Sterbende Mythen Teil 7924: „Eine Depot Medikation erhöht die Compliance!“

Wenn ein psychiatrischer Patient, der eine neuroleptische Medikation braucht, diese immer wieder nach einer gewissen (zu kurzen) Zeit entgegen ärztlichen Rat absetzt, rufen Angehörige und semiprofessionelle Helfer in unermüdlicher Gleichförmigkeit: „Sie müssen ihn auf ein Depot einstellen. Dann ist sichergestellt, dass er es auch nimmt.“ Stimmt. Und zwar genau einmal, und dann wirkt es genau zwei (bis max. vier) Wochen. Und dann kann er es wieder nehmen, oder eben nicht. Einwurf Semiprofessionalität: „Jaaaah, aber dann kriegen Sie und wir und alle Welt das wenigstens mit! Ha!“

Stimmt auch. Und dann? Dann wissen alle, dass er seine Neurolepsie nicht mehr nimmt. Hätte man ihn auch fragen können. Aber gut, so weiß man es, weil er nicht in die Praxis kommt. Und nun? Es gibt praktisch kaum eine Möglichkeit, jemanden dazu zu zwingen, sich ein Depot spritzen zu lassen. Man kann einen Betreuungsbeschluß beantragen, in dem steht, dass die Nichtabholung des Depots zu einer Unterbringung im Krankenhaus führen soll, und dass dort dann das Depot gegeben werden soll. Habe ich schon einige Male gemacht. Und hatte dann alle zwei Wochen die Situation, mit Hilfe der Betreuungsstelle, der Feuerwehr und Zwang die Einweisung ins Krankenhaus zu organisieren. Ohne sehr triftigen Grund macht man das nicht all zu lange…

Wenn ein Patient eine Neurolepsie nicht nehmen möchte, und es keine gesetzliche Grundlage gibt, ihn zu zwingen, wie am ehesten eine Bewährungsauflage, dann kann er auch eine Depotmedikation jederzeit absetzen. OK, man sieht es frühzeitig.

Depots haben große Vorteile, wenn jemand zwar alle zwei oder vier Wochen einen Arzt aufsucht, aber zwischenzeitlich eine Tabletteneinnahme nicht hinbekäme, etwa weil er obdachlos ist, und das Depot bevorzugt, oder weil er die Medikation zwar will, aber die Tabletteneinnahmeihm zu lästig oder kompliziert ist oder er sie wirklich häufiger mal vergißt, er die Neurolepsie also will, aber unzuverläßig oder unregelmäßig einnimmt. Dann hilft das Depot. Aber nicht, wenn jemand keine Neurolepsie will. Das das Depot dann die Compliance erhöht, ist ein Mythos. Gut verträgliche Tabletten gehen dann sogar mit einer höheren Compliance einher als ein weniger gut verträgliches Depot. Das ist die Erfahrung.

 

Am 18./19.4.2012 kommt Prof. Revenstorf zum Alexianer Therapieforum ins Alexianer Krankenhaus Köln

Im Rahmen des Alexianer Therapieforums hält Prof. Revenstorf, Tübingen, den Vortrag: ”Einführung in die Hypnotherapie”. Der Vortrag findet am 18.04.2012 von 14:00-16:00 statt und ist kostenlos. Zusätzlich bietet er hierzu ein Trainingsseminar an, und zwar am 19.04.2012 von 09:00 bis 13:00 Uhr. Für die Teilnahme am workshop fällt eine Gebühr von 45 € an. Anmeldungen sind hier möglich.

Dirk Revenstorf studierte Psychologie in Hamburg und habilitierte in München. Er ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Tübingen und hatte 1995-1997 eine Professur an der Universidad de las Americas in Puebla (Mexico). Von 1984-1996 war er Präsident der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Persönlichkeitstheorie, Forschungsmethodik, Therapieforschung, Verhaltenstherapie, Hypnose, Paartherapie, Psychotherapie-Ausbildung. Er hat 16 Bücher und mehr als 180 Zeitschriftenartikel und Buchkapitel über Forschungsmethodik, Persönlichkeit, Psychotherapie, Hypnose und Paartherapie veröffentlicht. Er erhielt den Pierre Janet Award of Clinical Excelence (Intern.Soc.Hypnosis) und den Milton Erickson Preis. Er ist Regionalstellenleiter der Milton-Erikson-Gesellschaft Tübingen, wo er auch Hypnose in der Psychotherapie praktiziert.

Ein besonders interessantes Buch von ihm ist: „Die geheimen Mechanismen der Liebe: 7 Regeln für eine glückliche Beziehung„.

Also: Termin vormerken, Köln besuchen und einen spannenden Vortrag und workshop über Hypnose in der Psychotherapie erleben!

