Opipramol (Insidon®): Ein stumpfes Schweizer Messer

Opipramol

Opipramol (Insidon®) belegt auf der Rangliste der am häufigsten verordneten Psychopharmaka den stolzen Platz 5 (Verordnungshäufigkeit siehe diesen blogpost). Es ist ein im stationären Bereich eher selten verordnetes Medikament, dass sich aber bei niedergelassenen Hausärzten, Internisten und auch bei niedergelassenen Psychiatern großer Beliebtheit erfreut. Opipramol hemmt weder die Wiederaufnahme von Serotonin noch die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Mutmaßlich aufgrund der Hemmung von Sigma-1-Rezeptoren entwickelt es eine milde antidepressive und angstlösende Wirkung. Wahrscheinlich aufgrund der Histamin-Blockade wirkt es sedierend. Angewendet wird es für ein breites Indikationsgebiet, das von Depressionen über Angststörungen, Anspannungszustände, Schlafstörungen bis hin zu Zwangsstörungen reicht. Und vielen Patienten hilft es auch sehr gut und erweist sich gleichzeitig als gut verträglich. Dann ist es ein gutes Medikament für diesen Patienten.

Ich selbst verschreibe es praktisch nur dann, wenn es eine erfolgreiche Vorbehandlung mit Opipramol gibt. Ansonsten bevorzuge ich die Kombination aus einem modernen Antidepressivum mit einem niederpotenten Neuroleptikum. Das Antidepressivum wirkt stimmungsaufhellend und lindert Ängste, das niedrig dosierte niederpotente Neuroleptikum wirkt sedierend und ebenfalls angstlindernd (Neuroleptanxiolyse).

Insofern erscheint mir Opipramol wie ein Schweizer Messer oder wie ein Universalmesser, das aber in Konkurrenz steht zu mehreren schärferen spezialisierten Klingen für jeweils bestimmte Aufgaben.

Die Grammy Verleihung der Psychopharmaka 2009

Der Arzneiverordnungsreport 2010 (Schwabe, Paffrath) berichtet über die Verordnungen von Medikamenten im Jahr 2009 durch die niedergelassenen Ärzte der GKV (neuere Daten liegen noch nicht vor…). Hier sind die am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka aufgelistet. Die Tabelle gibt zu den genannten Substanzen die Anzahl der verordneten definierten Tagesdosen (defined daily dose, DDD) in Millionen wieder. Die defined daily dose für Citalopram ist beispielsweise mit 20 mg festgelegt. Die Tabelle gibt an, dass von Cipramil 241,7 Millionen Tagesdosen verschrieben worden sind. Legt man zugrunde, dass jeder Patient, der Citalopram erhalten hat, dies das ganze Jahr, also 365 Tage lang erhalten hat, ergibt sich, dass 241,7/365=0,66 Millionen Menschen damit ein Jahr lang behandelt worden wären. Nimmt man an, dass die mittlere Verordnungsdauer 4 Monate betrug, was sehr viel realistischer ist, wären in Deutschland zu Lasten der GKV im Jahre 2009 3*0,66=knapp zwei Millionen Menschen mit Citalopram behandelt worden.

Die ersten 4 Plätze der Tabelle überraschen nicht. Antidepressiva sind die mit Abstand am häufigsten verordneten Psychopharmaka, weil Depressionen und Angsterkrankungen die häufigsten psychischen Erkrankungen sind. Platz 5 und 6 überraschen. Opipramol habe ich daher einen eigenen Artikel gewidmet, zu Metylphenidat will ich noch einen schreiben.

Doch hier nun erst einmal zwei Tabellen, die erste zeigt die Verordnungshäufigkeit, die zweite auszugsweise die Kosten:

Substanz Mio. DDD
Citalopram 241,7
Mirtazapin 123,1
Amitriptylin 94,5
Venlafaxin 75,1
Opipramol 74
Methylphenidat 55,3
Sertralin 55,1
Doxepin 54,2
Escitalopram 47,5
Zopiclon 47,3
Fluoxetin 43,3
Paroxetin 42,3
Lorazepam 36,8
Duloxetin 34,7
Quetiapin 33,3
Olanzapin 32,7
Zolpidem 32,5
Trimipramin 31,6
Diazepam 31
Risperidon 29
Johanniskraut 27,7
Lithiumsalze 20,3
Haloperidol 18,4
Lormetazepam 15,3
Perazin 15,2
Oxazepam 14,1
Clozapin 13,3

Für die Kosten ergibt sich eine ganz andere Tabelle (Auszug, nach Verordnungshäufigkeit sortiert):

Name Rang Verordnungen Kosten
Seroquel 83 1,17 Mio 259 Mio €
Amitriptylin-neurax 105 0,98 Mio. 18 Mio. €
Tavor 130 0,85 Mio. 12 Mio. €
Diazepam-ratiopharm 154 0,76 Mio. 8 Mio. €
Trevilor 367 0,38 Mio. 69 Mio. €

Quelle für beide Tabellen: http://www.psywiki.org/index.php?title=Psychopharmaka_Verordnungen_2009

Welches Antidepressivum gebe ich wem?

Cipramil, Cipralex, Cymbalta, Trevilor. Wem gebe ich denn nun wann welches Antidepressivum?

Wenn ich mich entschieden habe, ein Antidepressivum zu verordnen, habe ich einen bestimmten Algorithmus im Kopf, nach dem ich aussuche, welches Medikament ich gebe. 1. Frage: Hat diese Patientin, hat dieser Patient schon mal ein bestimmtes Antidepressivum erhalten, und hat es überzeugend gewirkt? Wenn Ja, dann gebe ich das gleiche wieder. Punkt. Ende des Algorithmus. 2. Frage: Verordne ich das Antidepressivum gegen eine generalisierte Angststörung? Dann gebe ich Duloxetin (Cymbalta) oder Venlafaxin (Trevilor), letzteres ist explizit gegen die generalisierte Angststörung zugelassen. Beide sind sehr gut wirksam in dieser Indikation. Beide sollten hoch dosiert werden. 3. Frage: Verordne ich das Antidepressivum gegen eine Zwangsstörung? Dann gebe ich zuerst Citalopram (Cipramil). Ich strebe eine höhere Dosis an, zunächst 40 mg pro Tag, im Einzelfall ist dann zu prüfen, ob trotz der bekannten Risiken eine höhere Dosis zu wählen ist. Die QTc Zeit muss dabei gemonitort werden, der Pat. über den Warnhinweis aufgeklärt werden. Citalopram kann in höheren Dosierungen als 40 mg die QTc Zeit verlängern und zu gefährlichen Rhythmusstörungen führen (siehe auch hier). Bleiben im Wesentlichen die unipolaren und bipolaren Depressionen. 4. Frage: Handelt es sich um eine Depression mit reduziertem Antrieb, normalem Antrieb oder gesteigertem Antrieb (agitierte Depression)?

  • Bei Patienten, die einen sehr stark reduzierten Antrieb haben, beginne ich mit Duloxetin (Cymbalta), Zieldosis 60-90 mg.
  • Bei etwas reduziertem und normalem Antrieb verordne ich im ersten Schritt Citalopram, Zieldosis 40 mg pro Tag. In der Regel führt dies zu einem guten Ergebnis.
  • Reicht der Erfolg nicht, wechsele ich bei einer Depression mit reduziertem Antrieb zügig (zwei Wochen) auf Duloxetin (Cymbalta), weil dies nicht nur die Serotonin Wiederaufnahme hemmt, wie das Citalopram, sondern zusätzlich noch die Noradrenalin Aufnahme hemmt, was den Antrieb steigert.
  • Bei Patienten mit einem normalen Antrieb wechsele ich erst nach etwa 3-4 Wochen ohne erkennbaren Therapieerfolg auf Duloxetin.
  • Bei gesteigertem Antrieb und insbesondere bei Schlafstörungen bevorzuge ich Mirtazapin (Remergil) zur Nacht. Dies empfehle ich aber nur, wenn kein Gewichtsproblem besteht und nachdem ich über die Möglichkeit einer Gewichtszunahme unter Mirtazapin informiert habe und der Patient zustimmt. Ich beginne dann mit 15 mg zur Nacht. Je nach Schwere der Schlafstörung und Agitation steigere ich Mirtazapin auf bis zu 45 mg pro Tag. Reicht das, um die Schlafstörung zu beheben und den Antrieb zu normalisieren, bleibe ich bei 15 mg Mirtazapin zur Nacht und ergänze 20-40 mg Citalopram am Morgen.

