Sinnvolle Kontrolluntersuchungen unter Psychopharmaka

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Hier dürft ihr Euch diese Tabelle gerne als PDF herunterladen: Sinnvolle Laborkontrollen bei Therapie mit Psychopharmaka

Die Frage, welche Kontrolluntersuchungen man bei welchem Medikament durchführen sollte, kann man nicht einfach beantworten. Grund dafür ist, dass sich individuelle Bedingungen des Patienten wie körperliche Erkrankungen, weitere Medikamente und die aktuelle Situation einschließlich des klinischen Befunden in jedem einzelnen Fall unterscheiden und dies über die jeweiligen Hinweise der Hersteller hinaus ganz unterschiedliche Vorgehensweisen erforderlich macht.

Wie oft soll man beispielsweise bei einer Behandlung mit Carbamazepin das Blutbild bestimmen, um zu kontrollieren, ob Blutbildschäden auftreten?

Carbamazepin alleine gegeben verursacht vereinzelt, aber selten Blutbildschäden. So könnte man entscheiden, dass man bei einer Monotherapie mit Carbamazepin in der Eindosierungsphase das Blutbild monatlich und danach halbjährlich kontrollieren möchte. Wenn man aber Carbamazepin mit Metronidazol kombiniert, das ebenfalls Blutbildschäden verursachen kann, sollte man die Häufigkeit der Laborkontrollen entsprechend deutlich anheben. Wenn der Patient früher schon mal eine Knochenmarkserkrankung hatte, sollte man noch häufiger kontrollieren. Entwickelt er dann irgendwann Fieber, nimmt man noch einmal zusätzlich Blut ab. Es sind also in jedem Fall eine Würdigung der Gesamtsituation und gesunder Menschenverstand gefragt.

Eine Orientierung für unkomplizierte Fälle

In meinem Buch Psychopharmakotherapie griffbereit habe ich bewusst eine Auswahl an Medikamenten getroffen, um das Feld übersichtlich zu halten. Für die obige Tabelle ist das besonders hilfreich, denn darin habe ich mich auf genau diese Medikamente beschränkt, was die Tabelle schon mal übersichtlicher macht. Ausserdem habe ich mich auf das normale Vorgehen im unkomplizierten Fall beschränkt. Bei Auffälligkeiten jeder Art (vorbestellende Erkrankung, schlechter klinischer Befund, erhöhte Werte in einer Voruntersuchung, etc.) muss man natürlich nach ärztlicher Einschätzung und individuellem Ermessen vorgehen.

Wie geht ihr vor?

Geht ihr anders mit Kontrolluntersuchungen bei den gängigen Psychopharmaka um? Hast Du einen Fehler in dieser Tabelle entdeckt? Dann schreib es in die Kommentare oder mail mir an psychiatrietogo2012@gmail.com.

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Transparenteres Vorgehen in der Erstellung der S3-Leitlinien „Alkohol“ und „Tabak“

Die S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ ist in der gründlich überarbeiteten Version erschienen. Die wichtigste deutschsprachige Fachzeitschrift der Psychiater, Der Nervenarzt widmet dieser Leitlinie und der ebenfalls neu erschienenen S3-Leitlinie „Screening, Diagnostik und Behandlung des schädlichen und abhängigen Tabakkonsums“diese sehr lesenswerte Ausgabe.

Die Methodik der Leitlinienerstellung war transparenter und klarer, als dies früher oft der Fall war. Es war immer schon so, dass sich eine recht große Zahl an Experten zusammengesetzt haben, und in einem jahrelangen Prozess alle relevanten Veröffentlichungen gesichtet haben, um schließlich gemeinsam zu aus diesem Prozess abgeleiteten Empfehlungen zu kommen. So war es auch hier: 60 Experten, 4 Jahre, 41 internationale Behandlungsleitlinien, 83 Cochrane Reviews und 5863 Originalarbeiten später wurden die Leitlinien veröffentlicht.

Was ich bemerkenswert finde, und was früher auch nicht immer so gehandhabt wurde, ist, dass diesmal die abschließenden Abstimmungen, welches konkrete Vorgehen in bestimmten Situationen denn nun in den Leitlinien empfohlen werden soll, nach folgendem Prinzip erfolgt sind:

Vor jeder Abstimmung musste jeder Experte angeben, ob er wirtschaftliche Interessenkonflikte bei dieser Frage hatte. Also wenn beispielsweise über ein teures Medikament entschieden wurde, musste jeder Experte, der von der Firma, die dieses Medikament herstellt, in den letzten drei Jahren Honorare erhalten hatte, dies angeben. Experten mit Interessenkonflikten wurden in der ersten und einzig relevanten Abstimmungsrunde ausgeschlossen.

Danach wurde noch mal abgestimmt, und zwar mit allen Experten, auch denen, die Interessenkonflikte angegeben hatten. Interessanterweise ergaben sich bei rund 99% der mehr als 200 Abstimmungen keine nennenswerten Unterschiede zwischen beiden Abstimmungen (Zitiert nach Mann, K, Nervenarzt 2016.87:1-3).

Wie ich neben einem richtigen Dealer abschneiden würde oder „Warum sind Psychopharmaka keine Drogen?“

Es geht immer wieder der Gedanke durch die Kommentare auf dieser Seite, dass Antidepressiva letztlich Drogen wären, da sie – ebenso wie Kokain – eine Wirkung auf den Serotonin- und teilweise auch auf den Dopaminstoffwechsel haben.
Tasächlich sind Antidepressiva keine Drogen und wirken auch nicht wie Drogen. Der Unterschied ist pharmakologisch eindeutig, und ich möchte ihn hier und jetzt gerne mal erklären.

Was macht eine Droge aus?

Die klassischen Drogen wie Heroin, Kokain, Amphetamine oder Nikotin aktivieren alle das mesolimbische Belohnungssystem, entweder über eine dopaminerge Wirkung oder über die ebenfalls am Belohnungssystem aktive Opiatwirkung. Je schneller und stärker diese Aktivierung ist, desto größer ist der subjektiv erlebte „kick“ und desto stärker ist das Abhängigkeitspotential.
Heroin, Kokain und Nikotin wirken jeweils wenige Sekunden nach ihrer jeweiligen typischen Applikationsform mit einer extrem starken Aktivierung des Belohnungssystems.

Das Wirkprinzip von Kokain

Kokain ist ein Wiederaufnahmehemmer von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Seine Hauptwirkung ist allerdings mit weitem Abstand die Wiederaufnahmehemmung von Dopamin. Und diese setzt nicht irgendwo im Gehirn an, sondern insbesondere im Belohnungssystem. Und zwar nicht zeitverzögert und milde, sondern sofort nach der Aufnahme und in extrem hohem Ausmaß. Direkt nach Aufnahme des Kokains steigt die Dopaminkonzentration im synaptischen Spalt an den Synapsen des mesolimbischen dopaminergen Belohnungssystems auf das tausendfache oder mehr relativ zum Normalzustand an. Zum Vergleich: Ein Orgasmus läßt die Dopaminkonzentration im Belohnungssystem etwa auf das zehnfache ansteigen. Dieser sofortige und extreme Anstieg der Dopaminkonzentration im Belohnungssystem ist das, was süchtig macht.
Darüber hinaus wirkt es auch auf Noradrenalin und Serotonin im Sinne eines Wiederaufnahmehemmers, dieser Bestandteil des Wirkprinzips steht aber eher im Hintergrund und hat weit weniger mit der Suchtpotenz des Kokains zu tun.

Das Wirkprinzip der Amphetamine

Amphetamine werden über einen aktiven Transporter in die präsynaptische Zelle aufgenommen. Dort bewirken sie eine Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin etwa im Verhältnis 3,5 Einheiten Noradrenalin zu einer Einheit Dopamin. Anders als beim Kokain oder den Antidepressiva geschieht diese Freisetzung auch ohne einen Signalimpuls der präsyaptischen Zelle.
Das Ergebnis ist bei den Amphetaminen ebenso wie beim Kokain eine sofort extrem hoch erhöhte Noradrenalin- und Dopaminkonzentration im synaptische Spalt an den Synapsen des mesolimbischen dopaminergen Belohnungssystems. Das macht wach und süchtig.

Etwas anders ist die Lage bei Methylphenidat

Das ADHS-Therapeutikum Methylphenidat gehört ebenso wie Amphetamine zu den Phenethylaminen. Pharmakologisch ist es ebenso wie die Amphetamine ein Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Allerdings hat es eine andere Kinetik als die Amphetamine. Nach Einnahme einer Tablette Methylphenidat kommt es zu keinem plötzlichen Anstieg der Dopaminkonzentration, sondern nur sehr verzögert und langsam; die Patienten beschreiben daher auch kein „High“-Gefühl nach der Einnahme. Dies gilt natürlich nochmehr für das üblicherweise in der Therapie bevorzugte eingesetzte retardierte Methylphenidat, das eine noch langsamere Kinetik hat.