Die Angst ist schneller als jeder Gedanke

Warum Gesprächstherapie allein bei Angsterkrankungen nicht ausreichen kann.
Angsterkrankungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen. Isolierte Phobien, Agoraphobien, Generalisierte Angststörungen gehören zusammen genommen zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen in der Bevölkerung. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Behandelt werden Angststörungen zum einen mit Medikamenten, zum anderen mit Psychotherapie.
Die Angst ist ja zunächst einmal eine gesunde, lebensnotwendige emotionale Reaktion auf Gefahren. In bestimmten Situationen hängt das Überleben davon ab, dass eine Gefahr schnell erkannt wird und unmittelbar eine Angstreaktion mit einer geeigneten Konsequenz eintritt. Ich gucke vor mich in die Savanne, ich sehe einen auf mich zuspringenden brüllenden Tiger, ich habe sofort maximale Angst und flüchte ebenfalls sofort. Dieser Ablauf hat eine feste neurologische Bahn, in der er läuft: Ich sehe, höre, rieche etwas. Dieser Sinneseindruck wird vom Thalamus integriert und der weiteren Verarbeitung zugänglich gemacht. Es gibt einen heißen Draht zur Amygdala (Mandelkern) und diese prüft mit einer kurzen Rückfrage in der Erinnerung (Hippocampus), ob es sich um einen vertrauten Reiz handelt, der keine Gefahr bedeutet, um einen neuen Reiz, der der genaueren Einordnung bedarf, oder um einen bekannten Reiz, der Gefahr bedeutet. Im Falle des auf mich zuspringenden brüllenden Tigers handelt es sich um einen Gefahrenreiz. Die Amygdala macht dann kurzen Prozess und schlägt Alarm: Über den locus coeruleus und die Nebennierenrinde wird Adrenalin ausgeschüttet, das Herz schlägt schnell, die Hände werden feucht, die Atmung wird schneller, vielleicht entstehen auch Zittrigkeit und weiche Knie. Je nach Lage entsteht der Impuls zur Flucht oder zum Angriff. Im Falle des Tigers eher Flucht. Ich fliehe und bin gerettet. Und dann läßt die Angst langsam wieder nach.
Das alles geht sehr schnell und funktioniert zuverlässig. Es ist fest verdrahtet. Fällt Dir auf, was bei dem ganzen Ablauf keine Rolle gespielt hat? Was kam nicht vor? Richtig: Nachdenken kam nicht vor. Hätte auch zu lange gedauert. Können auch nur Menschen. Alle anderen Säugetiere haben aber auch Angst und reagieren mit Angriff oder Flucht, und die können gar nicht in Worten denken. Das heißt, Gedanken spielen ungefähr eine so wichtige Rolle, wie bei der Regulation des Blutdruckes: Ich kann mir zwar Gedanken und Sorgen über meinen Blutdruck machen, aber die Regulation des Blutdruckes läuft bei allen Tieren und auch beim Menschen unabhängig von allen Kognitionen. Na klar, sowohl Blutdruck als auch Angst können beeinflusst werden von Gedanken und Sorgen.
Und als Reizquelle für Ängste können neben Bildern von brüllenden Tigern auch Sorgen vor der Zukunft herhalten. Aber diese Gedanken sind dann Auslöser der Angst, nicht tragende Elemente der Mechanik des Angstablaufes.
Es gibt bei Angstzuständen neben diesem schnellen, neurobiologischen Weg schon auch noch einen zweiten, langsameren Weg. Ein Reiz, der mir Angst mach, wird im zweiten Schritt kognitiv geprüft, ob er wirklich Angst machen sollte. Und hier kann man auch ansetzen, um die Angst zu beeinflussen.
Mit Gesprächstherapien lassen sich nun zunächst einmal nur Kognitionen erfassen und beeinflussen. Und das ist oft auch sehr wichtig und notwendig für einen Behandlungserfolg. Um aber der Angst wirklich Herr zu werden, ist es nach Auffassung der Verhaltenstherapie irgendwann auch notwendig, den Ablauf der Angstmechanik anzugehen und abzuwandeln. Und daher haben alle verhaltenstherapeutischen Behandlungen der Angst immer ein Element der Problemaktualisierung. Am typischsten ist die systematische Desensibilisierung. Sie bringt den Patienten – nach sehr langer Aufklärung und Vorbereitung –  kontrolliert in eine Situation, in der Angst abzulaufen beginnt. Und in der der Patient dann durch Nachdenken, aber eben auch durch konkretes Erleben erfahren kann, dass überhaupt nichts gefährliches passiert. Und das die Angst dann nachlassen kann. Und wenn das wiederholt passiert, dann nimmt die Angst auch tatsächlich ab.
Aber dafür reicht es eben gerade nicht aus, nur über Angst zu sprechen. Das ändert den mechanischen Ablauf der Angst nicht. In der Therapie muss diese Konfrontation mit der Angst geschehen, es muss Angst entstehen, damit die Neurobiologie sich Schritt für Schritt wieder abregen kann.
Und daher reicht Sprechen über die Kognitionen der Angst alleine nicht aus. Es bedarf zusätzlich der Problemaktualisierung – der tatsächlichen wiederholten kontrollierten Auslösung von Angst, und der sich dann anschließenden Erfahrung, dass nichts gefährliches passiert, damit sich auch das neurobiologische System der Angst wieder normalisiert.

Wie dosiere ich Lithium

Vorgestern hatte ich über Wirkungen und Nebenwirkungen von Lithium berichtet (hier), heute wurde ich gefragt, wie ich Lithium dosiere. Also dann: Die Lithium Dosis wähle ich nach dem Lithium Spiegel.

Lithium Dosierung

  • Bei einer akuten manischen Phase, die stationär behandelt wird, mit RICHTIG manischem Verhalten: Schlaflosigkeit, beschleunigter Gedankengang, enthemmtes Verhalten, maniform gereizte Stimmung: Angestrebter Spiegel: 1,0 mmol/l.
  • Bei einer hypomanen Episode, die stationär behandelt wird, mit etwas manischer Symptomatik: Gestörter Schlaf, Umtriebigkeit, expansives Verhalten, Kritikminderung, aber geordnetem Gedankengang und wenig maniform gereiztem Affekt: Angestrebter Spiegel: 0,8 mmol/l.
  • Zur Phasenprophylaxe, in Abwesenheit jeder manischen Symptomatik: Angestrebter Spiegel: 0,6 mmol/l.

Die Eindosierung mache ich unterschiedlich schnell. Bei akuter Manie fange ich am ersten Tag mit 450–675 mg Lithium an, steigere dann jeden Tag um 225–450 mg, messe dann erstmalig den Spiegel, wenn ich eine Dosis von 900–1125 mg erreicht habe und diese Dosis über einen Tag gleich belassen habe. Bei Hypomanien und noch mehr zur Phasenprophylaxe steigere ich die Dosis langsamer und messe den Spiegel erst, wenn ich die Dosis zwei Tage lang konstant gehalten habe.

Danach gehe ich gedanklich nach folgender Regel vor: Der Lithiumspiegel verhält sich ziemlich proportional zur Dosis, d.h. doppelte Dosis, doppelter Spiegel. So kann ich per Dreisatz berechnen, um wieviel mg ich steigern muss, um vom aktuellen Spiegel auf den Zielspiegel zu kommen.

Hat dieser Patient früher schon einmal Lithium erhalten und wurde ein Spiegel gemessen, dann orientiere ich mich hieran.

Tritt Tremor auf, strebe ich einen niedrigeren Spiegel an.

Früher neigte man insgesamt zu etwas höheren Spiegeln, in der letzten Zeit ist eine Tendenz zu beobachten, insbesondere in der Phasenprophylaxe niedrigere Spiegel anzustreben.

Das Ergebnis meiner  letzen Umfrage “Welches Neuroleptikum würdest Du selbst einnehmen” fand ich sehr interessant, die Mehrheit entschied sich für Risperidon. Ich möchte nun wissen, welche Spiegel ihr in der Phasenprophylaxe bei symptomfreien Patienten, die eine bipolare Erkrankung haben, anstrebt.

Nehmt bitte hier an der Umfrage teil: 

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

 

Lithium Nebenwirkungen reloaded

Lithium gehört zu den am häufigsten verordneten Medikamenten weltweit. Etwa jeder tausendste Erdenbürger nimmt Lithium ein. Lithium gilt als das wirkstärkste Phasenprophylaktikum, das heißt, dass bipolare Patienten unter einer Behandlung mit Lithium weniger häufig und weniger stark ausgeprägte manische und depressive Episoden erleiden. Die Grafik zeigt die erwartbare Wirkung von Lithium und anderen Phasenprophylaktika auf die Stimmung. Ich selbst glaube, dass Lithium tatsächlich wirkstärker ist als andere Phasenprophylaktika.

Es hat aber auch mehr Nebenwirkungen. Bei zu hohen Blutspiegeln treten Zittern und Unruhe auf, später auch Farbsehstörungen bis hin zu Vigilanzminderungen. Bislang galt Lithium als thyreotoxisch, die Niere beslastend und teratogen.

In einer neuen Metaanalyse zum Nebenwirkungsprofil von Lithium, veröffentlicht im Lancet (Abstract hier) kommen die Autoren nun nach Sichtung von 385 Studien zu einer neuen Einschätzung des Nebenwirkungsprofils von Lithium. Sie kommen zu der überraschenden Einschätzung, dass bei 25% der Behandelten Schilddrüsenunterfunktionen, Schilddrüsenstörungen oder Störungen der Nebenschilddrüsenfunktionen festzustellen sind. Das ist häufiger als bislang bekannt. Es wird empfohlen, den Calziumwert vor und während einer Behandlung mit Lithium zu bestimmen, um Störungen der Nebenschilddrüse zu identifizieren.