Mit diesem Algorithmus komme ich in 95 % der Fälle hin. Reicht die Wirkung nicht aus oder kommt es zu Nebenwirkungen, verwende ich folgende Austauschpräparate:

  • Citalopram (Cipramil) wird nicht vertragen: -> Escitalopram (Cipralex) versuchen. Beide sind reine Serotonin-Wiederaufnahme Hemmer und werden in der Regel recht gut vertragen und sind sehr wirkstark.
  • Duloxetin wirkt nicht stark genug: -> Venlafaxin versuchen. Beide hemmen sowohl die Serotonin Wiederaufnahme als auch die Noradrenalin Wiederaufnahme. Venlafaxin hemmt in hoher Dosis unerwünschterweise auch die Dopamin Wiederaufnahme und kann daher wahnhafte Symptome triggern oder verstärken und es macht oft stärker unruhig als Duloxetin, wirkt aber in einzelnen Fällen besser.

Was ist mit den „Alten Antidepressiva“ ?

  • Clomipramin gebe ich manchmal als Augmentation bei Zwangserkrankungen.
  • Amitriptylin gebe ich manchmal bei chronifizierten Schmerzstörungen.
  • Fluoxetin, Fluvoxamin, Mianserin, Paroxetin und die ganzen anderen älteren Antidepressiva gebe ich nur nach Regel 1: Hat schon mal geholfen, dann verordne ich sie wieder. Ansonsten verwende ich sie nicht.

Wenn das alles nicht hilft?

  • Augmentation mit Lithium. Hilft oft.
  • Augmentation mit Schilddrüsenhormon. Hilft selten. Mache ich nur in Einzelfällen.

Was noch zu beachten ist:

  • Schwere wahnhafte Depression: EKT.
  • Bei Vorliegen einer wahnhaften Komponente oder wahnähnlichem Grübeln ein niedrigdosiertes Neuroleptikum ergänzen.
  • Bei Patienten mit sehr großer Angst und keiner Abhängigkeit in der Vorgeschichte ein Benzodiazepin erwägen.
  • Bei Suizidalität ein Benzodiazepin ergänzen.
  • Den normalen Zeitverlauf der Besserung würdigen: Etwa zwei Wochen nach Beginn einer antidepressiven Medikation kommt oft eine Antriebssteigerung, nach etwa vier Wochen kommt oft die Stimmungsverbesserung. Angststörungen verbessern sich etwa nach vier bis sechs Wochen, Zwangsstörungen oft erst nach sechs bis zwölf Wochen.

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Copyright

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

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Psychiatrie Barometer


Das Deutsche Krankenhaus Institut (DKI) hat erstmalig das „Psychiatrie Barometer“ veröffentlicht. Das DKI veröffentlicht schon seit 2000 das „Krankenhaus Barometer“. In diesem Jahr ist nun das Psychiatrie Barometer hinzugekommen, das von nun an jährlich erscheinen soll und das spezifisch die Versorgungsrealität der Psychiatrie Landschaft beschreibt.

Es stellt auf 120 Seiten wesentliche Daten zu Bettenzahlen, Fallzahlen, PsychPV Zahlen und ähnlichen dar. Es informiert über die Angebote, die die Psychiatrischen Kliniken vorhalten und zu welchen Anteilen diese in den Krankenhäusern zum Einsatz kommen, so liefert es Zahlen zur Pharmakotherapie, Psychotherapie, Ergotherapie, etc. Es berichtet über den Einsatz von Homöopathie, EKT, Aromatherapie und allem möglichen anderen. Es beschreibt MDK Prüfungen und deren Erfolgsquoten und zu Personalbesetzungsproblemen. Kurzum, es liefert einen interessanten Überblick über sehr viele statistische Eckdaten, die für psychiatrische Kliniken relevant sind, basierend auf einer breiten Datenlage. 

Es lohnt sich, in das pdf Dokument mal hinein zu schauen und sich die Bereiche durchzulesen, die einen interessieren.

 

Dementiaville: Die Trueman Show für Alzheimer Patienten?

In der Schweiz, in Wiedlisbach in der Nähe von Bern, soll eine neue Pflegeeinrichtung des Betreibers dahlia für 150 Alzheimer Kranke entstehen. Das Konzept sieht vor, Architektur und Erscheinungsbild des kleinen Dorfes an die 50’er Jahre anzulehnen, so dass sich die Alzheimer Kranken, deren Langzeitgedächtnis oft noch sehr lange erhalten bleibt, geborgen und sicher fühlen, weil sie die Umgebung als vertraut wahrnehmen. Darüber hinaus sollen auch die Betreuerinnen und Betreuer nicht in weiße Kasacks gehüllt sein, sondern das Outfit von Gärtnern, Friseuren, Einkaufsladen-Angestellten etc. haben, um den Eindruck, selbständig zu leben, aufrecht zu erhalten.

Das Projekt hat in der Pressemeinung den Namen Dementiaville bekommen, es wird dafür kritisiert, zu planen, die Kranken zu täuschen, gerade Kranke, die ohnehin Schwierigkeiten haben, sich in der Welt zurecht zu finden. Die Sache wird als Trueman Story für Hilflose diskutiert.

In der Nähe von Amsterdamm gibt es eine Pflegeeinrichtung, die ein ähnliches Konzept mit viel Augenmaß betreibt: Hogewey. Auch hier finden Betroffene eine Umgebung, in der sie sich schnell vertraut fühlen und in der sie sich sicher und soweit wie möglich selbstbestimmt bewegen können. Ich habe hier eine 5 minütige deutsprachige Reportage gefunden, die sich zu sehen lohnt, um sich ein Urteil zu bilden. Das video findet Ihr hier.

Meine Meinung dazu? Die Idee, eine vertraute, sichere Umgebung zu schaffen, in der sich der Alzheimer Kranke wohl fühlt und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten frei bewegen und selbstständig verhalten kann, ist sehr sehr gut. Ich persönlich bin der Meinung, dass man dabei niemals eine falsche Illusion aufbauen sollte und das man das auch gar nicht muss. Es ist nicht nötig, wirklich zu täuschen. Ein Namensschild, das der Betreuer trägt, nimmt keine Sicherheit, es gibt sogar Sicherheit. Mit Augenmaß konzipiert, ist so eine Einrichtung sehr angemessen. Hätte ich einen Demenzkranken Angehörigen und lebte ich in Amsterdam, Hogewey würde ich ihn anvertrauen.

Psychotherapie per Skype

Jeff Zeig berichtete in einem Gespräch, in Amerika sei es nicht unüblich, Psychotherapie über Skype anzubieten. Es gebe das Modell, sich bei den ersten ein, zwei Treffen face to face zu treffen, er selbst erhalte aber so viele Anfragen von weit entfernten Klienten, dass er regelmäßig Psychotherapien auch direkt per Skype beginne und erfolgreich fortführe. Selbst hypnotherapeutische Techniken seien über Skype möglich. Er sei sicher, dass dies in der Zukunft immer üblicher werde, die weiten Entfernungen gerade in Amerika ließen kaum etwas anderes zu. Selbstverständlich biete sich Skype auch in der Ausbildung seiner Studenten immer mehr an, er habe auch häufiger Seminare, in denen seine ihm bekannten engagiertesten Studenten in einem google+ Kreis virtuell versammelt seien und er nach und nach jeden zu einer Intervention auffordert.

