom Sozialstaat zu erhalten oder besondere Förderungen zu bekommen. Und Patienten der Gruppe 1 kommen mit der berechtigten Frage, ob sie vielleicht nicht zur Gruppe 2 gehören. All dies ist natürlich auch in Ordnung. Aber für die Behandlung haben wir die Verantwortung, uns ganz auf Gruppe 2 zu konzentrieren. Hippocrates hat in diesem Punkt immer noch Recht.