Es wird berichtet, dass ernsthafte Schädigungen der Niere seltener als erwartet festzustellen seien, wobei eine Quote von 0,5%, die eine Nierentransplantation brauchten, in meinen Augen sehr hoch ist.

Bislang galt Lithium in der Behandlung von Schwangeren oder Patientinnen, die eine Schwangerschaft wünschten, als streng kontrindiziert. In der Metaanalyse zeigten sich nun keine Hinweise auf eine erhöhte Teratogenität, so dass in Zukunft eine Behandlung nach Aufklärung, Beratung und sorgfältiger Abwägung nun erwogen werden kann.

Eine Häufung von Nebenwirkungen auf die Haut oder von Haarausfall wurde nicht gefunden.

Auch diese Analyse zeigt wie so oft, dass unser Wissen selbst über Medikamente, die seit mehreren Jahrzehnten sehr häufig verschrieben werden, unvollständig und oft sogar falsch ist. Es ist erforderlich, sich das immer wieder bewußt zu machen. Und es ist äußerst wichtig, auch die scheinbar bekannten und scheinbar bewährten Substanzen weiterhin sehr gründlich zu beforschen.

Wer hilft psychisch Kranken in Köln

Liebe KölnerInnen unter den Lesern!

Die meisten von Euch, die irgendwie mit der Psychiatrie zu tun haben, werden die Broschüre: „Wer hilft psychisch Kranken in Köln“ kennen. Sie listet stets aktuell und übersichtlich nach Stadtteilen getrennt Psychiatrische Krankenhäuser, niedergelassene Psychiater, SPZ´s, Wohnheime, Tagesstätten, Hilfen zur Arbeit, Reha´s, komplementäre Dienste und alle möglichen Anlaufstellen auf. Sehr sehr praktisch, greife ich ständig drauf zurück, empfehle ich häufig weiter.

Karneval in Köln, bislang kaum karnevalsbedingte Aufnahmen in unserer Psychiatrischen Klinik

Karneval in Köln, 1 Millionen Zuschauer sahen sich heute den Rosenmontagszug an, und es floß das eine oder andere Kölsch. Dennoch bleibt es in den Kölner Psychiatrischen Kliniken normalerweise an diesen Tagen recht ruhig. Das liegt zum einen daran, dass die Allgemeinkrankenhäuser und zahlreiche Erste-Hilfe-Zelte der Rettungsdienste die Betrunkenen zum Ausnüchtern aufnehmen. Die Intensivstationen behandeln die vital gefährdeten (Misch-)intoxizierten. Auch die Polizei nimmt viele Alkoholisierte in Gewahrsam, die durch eine gewisse Neigung zur Randale aufgefallen waren. In die psychiatrischen Kliniken werden ganz fachgerecht nur komplizierte und meist agitierte Rauschkranke aufgenommen, sowie eben die gewöhnlichen psychiatrischen Erkrankungen wie Psychosen, Depressionen oder Manien eingewiesen.
Und es ist ja so: Wie um alles in der Welt will man denn Karneval zum Beispiel eine Manie diagnostizieren: Auffällig bunt geschminkt? Schläft wenig? Knutscht rum? Tanzt und singt den ganzen Tag? Dann muss man alle oder keien einweisen. Manisch ist, wer sich am Aschermittwoch nicht abschminkt!

Die Chirurgen freuen sich über deutlich weniger Schnittwunden (zum ersten Mal wird das Kölsch auf der Straße nicht mehr in Gläsern, sondern nur noch in stabilen Plastikbechern ausgeschänkt), und die Psychiater warten. Ab Mittwoch kommen schon etwas mehr Patienten, viele davon wollen nun vom Alkohol loskommen. Ja wer würde da schon drei Tage vorher drauf kommen…

Bild: Karneval auf’m Dorf von tetedelacourse, Creative Commons-Lizenz

Selbsttest auf und Rehabilitation für „Offenheit für Neues“!

Offenheit für Neues ist eine der big five Persönlichkeitsmerkmale, die eine meßbare, sicher etablierte, valide Variable der Persönlichkeit ist. In der bisherigen Wahrnehmung galt ein hohes Maß an Offenheit für Neues aber teilweise eher als ein Warnzeichen; ein Ruf des Verruchten hing ihm an, man dachte an ein höheres Risiko für Drogenkonsum, ADHS, impulsives Verhalten oder unsteten Lebenswandel.

Eine neue Würdigung der Studielage spricht nun dafür, dass gerade das Merkmal Offenheit für Neues in einer höheren Ausprägung -balanciert mit bestimmten anderen Ausprägungen auf den anderen Achsen – mit einer langfristig guten und robusten Gesundheit und guten Lebensqualität einhergehen. Kombiniert mit einem ordentlichen Maß an Gewissenheit und einem eher niedrigen Maß an Egozentrismus sowie offenbar einem höheren Maß an Verträglichkeit kann Offenheit für Neues ein guter Prädiktor dafür sein, kreativ und frei zu leben und sich bei Problemen, die andere in die Verzweiflung treiben, einen neuen Weg zu suchen, der besser ist als das Verharren in unangenehmer Hilflosigkeit. Mit zunehmendem Alter wirkt sich diese Kraft sogar zunehmend stark aus. Diese Einschätzung vertritt der wirklich berühmten Psychiater Cloninger, der schon seit Jahrzehnten für grundsätzliche und wirklich relevante Erkenntnise auf dem Gebiet der Persönlichkeitsforschung gut ist. In diesem sehr lesenswerten Artikel der NewYork Times wird die Erkenntnisgeschichte zur genauen Würdigung dieses Merkmals sehr schön dargestellt. Hier wird auch der Begriff „neophilia“ benutzt, der neu und lustig ist…

Möchtest Du wissen, wie Du auf der Skala „Offenheit für Neues“ abschneidest? Hier ist ein online Selbsttest mit sofortiger Auswertung:

http://well.blogs.nytimes.com/2012/02/13/the-well-quiz-how-adventurous-are-you/#more-71337

Aber unabhängig davon, wie Du in diesem Test abschneidest: Jetzt wünsche ich Dir erst mal viel Spaß beim Karneval feiern, egal wie Du feierst…

 

Hinweise für eine angeborene Disposition zur Kokainsucht

In der Februarausgabe der Science findet sich ein Artikel, der es in sich hat. Karen Ersche (Universität Cambridge) et al. haben 50 kokainabhängige Probanden, deren 50 NICHT kokainabhängige Geschwister sowie 50 gesunde Kontrollpersonen untersucht. Die kokainabhängigen Probanden schnitten schlechter in einem Test ab, der die Selbstkontrolle testet. Die Probanden mussten auf einer Tastatur sehr schnell den Pfeil nach links oder rechts drücken, je nach Anzeige auf dem Bildschirm. Aber sie sollten keine Taste drücken, wenn gleichzeitig ein Ton erschien. Kokainabhängige schnitten in dieser Probe auf Selbstkontrolle schlechter ab als gesunde Kontrollen, sie drückten auch dann eine Taste, wenn gleichzeitig mit dem Bild ein Ton kam, und sie eigentlich nicht drücken sollten.