In Deutschland ist es praktisch noch nicht möglich, Psychotherapie über das Internet anzubieten. Es gibt gerade am St. Alexius/ St. Josef Krankenhaus in Neuss ein Pilotprojekt, ein psychotherapeutisches modulares Programm in email Form zu validieren, eine Pilotstudie zusammen mit der Uni Düsseldorf.

Eine 15 minütige kostenlose telefonische psychologische Kurzberatung oder eine email Beratung gibt es hier.

Ich bin sicher, dass sich Psychotherapie per Videostreaming in der Zukunft etablieren wird. Die mangelhafte Versorgung mit Psychotherapeuten auf dem Land, die hohe Therapeutendichte in der Stadt, die zunehmende Akzeptanz digitaler Kommunikation werden meiner Meinung nach den Weg ebnen. Wobei ich es bevorzugen würde, den Klienten beim ersten Mal und danach so etwa alle 10 Sitzungen persönlich zu treffen.

Was haltet ihr von online-Psychotherapie?

P.S.: Das Video, das Jeff Zeig gestern auf dem Festvortrag gezeigt hat, das die 5. Symphonie Beethovens als Ehestreitchoreografie zeigt, und das absolut großartig ist, findet ihr hier:

Testosteron macht egoman

Wir ahnten es ja schon immer, jetzt haben Forscher am University College London um Nick Wright in einer Studie (Original hier) gezeigt, dass Testosteron die Fähigkeit zur Kooperation bremst und so die Ergebnisse in darauf abgestimmten Tests deutlich verschlechtert.

Das Experiment: 17 Paare von je zwei Frauen beurteilten kooperativ eine schwierige Einschätzungsfrage. Auf einem Monitor wurde ein Muster gezeigt, es sollte die richtige Aussage zum Kontrastverhältnis der Bilder gemacht werden. Beide Partner bewerteten die Aufgabe zuerst allein. Wenn sie nicht übereinstimmten, hatten sie den Auftrag, sich zu einigen. Durch diese Kooperation verbesserten die Partnerinnen unter normalen Bedingungen die Qualität des Ergebnissen, es setzte sich öfter die Partnerin durch, die richtig lag.

Die Intervention: In einem doppelblinden, randomisierten cross over design bekam eine Partnerin entweder Testosteron oder Placebo intravenös. Der Grund, warum keine Männer mitmachen durften, war, dass Männer ohnehin schon so viel Testosteron im Blut haben und auf Testosterongaben oft reagieren, indem sie selbst weniger Testosteron produzieren. Unübersichtlich. Bei Frauen, die physiologisch auch immer etwas Testosteron im Blut haben, führt die Gabe von Testosteron zu einem definierten, kurzen Anstieg dieses Hormons im Blut. Übersichtlich und für diese Studie sehr gut geeignet.

Das Ergebnis: Die Frauen, die Testosteron enthalten haben, haben sich sehr viel stärker bei den strittigen Fällen durchgesetzt. Aber eben auch dann, wenn sie falsch lagen. Die virilisierten Damen waren dominanter, durchsetzungsstärker und zeigten weniger Bereitschaft zur Kooperation. Und dadurch wurde das Ergebnis der Beratungen SCHLECHTER als ohne Testosteron.

Das Maß an Kooperation ist hier das Verhältnis aus Entscheidungen, bei denen sich die Versuchsteilnehmerin durchgesetzt hat (egozentische Entscheidung) im Verhältnis zu den Entscheidungen, bei denen sich die andere Partnerin durchgesetzt hat (allozentrische Entscheidung). Wen beide Entscheidungen gleich häufig aufgetreten wären, wäre das Verhältnis 1 gewesen.

Nach Gabe einer Spritze bei einer Versuchsteilnehmerin zeigte sich bereits unter Placebo eine Neigung zu egozentrischen Entscheidungsfindungen, das E(gozentrik) / A(llozentrik) Verhältnis stieg bereits unter Placebo auf 1,3. Schon das ist hochinteressant: Spritz einer Versuchsperson ein Placebo, von dem sie glaubt, es könnte Testosteron sein, und sie setzt sich in nachfolgenden Streit um eine Einschätzung stärker durch!

Unter tatsächlichem Testosteron nahm die Stärke dieser Durchsetzungsfreude aber eben noch signifikant und deutlich zu, das E/A Verhältnis stieg auf 1,6 Die Grafik unten zeigt dies.

Die Beurteilung: Wir wissen von Oxytocin, das auch „Kuschelhormon“ genannt wird, dass es kooperatives Verhalten fördert. Frauen schütten es beim Orgasmus, beim Stillen und beim Kuscheln (doch, wirklich, ehrlich, bei angenehmem Hautkontakt) aus, es fördert Nestschutzverhalten, Harmonie und Friedlichkeit. Es festigt die Paarbindung („Treuehormon“), verstärkt Liebe, Vertrauen und Ruhe. Und noch einmal, es fördert Kooperation. Auch Prolaktin und Vasopressin spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation sexueller Paarbeziehungen (Übersicht hier)

Testosteron hat ja ebenfalls bekannte verhaltensbiologische Wirkungen. Bei Tieren steigert es Dominanzverhalten, Aggressivität und  Sexualtrieb. Bei Menschen wird es diesem Klischee nicht ganz so eindeutig gerecht. So förderte die einmalige Gabe von Testosteron beim Menschen die Fairness (Nature Artikel hier). Die Beobachtung bei jungen Sportlern, die sich mit Testosteron dopen, spricht für eine Zunahme von Aggression und Dominanzverhalten. Die hier beschriebene Studie zeigt nun nachdrücklich, dass Testosteron egomanes Verhalten fördert, und zwar so, dass das Ergebnis der Zusammenarbeit schlechter wird als ohne zusätzliches Testosteron. Sie zeigt, dass Kooperation das Ergebnis von Gruppen verbessern kann und dass zu starkes Dominanzverhalten bei bestimmten Aufgaben mehr schadet als nutzt.

Die 5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

Der schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat die Psychotherapieforschung im deutsprachigen Raum im Jahr 1994 durch sein Buch „Psychotherapie im Wandel“ revolutioniert.
Seine Herangehensweise hat die Betrachtung von Psychotherapie seither grundlegend geändert. In diesem Buch unterzog Grawe alle damals relevanten Psychotherapieformen einer kritischen Würdigung, und zwar nicht in Form einer persönlichen Einschätzung, sondern in Form einer Übersicht, die alle damals verwertbaren 897 Studien zu allen relevanten Psychotherapieformen nach einem gemeinsamen Protokoll beschrieb, bewertete und zusammenfasste. In der Zusammenfassung schrieb Grawe, welche Wirksamkeitseinschätzung sich aus diesen Studien ergab. Somit konnte erstmalig in einem praktisch vollständigen Überblick unterschieden werden:

  • welche Psychotherapieformen zwar gerne angewendet werden, aber keine Studien zu ihrer Wirksamkeit vorweisen können,
  • welche Psychotherapieformen für bestimmte Anwendungsbereiche Studien vorweisen können, die eine Wirksamkeit in Bezug auf ein wichtiges Ergebnis, etwa eine deutliche Verbesserung der Depression, nachweisen konnten,
  • welche Psychotherapieformen mehrere Studien haben, die für mehrere Anwendungsbereiche eine Wirksamkeit in Bezug auf mehrere wichtiges Ergebnisse zeigen.

Damit mussten sich die Psychotherapien am gemeinsamen Standard aller anderen Heilverfahren messen lassen: Metaanalysen,  die die Ergebnisse mehrerer kontrollierter Studien auf nachvollziehbare Weise zusammenfassen. Und damit frei von allen Dogmen in der Lage sind, zumindest die Frage zu beantworten, ob ein bestimmtes Therapieverfahren bei einer bestimmten Anwendung zu einer messbaren Änderung eines bestimmten Parameters führt, etwa der Schwere der Depression.