Opiate

Die als Heroinersatzstoffe oder als Opiatschmerzmittel eingesetzten Opiate Methadon, Polamidon, Morphium, Fentanyl und andere aktivieren das Opiat-gebundene Belohnungssystem und können bei länger Einnahme natürlich auch abhängig machen. Allerdings fluten alle hier genannten Substanzen nicht schnell an und lösen daher – anders als zum Beispiel Heroin – keinen Kick aus. Sie helfen aber gegen Schmerzen, reduzieren oder verhindern Entzugssymptome im Opiatentzug und führen insgesamt zu einer ruhigeren Stimmung.

Die Wirkung der Benzodiazepine

Benzodiazepine wirken nicht am Belohnungssystem. Aber sie reduzieren stark die Angst und wirken beruhigend. Das ist bei den Benzodiazepinen der Grund, warum schnell eine körperliche und noch stärker psychische Abhängigkeit entstehen kann.

Das Wirkprinzip der Antidepressiva

Antidepressiva erhöhen die Konzentration von Serotonin und bei manchen Antidepressiva auch Noradrenalin im synaptischen Spalt. Für diese beiden Substanzen interessiert sich das Belohnungssystem nicht die Bohne.
Es gibt einzelne Antidepressiva wie Venlafaxin und Seroxat, die in sehr hohen Dosierungen als unerwünschte Wirkung auch eine sehr geringe Dopaminwiederaufnahmehemmung bewirken. Diese tritt aber sehr verzögert auf und ist in ihrem Ausmaß so gering, dass sie klinisch nicht zu irgendeiner spezifischen Wirkung führt. Auch diese beiden Antidepressiva machen keine sofortige Stimmungsaufhellung. Auch bei ihnen dauert es zwei bis sechs Wochen, bis eine stimmungsnormalisierende Wirkung auftritt. Daher machen sie auch nicht süchtig.

Fazit

Wenn ich als Psychiater mit allen mir zur Verfügung stehenden Substanzen neben einem Dealer am Hauptbahnhof einer beliebigen Großstadt stehen würde, interessierte sich niemand für mich. Der Grund ist ganz einfach: Die Stoffe, die ein Drogendealer vertickt, lösen einen „kick“ aus, machen „high“. Keine Substanz, die in der Psychopharmakotherapie verwendet wird, macht high. Solange ein Dealer neben mir stände, könnte ich mit meinem gesamten Tablettensortiment keinen Blumentopf gewinnen.
Würde der hypothetische Dealer verschwinden, hätte ich zwei Substanzgruppen im Angebot, die zumindest geeignet sind, Entzugssymptome zu lindern, nämlich die Opiate wie Methadon oder Morphin und die Benzodiazepine. Zwar geben diese keinen kick, aber die Linderung von Entzugssymptomen wäre dem einen oder anderen schon ein paar Euro wert. Allerdings könnte ich diese Substanzen bei geeigneter Indikation, passenden Rahmenbedingungen und einem umschriebenen Zeitraum auch als Krankenkassenleistung als ganz normale Therapie auf Rezept verabreichen.
Methylephenidat nimmt insofern eine Sonderrolle ein, als dass es das mesolimbische dopaminerge System aktiviert und aus pharmakologischer Sicht damit eines von zwei Kriterien für einen potenziellen Suchtstoff erfüllt; aufgrund seiner sehr langsamen Anflutung verursacht es aber keinen „kick“; am Hauptbahnhof spielt es daher praktisch keine Rolle.

Sertralin

Sertralin (z.B. Zoloft®) ist schon seit 1997 auf dem deutschen Markt erhältlich und gehört damit inzwischen zu den Youngtimern der Antidepressiva. Mit der Markteinführung von Citalopram geriet es zunächst etwas ins Hintertreffen, da letzteres das noch etwas reinere pharmakologische Profil hat. Seitdem Citalopram allerdings für seine Verlängerung der QTc-Zeit bekannt geworden ist, gehört Sertralin für viele Psychiater und Allgemeinärzte wieder zu den häufig verordneten SSRI.

Pharmakologie

Sertralin ist ein typischer Vertreter der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Darüber hinaus bewirkt es eine schwache Dopamin-Wiederaufnahmehemmung, was zu einem milde erhöhten Maß an Unruhe führen kann. Die Plasmahalbwertszeit beträgt etwa 24 Stunden. Sertralin wird über die Niere ausgeschieden.

Klinischer Einsatz

Sertralin wird wie alle SSRI zur Behandlung von Depressionen, Angsterkrankungen und Zwangserkrankungen eingesetzt.

Dosierung

50-200 mg pro Tag, morgens verabreicht.

Nebenwirkungen

Sertralin verursacht die für SSRI typischen Nebenwirkungen wie Übelkeit, verzögerten Orgasmus oder Unruhe. Es ist aber weder für eine Gewichtszunahme noch für eine QTc-Zeit Verlängerung bekannt, daher gilt es insgesamt als gut verträgliches SSRI

Mein persönliches Fazit

Sertralin ähnelt als SSRI dem Citalopram pharmakologisch, hat aber zusätzlich eine schwach dopaminerge Wirkung, was im Positiven eine Antriebssteigerung und im negativen eine gewisse Unruhe verursachen kann. Da unter Sertralin keine Verlängerung der QTc-Zeit bekannt ist, kann es insbesondere für kardiologisch vorerkrankte Patienten eine sinnvolle Alternative zu Citalopram sein. Ich selbst kontrolliere aber auch unter Sertralin das EKG regelmäßig.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

PC023 Antidepressiva ist online!

In der jüngsten Folge des PsychCasts widmen wir uns einem wiederholt von Euch geäußertem Wunsch: Wir besprechen die Frage: „Welches Antidepressivum gebe ich wem und warum?

Warum wir in diesem Zusammenhang auch über die Auswahl des richtigen Rotweines zum Grillen sprechen, erfahrt ihr ganz am Anfang der Episode.

Außerdem berichten wir kurz über ein Interview des Hoaxilla-Podcasts mit dem Hochstapler Gerd Postel, das ihr hier finden könnt.

Die aktuelle Episode des PsychCasts PC023 Antidepressiva findet ihr hier: http://psychcast.de/pc023-antidepressiva/

Prof. Gründer zum AMNOG

In diesem post seines blogs verlinkt Prof. Gründer auf das frei herunterladbare PDF seines Artikels im letzten Nervenarztes über die Auswirkungen des Arzneimittel-NeuordnungsGesetzes. Dieses führt dazu, dass es neue Psychopharmaka wie beispielsweise Brintellix ® gegenwärtig sehr schwer haben, eine Kostenerstattung genehmigt zu bekommen, die für die Pharmaunternehmen ausreichend ist, um das Medikament auf dem Markt zu halten.

Interessanterweise kommt Prof. Gründer dennoch nicht zu dem Schluss, dass das AMNOG komplett in die falsche Richtung führt, sondern beschreibt, wie sich Forschung, Zulassungsverfahren und das AMNOG-System in Zukunft entwickeln könnten, um bessere Erkenntnisse und dann auch wieder dokumentierte Zusatznutzen zu erhalten. Unbedingt lesen!

Cipramil, Cipralex, Cymbalta, Trevilor. To whom will I give what antidpressant and when?

Nachdem das Buch Psychopharmakotherapie griffbereit ja nun schon ins Tschechische übersetzt wird, expandiert das Psychiatrie to go-Universum nun auch in den Rest der Welt. Einer der am häufigsten gelesenen Artikel auf diesem blog ist der Artikel über meine Strategie, welches Antidepressivum ich wem verschreibe.

Renate FitzRoy, die in Schottland lebt und als Übersetzerin arbeitet (ihre webseite findet ihr hier), war so freundlich, diesen post ins Englische zu übersetzen. Vielen Dank! Und hier findet ihr den Text in der englischen Übersetzung:

Cipramil, Cipralex, Cymbalta, Trevilor. To whom will I give what antidpressant and when?

Once I have made up my mind to prescribe an antidepressant, I follow a certain algorithm in my head to decide which medication I will use.

Question 1: Has the patient been given an antidepressant in the past and has it been effective?

If the answer is yes, I will use the same medication again. Full stop. End of algorithm.

Question 2: Do I prescribe the antidepressant for a generalised anxiety disorder?

Then I’ll prescribe Duloxetine (Cymbalta) or Venlafaxin (Trevilor), the latter has been licensed especiallly for genrealised anxiety disorder. Both are very effective for this indication and both should be given at high doses.

Question 3: Do I prescribe the antidepressant for a compulsive-obsessive disorder?

Then I use first Citalopram (Cipramil). I will go for a higher dose, at first 40 mg per day and then decide individually whether a higher dose is appropriate in spite of known risks. The QTc interval must be monitored and the patient made aware of the warning. At doses higher than 40 mg, Citalopram may prolong the QTc interval and cause dangerous arrhythmia (for more details click here).

Then there are unipolar and bipolar depressions left.

Question 4: Is it a depression with low activity, normal activity or hyperactivity (agitated depression)?