Das könnte theoretisch auch an der Kokainsucht liegen. Aber nun kommt das verblüffende: Die Geschwister der Kokainsüchtigen, die selbst nie kokainsüchtig waren, schnitten in diesem Test ebenfalls schlechter ab als die gesunden Kontrollen. Das ist ein starker Hinweis dafür, dass es genetische Ursachen für diese reduzierte Selbstkontrolle gibt, wobei theoretisch auch unterschiedliche Erziehungsmuster diese Auffälligkeiten der Geschwister im Vergleich zu den Gesunden erklären könnten.

Es geht aber noch weiter: In der Bildgebung fiel auf, dass das Putamen, das eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Gewohnheiten spielt, bei den Drogenabhängigen und auch bei ihren Geschwistern größer war als in der Vergleichsgruppe. Der mediale temporale Lappen, der Lernen und Gedächtnis beeinflusst, war bei den Geschwistern gleichsinnig verändert gegenüber den gesunden Kontrollen. Dies spricht für einen anlagebedingten Unterschied, beweist ihn aber nicht; schließlich können unterschiedlich starke Aktivierungen unterschiedliche Gehirnvolumina an bestimmten Stellen verursachen. Warum nur der eine der beiden Geschwister kokainabhängig wurde, der andere aber nicht, erklärt sich aus dieser Studie natürlich nicht.

Im Science Podcast gibt es ein Interview (601.mp3) mit der Autorin der Studie, das die ganze Studie und ihre Schlussfolgerungen sehr schön darstellt. Dieser Podcast ist eine weitere sehr gute e-learning Quelle, wenngleich in Englisch.

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Opipramol (Insidon®): Ein stumpfes Schweizer Messer

Opipramol

Opipramol (Insidon®) belegt auf der Rangliste der am häufigsten verordneten Psychopharmaka den stolzen Platz 5 (Verordnungshäufigkeit siehe diesen blogpost). Es ist ein im stationären Bereich eher selten verordnetes Medikament, dass sich aber bei niedergelassenen Hausärzten, Internisten und auch bei niedergelassenen Psychiatern großer Beliebtheit erfreut. Opipramol hemmt weder die Wiederaufnahme von Serotonin noch die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Mutmaßlich aufgrund der Hemmung von Sigma-1-Rezeptoren entwickelt es eine milde antidepressive und angstlösende Wirkung. Wahrscheinlich aufgrund der Histamin-Blockade wirkt es sedierend. Angewendet wird es für ein breites Indikationsgebiet, das von Depressionen über Angststörungen, Anspannungszustände, Schlafstörungen bis hin zu Zwangsstörungen reicht. Und vielen Patienten hilft es auch sehr gut und erweist sich gleichzeitig als gut verträglich. Dann ist es ein gutes Medikament für diesen Patienten.

Ich selbst verschreibe es praktisch nur dann, wenn es eine erfolgreiche Vorbehandlung mit Opipramol gibt. Ansonsten bevorzuge ich die Kombination aus einem modernen Antidepressivum mit einem niederpotenten Neuroleptikum. Das Antidepressivum wirkt stimmungsaufhellend und lindert Ängste, das niedrig dosierte niederpotente Neuroleptikum wirkt sedierend und ebenfalls angstlindernd (Neuroleptanxiolyse).

Insofern erscheint mir Opipramol wie ein Schweizer Messer oder wie ein Universalmesser, das aber in Konkurrenz steht zu mehreren schärferen spezialisierten Klingen für jeweils bestimmte Aufgaben.

Die Grammy Verleihung der Psychopharmaka 2009

Der Arzneiverordnungsreport 2010 (Schwabe, Paffrath) berichtet über die Verordnungen von Medikamenten im Jahr 2009 durch die niedergelassenen Ärzte der GKV (neuere Daten liegen noch nicht vor…). Hier sind die am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka aufgelistet. Die Tabelle gibt zu den genannten Substanzen die Anzahl der verordneten definierten Tagesdosen (defined daily dose, DDD) in Millionen wieder. Die defined daily dose für Citalopram ist beispielsweise mit 20 mg festgelegt. Die Tabelle gibt an, dass von Cipramil 241,7 Millionen Tagesdosen verschrieben worden sind. Legt man zugrunde, dass jeder Patient, der Citalopram erhalten hat, dies das ganze Jahr, also 365 Tage lang erhalten hat, ergibt sich, dass 241,7/365=0,66 Millionen Menschen damit ein Jahr lang behandelt worden wären. Nimmt man an, dass die mittlere Verordnungsdauer 4 Monate betrug, was sehr viel realistischer ist, wären in Deutschland zu Lasten der GKV im Jahre 2009 3*0,66=knapp zwei Millionen Menschen mit Citalopram behandelt worden.

Die ersten 4 Plätze der Tabelle überraschen nicht. Antidepressiva sind die mit Abstand am häufigsten verordneten Psychopharmaka, weil Depressionen und Angsterkrankungen die häufigsten psychischen Erkrankungen sind. Platz 5 und 6 überraschen. Opipramol habe ich daher einen eigenen Artikel gewidmet, zu Metylphenidat will ich noch einen schreiben.

Doch hier nun erst einmal zwei Tabellen, die erste zeigt die Verordnungshäufigkeit, die zweite auszugsweise die Kosten:

Substanz Mio. DDD
Citalopram 241,7
Mirtazapin 123,1
Amitriptylin 94,5
Venlafaxin 75,1
Opipramol 74
Methylphenidat 55,3
Sertralin 55,1
Doxepin 54,2
Escitalopram 47,5
Zopiclon 47,3
Fluoxetin 43,3
Paroxetin 42,3
Lorazepam 36,8
Duloxetin 34,7
Quetiapin 33,3
Olanzapin 32,7
Zolpidem 32,5
Trimipramin 31,6
Diazepam 31
Risperidon 29
Johanniskraut 27,7
Lithiumsalze 20,3
Haloperidol 18,4
Lormetazepam 15,3
Perazin 15,2
Oxazepam 14,1
Clozapin 13,3

Für die Kosten ergibt sich eine ganz andere Tabelle (Auszug, nach Verordnungshäufigkeit sortiert):

Name Rang Verordnungen Kosten
Seroquel 83 1,17 Mio 259 Mio €
Amitriptylin-neurax 105 0,98 Mio. 18 Mio. €
Tavor 130 0,85 Mio. 12 Mio. €
Diazepam-ratiopharm 154 0,76 Mio. 8 Mio. €
Trevilor 367 0,38 Mio. 69 Mio. €

Quelle für beide Tabellen: http://www.psywiki.org/index.php?title=Psychopharmaka_Verordnungen_2009

Welches Antidepressivum gebe ich wem?

Cipramil, Cipralex, Cymbalta, Trevilor. Wem gebe ich denn nun wann welches Antidepressivum?