Der Zwischenstand 1994 war erst einmal sehr ernüchternd:

  • Für die weit überwiegende Mehrzahl der Psychotherapieformen lagen wenige bis gar keine Studien vor, die die Mindestanforderungen an Qualitätsansprüchen, die zur Beantwortung dieser Fragen nötig sind, erfüllten.
  • Gerade die psychoanalytisch orientierten Psychotherapien, die für sich in Anspruch nahmen, in der Wirksamkeit allen anderen Therapien überlegen zu sein, wiesen eine nur äußerst spärliche Studienlage auf. Die Qualität der Studien in diesem Bereich war oft unzureichend.
  • Mit am besten waren die Verhaltenstherapeutischen Psychotherapieformen untersucht, diese auch mit guten Ergebnissen, allerdings zumeist bezogen auf eine sehr spezielle Frage.

Inzwischen sind natürlich deutlich mehr Studien hinzugekommen und die methodische Qualität hat sich in vielen Bereichen deutlich verbessert, so dass inzwischen in einigen Fällen eine andere Einschätzung möglich ist.

Aus seinen Forschungsergebnissen entwickelte Grawe das Ziel, den Schulenstreit zu überwinden und die Grundlagen einer Allgemeinen Psychotherapie zu entwickeln. Deshalb beschäftigte er sich in seinen letzten 10 Lebensjahren bis 2005 intensiv mit der Entwicklung und empirischen Überprüfung der Grundlagen einer Psychologischen Psychotherapie, für die er die Besonderheiten der tiefenpsychologischen bzw. verhaltenstherapeutischen Ansätze herausarbeitete, (Stichwort Klärungs- bzw. bewältigungsorientierte Therapie), ihre gemeinsamen Wirkfaktoren extrahierte und als gemeinsame Grundlage seine Konsistenztheorie entwickelte, in die auch seine Schematheorie und schemaanalytische Fallkonzeption einfloss. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete Grawe an der Validierung von fünf Wirkfaktoren, die therapieschulenübergreifend notwendige Voraussetzungen für das Gelingen von Psychotherapie sind. Er war absolut sicher, diese Faktoren empirisch nachprüfbar gefunden zu haben.

5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Psychotherapeuten und dem Patienten / Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken wie intensives Erzählen, ImaginationsübungenRollenspiele o.ä. die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

Inwieweit diese fünf Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe nun tatsächlich den wirksamen Kern der Psychotherapie beschreiben, muss jeder für sich selber entscheiden. Ich selbst glaube, dass sie zu einem außerordentlich hohen Anteil eben dies tun: Sie beschreiben meiner Meinung nach tatsächlich schulenübergreifend zu einem erstaunlich großen Teil den wirksamen Kern der Psychotherapie. Daher ist es immer und bei jeder Psychotherapie sehr hilfreich und es diszipliniert das eigene Vorgehen, wenn man sich fragt, in welchem Maße eine Psychotherapie eben diese 5 Wirkfaktoren in welcher Art und Weise enthält. Das Fehlen eines Wirkfaktors würde für mich den Gedanken nahelegen, diesen auf die eine oder andere Art zusätzlich in die Therapie hineinzubringen.

Schuldfähigkeitsbegutachtung ist nicht delegierbar

Ein psychiatrischer Gutachter, der eine Schuldfähigkeitsbegutachtung durchführt, und zu weitreichenden Fragen Stellung nehmen soll, etwa die Frage der Sicherungsverwahrung oder Maßregel nach §63, darf die Begutachtung nicht delegieren, er muss sie persönlich durchführen. Die Teilnahme an der Hauptverhandlung reicht nicht aus. Der BGH hat dies in seinem Urteil vom 25. Mai 2011 unter dem Aktenzeichen 2 StR 585/10 festgestellt.

Im Tenor heißt es wörtlich: „Ein gerichtlich bestellter Sachverständiger hat die Pflicht zur persönlichen Gutachtenerstattung. Es besteht daher ein Delegationsverbot, soweit durch Heranziehung anderer Personen die Verantwortung des Sachverständigen für das Gutachten in Frage gestellt wird. … Das Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen muss – jedenfalls soweit dies überhaupt möglich ist (vgl. BGHSt 44, 26, 32) – eine Exploration des Probanden durch den Sachverständigen einschließen. Dabei handelt es sich um die zentrale Untersuchungsmethode. Deren Ergebnisse kann der gerichtliche Sachverständige nur dann eigenverantwortlich bewerten, wenn er sie selbst durchgeführt oder zumindest insgesamt daran teilgenommen hat. Dies gilt erst recht, wenn bei der Exploration auch Mimik und Gestik des Probanden aufgefasst werden. Eine Delegation der Durchführung dieser Untersuchung an eine Hilfsperson scheidet daher aus. Die Anwesenheit des Sachverständigen in der Hauptverhandlung vermag die eigene Exploration nicht zu ersetzen.“

Die Supervision von Gutachten, etwa die Supervision eines Assistenzarztes durch einen Oberarzt, kann bei Schuldfähigkeitsbegutachtungen also nur so erfolgen, dass der Supervisor während des wesentlichen Teils der Begutachtung persönlich anwesend ist.

Nachzulesen z.B. hier. (openjur.de ist eine freie, unabhängige, kostenlose juristische Datenbank, auf der man gut nach relevanten Urteilen suchen kann).

Übersetzer gesucht?

In der Psychiatrie ist keine Diagnose ohne Sprache möglich. Kommt ein Patient zur Aufnahme, der kein Deutsch spricht, sucht man zumeist erst einmal unter den Mitarbeitern nach einem Dolmetscher. Das ist auch oft ausreichend. Spricht der Patient aber eine Sprache, die kein Mitarbeiter kann oder wirklich gut übersetzen kann, ist es erforderlich, einen qualifizierten Dolmetscher zu bestellen und eben auch zu bezahlen. Das lohnt sich in meinen Augen wirklich, denn anders als wohlmeinende Nicht-Dolmetscher wird ein professioneller Dolmetscher darauf achten, möglichst originalgetreu zu übersetzen. Das hilft sehr, auch formale Denkstörungen zu erfassen und kann bei der Unterscheidung etwa von Halluzinationen und Pseudohalluzinationen oder ähnlichen Feinheiten einfach erforderlich sein. Muttersprachler, die keine Dolmetscher sind, versuchen meiner Erfahrung nach oft, durch eigene Interpretationen oder „Glättungen“ zu helfen, was aber die Diagnose erschwert. Ich habe es mir daher zur Angewohnheit gemacht, im Zweifelsfall einen Dolmetscher zu bestellen. Die Kosten sind gerechtfertigt. Bei Gutachten übernimmt sie das Gericht, und in diesen Fällen ziehe ich auch dann einen Dolmetscher hinzu, wenn der Proband halbwegs deutsch sprechen kann, aber nicht wirklich gut. Zum einen verbessert es wirklich die Diagnosequalität, zum anderen wird die vom Gutachten nicht begeisterte Prozesspartei ohnehin anmerken, dass das Gutachten ohne Dolmetscher nicht verwertbar ist.

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer führt unter seiner homepage www.bdue.de eine Liste mit geprüften Übersetzern auf, die man nach Sprache, Entfernung zum eigenen Ort und sogar nach Fachgebiet suchen kann. Die Einschränkung nach dem Fachgebiet Medizin schränkt die Auswahl allerdings recht stark ein, so dass man im Zweifelsfall ohne Angabe einer Fachrichtung suchen sollte. Kommen sehr viele Treffer, kann man die Suche einschränken. Die Seite ist sehr hilfreich.

Messie Syndrom: Symptom oder Erkrankung?