  • In patients with very low activity, I begin with Duloxetine (Cymbalta), target dose 60-90 mg.
  • With somewhat low to normal activity, I prescribe Citalopram as a first step, target dose 40 mg per day. This usually achieves good results.
  • If not satisfied with the success in a low-activity depression, I will quickly (two weeks) change over to Duloxetine (Cymbalta) because not only does it inhibit the reuptake of serotonin (as does Citalopram), but it also inhibits the reuptake of noradrenaline, which will lead to more activity.
  • In patients with normal activity, I will only switch to Duloxetine if no progress has been made after 3-4 weeks.
  • With heightened activity levels and disturbed sleep patterns in particular, I prefer Mirtazapine at night. However, I only recommend it if weight is not a problem and I discussed the possibility of weight gain with the patient (and they are happy to go ahead). I start with 15 mg at night. Depending on the severity of the sleeping disorder and agitation, I may go up to 45mg per day. If this sorts out the sleeping problem and normalises activity, I stick with 15mg Mirtazapine at night and add 20-40 mg Citalopram in the morning.

This algorithm works for 95 % of cases. If the medication is not effective or side effects occur, I use the following medication instead:

  • Citalopram (Cipramil) is not tolerated: -> try Escitalopram (Cipralex). Both are just serotonin reuptake inhibitors and are usually well tolerated and very effective.
  • Duloxetine is not effective enough: -> try Venlafaxine. Both inhibit the reuptake of serotonin as well as noradrenaline. Given at high doses, Venlafaxine has the unwanted side effect of also inhibiting the reuptake of dopamine, which can trigger or reinforce delusion/hallucination-like symptoms. It often makes the patient more restless than Duloxetine, but may be more effective in individual cases.

What about old antidepressants ?

  • Clomipramine is what I sometimes use as augmentation in compulsive-obsessive disorders.
  • Amitriptylin is what I sometimes use in chronic pain disorders.
  • Fluoxetine, Fluvoxamine, Mianserine, Paroxetine and the other older antidepressants are only used according to Rule 1: it has been effective before and may help again. I do not use them otherwise.

And if all that is not effective?

  • Augmentation with Lithium. Often helpful.
  • Augmentation with thyroid hormone. Rarely helps. I only use it occasionally.

Other things to bear in mind:

  • Severe psychotic depression: ECT.
  • If there is a psychotic component or delusion-like brooding, a low dose of an antipsychotic should be added.
  • In patients with great anxiety and no history of addiction, think of a benzodiazepine.
  • In suicidal patients, add a benzodiazepine.
  • Bear in mind the normal timescale of improvement: Approx. two weeks after taking antidepressants, activity often increases, while the mood will often lift after four weeks. Anxiety disorders improve after four to six seeks, compulsive-obsessive disorders often after six to twelve weeks only.

Runners high: Endocannabinoide genau so wichtig wie Endorphine

Die erste Stunde des Marathonlaufes geht ja wie von selbst: Du fliegst über den Asphalt, die Stimmung ist ausgelassen, alle sind fröhlich, nichts kann dich aufhalten.
In der zweiten Stunde kommst Du aber doch mit den Füßen auf der Straße an. Es wird schwieriger, das Tempo zu halten, die Beinmuskeln beginnen, zu schmerzen und du fragst dich, wie Du es bis zum Ziel schaffen sollst.

In der dritten Stunde wirst du langsamer, die Muskeln fangen an zu brennen, du hast Hunger, bist müde und erschöpft.

Wenn das so weiterginge, kämest du vielleicht nicht ins Ziel.

Und dann plötzlich durchflutet dich ein Rausch aus Euphorie, Leichtigkeit und Lust. Nichts schmerzt mehr, du kannst wieder schneller laufen und vergisst die Plagen der letzten Kilometer: runners high.

Das absolute Hochgefühl dauert oft nur eine bis zwei Minuten an, aber auch danach kann man wieder eine ganz schön lange Zeit laufen, ohne von Schmerzen oder Erschöpfung allzu sehr gebremst zu werden.

Die Neurobiologie des runners high

Früher dachte man, das runners high wird neurobiologisch durch eine Endorphinausschüttung verursacht. Endorphine wirken wie Morphim, nur dass sie körpereigen sind und vom Gehirn selbst produziert werden. Morphine machen glücklich, schmerzfrei und führen dazu, dass man diesen Zustand erneut anstrebt. Passt alles zum Runners High.

Eine aktuelle Veröffentlichung im PNAS zeigt nun aber interessanterweise auf, dass noch ein zweites, eng verwandtes System an der Entstehung des runners high beteiligt und offenbar unabdingbar ist:

Das Endocannabinoid-System. Endocannabinoide sind vom Körper selbst produzierte Cannabinoide, die also wirken wie Cannabis. Sie sind schmerzstillend, angstlösend, milde euphorisierend und bewirken ebenfalls einen Wiederholungsreiz. Der bekannteste Vertreter der Endocannabinoide ist das Anandamid.

Die Mannheimer Forscher ließen Mäuse so lange in einem Laufrad rennen, bis die Mäuse aller Erfahrung nach ein runners high entwickelten (erinnert mich stark an mein eigenes Lauftraining auf dem Laufband). Dann maßen sie die Endorphin- und Endocannabinoidspiegel im Blut der Mäuse. Beide Substanzgruppen zeigten erhöhte Spiegel. Wenn der Cannabinoidrezeptor blockiert wurde, blieben allerdings alle Wirkungen des runners high aus.

Das Endocannabinoidsystem spielt in vielen Bereichen wie Schmerzregulation, Angst, Motivation und anderen eine bedeutende Rolle, so richtig Licht kommt aber erst in den letzten Jahren in die Sache. Das ist umso interessanter, als auch bei der Psychose eine veränderte Regulation im Endocannabinoid-System eine Rolle spielen könnte.

Wie auch immer; bei meinem nächsten runners high denke ich dann nicht mehr nur, ich hätte mir kostenlose Morphine besorgt, sondern gleichzeitig auch noch gesundheitsförderlich gekifft. Ich lauf dann mal los…

Die zweite Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist erschienen !

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Aus diesem blog hier und euren Rückmeldungen ist ein Buch entstanden. Die erste Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit erschien im November 2014 im Schattauer-Verlag. Dieses Buch bedeutet mir persönlich sehr viel. Ich versuche mit dem Buch, Neueinsteigern und Interessierten einen gut geführten Weg in die teilweise recht komplexe Psychopharmakotherapie zu zeigen.

Um dieses Ziel zu erreichen, habe ich mich auf ausgewählte wichtige Überlegungen, Behandlungsprinzipien und auch auf eine sehr wohl überlegte Auswahl an Medikamenten konzentriert. Diese habe ich dann so dargestellt, dass es dem Leser möglich ist, sich hiermit vertraut zu machen.

Ich habe im letzten Jahr viel positives Feedback zum Buch bekommen und oft gehört, dass es sehr gut lesbar sei und vieles in Erinnerung bleibe, was ich erkläre. Das freut mich sehr.

Nun ist die Pychopharmakologie eine sehr dynamische Wissenschaft, und auch im letzten Jahr haben sich sehr viele neue Erkenntnisse ergeben, die in ein aktuelles Buch zur Psychopharmakotherapie hinein gehören. Viele davon habe ich hier im Blog vorgestellt. Einige Beispiele:

  • So darf man inzwischen Valproat an Frauen im gebärfähigen Alter nur noch unter sehr strengen Auflagen verordnen. Siehe diesen blogpost.
  • Ich habe auch neue Medikamente ins Buch aufgenommen, z.B. Vortioxetin (Brintellix®), Agomelatin (Valdoxan®), Escitalopram und Tiaprid.

Die zweite Auflage wurde auch in allen anderen Teilen gründlich überarbeitet. Alle Texte wurden mehrfach durchgelesen und verbessert. Ich möchte mich ganz besonders herzlich bei meiner Lektorin im Schattauer-Verlag, Frau Claudia Ganter, bedanken. Ihre sorgfältige, gewissenhafte, kreative und stets motivierende Art hat wesentlich dazu beigetragen, dass die zweite Auflage noch viel flüssiger zu lesen ist, konsistent strukturiert ist und sowohl inhaltlich als auch didaktisch eine klare Linie verfolgt.

Schließlich darf ich darauf hinweisen, dass die zweite Auflage im Kapitel Amphetamine nun mit 100 Prozent mehr Breaking-Bad Verweisen ausgestattet ist… 🙂

Den kurzen Video-Trailer zur zweiten Auflage findet ihr hier: http://youtu.be/HGnzXxHzmcQ

Das Buch kostet 24,99 €. Bei Amazon könnt ihr das Buch hier bestellen. Direkt beim Schattauer-Verlag könnt ihr es hier bestellen.

Wieviel Distra gebe ich denn jetzt?

Symptomadaptierte Alkoholentzugsbehandlung

Patienten, die zum stationären Alkoholentzug kommen, erhalten in der Regel Medikamente gegen Entzugsbeschwerden. Früher war es üblich, diese Medikamente nach bestimmten Schemata fest anzuordnen, unabhängig davon, wie stark die Entzugserscheinungen waren. Heutzutage setzt es sich zunehmend durch, die Medikation bedarfsgesteuert zu geben. Und um diesen Bedarf möglichst gut zu objektivieren, gibt es einfache Fragebögen, die die Schwere der Entzugssymptomatik feststellen sollen. Aus meiner Sicht ist es eine der wichtigsten Neuerungen in der neuen S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“, dass diese den Einsatz eines solchen Beurteilungsbogens explizit empfiehlt. Die bedarfsgesteuerte Medikation ist der Medikation nach einem festen Schema überlegen, weil bei geringerem Medikamentenverbrauch eine gleich hohe Sicherheit in der Behandlung entsteht.