Wenn ich mich entschieden habe, ein Antidepressivum zu verordnen, habe ich einen bestimmten Algorithmus im Kopf, nach dem ich aussuche, welches Medikament ich gebe. 1. Frage: Hat diese Patientin, hat dieser Patient schon mal ein bestimmtes Antidepressivum erhalten, und hat es überzeugend gewirkt? Wenn Ja, dann gebe ich das gleiche wieder. Punkt. Ende des Algorithmus. 2. Frage: Verordne ich das Antidepressivum gegen eine generalisierte Angststörung? Dann gebe ich Duloxetin (Cymbalta) oder Venlafaxin (Trevilor), letzteres ist explizit gegen die generalisierte Angststörung zugelassen. Beide sind sehr gut wirksam in dieser Indikation. Beide sollten hoch dosiert werden. 3. Frage: Verordne ich das Antidepressivum gegen eine Zwangsstörung? Dann gebe ich zuerst Citalopram (Cipramil). Ich strebe eine höhere Dosis an, zunächst 40 mg pro Tag, im Einzelfall ist dann zu prüfen, ob trotz der bekannten Risiken eine höhere Dosis zu wählen ist. Die QTc Zeit muss dabei gemonitort werden, der Pat. über den Warnhinweis aufgeklärt werden. Citalopram kann in höheren Dosierungen als 40 mg die QTc Zeit verlängern und zu gefährlichen Rhythmusstörungen führen (siehe auch hier). Bleiben im Wesentlichen die unipolaren und bipolaren Depressionen. 4. Frage: Handelt es sich um eine Depression mit reduziertem Antrieb, normalem Antrieb oder gesteigertem Antrieb (agitierte Depression)?

  • Bei Patienten, die einen sehr stark reduzierten Antrieb haben, beginne ich mit Duloxetin (Cymbalta), Zieldosis 60-90 mg.
  • Bei etwas reduziertem und normalem Antrieb verordne ich im ersten Schritt Citalopram, Zieldosis 40 mg pro Tag. In der Regel führt dies zu einem guten Ergebnis.
  • Reicht der Erfolg nicht, wechsele ich bei einer Depression mit reduziertem Antrieb zügig (zwei Wochen) auf Duloxetin (Cymbalta), weil dies nicht nur die Serotonin Wiederaufnahme hemmt, wie das Citalopram, sondern zusätzlich noch die Noradrenalin Aufnahme hemmt, was den Antrieb steigert.
  • Bei Patienten mit einem normalen Antrieb wechsele ich erst nach etwa 3-4 Wochen ohne erkennbaren Therapieerfolg auf Duloxetin.
  • Bei gesteigertem Antrieb und insbesondere bei Schlafstörungen bevorzuge ich Mirtazapin (Remergil) zur Nacht. Dies empfehle ich aber nur, wenn kein Gewichtsproblem besteht und nachdem ich über die Möglichkeit einer Gewichtszunahme unter Mirtazapin informiert habe und der Patient zustimmt. Ich beginne dann mit 15 mg zur Nacht. Je nach Schwere der Schlafstörung und Agitation steigere ich Mirtazapin auf bis zu 45 mg pro Tag. Reicht das, um die Schlafstörung zu beheben und den Antrieb zu normalisieren, bleibe ich bei 15 mg Mirtazapin zur Nacht und ergänze 20-40 mg Citalopram am Morgen.

Mit diesem Algorithmus komme ich in 95 % der Fälle hin. Reicht die Wirkung nicht aus oder kommt es zu Nebenwirkungen, verwende ich folgende Austauschpräparate:

  • Citalopram (Cipramil) wird nicht vertragen: -> Escitalopram (Cipralex) versuchen. Beide sind reine Serotonin-Wiederaufnahme Hemmer und werden in der Regel recht gut vertragen und sind sehr wirkstark.
  • Duloxetin wirkt nicht stark genug: -> Venlafaxin versuchen. Beide hemmen sowohl die Serotonin Wiederaufnahme als auch die Noradrenalin Wiederaufnahme. Venlafaxin hemmt in hoher Dosis unerwünschterweise auch die Dopamin Wiederaufnahme und kann daher wahnhafte Symptome triggern oder verstärken und es macht oft stärker unruhig als Duloxetin, wirkt aber in einzelnen Fällen besser.

Was ist mit den „Alten Antidepressiva“ ?

  • Clomipramin gebe ich manchmal als Augmentation bei Zwangserkrankungen.
  • Amitriptylin gebe ich manchmal bei chronifizierten Schmerzstörungen.
  • Fluoxetin, Fluvoxamin, Mianserin, Paroxetin und die ganzen anderen älteren Antidepressiva gebe ich nur nach Regel 1: Hat schon mal geholfen, dann verordne ich sie wieder. Ansonsten verwende ich sie nicht.

Wenn das alles nicht hilft?

  • Augmentation mit Lithium. Hilft oft.
  • Augmentation mit Schilddrüsenhormon. Hilft selten. Mache ich nur in Einzelfällen.

Was noch zu beachten ist:

  • Schwere wahnhafte Depression: EKT.
  • Bei Vorliegen einer wahnhaften Komponente oder wahnähnlichem Grübeln ein niedrigdosiertes Neuroleptikum ergänzen.
  • Bei Patienten mit sehr großer Angst und keiner Abhängigkeit in der Vorgeschichte ein Benzodiazepin erwägen.
  • Bei Suizidalität ein Benzodiazepin ergänzen.
  • Den normalen Zeitverlauf der Besserung würdigen: Etwa zwei Wochen nach Beginn einer antidepressiven Medikation kommt oft eine Antriebssteigerung, nach etwa vier Wochen kommt oft die Stimmungsverbesserung. Angststörungen verbessern sich etwa nach vier bis sechs Wochen, Zwangsstörungen oft erst nach sechs bis zwölf Wochen.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

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Psychiatrie Barometer


Das Deutsche Krankenhaus Institut (DKI) hat erstmalig das „Psychiatrie Barometer“ veröffentlicht. Das DKI veröffentlicht schon seit 2000 das „Krankenhaus Barometer“. In diesem Jahr ist nun das Psychiatrie Barometer hinzugekommen, das von nun an jährlich erscheinen soll und das spezifisch die Versorgungsrealität der Psychiatrie Landschaft beschreibt.

Es stellt auf 120 Seiten wesentliche Daten zu Bettenzahlen, Fallzahlen, PsychPV Zahlen und ähnlichen dar. Es informiert über die Angebote, die die Psychiatrischen Kliniken vorhalten und zu welchen Anteilen diese in den Krankenhäusern zum Einsatz kommen, so liefert es Zahlen zur Pharmakotherapie, Psychotherapie, Ergotherapie, etc. Es berichtet über den Einsatz von Homöopathie, EKT, Aromatherapie und allem möglichen anderen. Es beschreibt MDK Prüfungen und deren Erfolgsquoten und zu Personalbesetzungsproblemen. Kurzum, es liefert einen interessanten Überblick über sehr viele statistische Eckdaten, die für psychiatrische Kliniken relevant sind, basierend auf einer breiten Datenlage. 