Das Messie Syndrom ist klinisch eine eindrucksvolle Entität. Wer einmal Fotos der Wohnung eines Betroffenen gesehen hat, hat keinen Zweifel mehr daran, dass es sich hier um eine ernstzunehmende psychische Störung handelt, die nach aller Möglichkeit therapiert werden sollte.

Die Frage, die sich jedem, der damit erstmalig zu tun hat, aufdrängt, ist, ob das Messe Syndrom eine eigene Krankheit repräsentiert oder als ein Symptom / Syndrom bei unterschiedlichen anderen psychiatrischen Erkrankungen auftreten kann. In der ICD-10 wird das Messe Syndrom nicht als unabhängige Erkrankung aufgeführt. Die Krankheit findet in der wissenschaftlichen Literatur aber zunehmend einen festen Platz, im englischen als compulsive hoarding, im Deutschen als Desorganisiertheits-Sndrom bezeichnet. Da die Betroffenen nicht sehr häufig selbst den Psychiater aufsuchen, weder ambulant noch stationär, ist es gar nicht so leicht, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, welche Erkrankungen häufiger gleichzeitig mit dem Messe-Syndrom auftreten. Sicher ist, dass es einige Erkrankungen gibt, die beim Messie Syndrom deutlich gehäuft auftreten. Meiner Wahrnehmung nach tritt es gehäuft auf bei:

  • Schizophrenen Residuen: Oft ist hier die Grenze dessen, was als eigenständiges Messe-Syndrom wahrgenommen wird und was der Minus-Symptomatik des schizophrenen Residuums zugeschrieben wird, uneindeutig. Es gibt auch Fälle von ausgeprägter Schizoider Persönlichkeitsstörung oder Schizotypie, die recht ausgeprägte Messe-Symptomatiken zeigen.
  • Minderbegabung in Verbindung mit Sehschwäche, Minderbegabung in Verbindung mit körperlicher Schwäche oder Rollstuhlpflichtigkeit: Hier entsteht der Eindruck, die Betroffenen seien einfach nicht (mehr) in der Lage, den Herausforderungen, Ordnung zu halten, gerecht zu werden und hätten es dann irgendwann aufgegeben.
  • Demenz: Nicht selten aber zumeist durch Unterbringung in ein Heim zu lösen.
  • Chronifizierte Depressionen: Nicht häufig, aber möglich.
  • Zwangserkrankungen: Habe ich selbst bislang noch nie wirklich überzeugend gesehen, wird aber immer wieder diskutiert.

Liegt eine der oben genannten Diagnosen vor, ist es natürlich wichtig, diese so gut es geht zu behandeln.

Darüber hinaus gibt es aber auch eine Gruppe von Patienten, die keine weitere deutlich ausgeprägte psychiatrische Diagnose aufweisen. Normalintelligente, nicht psychosekranke, nicht depressive, nicht zwanghafte, nicht blinde Patienten, die eben nur ein Messe-Syndrom haben. Auch hier ist eine Therapie indiziert, es wird eine spezifische Verhaltenstherapie im Sinne eines Haushaltsorganisationstrainings favorisiert. Es ist nicht unüblich, einen Versuch mit SSRI zu unternehmen.

Webressourcen finden sich beim Wikipediaeintrag.

Wie funktioniert eigentlich Lippenlesen?

Wie funktioniert eigentlich Lippenlesen? Und wie gut geht das? Gehörlose Menschen lernen das Lippenlesen, wie andere Menschen Buchstaben lesen lernen. Sie kennen das „Mundbild“  der verschiedenen Phoneme. Das „Mundbild“ setzt sich zusammen aus der Stellung der Lippen, des unteren Mundbereichs, sowie des sichtbaren Teils der Zunge. Im Englischen wird das visuell sichtbare Mundbild in Angleichung an den Begriff Phonem als Visem bezeichnet. Mundbilder können oft nicht die vollständige Ausformung eines Wortes komplett wiedergeben, sondern nur Teile davon und zwar speziell die Teile des Wortes, die beim Sprechen zu besonders deutlichen und typischen Mundstellungen führen. Töne, die vor allem im Kehlkopf oder durch Variation der Zungenstellung produziert werden, lassen sich am Mundbild weniger gut oder gar nicht differenzieren. So sieht zum Beispiel das Mundbild von „Mama“ und „Papa“ gleich aus, daher bedarf es sehr viel mehr des Verständnisses des Zusammenhanges als in der Schriftsprache. In der Schriftsprache gibt es zwar einige gleiche Bilder für unterschiedliche Bedeutungen, etwa bei den Begriffen „Bank“ für Sparkasse und „Bank“ für Sitzgelegenheit, diese Homonyme sind aber nur selten irgendwie zu verwechseln.

Lippenleser berichten, dass es erforderlich ist, zu wissen, in welcher Sprache man spricht, da man nur im richtigen Kontext die Phoneme richtig erkennt und richtig zuordnet. Auch sei es wichtig, den Sprecher möglichst direkt anzusehen und ordentliche Lichtverhältnisse zu haben. Und schließlich sind ein guter Wortschatz und Übung hilfreich.

Manche Hörbehinderte haben auch noch „freies Hörvermögen“, oder hören durch ein Cochlea Implantat etwas mehr, und können diese akustischen Informationen mit den optischen Informationen kombinieren.

Es ist erwiesen, dass bereits Säuglinge Lippenlesen können. Experimentell kann dies dadurch gezeigt werden, dass Babys Videos ohne Ton in ihrer Muttersprache deutlich länger anschauen als Videos ohne Ton von Sprechern einer fremden Sprache.

Ein wirklich interessanter blog, von dem ich die obenstehenden Informaionen habe, ist dieser hier.

Benzodiazepin Umrechnungstabelle

Benzodiazepin Umrechnungstabelle

WirkstoffHalbwertszeit in Stunden10mg Diazepam entsprechen
Alprazolam6-120,5
Bromazepam10-205-6
Chlordiazepoxide5-3025
Clobazam12-6020
Clonazepam18-500,5
Clorazepate36-20015
Diazepam20-10010
Estazolam10-241-2
Flunitrazepam18-261
Flurazepam40-25015-30
Halazepam30-10020
Ketazolam215-30
Loprazolam6-121-2
Lorazepam10-201
Lormetazepam10-12

1-2

Medazepam36-20010
Midazolam27,5
Nitrazepam15-3810
Nordazepam36-20010
Oxazepam4-1520
Prazepam36-20010-20
Quazepam25-10020
Temazepam8-2220
Triazolam20,5
Benzodiazepinähnliche Wirkstoffe
WirkstoffHalbwertszeit (in Stunden)10mg Diazepam entsprechen
Zaleplon220
Zolpidem220
Zopiclone5-615

Ich selbst komme bei meinen Behandlungen mit zwei Benzodiazepinen aus. Lorazepam (Tavor) und Diazepam. OK, manchmal verschreibe ich auch schon mal ein Benzodiazepin ähnliches Schlafmittel (Zolpidem oder Zopiclon). Das wars. Mehr brauche ich nicht.

Es ist sinnvoll, sich auf einige wenige Medikamente zu konzentrieren, und die dann auch wirklich zu kennen. Es macht keinen Sinn, mit einer Vielzahl von Benzodiazepinen zu jonglieren, die sich nicht wirklich unterscheiden. Daher ist es zu Beginn einer Behandlung manchmal sinnvoll, ein Benzodiazepin, das jemand anderes verschrieben hat, umzustellen auf eines, mit dem man immer arbeitet. Insbesondere in den Entgiftungsbehandlungen hat es sich bewährt, von den 20 verschiedenen Sorten, mit denen unterschiedliche Patienten kommen, auf eine Sorte umzusteigen, in der Regel Diazepam, und das in der Regel in Tropfenform, so kann man auch im niedrigen Dosisbereich gut in kleinen Schritten reduzieren, bevor man ganz absetzt.