AESB: Alkoholentzugssymptombogen

Im deutschsprachigen Raum wird hierfür oft der Alkoholentzugssymptombogen AESB (Originalarbeit hier) verwendet. Er beurteilt 10 Aspekte, die schnell und einfach zu bewerten sind. Diese 10 Aspekte sind:

  • Blutdruck
  • Ruhepuls
  • Tremor
  • Schwitzen
  • Übelkeit / Erbrechen / Durchfall
  • Ängstlichkeit / Nervosität
  • Psychomotorische Unruhe
  • Orientierung
  • Trugwahrnehmungen / Halluzinationen
  • Krampfanfälle

Auf der Tabelle oben sieht man, welche Ausprägungen jeder Aspekt einnehmen kann, und wie dies zu beurteilen ist. In der Auflistung darunter steht, in welchen Intervallen die Beurteilung durchgeführt wird, und schließlich ganz unten ein Vorschlag, welche Dosis bei einer Clomethiazol-gestützten Entzugsbehandlung sinnvoll sein kann.

CIWA-AR

International wird am häufigsten der CIWA (Clinical Institute Withdrawal Assessment for Alcohol) angewendet. Er beurteilt ebenfalls 10 Bereiche:

  • Übelkeit und Erbrechen (Fragen: „Ist Ihnen schlecht? Haben Sie sich übergeben?“)
  • Tremor (Arme und ausgestreckt und Finger gespreizt)
  • Schweißausbrüche
  • Ängstlichkeit (Frage:“Sind Sie nervös und ängstlich?“)
  • Antriebsniveau
  • Taktile Störungen
  • Akustische Störungen
  • Visuelle Störungen
  • Kopfschmerzen
  • Orientierung und Trübung des Bewusstseins (Fragen: „Welcher Tag ist heute? Wo sind Sie? Wer bin ich (der Befragende)?“

Im ersten Bereich Übelkeit und Erbrechen wird beispielsweise gefragt: „Ist Ihnen schlecht? Haben Sie sich übergeben?“ Es gibt 4 Antwortkategorien:

  • (0 Punkte) Keine Übelkeit und kein Erbrechen
  • (1 Punkt) Leichte Übelkeit ohne Erbrechen
  • (4 Punkte) Gelegentlich Übelkeit mit Brechreiz, Würgen und Erbrechen
  • (7 Punkte) Dauernde Übelkeit mit Brechreiz, Würgen und Erbrechen.

Eure Erfahrungen

  • Arbeitest du auf einer Station zur Alkoholentzugsbehandlung? Wie geht ihr vor?
    • Medikation nach Schema?
    • Medikation nach Bedarf?
    • Bedarfseinschätzung über einen Fragebogen?
    • Welchen Fragebogen verwendet ihr?
    • Schreib euer Vorgehen gerne in die Kommentare.
  • Hast Du schon einmal einen stationären Alkoholentzug durchgemacht? Wonach wurde entschieden, welches Medikament in welcher Dosis du bekommen hast? Schreib deine Erfahrungen ebenfalls in die Kommentare!

DocCheck hat eine iOS und Android-App für ihr Medizin-Lexikon „Flexikon“ rausgebracht

IMG_2225DocCheck ist ja so eine Mischung aus Facebook für Ärzte, dem medizinischen Teil der Wikipedia, der Ärzte-Zeitung und einem Gemischtwarenladen auf der Medica.

Die meisten Ärzte und viele im medizinischen System Tätigen kennen DocCheck, da man bei der Registrierung auf DocCheck, die jeder machen kann, auch zusätzlich angeben (und nachweisen) kann, dass man Arzt, Zahnarzt oder Apotheker ist; dann hat man unter anderem Zugriff auf die Online-Version der Roten Liste, die aus gesetzlichen Gründen im vollen Ausmaß auf diese medizinischen Berufsgruppen beschränkt ist. Das finde ich zwar in Zeiten der Transparenz völlig überflüssig, und irgendwelche geheimen Informationen finden sich dort auch nicht, es ist aber immer noch so. Kaufen kann die Rote Liste im Buchhandel allerdings jedermann.

DocCheck bietet aber auch eine Reihe weiterer Funktionen, darunter insbesondere die Möglichkeit, sich mit anderen Ärzten oder Experten auf bestimmten Gebieten durch Fragen und Antworten auszutauschen, das heißt DocCheck Ask. Hier stellen Ärzte zu einzelnen Patienten oder bestimmten konkreten Punkten online eine Frage, und andere Ärzte, die sich damit auskennen, beantworten die Frage. Das funktioniert unkompliziert und gut und ist gerade für Niedergelassene Ärzte, die alleine arbeiten, bei bestimmten Fragen eine gute Option.

Auf DocCheck news gibt es medizinische Nachrichten und einige medizinische Blogs, dieser Blog ist zum Beispiel immer mal wieder hier auf DocCheck vertreten…

Und dann gibt es das recht bekannte Flexikon, ein interaktives Medizinlexikon, das funktioniert wie eine Art Wikipedia für deutschsprachige medizinische Einträge. Gegenwärtig hat das Flexion 47.000 medizinische Einträge. Hier findet man zuverlässig alles, was man sucht. Lesen kann diese Einträge jeder, alle registrierten DocCheck-Mitglieder können die Einträge auch selbst ändern, aktualisieren oder neue Einträge hinzufügen.

Und dieses Flexion hat nun eine kostenlose iOS- und Android-App bekommen, auf der man Einträge suchen und lesen, und sogar auch editieren kann. Die App habe ich ausprobiert und finde sie sehr praktisch, für mich hat sie einen verdienten Platz in meinem Ordner „Medizin“. Laden könnt ihr sie hier.

Pharmakodynamische und Pharmakokinetische Medikamentenwechselwirkungen

Medikamentenwechselwirkungen sind ein so komplexes Thema, dass man schon beim bloßen Gedanken daran oft den kaum überwindbaren Drang verspürt, zu sagen: Guck doch online nach, ob diese 7 Pillen miteinander können oder nicht. Ich persönlich finde diesen Impuls sehr verständlich und habe ihn auch fast täglich.

Um nun aber dem Untertitel dieses blogs “you live you learn“ gerecht zu werden, möchte ich euch gerne erklären, welche Unterteilung ich in der ersten und zweiten Stufe mache, wenn ich über mögliche Medikamentenwechselwirkungen nachdenke. Also auf zur Unterteilung der Medikamentenwechselwirkungen: Trallalala: Hier kommt sie:

1.) Pharmakodynamische Wechselwirkungen

Die

Pharmakodynamik

ist die Lehre davon,

was das Medikament mit dem Körper macht.

Pharmakodynamische Wechselwirkungen sind also all jene Wechselwirkungen, bei denen sich die Wirkungen zweier Medikamente auf den Körper gegenseitig verstärken, abschwächen oder auf eine andere Art bedenklich zusammenwirken.

1.1 Sich gegenseitig verstärkende pharmakodynamische Wechselwirkungen

Das einfachste Beispiel ist die Verstärkung einer Medikamentenwirkung durch zwei in die gleiche Richtung wirkende Medikamente. Wenn beispielsweise das stark serotonerg wirksame SSRI Citalopram zusammen gegeben wird mit dem ebenfalls serotonerg wirkenden Migräne-Mittel Sumatriptan, dann besteht eine deutlich erhöhte Gefahr, dass es zu einem Serotonin-Syndrom kommt. Und die Sache wird natürlich nicht besser, wenn man weitere serotonerge Substanzen ergänzt, wie Opiate oder Lithium. Alle diese Substanzen wirken pharmakodynamisch in die gleiche Richtung: Sie verstärken die Serotonin-Wirkung. Die gemeinsame Endstrecke kann dann das Serotonin-Syndroms sein. Also: Wenn ich zwei oder mehr Medikamente kombiniere, die beide die gleiche Wirkung auf den Körper auslösen, besteht die Gefahr einer sich verstärkenden pharmakodynamischen Wechselwirkung.

Ein zweites Beispiel einer additiven pharmakodynamischen Nebenwirkung wäre die Gabe von zwei potenziell das Blutbild schädigenden Substanzen wie Carbamazepin und Clozapin. In der Kombination ist die Gefahr einer klinisch relevanten Blubildschädigung einfach deutlich größer.

Ein weiteres Beispiel einer additiven pharmakologischen Nebenwirkung wäre die gleichzeitige Gabe von zwei Medikamenten, die die QTc-Zeit verlängern, wie bei Sertindol und Thioridazin (Melleril®). In der Kombination steigt die Wahrscheinlichkeit einer klinisch relevanten Herzrhythmusstörung wesentlich an.