Es lohnt sich, in das pdf Dokument mal hinein zu schauen und sich die Bereiche durchzulesen, die einen interessieren.

 

Dementiaville: Die Trueman Show für Alzheimer Patienten?

In der Schweiz, in Wiedlisbach in der Nähe von Bern, soll eine neue Pflegeeinrichtung des Betreibers dahlia für 150 Alzheimer Kranke entstehen. Das Konzept sieht vor, Architektur und Erscheinungsbild des kleinen Dorfes an die 50’er Jahre anzulehnen, so dass sich die Alzheimer Kranken, deren Langzeitgedächtnis oft noch sehr lange erhalten bleibt, geborgen und sicher fühlen, weil sie die Umgebung als vertraut wahrnehmen. Darüber hinaus sollen auch die Betreuerinnen und Betreuer nicht in weiße Kasacks gehüllt sein, sondern das Outfit von Gärtnern, Friseuren, Einkaufsladen-Angestellten etc. haben, um den Eindruck, selbständig zu leben, aufrecht zu erhalten.

Das Projekt hat in der Pressemeinung den Namen Dementiaville bekommen, es wird dafür kritisiert, zu planen, die Kranken zu täuschen, gerade Kranke, die ohnehin Schwierigkeiten haben, sich in der Welt zurecht zu finden. Die Sache wird als Trueman Story für Hilflose diskutiert.

In der Nähe von Amsterdamm gibt es eine Pflegeeinrichtung, die ein ähnliches Konzept mit viel Augenmaß betreibt: Hogewey. Auch hier finden Betroffene eine Umgebung, in der sie sich schnell vertraut fühlen und in der sie sich sicher und soweit wie möglich selbstbestimmt bewegen können. Ich habe hier eine 5 minütige deutsprachige Reportage gefunden, die sich zu sehen lohnt, um sich ein Urteil zu bilden. Das video findet Ihr hier.

Meine Meinung dazu? Die Idee, eine vertraute, sichere Umgebung zu schaffen, in der sich der Alzheimer Kranke wohl fühlt und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten frei bewegen und selbstständig verhalten kann, ist sehr sehr gut. Ich persönlich bin der Meinung, dass man dabei niemals eine falsche Illusion aufbauen sollte und das man das auch gar nicht muss. Es ist nicht nötig, wirklich zu täuschen. Ein Namensschild, das der Betreuer trägt, nimmt keine Sicherheit, es gibt sogar Sicherheit. Mit Augenmaß konzipiert, ist so eine Einrichtung sehr angemessen. Hätte ich einen Demenzkranken Angehörigen und lebte ich in Amsterdam, Hogewey würde ich ihn anvertrauen.

Die 5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

Der schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat die Psychotherapieforschung im deutsprachigen Raum im Jahr 1994 durch sein Buch „Psychotherapie im Wandel“ revolutioniert.
Seine Herangehensweise hat die Betrachtung von Psychotherapie seither grundlegend geändert. In diesem Buch unterzog Grawe alle damals relevanten Psychotherapieformen einer kritischen Würdigung, und zwar nicht in Form einer persönlichen Einschätzung, sondern in Form einer Übersicht, die alle damals verwertbaren 897 Studien zu allen relevanten Psychotherapieformen nach einem gemeinsamen Protokoll beschrieb, bewertete und zusammenfasste. In der Zusammenfassung schrieb Grawe, welche Wirksamkeitseinschätzung sich aus diesen Studien ergab. Somit konnte erstmalig in einem praktisch vollständigen Überblick unterschieden werden:

  • welche Psychotherapieformen zwar gerne angewendet werden, aber keine Studien zu ihrer Wirksamkeit vorweisen können,
  • welche Psychotherapieformen für bestimmte Anwendungsbereiche Studien vorweisen können, die eine Wirksamkeit in Bezug auf ein wichtiges Ergebnis, etwa eine deutliche Verbesserung der Depression, nachweisen konnten,
  • welche Psychotherapieformen mehrere Studien haben, die für mehrere Anwendungsbereiche eine Wirksamkeit in Bezug auf mehrere wichtiges Ergebnisse zeigen.

Damit mussten sich die Psychotherapien am gemeinsamen Standard aller anderen Heilverfahren messen lassen: Metaanalysen,  die die Ergebnisse mehrerer kontrollierter Studien auf nachvollziehbare Weise zusammenfassen. Und damit frei von allen Dogmen in der Lage sind, zumindest die Frage zu beantworten, ob ein bestimmtes Therapieverfahren bei einer bestimmten Anwendung zu einer messbaren Änderung eines bestimmten Parameters führt, etwa der Schwere der Depression.

Der Zwischenstand 1994 war erst einmal sehr ernüchternd:

  • Für die weit überwiegende Mehrzahl der Psychotherapieformen lagen wenige bis gar keine Studien vor, die die Mindestanforderungen an Qualitätsansprüchen, die zur Beantwortung dieser Fragen nötig sind, erfüllten.
  • Gerade die psychoanalytisch orientierten Psychotherapien, die für sich in Anspruch nahmen, in der Wirksamkeit allen anderen Therapien überlegen zu sein, wiesen eine nur äußerst spärliche Studienlage auf. Die Qualität der Studien in diesem Bereich war oft unzureichend.
  • Mit am besten waren die Verhaltenstherapeutischen Psychotherapieformen untersucht, diese auch mit guten Ergebnissen, allerdings zumeist bezogen auf eine sehr spezielle Frage.

Inzwischen sind natürlich deutlich mehr Studien hinzugekommen und die methodische Qualität hat sich in vielen Bereichen deutlich verbessert, so dass inzwischen in einigen Fällen eine andere Einschätzung möglich ist.

Aus seinen Forschungsergebnissen entwickelte Grawe das Ziel, den Schulenstreit zu überwinden und die Grundlagen einer Allgemeinen Psychotherapie zu entwickeln. Deshalb beschäftigte er sich in seinen letzten 10 Lebensjahren bis 2005 intensiv mit der Entwicklung und empirischen Überprüfung der Grundlagen einer Psychologischen Psychotherapie, für die er die Besonderheiten der tiefenpsychologischen bzw. verhaltenstherapeutischen Ansätze herausarbeitete, (Stichwort Klärungs- bzw. bewältigungsorientierte Therapie), ihre gemeinsamen Wirkfaktoren extrahierte und als gemeinsame Grundlage seine Konsistenztheorie entwickelte, in die auch seine Schematheorie und schemaanalytische Fallkonzeption einfloss. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete Grawe an der Validierung von fünf Wirkfaktoren, die therapieschulenübergreifend notwendige Voraussetzungen für das Gelingen von Psychotherapie sind. Er war absolut sicher, diese Faktoren empirisch nachprüfbar gefunden zu haben.