Die Benzodiazepine unterscheiden sich in der Wirkstärke pro Milligram und in der Halbwertszeit. Die Halbwertszeit von Lorazepam beträgt etwa 10 Stunden, die klinische Wirkung hält in der Regel etwa 6 Stunden an. Diazepam hat eine wesentlich längere Halbwertszeit von 24–48 Stunden, einige aktive Metabolite haben eine Halbwertszeit von bis zu 100 Stunden, weshalb es nach mehrtägiger Gabe oft kumuliert.

Wenn nun jemand kommt und ein ungewöhnliches Benzodiazepin mitbringt, kann man sehr gut die unten stehende Tabelle konsultieren: (http://www.adfd.org/wissen/Hilfen_zum_Absetzen_von_Benzodiazepinen). Es ist leicht, hiermit jede Dosis in Diazepam umzurechnen, so dass man dann so die Äquivalenzdosis bestimmen und umstellen kann.

Beispiel: Ein Patient nimmt pro Tag 4 mg Lorazepam. 10 mg Diazepam entsprechen laut Tabelle 1 mg Lorazepam. Also entsprechen 4 mg Lorazepam 40 mg Diazepam. Das ist dann die Ausgangsdosis. Und von der kann man dann langsam reduzieren.

Beim Reduzieren muss man beachten: Wenn Benzos über lange Zeit eingenommen worden sind, ist es sinnvoll, langsam zu reduzieren. Alles andere geht mit einer großen Gefahr eines Rückfalls einher. Nach 5 Jahren Abhängigkeit kann eine Reduktion über 3 Monate angemessen sein. Klassische stationäre Behandlungen sind natürlich kürzer, man muss aber wissen, dass eine Reduktion über 3 Wochen vielleicht am Anfang unter stationären Bedingungen noch mitgemacht wird, aber nach einigen weiteren Wochen, meist dann nach der Entlassung, kann es schwierig werden.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Rezeptorbindungsprofile der Neuroleptika: Die Persönlichkeit der wichtigsten Neuroleptika auf einen Blick

Um das Profil eines Neuroleptikums zu lesen, reichen fürs erste folgende Daumenregeln:

  • D2 Rezeptor: Typische Neuroleptika sind D2 Antagonisten, z.B. Haldol: Sichere antipsychotische Wirkung, aber bei hohen Dosierungen EPMS
  • 5-HT 2A Rezeptoren: Atypische Neuroleptika sind 5-HT 2A Antagonisten: Gute Antipsychotische Wirkung, wenig EPMS
  • D4 Rezeptor: Clozapin hat eine außergewöhnlich hohe Affinität zum (sehr seltenen) D4 Rezeptor; möglicherweise wirkt dies antipsychotisch, ohne viel EPMS zu verursachen.
  • H1 (Histamin): Müdigkeit
  • Alpha-1=Alpha-Adrenerge Rezeptoren der Untergruppe 1: Vegetative Nebenwirkungen wie Orthostase, Schwindel, etc.

OK, das ist jetzt extrem vereinfacht, aber schon mal ein Anfang. Im Falle des Aripiprazols muss man wissen, dass die Affinität zum D2 Rezeptor nicht nur antogonistische, sondern auch partiell agonistische Wirkungen hat, weswegen es deutlich weniger EPMS macht, als das Schaubild vermuten lassen könnte.

Gut, schauen wir mal, ob wir mit diesem Wissen etwas erkennen können. Bitte schau Dir jetzt das Bild noch mal genau an (auf das Bild clicken, um es zu vergrößern). Ich stelle Dir ein paar Fragen:

  1. Nimm Dir Risperidon. Macht es EPMS?
    Antwort: Schon ein bisschen, denn es blockiert den D2 Rezeptor. In hohen Dosierungen also schon.
  2. Olanzapin: EPMS?
    Antwort: Wenig, aber möglich ist es schon, denn auch Olanzapin blockiert nicht unwesentlich den D2 Rezeptor. Und das passt auch zur klinischen Beobachtung, dass Olanzapin schnell und sicher antipsychotisch wirkt, aber ab 30 mg pro Tag oft EPMS machen kann. Bei manchen Patienten aber auch schon deutlich niedrigeren Dosierungen.
  3. Olanzapin: Müdigkeit?
    Antwort: Klar, deutliche H1 Komponente.
  4. Quetiapin: Macht es EPMS?
    Antwort: Nein, fast keine D2 Blockade.
  5. Quetiapin: Macht es müde, macht es vegetative Nebenwirkungen?
    Antwort: Ja, H1 und Alpha-1 Blockade sind ausgeprägt.
  6. Quetiapin: Antipsychotische Wirkstärke relativ zur Sedierung:
    Antwort: Vergleiche 5-HT 2A plus D2 Blockade relativ zu H1 und alpha 1 Blockade.
  7. Ziprasidon: EPMS?
    Antwort: In höherer Dosierung ja, D2 Blockade.
  8. Ziprasidon: Müdigkeit?
    Antwort: Nein, praktisch keine H1 Komponente.

Du siehst, die Vermutungen, die man aufgrund der Daumenregeln oben anstellt, wenn man das Rezeptorbindungsprofil anschaut, passen oft ganz gut zum klinischen Eindruck. Die Persönlichkeit des Medikamentes, seine Vorzüge und Nachteile, bilden sich in dieser Grafik gut ab.

Es ist sinnvoll, sich eine Grafik mit den Rezeptorbindungsprofilen der Neuroleptika, die man oft verschreibt, immer wieder anzugucken. Man lernt die Medikamente so besser kennen.

In späteren Blog-Einträgen möchte ich gerne genauer auf einzelne Medikamente eingehen und auch zu den einzelnen Rezeptoren mehr sagen. Dieser Eintrag soll aber erst einmal einen Überblick geben und erklären, wie man das Rezeptorprofil, dargestellt als Kuchendiagramm, grundsätzlich liest.


Die ganze Geschichte von Ben Breedlove

Ich hatte ja gestern auf dieses Video verlinkt: Ich kannte gar nicht die ganze Vorgeschichte. Es zeigt Ben Breedlove, einen jungen Mann, der an einer hypertrophen Kardiomyopathie litt. Er hat in den USA eine sehr große Bekanntheit gehabt, seine offene, lebensfreudige Art zeigt sich auch in seinen Youtube-Videos. Seine Kardiologin berichtet ebenfalls in einem Youtube Video hier über seine Krankheit. Ich habe jetzt erfahren, dass er im Alter von 18 Jahren letztes Jahr am Weihnachtstag verstorben ist. Seine Geschichte ist sehr bewegend.

Das Video, das ihn zu seinem letzten Video wohl inspirierte, ist nicht minder sehenswert: http://www.youtube.com/watch?v=kSBX28D9GaA

 

P.S.: Liebe Nori, hab ganz herzlichen Dank für alle diese Informationen und ganz liebe Grüße nach New York,

Dein jan

Check out this video

Mein Freund Sebastian, niedergelassener Psychotherapeut in Düsseldorf (www.psychotherapiepraxis-duesseldorf.de), hat mir den link auf dieses wirklich sehenswerte Video geschickt.

http://www.youtube.com/user/TotalRandomness512#p/a/u/0/a4LSEXsvRAI

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, ein Blick in sein Leben, in seine Krankheit, und wie ich finde, auch in seine spezielle Art der Krankheitsverarbeitung.

Psychopharmakologie ist an Symptomen orientiert, nicht an Diagnosen

Eine Grundsozialisation in der Medizin sagt, dass man zuerst eine Diagnose stellen muss, und sich daraus dann eine Therapie ableitet. Hat man eine präzise Diagnose, ergibt sich daraus eine ebenso klare Therapie. Also: Harnwegsinfekt mit Erreger XY, Therapie mit Antibiotikum Z. Klappt meistens auch gut.