1.2 Sich gegenseitig abschwächende pharmakodynamische Wechselwirkungen

Stellen dir vor, du kombinierst im Rahmen der Parkinson-Therapie den Dopaminagonisten Madopar® mit dem Dopaminantagonisten Haloperidol. Dann hebt sich ein Teil der Wirkung auf die Dopamin-Rezeptoren gegenseitig auf. Die beiden Medikamente haben eine sich gegenseitig abschwächende pharmakodynamische Wechselwirkung.

1.3 Andere pharmakodynamische Wechselwirkungen

Neben der Möglichkeit, dass sich die Wirkung zweier Medikamente gegenseitig verstärkt oder abschwächt, gibt es seltener auch die Möglichkeit, dass sich zwei unterschiedliche Wirkungen in einer anderen bedenklichen Art zusammenfinden. Ein Beispiel wäre die gleichzeitige Gabe einer hohen Dosis Insulin mit einem Beta-Blocker. Sollte das hochdosierte Insulin zu einer Hypoglykämie führen, würde der Beta-Blocker verhindern, dass der Körper durch eine Streßreaktion Glykogen freisetzt, und die Hypoglykamie würde möglicherweise eher ins Koma führen als ohne Betablocker.

2.) Pharmakokinetische Wechselwirkungen

Die

Pharmakokinetik

, beschreibt,

was der Körper mit dem Medikament macht.

In der Praxis wahrscheinlich eher häufiger sind pharmakokinetische Wechselwirkungen. Das sind Wechselwirkungen, die dadurch entstehen, dass man zwei oder mehr Medikamente gibt, die sich in Bezug auf die Aufnahme, den Abbau oder die Ausscheidung des Medikamentes in die Quere kommen. Die Pharmakokinetik einer Substanz kann durch eine zweite Substanz entweder beschleunigt oder verlangsamt werden.

2.1) Beschleunigter Abbau eines Medikamentes durch ein anderes Medikament

Das Antiepileptikum Carbamazepin ist ein Induktor des Cytochroms CYP-P450–3A4. Das bedeutet, dass Menschen, die mit Carbamazepin behandelt werden, nach einigen Tagen bis wenigen Wochen eine deutlich erhöhte Aktivität des Cytochroms CYP-P450–3A4 haben. Dieses Enzym ist unter anderem dafür da, Medikamente schnell abzubauen und so unwirksam zu machen. Eines dieser Medikamente, das vom CYP-P450–3A4 abgebaut wird, ist Quetiapin. Patienten, die seit einigen Wochen mit Carbamazepin vorbehandelt werden, werden also bei gleicher Quetiapin-Dosis einen niedrigeren Quetiapin-Blutspiegel und somit eine schwächere Quetiapin-Wirkung erleben als Patienten, die nicht gleichzeitig Carbamazepin erhalten. Es ist wichtig, diese Wechselwirkung zu berücksichtigen, da man sonst bei unveränderter Dosis eine möglicherweise unwirksame Medikation verordnet. Es kann sehr hilfreich sein, bei einer solchen Kombination, wenn man sie denn unbedingt geben will, den Blutspiegel der Medikamente zu bestimmen.

Andere typische Enzyminduktoren sind das Rauchen, Barbiturate, Rifampicin und auch das sonst so unverdächtige Johanniskraut.

2.2 Verlangsamter Abbau eines Medikamentes durch ein anderes Medikament

Das schon etwas betagte Antidepressivum Fluvoxamin ist ein Inhibitor des Cytochroms CYP-P450–1A2. Das bedeutet, dass bei Patienten, die Fluvoxamin bekommen, der Medikamentenabbau über CYP-P450–1A2 langsamer läuft. Dieses Enzym baut zum Beispiel das Neuroleptikum Clozapin ab. Patienten, die beide Medikamente erhalten, können also Clozapin nicht so schnell abbauen, der Clozapin-Blutspiegel steigt an. Dies kann schnell zu einem Clozapin-Delir führen.

Aber nicht nur die Oldtimer unter den Psychopharmako hemmen bestimmte Cytochrome. Auch aktuelle Substanzen wie Duloxetin, Omeprazol, der gewöhnliche Grapefruitsaft und schwer ersetzbare internistische Medikamente wie die Antibiotika Ciprofloxazin oder Ketoconazol sind Inhibitoren bestimmter Cytochrome.

Fazit

Es ist vielleicht doch nicht erforderlich, zu denken, dass Medikamentenwechselwirkungen zu kompliziert sind, um darüber im Einzelfall nachzudenken. Man muss sich bei der Kombination mehrerer Medikamente einfach fragen, ob diese sich in ihrer Wirkung beeinflussen (pharmakodynamische Wechselwirkung) oder in ihrem Abbau (pharmakokinetische Wechselwirkung). Bei beiden Hauptgruppen gibt es dann sich gegenseitig verstärkende oder sich gegenseitig abschwächende Wirkungen. Einzelne Interaktionen gehören in die Sonderkategorie: Andere. Eigentlich ganz einfach, oder?

 

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Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Pharmaka in der Schwangerschaft: There’s an app for that!

Die Frage, wie gut verträglich ein Medikament in der Schwangerschaft ist, löst auch bei Ärzten und Pharmakologen immer wieder Kopfzerbrechen aus. Selbst wenn man sich gut informiert zu haben glaubt, befürchtet man immer irgendwie, der nächste Thalidomid-Schrecken lauert schon in der Verpackung, wurde aber noch nicht entdeckt.

Der für mich mit Abstand hilfreichste Dienst seit mehr als 15 Jahren bei dieser Frage ist die Webseite www.ebryotox.de des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charite. Hier kann man sich umfassend informieren und sogar per Online-Formular Anfragen an die dort tätigen Ärzte richten.
Nun habe ich entdeckt, dass Embryotox inzwischen auch eine App hat, die, einmal geladen, online und offline alle relevanten Informationen zur Verträglichkeit der wichtigsten Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit zur Verfügung stellt. So kann man alles Wichtige immer auf seinem Telefon mit sich rumtragen. Perfekt!
Die iOS App findet ihr hier, die Android App hier.

Vortioxetin laut G-BA ohne Zusatznutzen

Wie Prof. Gründer in seinem Blog in diesem Post ausführlich und detailliert berichtet, hat der G-BA entschieden, in Vortioxetin keinen erheblichen Zusatznutzen zu erkennen. Dies bedeutet, dass die Preisverhandlungen für Brintellix®, die laut Prof. Gründer bis zum 30. April 2016 abgeschlossen sein müssen, für Lundbeck schwierig werden. Wer sich für die genaue Argumentation interessiert, liest im oben verlinkten Artikel nach.

07.07.2016: Nachtrag: Inzwischen ist entschieden worden, dass Vortioxetin zum am 15. August dieses Jahres in Deutschland aus dem Vertrieb genommen wird.

Antidepressiva Vergleichsdosierungen: Stimm mit ab!

Das schöne an so einem blog ist ja, dass man auch wissenschaftlich wenig fundierte Erfahrungswerte aufschreiben kann. Die veröffentlicht man, und dann kann man die Community fragen, welche Erfahrungen jeder einzelne Leser zu dieser speziellen Frage gesammelt hat.

Ich überlege schon seit einiger Zeit, ob es möglich ist, Vergleichsdosierungen der Antidepressiva zu bestimmen. Bei manchen Medikamenten ist das aus pharmakologischer Sicht einfach, so entsprechen 10 mg Escitalopram sowohl pharmakologisch als auch der Wirkung nach 20 mg Citalopram. Aber welche Dosis Duloxetin entspricht welcher Dosis Vortioxetin?

Ich habe zwei Varanten aufgeschrieben und möchte Euch bitten, mir zu sagen, welche für euch eher schlüssig ist.

Los geht´s:

Variante 1

Variante 1 hat für einige Medikamente einen Bruch zwischen der mittleren und der hohen Dosis, für andere Medikamente nicht. Die Dosissteigerungen sind nicht immer linear. Der schwierige Schritt ist der Unterschied zwischen einer hohen Dosis und einer sehr hohen Dosis. Bei einigen Medikamenten meine ich, dass die Verdoppelung der der mittleren Dosis eine hohe Dosis ergibt, so beim Citalopram, Escitalopram und Vortioxetin. Bei anderen Medikamenten meine ich, dass eine um 50 % höhere Dosis als die mittlere Dosis zu einer hohen Dosis führt, so bei Venlafaxin, Duloxetin, Mirtazapin und Amitriptylin. Eine Verdoppelung der mittleren Dosis erscheint mir hier schon sehr hoch und oft nebenwirkungsreich. Natürlich sind die Kategorien “Hoch” und “Sehr hoch” nicht so gut kalibriert…

Medikament Niedrige Dosis Mittel Hoch Sehr hohe Dosis
Citalopram 10 mg 20 mg 40 mg
Escitalopram 5 mg 10 mg 20 mg
Venlafaxin 75 mg 150 mg 225 mg 300mg
Duloxetin 30 mg 60 mg 90 mg 120 mg
Vortioxetin 5 mg 10 mg 20 mg
Mirtazapin 15 mg 30 mg 45 mg 60 mg
Amitriptylin 50 mg 100 mg 150 mg 200 mg

Mathematisch überzeugender ist natürlich Variante 2:

Varante 2

Hier werden alle Dosierungen linear über die vier Dosisstufen erhöht. Wirkt diese Tabelle für Dich passender?