5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Psychotherapeuten und dem Patienten / Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken wie intensives Erzählen, ImaginationsübungenRollenspiele o.ä. die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

Inwieweit diese fünf Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe nun tatsächlich den wirksamen Kern der Psychotherapie beschreiben, muss jeder für sich selber entscheiden. Ich selbst glaube, dass sie zu einem außerordentlich hohen Anteil eben dies tun: Sie beschreiben meiner Meinung nach tatsächlich schulenübergreifend zu einem erstaunlich großen Teil den wirksamen Kern der Psychotherapie. Daher ist es immer und bei jeder Psychotherapie sehr hilfreich und es diszipliniert das eigene Vorgehen, wenn man sich fragt, in welchem Maße eine Psychotherapie eben diese 5 Wirkfaktoren in welcher Art und Weise enthält. Das Fehlen eines Wirkfaktors würde für mich den Gedanken nahelegen, diesen auf die eine oder andere Art zusätzlich in die Therapie hineinzubringen.

Übersetzer gesucht?

In der Psychiatrie ist keine Diagnose ohne Sprache möglich. Kommt ein Patient zur Aufnahme, der kein Deutsch spricht, sucht man zumeist erst einmal unter den Mitarbeitern nach einem Dolmetscher. Das ist auch oft ausreichend. Spricht der Patient aber eine Sprache, die kein Mitarbeiter kann oder wirklich gut übersetzen kann, ist es erforderlich, einen qualifizierten Dolmetscher zu bestellen und eben auch zu bezahlen. Das lohnt sich in meinen Augen wirklich, denn anders als wohlmeinende Nicht-Dolmetscher wird ein professioneller Dolmetscher darauf achten, möglichst originalgetreu zu übersetzen. Das hilft sehr, auch formale Denkstörungen zu erfassen und kann bei der Unterscheidung etwa von Halluzinationen und Pseudohalluzinationen oder ähnlichen Feinheiten einfach erforderlich sein. Muttersprachler, die keine Dolmetscher sind, versuchen meiner Erfahrung nach oft, durch eigene Interpretationen oder „Glättungen“ zu helfen, was aber die Diagnose erschwert. Ich habe es mir daher zur Angewohnheit gemacht, im Zweifelsfall einen Dolmetscher zu bestellen. Die Kosten sind gerechtfertigt. Bei Gutachten übernimmt sie das Gericht, und in diesen Fällen ziehe ich auch dann einen Dolmetscher hinzu, wenn der Proband halbwegs deutsch sprechen kann, aber nicht wirklich gut. Zum einen verbessert es wirklich die Diagnosequalität, zum anderen wird die vom Gutachten nicht begeisterte Prozesspartei ohnehin anmerken, dass das Gutachten ohne Dolmetscher nicht verwertbar ist.

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer führt unter seiner homepage www.bdue.de eine Liste mit geprüften Übersetzern auf, die man nach Sprache, Entfernung zum eigenen Ort und sogar nach Fachgebiet suchen kann. Die Einschränkung nach dem Fachgebiet Medizin schränkt die Auswahl allerdings recht stark ein, so dass man im Zweifelsfall ohne Angabe einer Fachrichtung suchen sollte. Kommen sehr viele Treffer, kann man die Suche einschränken. Die Seite ist sehr hilfreich.

Messie Syndrom: Symptom oder Erkrankung?

Das Messie Syndrom ist klinisch eine eindrucksvolle Entität. Wer einmal Fotos der Wohnung eines Betroffenen gesehen hat, hat keinen Zweifel mehr daran, dass es sich hier um eine ernstzunehmende psychische Störung handelt, die nach aller Möglichkeit therapiert werden sollte.

Die Frage, die sich jedem, der damit erstmalig zu tun hat, aufdrängt, ist, ob das Messe Syndrom eine eigene Krankheit repräsentiert oder als ein Symptom / Syndrom bei unterschiedlichen anderen psychiatrischen Erkrankungen auftreten kann. In der ICD-10 wird das Messe Syndrom nicht als unabhängige Erkrankung aufgeführt. Die Krankheit findet in der wissenschaftlichen Literatur aber zunehmend einen festen Platz, im englischen als compulsive hoarding, im Deutschen als Desorganisiertheits-Sndrom bezeichnet. Da die Betroffenen nicht sehr häufig selbst den Psychiater aufsuchen, weder ambulant noch stationär, ist es gar nicht so leicht, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, welche Erkrankungen häufiger gleichzeitig mit dem Messe-Syndrom auftreten. Sicher ist, dass es einige Erkrankungen gibt, die beim Messie Syndrom deutlich gehäuft auftreten. Meiner Wahrnehmung nach tritt es gehäuft auf bei:

  • Schizophrenen Residuen: Oft ist hier die Grenze dessen, was als eigenständiges Messe-Syndrom wahrgenommen wird und was der Minus-Symptomatik des schizophrenen Residuums zugeschrieben wird, uneindeutig. Es gibt auch Fälle von ausgeprägter Schizoider Persönlichkeitsstörung oder Schizotypie, die recht ausgeprägte Messe-Symptomatiken zeigen.
  • Minderbegabung in Verbindung mit Sehschwäche, Minderbegabung in Verbindung mit körperlicher Schwäche oder Rollstuhlpflichtigkeit: Hier entsteht der Eindruck, die Betroffenen seien einfach nicht (mehr) in der Lage, den Herausforderungen, Ordnung zu halten, gerecht zu werden und hätten es dann irgendwann aufgegeben.
  • Demenz: Nicht selten aber zumeist durch Unterbringung in ein Heim zu lösen.
  • Chronifizierte Depressionen: Nicht häufig, aber möglich.
  • Zwangserkrankungen: Habe ich selbst bislang noch nie wirklich überzeugend gesehen, wird aber immer wieder diskutiert.

Liegt eine der oben genannten Diagnosen vor, ist es natürlich wichtig, diese so gut es geht zu behandeln.

Darüber hinaus gibt es aber auch eine Gruppe von Patienten, die keine weitere deutlich ausgeprägte psychiatrische Diagnose aufweisen. Normalintelligente, nicht psychosekranke, nicht depressive, nicht zwanghafte, nicht blinde Patienten, die eben nur ein Messe-Syndrom haben. Auch hier ist eine Therapie indiziert, es wird eine spezifische Verhaltenstherapie im Sinne eines Haushaltsorganisationstrainings favorisiert. Es ist nicht unüblich, einen Versuch mit SSRI zu unternehmen.

Webressourcen finden sich beim Wikipediaeintrag.

Benzodiazepin Umrechnungstabelle

Benzodiazepin Umrechnungstabelle

WirkstoffHalbwertszeit in Stunden10mg Diazepam entsprechen
Alprazolam6-120,5
Bromazepam10-205-6
Chlordiazepoxide5-3025
Clobazam12-6020
Clonazepam18-500,5
Clorazepate36-20015
Diazepam20-10010
Estazolam10-241-2
Flunitrazepam18-261
Flurazepam40-25015-30
Halazepam30-10020
Ketazolam215-30
Loprazolam6-121-2
Lorazepam10-201
Lormetazepam10-12

1-2

Medazepam36-20010
Midazolam27,5
Nitrazepam15-3810
Nordazepam36-20010
Oxazepam4-1520
Prazepam36-20010-20
Quazepam25-10020
Temazepam8-2220
Triazolam20,5
Benzodiazepinähnliche Wirkstoffe
WirkstoffHalbwertszeit (in Stunden)10mg Diazepam entsprechen
Zaleplon220
Zolpidem220
Zopiclone5-615

Ich selbst komme bei meinen Behandlungen mit zwei Benzodiazepinen aus. Lorazepam (Tavor) und Diazepam. OK, manchmal verschreibe ich auch schon mal ein Benzodiazepin ähnliches Schlafmittel (Zolpidem oder Zopiclon). Das wars. Mehr brauche ich nicht.