In der Psychopharmakologie ist das nicht ganz so einfach. Zwar ist es zu Beginn der Überlegung notwendig, sich Klarheit über die Diagnose zu verschaffen. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Die Diagnose ‚Psychose‘ zum Beispiel gibt vor, dass ein Neuroleptikum bei der Medikation vertreten sein sollte. Mehr sagt sie uns aber nicht.

Sehr viel hilfreicher ist hier der psychopathologische Befund. Wenn ich feststelle, dass ein Patient sehr ausgeprägt befehlende akustische Halluzinationen wahrnimmt, große Angst hat und psychomotorisch sehr unruhig und getrieben ist, dann werde ich ihm ein schnell wirksames hochpotentes Neuroleptikum in einer ausreichend hohen Dosis gegen die Halluzinationen verabreichen sowie ein sicher wirksames ausreichend dosiertes Benzodiazepin gegen Angst und Unruhe. Die Höhe der Dosis richtet sich im ersten Schritt nach der Schwere der Symptomatik. Und im folgenden werde ich Dosis und Wahl der Präparate an der Wirkung orientieren. Stellt sich nach der erwarteten Zeit eine ausreichende Wirkung ein, ist die Dosis angemessen. Reicht die Wirkung nicht, muss die Dosis gegebenenfalls gesteigert werden. Ist zu viel Wirkung festzustellen, zum Beispiel eine zu hohe Sedierung bei Benzodiazepingabe, ist die Dosis zu reduzieren.

Praktisch alle Psychopharmakaklassen sind bei mehr als nur einer Diagnose anwendbar. So werden Neuroleptika, oder klarer benannt ‚Antipsychotika‘, eben nicht nur bei Psychosen verordnet, sondern auch bei der wahnhaften Depression. Antidepressiva werden nicht nur bei Depressionen verordnet, sondern auch bei Angststörungen und Zwangserkrankungen. Sedierende Medikamente und Anxiolytika können bei praktisch allen psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt werden.

Die Psychopharmakotherapie orientiert sich also primär an Symptomen, nicht primär an Diagnosen.

Es ist wichtig, sich das klar zu machen, denn einige Symptome verandern sich sehr schnell, und dann soll auch die psychopharmakologische Behandlung schnell angepaßt werden. Ein Patient, der keine Angst und keine Unruhe mehr hat, braucht auch keine Benzodiazepine mehr. Natürlich darf man nach längerer Gabe von Benzodiazepinen die Dosis nicht abrupt absetzen. Aber er braucht sie eben genauso wenig, wie ein Patient, der keine Schmerzen mehr hat, Schmerzmittel braucht: Er braucht sie nicht mehr.

Vom psychopathologischen Befund zur Diagnose

Die Erstellung eines präzisen, vollständigen psychopathologischen Befundes ist unverzichtbar und von allerhöchster Bedeutung für eine zutreffende Diagnose in der Psychiatrie. Alle anderen Untersuchungsinstrumente sind im Vergleich zum psychopathologischen Befund weit nachgeordnet.Wenn ich einen Patienten zum ersten mal sehe und kennenlernen möchte, beginne ich fast nie damit, ihn nach Beschwerden zu fragen, oder ihn zu fragen, was ihn zu mir führt. Stattdessen frage ich ihn zunächst einmal: „Wie alt sind Sie? Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Wohnen Sie alleine oder mit jemandem zusammen? Was machen Sie beruflich? Was haben Sie früher beruflich gemacht?“ Ich versuche, solange mit ihr/ihm zu sprechen, bis ich ein Bild davon habe, wie er als gesunde Person ist. Wenn Zeit ist, kann man in dieser Phase small-talk über den Beruf, die Kinder machen und auch mal einen Scherz machen. Diese Zeit ist wichtig und wertvoll, weil sie die Beziehung zwischen Arzt und Patient als eine Beziehung zwischen zwei gesunden, sich wertschätzenden Menschen konstelliert. Diese Gesprächsphase überspringe ich nur, wenn ein sehr akutes Krankheitsbild vorliegt (Vigilanzminderung, starke Schmerzen, ein offenbares akutes körperliches Problem).Dann kann ich im zweiten Schritt fragen: „Seit wann haben Sie mit dieser psychischen Erkrankung zu kämpfen? Wie hat sich das entwickelt? Welche Beschwerden hatten Sie beim ersten Mal, als das auftrat? Welche Beschwerden haben Sie jetzt?“

Und im nun folgenden Teil der Exploration ist es wichtig, ein vollständiges Bild von allen Komponenten des psychischen Befundes zu erarbeiten. In den ersten Jahren ist es hilfreich, ein Din A4 Blatt unter der Schreibtischunterlage zu haben, auf dem ein vollständiger psychopathologischer Befund mit den wesentlichen Ausprägungsmerkmalen aufgeschrieben ist, so dass man sich beim Diktat daran orientiert. Nach einigen Malen vergißt man dann nichts mehr und kennt alle Begriffe, die hier vorkommen können.

Das Wissen darum, sich im anschließenden Protokoll festlegen zu müssen, führt das Gespräch in die richtige Richtung. So ist es dann bei einem desorientierten Patienten nicht mehr ausreichend, festzustellen, dass er total desorientiert ist, sondern ich muss mich zwingen, alle Dimensionen der Orientierung einzeln zu prüfen. Von besonderer Bedeutung sind diejenigen Symptome, an denen sich später eine diagnostische Unterscheidung festmacht. Einen Patient mit einer schweren Depression werde ich daher immer fragen, ob er das Gefühl hat, sich verschuldet, versündigt zu haben oder das Gefühl zu haben, zu verarmen, um später entscheiden zu können, ob es sich um eine wahnhafte oder eine nichtwahnhafte Depression handelt, was einen riesigen therapeutischen Unterschied macht. Auch bei Patienten mit einer Psychose hat es sich sehr bewährt, so weit es die Situation zuläßt, alle möglichen Plus- und Minus Symptome abzufragen, da man so weit mehr erfährt, als über den spontanen Bericht. Auch die explizite Frage nach Suizidalität gehört zu jeder Exploration, die zur Feststellung eines vollständigen psychopathologischen Befundes führen soll.

In dieser Phase des Gespräches soll man für sich selbst alle kritischen Fragen entscheiden, frei von Vorannahmen: Handelt es sich hier um Halluzinationen oder Pseudohalluzinationen? Wie depressiv ist der Affekt tatsächlich? Ist der formale Gedankengang noch normal oder schon beschleunigt, etc. Der psychopathologische Befund ist mit gewissen Einschränkungen eine objektive Untersuchungsmethode, wie von Juristen immer gefragt wird. Es ist ein reliabler und valider Ausgangspunkt für weitere Schritte.

Hat man über den psychopathologischen Befund Klarheit, ist es kein weiter Weg mehr, zur zutreffenden Diagnose und im nächsten Schritt zur passenden Therapie zu kommen, die sich ja ihrerseits nicht nur an der Diagnose orientiert, sondern sehr stark ebenfalls am psychopathologischen Befund, vor allem an der Ausprägung (Schwere, Bedrohlichkeit) der einzelnen Auffälligkeiten.

Bei Verlaufsuntersuchungen kann es ausreichen, nur Teile des psychischen Befundes neu zu erfragen, bei denen man prüfen will, ob sich etwas geändert hat. Es ist aber auch in diesem Fall notwendig, sich über die anderen Teil, die man nicht abfragt, Gedanken zu machen, und sich selbst klar zu machen, dass man von der Annahme ausgeht, dass sichnnichts verändert hat. Von Zeit zu Zeit sollte man daher immer mal wieder einen vollständigen Befund erheben.