Medikament Niedrige Dosis Mittel Hoch Sehr hohe Dosis
Citalopram 10 mg 20 mg 30 mg 40 mg
Escitalopram 5 mg 10 mg 15 mg 20 mg
Venlafaxin 75 mg 150 mg 225 mg 300mg
Duloxetin 30 mg 60 mg 90 mg 120 mg
Vortioxetin 5 mg 10 mg 15 mg 20 mg
Mirtazapin 15 mg 30 mg 45 mg 60 mg
Amitriptylin 50 mg 100 mg 150 mg 200 mg

Stimm hier ab:

(Wenn Du dies in einem RSS-Reader oder per email liest, geh auf die Webseite http://www.psychiatrietogo.de und stimm da ab! Nach der Stimmabgabe siehst Du die Antworten der anderen Leser)

Duloxetin

Cymbalta

Duloxetin

  • ist ein Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI).
  • ähnelt pharmakologisch dem Venlafaxin
  • wird oft bei Depressionen mit somatischen Anteilen und Somatisierungsstörungen eingesetzt.
  • ist zugelassen und bewährt in der Therapie der generalisierten Angststörung.
  • kann deutliche Absetzsymptome verursachen.
  • ist inzwischen als Generikum erhältlich, aber auch die Generika sind gegenwärtig noch deutlich teurer als andere SSRI und SNRI.

Geschichte

Duloxetin wurde 2004 zunächst zur Behandlung von Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie sowie zur Behandlung von Frauen mit Belastungsharninkontinenz zugelassen. Später folgten die Zulassungen zur Behandlung von Depressionen und generalisierten Angststörungen.

Pharmakologie

Duloxetin ist ein Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Sehr viel geringer ausgeprägt hemmt es auch bestimmte Dopamin-Rezeptoren.

Duloxetin wird im wesentlichen von den Cytochromen P450 1A2 und 2D6 metabolisiert und renal ausgeschieden.

Klinischer Einsatz

Viele Ärzte betrachten Duloxetin als einen etwas nebenwirkungsärmeren Nachfolger des Venlafaxins. Es gehört als SNRI pharmakologisch in die gleiche Untergruppe, hat aber bei höheren Dosierungen erfahrungsgemäß etwas weniger Nebenwirkungen.

Vermarktet wurde es zu Beginn sehr stark als Medikament zur Behandlung von Somatisierungsstörungen und bei begleitenden Schmerzen. Daher assoziieren viele Ärzte es auch mit diesen recht häufigen Syndromen. Pharmakologisch gibt es aber keinen überzeugenden Grund, warum Duloxetin hier wirksamer sein sollte als andere SNRI.

Dosierung

  • Startdosis: 60 mg/Tag.
  • Empfohlene Erhaltungsdosis: 60 mg/Tag.
  • Bei unzureichender Wirksamkeit kann auf die Höchstdosis von 120 mg/Tag gesteigert werden.
  • Bei Angststörungen wird eine Startdosis von 30 mg/Tag empfohlen.

Nebenwirkungen

Duloxetin kann wie alle SNRI unter anderem Übelkeit, gastrointestinale Beschwerden, Unruhe und sexuelle Dysfunktionen verursachen. Vor allem plötzliches Absetzen kann zu typischen Absetzsymptome führen.

Mein persönliches Fazit

Obwohl Duloxetin seit 2014 als Generikum erhältlich ist, ist es gegenwärtig immer noch deutlich teurer als das in der Wirkung meiner Einschätzung nach gleichwertige Venlafaxin. Allerdings verursacht es meiner Einschätzung nach im höheren Dosisbereich weniger Nebenwirkungen, insbesondere weniger Unruhe und Getriebenheit als Venlafaxin. Die Patienten sind daher mit der Behandlung spürbar zufriedener. Ich verordne oft als Startdosis 30 mg/Tag, die ich nach drei Tagen auf 60 mg/Tag steigere. 90 mg verordne ich eher bei schweren Depressionen und Angststörungen. Die zugelassene Höchstdosis von 120 mg/Tag vermeide ich für die langfristige Behandlung, da unter dieser Dosis Unruhe und Getriebenheit häufig sind. Zu Beginn der Behandlung mit Duloxetin, insbesondere nach etwa zwei Wochen, erfrage ich sehr engmaschig und ausführlich suizidale Impulse.

Eure Erfahrung mit Duloxetin?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Duloxetin gemacht? Ist es besser als Venlafaxin? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

 

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Escitalopram

Geschichte

1989 patentierte Lundbeck das Citalopram, das seither in vielen Ländern zum mit Abstand häufigst verordneten Antidepressivum geworden ist, darunter auch Deutschland. Nachdem das Patent für Citalopram ausgelaufen war, patentierte Lundbeck das S-Enantiomer des Citaloprams, das Escitalopram (siehe Kapitel Pharmakologie). Inzwischen ist auch dieses patentfrei. Escitalopram wird zu einem nur noch geringfügig höheren Preis vertrieben als Citalopram, so dass in letzter Zeit zunehmend viele Ärzte in ihrem Verschreibungsverhalten Citalopram durch das möglicherweise besser verträgliche Escitalopram ersetzen.

Pharmakologie

Citalopram besteht aus zwei Enantiomeren. Enantiomere verhalten sich wie die linke Hand zur rechten Hand. Leg einmal deine linke Hand auf deine rechte Hand, so dass die Finger übereinander liegen. Du siehst, dass sie nicht deckungsgleich sind. Der Daumen der linken Hand liegt über dem kleinen Finger der rechten Hand und der kleine Finger der linken Hand liegt über dem Daumen der rechten Hand. Die beiden Hände sind nicht gleich. Sie sind nur spiegelbildlich. Genau so kommen die meisten Moleküle in der Natur vor. Häufig hat nur eine der beiden Varianten eine chemische Wirkung. Stellen dir einen Rezeptor diesbezüglich wie einen Handschuh vor. In einen linken Handschuh passt auch nur eine linke Hand. Genau so verhält es sich mit den beiden Molekülen, die im Citalopram enthalten sind. Citalopram ist eine Mischung aus gleichen Teilen S-(+)-citalopram und R-(-)-citalopram. Das wirksame Enantiomer ist das S-(+)-citalopram, getauft auf den handlicheren Namen Escitalopram. Nur dieses entfaltet die gewünschten Wirkungen (Zitiert aus: Dreher, J. (2014). Psychopharmakotherapie griffbereit. Schattauer Verlag.)

In 20 mg Citalopram sind 10 mg S-Citalopram (=Escitalopram) und 10 mg des wirkungslosen R-Citalopram enthalten. Aus diesem Grunde entsprechen 20 mg Citalopram immer 10 mg Escitalopram.

Klinischer Einsatz

Citalopram hat in den letzten Jahren ein breites Anwendungsgebiet in der Therapie von Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen und somatoformen Störungen erobert. Es ist in aller Regel gut verträglich und stark wirksam. In den letzten Jahren ist allerdings die Erkenntnis hinzugekommen, dass Citalopram, vor allem in höheren Dosierungen, zu einer Verlängerung der QTc-Zeit führen kann, was im Einzelfall zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen kann. Daher findet sich in der Fachinformation zu Citalopram eine Begrenzung der Höchstdosis und die Empfehlung von regelmäßigen EKG-Kontrollen.

Eine Zeit lang galt Escitalopram in dieser Hinsicht als verträglicher, was darauf zurück geführt wurde, dass R-Enantiomer des Citaloprams im Escitalopram ja eben nicht enthalten ist. Es ist aber unklar, ob nur das S-Citalopram Nebenwirkungen verursacht, ob sowohl das S-Citalopram als auch das R-Citalopram zu gleichen Teilen Nebenwirkungen verursacht, oder ob sogar nur das R-Citalopram Nebenwirkungen verursacht.

In der Hoffnung, dass zumindest ein Teil der Nebenwirkungen auf das R-Citalopram verursacht wird, verordneten daher zunehmend viele Ärzte Escitalopram anstelle des Citaloprams. Dieser Trend setzt sich fort, da inzwischen auch Escitalopram als Generikum verfügbar ist und die Preise sich daher denen des Citaloprams angleichen.

Inzwischen finden sich allerdings auch in der Fachinfo von Escitalopram die gleichen Warnhinweise wie in der für Citalopram, namentlich wird dort auch erwähnt, dass Escitalopram eine dosisabhängige Verlängerung des QTc-Intervalls verursachen kann.

Preise

100 Tabletten Citalopram 20 mg kosten gegenwärtig etwa 17 €. 100 Tabletten Escitalopram 10 mg (die gleich wirkstark sind, sie Kapitel Pharmakologie), kosten etwa 23 €.

Dosierung

Escitalopram wird immer in der halben Dosis des Citaloprams verordnet, 10 mg Escitalopram entsprechen 20 mg Citalopram.