Es ist sinnvoll, sich auf einige wenige Medikamente zu konzentrieren, und die dann auch wirklich zu kennen. Es macht keinen Sinn, mit einer Vielzahl von Benzodiazepinen zu jonglieren, die sich nicht wirklich unterscheiden. Daher ist es zu Beginn einer Behandlung manchmal sinnvoll, ein Benzodiazepin, das jemand anderes verschrieben hat, umzustellen auf eines, mit dem man immer arbeitet. Insbesondere in den Entgiftungsbehandlungen hat es sich bewährt, von den 20 verschiedenen Sorten, mit denen unterschiedliche Patienten kommen, auf eine Sorte umzusteigen, in der Regel Diazepam, und das in der Regel in Tropfenform, so kann man auch im niedrigen Dosisbereich gut in kleinen Schritten reduzieren, bevor man ganz absetzt.

Die Benzodiazepine unterscheiden sich in der Wirkstärke pro Milligram und in der Halbwertszeit. Die Halbwertszeit von Lorazepam beträgt etwa 10 Stunden, die klinische Wirkung hält in der Regel etwa 6 Stunden an. Diazepam hat eine wesentlich längere Halbwertszeit von 24–48 Stunden, einige aktive Metabolite haben eine Halbwertszeit von bis zu 100 Stunden, weshalb es nach mehrtägiger Gabe oft kumuliert.

Wenn nun jemand kommt und ein ungewöhnliches Benzodiazepin mitbringt, kann man sehr gut die unten stehende Tabelle konsultieren: (http://www.adfd.org/wissen/Hilfen_zum_Absetzen_von_Benzodiazepinen). Es ist leicht, hiermit jede Dosis in Diazepam umzurechnen, so dass man dann so die Äquivalenzdosis bestimmen und umstellen kann.

Beispiel: Ein Patient nimmt pro Tag 4 mg Lorazepam. 10 mg Diazepam entsprechen laut Tabelle 1 mg Lorazepam. Also entsprechen 4 mg Lorazepam 40 mg Diazepam. Das ist dann die Ausgangsdosis. Und von der kann man dann langsam reduzieren.

Beim Reduzieren muss man beachten: Wenn Benzos über lange Zeit eingenommen worden sind, ist es sinnvoll, langsam zu reduzieren. Alles andere geht mit einer großen Gefahr eines Rückfalls einher. Nach 5 Jahren Abhängigkeit kann eine Reduktion über 3 Monate angemessen sein. Klassische stationäre Behandlungen sind natürlich kürzer, man muss aber wissen, dass eine Reduktion über 3 Wochen vielleicht am Anfang unter stationären Bedingungen noch mitgemacht wird, aber nach einigen weiteren Wochen, meist dann nach der Entlassung, kann es schwierig werden.

Copyright

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Rezeptorbindungsprofile der Neuroleptika: Die Persönlichkeit der wichtigsten Neuroleptika auf einen Blick

Um das Profil eines Neuroleptikums zu lesen, reichen fürs erste folgende Daumenregeln:

  • D2 Rezeptor: Typische Neuroleptika sind D2 Antagonisten, z.B. Haldol: Sichere antipsychotische Wirkung, aber bei hohen Dosierungen EPMS
  • 5-HT 2A Rezeptoren: Atypische Neuroleptika sind 5-HT 2A Antagonisten: Gute Antipsychotische Wirkung, wenig EPMS
  • D4 Rezeptor: Clozapin hat eine außergewöhnlich hohe Affinität zum (sehr seltenen) D4 Rezeptor; möglicherweise wirkt dies antipsychotisch, ohne viel EPMS zu verursachen.
  • H1 (Histamin): Müdigkeit
  • Alpha-1=Alpha-Adrenerge Rezeptoren der Untergruppe 1: Vegetative Nebenwirkungen wie Orthostase, Schwindel, etc.

OK, das ist jetzt extrem vereinfacht, aber schon mal ein Anfang. Im Falle des Aripiprazols muss man wissen, dass die Affinität zum D2 Rezeptor nicht nur antogonistische, sondern auch partiell agonistische Wirkungen hat, weswegen es deutlich weniger EPMS macht, als das Schaubild vermuten lassen könnte.

Gut, schauen wir mal, ob wir mit diesem Wissen etwas erkennen können. Bitte schau Dir jetzt das Bild noch mal genau an (auf das Bild clicken, um es zu vergrößern). Ich stelle Dir ein paar Fragen:

  1. Nimm Dir Risperidon. Macht es EPMS?
    Antwort: Schon ein bisschen, denn es blockiert den D2 Rezeptor. In hohen Dosierungen also schon.
  2. Olanzapin: EPMS?
    Antwort: Wenig, aber möglich ist es schon, denn auch Olanzapin blockiert nicht unwesentlich den D2 Rezeptor. Und das passt auch zur klinischen Beobachtung, dass Olanzapin schnell und sicher antipsychotisch wirkt, aber ab 30 mg pro Tag oft EPMS machen kann. Bei manchen Patienten aber auch schon deutlich niedrigeren Dosierungen.
  3. Olanzapin: Müdigkeit?
    Antwort: Klar, deutliche H1 Komponente.
  4. Quetiapin: Macht es EPMS?
    Antwort: Nein, fast keine D2 Blockade.
  5. Quetiapin: Macht es müde, macht es vegetative Nebenwirkungen?
    Antwort: Ja, H1 und Alpha-1 Blockade sind ausgeprägt.
  6. Quetiapin: Antipsychotische Wirkstärke relativ zur Sedierung:
    Antwort: Vergleiche 5-HT 2A plus D2 Blockade relativ zu H1 und alpha 1 Blockade.
  7. Ziprasidon: EPMS?
    Antwort: In höherer Dosierung ja, D2 Blockade.
  8. Ziprasidon: Müdigkeit?
    Antwort: Nein, praktisch keine H1 Komponente.

Du siehst, die Vermutungen, die man aufgrund der Daumenregeln oben anstellt, wenn man das Rezeptorbindungsprofil anschaut, passen oft ganz gut zum klinischen Eindruck. Die Persönlichkeit des Medikamentes, seine Vorzüge und Nachteile, bilden sich in dieser Grafik gut ab.

Es ist sinnvoll, sich eine Grafik mit den Rezeptorbindungsprofilen der Neuroleptika, die man oft verschreibt, immer wieder anzugucken. Man lernt die Medikamente so besser kennen.

In späteren Blog-Einträgen möchte ich gerne genauer auf einzelne Medikamente eingehen und auch zu den einzelnen Rezeptoren mehr sagen. Dieser Eintrag soll aber erst einmal einen Überblick geben und erklären, wie man das Rezeptorprofil, dargestellt als Kuchendiagramm, grundsätzlich liest.