Literatursuche mit google scholar

Wenn Du Dich zu einem bestimmten Medizinischen Thema informieren willst, suchst Du vermutlich erst mal im Netz, was Du so findest. Angenommen, Du willst einen Vortrag zu einem bestimmten Thema vorbereiten, suchst Du zuerst einmal Übersichtsarbeiten, dann Bilder und passende Artikel. Es gibt nun verschiedene portale, die hier hilfreich sind:
  • www.google.de.  Muss ich nichts zu sagen.
  • Google Bilder. Auch klar
  • Pubmed. Sucht nach Artikeln.
  • Die Cochrane Library. Zeigt Metaanalysen.
  • Ich möchte nun Dein Augenmerk auf google scholar richten. Wenn Du eine wissenschaftliche Quelle suchst. Ist google scholar richtig und der normalen Seite von google weit überlegen. Es sucht nach wissenschaftlichen Artikeln, wie man sie auch über pubmed finden würde, es sucht nach Lehrbuchtexten, es kann sehr selektiv nach Autor, Jahr und journal befragt werden und es verweist auf verwandte Artikel. Oft findet man kostenfreie pdf’s, die man sich gleich laden kann. Bitte probier doch mal im hier stehenden google scholar Feld aus, ein thema einzutragen, mit dem Du Dich auskennst, und sieh, welche Ergebnisse das liefert. Hättest Du das so schnell über google und pubmed gefunden?

http://scholar.google.de/

  • Cover Art     

    Papers

    mekentosj.com

    Kategorie: Produktivität

    Aktualisiert: 19.01.2012

     235 Bewertungen

    Und wer sich auf seinem iOS Gerät oder seinem Mac eine Literaturdatenbank zurecht legen will, die alle Artikel perfekt verwaltet, und aus der man direkt eine google scholar oder pubmed Suche machen kann, und dann die gefundenen Artikel auch gleich perfekt katalogisiert importieren will, frei durchsuchbar und verwaltbar, der guckt sich ‚papers‘ an. Das funktioniert perfekt. Meine Empfehlun

Zum Unterschied von Depression und Bipolarer Erkrankung

Häufigkeit Depression

Depressionen sind im psychiatrischen Alltag sehr sehr häufig. Das ist auch kein Wunder, denn sie sind in der Bevölkerung sehr häufig. Weißt Du, wie hoch die Lebenszeitprävalenz für Depressionen bei Frauen ist? Wie hoch? Bitte stell Dir jetzt mal sehr plastisch vier junge hübsche Frauen vor. Alle vier in strahlend weißer Kleidung. Eine davon soll nun einen schwarzen Schal anziehen, als Zeichen dafür, dass sie mindestens einmal in ihrem Leben für eine vorübergehende Zeit eine klinisch manifeste Depression entwickeln wird. Präg Dir dieses vorgestellte Bild ein, dann wirst Du nie mehr die Lebenszeitprävalenz der Depression vergessen. Wie viele Männer mußt Du Dir vorstellen, um die Lebenszeitprävalenz der Depression für Männer zu verbildlichen? Eine Zahl, die sich alle Merken können ist, dass Frauen doppelt so häufig wie Männer an Depressionen erkranken. Stell Dir also nicht vier, sondern 8 junge Männer vor, von denen nun einer einen schwarzen Schal umzieht. Das ist Ausdruck der Tatsache, das einer von acht Männern irgendwann in seinem Leben eine depressive Episode erleidet. Diese Lebenszeitprävalenz ist natürlich viel höher als die Punktprävalenz, die angibt, wie viele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade erkrankt sind. Wenn Du die vier Frauen und acht Männer an einem bestimmten Tag besuchst und untersuchst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eine Frau oder der eine Mann, die/der den Schal in der Schublade hat, ihn gerade trägt, natürlich viel niedriger.

Häufigkeit Bipolare Erkrankung

Wieviele Menschen mußt Du Dir vorstellen, um die Lebenszeitprävalenz der bipolaren Erkrankung zu verbildlichen? Rate mal! Die Antwort ist: Du brauchst einhundert Menschen. Und von denen hat einer einen schwarzen Schal. Da Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind, kannst Du Dir eine gemischte Gruppe aus 100 weiß gekleideten jungen Frauen und Männern vorstellen. Einer mit Schal. Das ist also viel viel seltener als die Depression.

Obwohl sich die bipolare Erkrankung auf der Symptomebene mit der Depression überschneidet, ist sie eine andere Erkrankung. Natürlich, auch ein Patient, der an einer Depression leidet, hat weit überwiegend depressive Tage, während er krank ist, und die unterscheiden sich klinisch nicht im geringsten von den depressiven Tagen, die sein Zimmernachbar hat, der eine normale Depression hat. Wenn Du an einem beliebigen Tag in diesem Zweierzimmer Visite machst, und beide sind depressiv, kannst Du nicht sagen, wer hier eine Depression hat und wer eine bipolare Erkrankung. Das kannst Du nur, wenn einer der beiden gerade manisch ist (dann ist es offensichtlich) oder wenn Du die beiden explizit nach manischen Phasen in der Vorgeschichte befragst! Das wird nämlich viel zu oft vergessen.

Es ist aber wichtig, die beiden Krankheiten zu unterscheiden. Die bipolare Krankheit hat eine starke genetische Komponente. Wenn Dein eineiiger Zwilling bipolar ist, hast Du eine Wahrscheinlichkeit von 60%, ebenfalls bipolar zu sein. Wenn Dein zweieiiger Zwilling bipolar ist, beträgt Deine Wahrscheinlichkeit nur 12%. Zusammen mit den komplizierten Auswertungen der Zwillingsstudien ergibt sich aus diesem riesigen Unterschied der Hinweis auf eine sehr große genetische Komponente. Diese gibt es bei Depressionen sehr viel weniger, am ehesten noch bei den Patienten, die schon sehr früh krank werden. Aber sie unterscheidet sich stark und ist insgesamt viel weniger als bei der bipolaren Erkrankung.

Therapie Bipolare Erkrankung

Und das Wesentliche ist: Eine bipolare Erkrankung muß anders behandelt werden als eine Depression. Bei bipolaren Erkrankungen helfen Phasenprophylaktika, allen voran das Lithium. Weniger gut als Lithium hilft Valproat, noch mal weniger gut Carbamazepin, und noch mal weniger gut alle anderen modernen Antiepileptika. Aber sie helfen und dürfen nicht ausgelassen werden. Natürlich kann man zusätzlich ein Antidepressivum geben, wenn gerade eine depressive Phase vorliegt. Aber das ist nicht das Wesen der Behandlung, das liegt im gesunden Intervall beim Phasenprophylaktikum!

Therapie Depression

Depressionen hingegen brauchen Antidepressiva, auch im gesunden Intervall zum Schutz vor einer Wiedererkrankung. Phasenprophylaktika brauchen nur einige wenige (und Antipsychotika meiner Meinung nach keine depressiven Patienten…)

Also: Die Therapie unterscheidet sich ganz grundlegend und daher ist es unverzeihlich, die beiden Krankheitsbilder nicht sauber zu unterscheiden. Und dafür muß man fragen! Und zwar nicht: „Waren Sie mal manisch?“ sondern: „Waren Sie mal manisch? Wann? Wielange? Wie war damals der Schlaf? Haben Sie viel Geld ausgegeben? Wofür? Konnten Sie sich das leisten? Haben Sie schnell gesprochen? Ist das Ihrer Familie aufgefallen? Waren Sie gereizt? Ungeduldig? Angespannt? Und noch mal: Wie lang ging dieser Zustand?“ Dann kannst Du eine manische Phase diagnostizieren.

P.S.: Die englische Sprache kennt für eines der depressiven Symptome, das trotz völliger Erschöpfung durchhalten wollen und sich fassadär, aber gequält durch die Gegend schleppen, einen schönen Begriff: ‚the walking wounded‘, also der herumgehende Verwundete. Sehr plastisch, und wenn man einen Patienten vor Augen hat, der das hat, dann paßt der Begriff wie die Faust aufs Auge…