Man verordnet bei Patienten bis zum 65. Lebensjahr 10-20 mg Escitalopram, bei Patienten ab dem 66. Lebensjahr 5-10 mg Escitalopram.

Nebenwirkungen

Escitalopram kann wie alle SSRI zu Übelkeit und gastrointestinalen Beschwerden führen. Auch können Unruhezustände mit Symptomen wie Nervosität, Zittern und Unrast auftreten. Oft gehen diese Nebenwirkungen nach einigen Tagen der Behandlung wieder weg.

Wie bei allen SSRI kann es nach dem Absetzen des Medikamentes – vor allem nach plötzlichem Absetzen – zu unangenehmen Absetzerscheinungen kommen. Diese äußern sich häufig in sogenannten „brain-zaps“, unangenehmen elektrisierenden Mißempfindungen vor allem am Kopf, aber auch Schwindel, Schlaflosigkeit, Schwitzen, Unruhe und anderen Symptomen. Diese klingen in der Regel etwa zwei Wochen nach dem Absetzen des Präparates ab, können im Einzelfall aber auch länger anhalten.

Mein persönliches Fazit

Ich selbst vermute, dass die Nebenwirkungen des Citaloprams, insbesondere die dosisabhängige QTc-Zeit-Verlängerung, vom wirksamen Enantiomer des Citaloprams, dem Escitalopram verursacht werden. Anhand einer Untersuchung nachweisen kann ich das aber nicht. Insofern ergibt sich kein wesentlicher Vorteil von Escitalopram. Die Preise haben sich aber inzwischen sehr weit angenähert, 100 Tabletten Escitalopram 10 mg kosten nur noch 6 € mehr als 100 Tabletten Citalopram 20 mg. Der bisher relevante wesentliche Nachteil des Escitaloprams ist damit weitgehend weggefallen.

Es bleibt aber ein Vorteil des Escitaloprams bestehen: Wenn man halb so viele potentiell nebenwirkungsreiche Moleküle eines Medikamentes geben kann, ist dies einfach besser, als wenn man doppelt so viele Moleküle gibt. Man soll, wenn man medikamentös behandelt, so milde und so gezielt wie irgend möglich in den Transmitter-Stoffwechsel des Menschen eingreifen. Daher präferiere ich in letzter Zeit Escitalopram gegenüber Citalopram.

Eure Meinung

Wie geht ihr mit diesen beiden Substanzen um? Bevorzugt ihr weiterhin Citalopram? Wechselt ihr jetzt, wo der Preisunterschied geringer wird, auf Escitalopram? Wie seht ihr die Unterschiede zwischen den beiden Medikamenten? Schreibt eure Einschätzung in die Kommentare!

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THC-Entzugspsychose

Es gibt ein recht typisches psychiatrisches Krankheitsbild, das nicht jeder in der Psychiatrie Tätige gut kennt, daher möchte ich es hier mal vorstellen.

Fallbeispiel: Der 28 jährige Hr. K. kommt per RTW zur stationären Aufnahme. Er sei auf der Straße aufgefallen, weil er wild gestikuliert habe, mit Unsichbaren gesprochen habe, hilflos und getrieben gewirkt habe. In der Exploration berichtet er, dass er die Stimme des Schicksals höre, diese informiere ihn fortlaufend über aktuelle Geschehnisse der Weltpolitik, die er den anderen mitteilen wolle. Er müsse nicht mehr schlafen und nicht mehr essen, er sei in einem Geistzustand, der dies überflüssig mache. Er sei niemals zuvor in psychiatrischer Behandlung gewesen, die Stimme des Schicksals höre er erst seit einer Woche, zuvor sei etwas ähnliches nie in seinem Leben vorgekommen. Er habe bis vor vier Wochen über viele Jahre täglich etwa 5 Joints THC geraucht. Seine Freundin habe ihm jedoch davon abgeraten, daher sei er seit 4 Wochen komplett THC-abstinent. Andere Drogen konsumiere er nicht und habe er auch nie konsumiert.

Dieses Fallbeispiel ist typisch für eine THC-Entzugspsychose. Patienten, die jahrelang THC in höherer Dosierung konsumieren, und dies plötzlich absetzen, haben etwa 2-4 Wochen danach ein deutlich erhöhtes Risiko, an einer fulminanten psychotischen Episode zu erkranken. Das verwundert auch nicht, da Cannabinoid-Rezeptoren in verschiedenen Regelkreisen aktiv sind, die im Mittelhirn das Gleichgewicht der Dopamin-Konzentration mit beeinflussen. Und wenn dies aus der Bahn kommt, kann nun mal eine psychotische Symptomatik resultieren.
Die Therapie der THC-Entzugssymptomatik unterscheidet sich nicht von der Therapie anderer psychotischer Zustände. Nach einigen Tagen mit einem Neuroleptikum geht sie zumeist deutlich zurück, nach wenigen Wochen Behandlung im psychiatrischen Krankenhaus sind die Patienten zumeist wieder fit. Ich empfehle dann in der Regel, die Neurolepsie für etwa sechs Monate fortzusetzen. Schafft der Patient es, drogenabstinent zu bleiben, kann man hoffen, dass sechs Monate nach Ende der psychotischen Symptomatik das Neuroleptikum abgesetzt werden kann und keine psychotische Symptomatik zurück kommt.

Drogeninduzierte Psychosen sind ja allgemein bekannt. Kennt ihr auch Fälle von THC-Entzugspsychosen? Dann schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

Vortioxetin (Brintellix®)

07.07.2016: Nachtrag: Inzwischen ist entschieden worden, dass Vortioxetin zum am 15. August dieses Jahres in Deutschland aus dem Vertrieb genommen wird.

Vortioxetin (Brintellix®)

  • ist ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Darüber hinaus hat es an unterschiedlichen Serotonin-Rezeptor Subtypen agonistische oder antagonistische Wirkungen.
  • erscheint in der Wirkung klassischen SSRI ebenbürtig zu sein.
  • verursacht weniger Nebenwirkungen, insbesondere keine QTc-Zeit-Verlängerung, kaum Müdigkeit oder sexuelle Dysfunktionen.
  • steht im Ruf, besser wirksam gegen kognitive Störungen im Rahmen einer Depression zu sein.
  • scheint nicht so gut wirksam zu sein gegen Angststörungen.
  • kostet im Moment noch recht viel, da es patentgeschützt ist und eine Beurteilung vom G-BA noch aussteht.

Vortioxetin, in Deutschland unter dem Namen Brintellix® vertrieben, ist ein neuartiges, multimodal wirkendes Antidepressivum, das aufgrund einiger Besonderheiten möglicherweise einen Vorteil gegenüber Vergleichssubstanzen wie Citalopram bieten kann.
Die Wirksamkeit von Vortioxetin gegen Depressionen scheint der des Citalopram ebenbürtig zu sein.
Aber es verursacht scheinbar weniger Nebenwirkungen. Zum einen ist bislang keine Qtc-Zeit Verlängerung unter Vortioxetin bekannt. Dies erleichtert den Einsatz bei kardiologisch komorbide erkrankten Patienten und reduziert die Anzahl an Kontroll-EKG´s. Zum zweiten moduliert Vortioxetin über eine selektive Serotonin 5-HT3 und 5 HT7-Rezeptor-Blockade den Serotonin-Haushalt in einer besonderen Art und Weise. Man erhofft sich hiervon eine bessere Wirkung auf kognitive Störungen im Rahmen von Depressionen. [1]

Geschichte

Vortioxetin ist seit Dezember 2013 in Europa zugelassen. Seit dem ersten Quartal 2015 wird es in Deutschland vertrieben. Es ist noch nicht endgültig entschieden, zu welchem Preis das Medikament in Zukunft vertrieben werden kann. Gegenwärtig kostet eine N3 Packung des patentgeschützten Brintellix® mit 98 Tabletten zu 20 mg etwa 370 €.

Pharmakologie

Zunächst einmal ist Vortioxetin ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, wie Citalopram oder andere SSRI. Darüber hinaus hat es aber agonistische und antagonistische Wirkungen an unterschiedlichen Serotonin-Rezeptoren. Besonders stark sind sein Antagonismus am 5-HT3 Rezeptor und seine partialantagonistische Wirkung am 5-HT1B-Rezeptor. Es wirkt agonistisch am 5-HT1A Rezeptor. Darüber hinaus wirkt es antagonistisch am 5-HT7- und 5-HT1D-Rezeptoren. Die Herstellerfirma formuliert dies so: “Vortioxetin ist ein Serotoninmodulator und -stimulator”.
Vortioxetin wird über das CYP P450 System metabolisiert, hauptsächlich über die CYP2D6.

Klinischer Einsatz

Vortioxetin ist zugelassen zur Behandlung depressiver Erkrankungen. Da viele Antidepressiva auch bei Angststörungen gut wirksam sind, lag eine Überprüfung hier nahe. Allerdings zeigte sich Vortioxetin in dieser Indikation in 3 von 4 Studien nicht dem Placebo überlegen.

Dosierung

  • Patienten unter 65 Jahre: Mit 10 mg morgens anfangen, dann je nach klinischem Ansprechen die Dosis bei 10 mg belassen, auf 15–20 mg steigern oder auf 5 mg reduzieren.
  • Pat. über 65 Jahre: Mit 5 mg morgens anfangen, dann je nach klinischem Ansprechen die Dosis bei 5 mg belassen oder auf 10 mg steigern.

Nebenwirkungen

Wie praktisch alle SSRI verursacht Vortioxetin als häufigste Nebenwirkung Übelkeit und andere gastrointestinale Symptome.
Bemerkenswerter ist allerdings, welche Nebenwirkungen Vortioxetin nicht macht: Es verursacht zumeist keine Gewichtszunahme, in einer Dosis bis 15 mg keine sexuellen Dysfunktionen und es ist nicht für eine Verlängerung der QTc-Zeit bekannt.

Mein persönliches Fazit

Vortioxetin scheint bezogen auf die Wirksamkeit mit anderen SSRI wie Citalopram gleichauf zu liegen. Allerdings hat es – zumindest dem bisherigen Kenntnistand nach – deutlich weniger Nebenwirkungen. Praktisch spielt es eine große Rolle, dass es offenbar nicht zu einer QTc- Zeit-Verlängerung führt. Auch soll es in Dosierungen bis 15 mg / Tag keine relevante seuelle Dysfunktion verursachen.
Inwieweit es besser gegen die kognitiven Störungen bei Depressionen hilft, kann ich selbst noch nicht einschätzen.
Gegen Angststörungen scheint es schlechter zu wirken als Venlafaxin oder Citalopram.

Eure Erfahrungen ?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Brintellix® gemacht? Schreibt eure Berichte in die Kommentare!

Weiterführende Weblinks

http://www.kompendium-news.de/2014/03/vortioxetin-eu-zulassung-als-neues-antidepressivum/
https://de.wikipedia.org/wiki/Vortioxetin

Literatur:

[1] Müller, W. (2015). Antidepressiva und kognitive Dysfunktion: die Rolle von Vortioxetin. Psychopharmakotherapie, (4), 177–186.

 

Neulich im Gericht: Promille, mg/L, g/L, g/Kg oder wie betrunken war der Angeklagte denn nun?

Stets größte Freude löst es im Gericht aus, wenn in der Akte ein Atemalkoholgehalt oder ein Blutalkoholgehalt in mg/dl oder in g/L angegeben wird, und einer der Prozessbeteiligten das mit dem „Promillewert“ gleichsetzt. Das ist nämlich leider nicht der Fall, und die überzeugende Umrechnung obliegt dann dem Sachverständigen. Ich habe mal versucht, alle möglichen Fallstricke zusammenzutragen:

1. „Umrechnung“ Atemalkoholkonzentration in Blutalkoholkonzentration

Es macht einen großen Unterschied, ob ich den Alkoholgehalt in der Atemluft beschreibe oder den Alkoholgehalt im Blut. Man kann den Alkoholgehalt in der Atemluft eigentlich nicht nach einer Formel in den Alkoholgehalt im Blut umrechnen. Hier werden schließlich nicht einfach Einheiten umgerechnet, sondern es handelt sich um zwei biologisch zwar zusammenhängende, aber nicht gleiche biologische Zustände. Ihr müsst euch das so vorstellen: Im Körper des Probanden, hauptsächlich im Blut, ist Alkohol gelöst. Ein kleiner Teil dieses Alkoholes verdunstet innerhalb der Lunge in den Luftraum der Lunge. Ein Teil davon wird ausgeatmet. Die Alkoholkonzentration in dieser Ausatemluft gibt natürlich einen Hinweis darauf, wieviel Alkohol im Blut des Probanden gelöst ist. Die beiden Werte korrellieren unter standardisierten Bedingungen auch über bestimmte Strecken ganz gut. Aber weder hängen sie linear zusammen noch sind sie unabhängig von bestimmten Faktoren wie Lungenkrankheiten, Dauer und Geschwindigkeit des Trinkens und anderen. Der Blutalkohol geht kurz nach dem Trinken in einer anderen Geschwindigkeit in die Atemluft über, als eine halbe Stunde nach dem letzten Schluck. Man kann die Werte also nicht umrechnen, sondern nur aus dem einen Wert eine Schätzung auf den anderen Wert ableiten. Der Gesetzgeber hat aber hier in seiner großen Weitsicht eine Vereinfachung in die Welt gestellt, die der Realität recht nah kommt:

Eine Atemalkoholkonzentration von 0,25 mg/L wird juristisch gewertet wie eine Blutalkoholkonzentration von 0,5 ‰ (g/Kg).

Wer die biologischen Details nachlesen will, kann das zum Beispiel hier tun.

Es steigert die Verwirrung, dass die normalen Atemalkoholtestgeräte, die einem der Schutzmann am Straßenrand durchs Fenster reicht, zwar die Atemalkoholkonzentration messen. Sie zeigen aber je nach Einstellung am Gerät entweder die tatsächliche Atemalkoholkonzentration (AAK) in mg/L oder den nach dieser Formel hochgerechneten Blutalkoholspiegel in Promille an. In der Gerichtsakte findet sich normalerweise der Wert in mg/L.

2. Umrechnung der Blutalkoholkonzentration von g/L in Promille

Blut ist nicht gleich Blut. Man kann den Alkoholgehalt im Vollblut, im Serum oder im Plasma messen.

Und es gibt verschiedene Einheiten, in denen man die Alkoholkonzentration angeben kann. Traditionell und bekannt sind die Promille, die sich auf den Gewichtsanteil des Alkohols in Gramm Alkohol pro Kg Blut beziehen. Dann gibt es die SI-Einheiten, namentlich g/l. Hier wird der Alkoholanteil in Gramm Alkohol pro Liter Blut angegeben. Nun wiegt ein Liter Blut nicht genau 1 Kg; dann wäre alles etwas einfacher. Aber Blut ist etwas schwerer als Wasser. Blut hat ein spezifisches Gewicht von 1.057 g/cm³. Daher wiegt ein Liter Vollblut etwa 1057 Gramm = 1,057 Kg.

Zum Umrechnen gelten laut Wikipedia daher folgende Faustformeln:

  • BAK (‰) = Ethanol im Vollblut (g/L)/1,057 
  • BAK (‰) = Ethanol im Serum oder Plasma (g/L)/1,2312

Diese Formeln kann man natürlich auch so umstellen, dass die SI-Einheiten vorne stehen:

  • Ethanol im Vollblut (g/L) = BAK (‰)*1,057
  • Ethanol im Serum oder Plasma (g/L) = BAK (‰) * 1,2312

Schön. Versuchen wir eine Tabelle. Dabei bedeuten:

  • Atemalkoholkonz.: Atemalkoholkonzentration des Alkohols in der Atemluft in mg Alkohol pro Liter Luft (mg/L).
  • Blutalkoholkonz.: Blutalkoholkonzentration des Alkohols im Vollblut in Gramm Alkohol pro Liter Vollblut (g/L).
  • Blutalkoholkonzentration in ‰: Konzentration des Alkohols im Vollblut als Gramm Alkohol pro Kilogramm Blut.
  • Fett formatiert ist jeweils der Wert, von dem ausgegangen wird. Handelt es sich um eine Umwandlung von Atemalkoholkonzentration in Blutalkoholkonzentration, ist dies ja eine Schätzung. Die resultierenden Werte sind daher mit „ungefähr“ gekennzeichnet. Handelt es sich um die Umwandlung der Blutalkoholkonzentration von einer Einheit in die andere, ist dies eine Umrechnung, es resultiert daher kein „ungefähr“.
Atemalkoholkonz. in mg/L Blutalkoholkonz. in g/L Blutalkoholkonz. in ‰ (g/Kg)
1 mg/L ungefähr 2,144 g/L ungefähr 2 ‰
ungefähr 0,473 mg/L 1 g/L 0,946 ‰
ungefähr 0,5 mg/L 1,057 g/L 1 ‰

Merke:

  • Es gibt einen großen Fallstrick: Wenn in der Gerichtsakte ein Atemalkoholwert von 1 mg/L steht, dann ist der Patient aber mit 2 ‰ Blutalkoholgehalt doppelt so betrunken, wie man zunächst denkt… Also x mg/L Atemalkoholkonzentration = 2*x Promille Blutalkoholkonzentration. Oder x mg/L AAK = 2*x BAK in ‰
  • Der Unterschied zwischen den beiden Maßen für den Alkoholgehalt im Blut, nämlich g/kg (Promille) oder g/L ist mit seinem Umrechnungsfaktor von 1,06 eher akademischer Natur. Den muss man hauptsächlich verstanden haben, um ihn nicht mit dem Umrechnungsfaktor von 2 beim Umrechnen Atemalkoholkonzentration nach Blutalkoholkonzentration (AAK->BAK) zu verwechseln.

Ich hoffe, ich habe alle Unklarheiten beseitigt und keinen Fehler gemacht. Wenn mir doch einer unterlaufen ist: Ich übernehme mal keine Verantwortung für dessen Folgen und bitte herzlich um Korrektur!